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04.02.2010 15:12
Wo Fairness keine Chance hat
Macht Macht heuchlerisch? Das jedenfalls belegen Beobachtungen, Analysen und Experimente in der Wirtschaftsforschung, auf die sich Adam Galinsky, Ökonomie-Professor an der Kolleg School of Management der Northwestern-Universität in Evanston/Illinois bezieht. Seine These: Wer das Gefühl hat, seine Machtposition zu Recht innezuhaben, neigt eher zum Heucheln. So fordern beispielsweise Manager für ihren Mitarbeitern in Krisenzeiten Gehaltskürzungen, bestehen aber selbst trotz Krise auf Boniauszahlungen in voller Höhe. Je mehr Macht Menschen haben und spüren, desto stärker fühlen sie sich im Recht, ohne Rücksicht auf moralische Standards eigene Bedürfnisse auszuleben.

Der Ex-Präsident des Schweizer Art Directors Club und heutige Bestsellerautor Martin Suter sieht im Wohlergehen eines Unternehmens nur das Abfallprodukt des Karrierestrebens von Managern. Die Fixierung auf den Shareholder Value hat Manager auf reine Kostenreduktion geprägt, denn damit sind Erträge am leichtesten zu steigern. Und Kostenreduktion heißt, Mitarbeiter entlasten, Ressourcen verknappen, Arbeit verdichten. So sind laut Suter Leute in Führungspositionen gekommen und reich geworden ohne jegliche soziale Kompetenz. Spezialisten der Geldvermehrung, die den sozialen, menschlichen und kulturellen Anforderungen nicht wirklich gewachsen scheinen.

Wenn Manager macht- und geldfixiert sind, ist für Fairness kein Platz. Denn alles andere wird dem eigenen Machterhalt, der eigenen Bedürfnisverwirklichung und der eigenen Geldvermehrung mit kostenreduzierender Renditesteigerung untergeordnet. In solchen Kontexten verkommt Fairness zur reinen Marketingmasche, wenn sie überhaupt Erwähnung findet. Was meist nicht der Fall ist.

11.01.2010 14:59
Wenn Transparenz Fairness ist
Transparenz ist in Zeiten der Wirtschaftskrise für die meisten Arbeitnehmer entscheidend. Diese erwarten über 66 Prozent von 1.000 Befragten von ihrer Führung. Vor allem die nicht leitenden Angestellten erwarten zu über 71 Prozent von ihrer Führungskräften vordringlich Transparenz.

An zweiter Stelle steht für die Mitarbeiter, bei der Suche von Problemlösungen einbezogen zu werden. Über 55 Prozent der befragten Arbeitnehmer halten dies für besonders wichtig. Weil Facharbeiter sehr skeptisch, was ihre Zukunftsaussichten betrifft, erwarten sie, dass das Führungspersonal frühzeitig und klar notwendigen Personalabbau kommuniziert.

Immerhin ein Drittel (32,8%) votieren dafür, dass ihr Chef in schwierigen Zeiten selbst durch Mehrarbeit oder Lohnverzicht mit gutem Beispiel vorangeht. Vergleichsweise wenig punkten Vorgesetzte dagegen mit Ruhe und Gelassenheit (18,7%), persönlicher Zuwendung (17,8%) sowie Lob oder Durchhalteparolen (13,2%).

Die aktuelle repräsentative Umfrage von Rundstedt HR Partners GmbH zeigt, dass in schwierigen Zeiten unter Fairness vor allem Transparenz verstanden wird. Und dass sie den Mitarbeitern wichtiger ist als alles andere. Denn nur sie versetzt sie in die Lage, emotional und strategisch rechtzeitig für sich zu sorgen beziehungsweise sich mit Vorschlägen und Leistungen einzubringen. Wenn alles andere dem untergeordnet wird – wie beispielsweise Gelassenheit, Zuwendung, Lob – dann gilt: Transparenz wird als Fairness angesehen. Das Gegenteil wie Taktieren, Undurchsichtigkeit und Beschwichtigungen gelten als unfair und zermürben, was in kritischen Zeiten besonders wichtig ist: Vertrauen und Motivation.

28.12.2009 14:29
Wenn Religion Ungerechtigkeit fördert
Macht verdirbt Religion. Das gilt für jede Religion – wie ein Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt. Für den Islam hat das neuerdings der im Iran lebende, zu den ranghöchsten Geistlichen zählende Groß-Ajatollah Yussef Sanei verdeutlicht. Angesichts der ungeheuerlichen Unterdrückung des Volkes durch ein unrechtmäßiges Regime und einen nicht demokratisch legitimierten Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad sagte er, das Einssein von Religion und Macht sei ein großer Schaden. Das habe er alsbald nach der Iranischen Revolution erkannt, die er Seite und Seite mit Ayatollah Khomeini durchgesetzt habe. Daher habe er sich schon 1988 aus der Regierungsarbeit zurückgezogen, denn Menschen zum Gebet anleiten und gleichzeitig regieren, das gehe nicht gut zusammen.

Sanei ist die neue Hoffnung der iranischen Opposition, seit der Groß-Ayatollah Hussein Ali Montaserie verstorben ist, der eine maßgebliche Stimme und religiöse Unterstützung der Opposition war. Sanei ergreift deutlich Partei für eine Reform des Staates und eine Änderung der religiösen Deutung. So sagt er mit Blick auf die vorenthaltenen Frauenrechte und eine gerechte Gesellschaftsordnung: „ Das ist ein großer Fehler, dass wir über etwas, das mit dem Prinzip der Gerechtigkeit nicht in Einklang zu bringen ist, sagen: Gut, dann ist es eben ungerecht, aber weil die Religion es gesagt hat, akzeptieren wir es.“ Es müsse umgekehrt sein.

Sanei zufolge, kann der Islam prinzipiell nicht ungerecht sein, und wo nach heutigen Maßstäben die Religion ungerechte Regeln vertrete, müssten diese geändert werden – auch wenn dies dem Buchstaben des Koran widerspreche: „Wir müssen den Islam mit der Vernunft abwägen. Es darf nicht so sein, dass wir unseren Islam der Vernunft diktieren“. Die Religion, die er vertrete, sei für Freiheit und Demokratie. Die Geistlichen hätten ihre Heiligkeit verloren, weil sie Teil der Machtelite geworden sei, die das Volk unterdrücke. Daher gäbe es nur eine Lösung: Die strikte Trennung von Staat und Religion. Dann könnten die Reiligion und die Geistlichkeit zu ihrer eigentliche Aufgabe zurückkehren.

Was Sanei hier im Angesichts von Gewalt und Bedrohung im Iran sagt, stünde auch vielen ranghohen Vertretern der christlichen Konfessionen gut zu Gesicht, besonders katholischen und orthodoxen Würdenträgern. Sie schweigen in vielen Staaten zu Ungerechtigkeiten, verwehren in den eigenen Kirchen den Frauen den gleichen Anteil an der Ausübung des geistlichen Amtes und sind nicht bereit, die christliche Religion mit den Ansprüchen der Vernunft zu versöhnen, ohne dabei dem gesunden und nachdenklichen Menschenverstand Gewalt anzutun.

http://www.tagesspiegel.de/kultur/Iran-Ahmadinedschad;art772,2847850

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/themen/?em_cnt=2169127&

http://www.fr-online.de/top_news/2167830_Tote-bei-Demonstrationen-im-Iran-Das-Regime-schlaegt-zurueck.html


17.12.2009 19:05
Wie viel Transparenz verträgt die Privatsphäre?
Gläsern ist allen am liebsten: der gläserne Mitarbeiter, der gläserne Kunde, der gläserne Bürger. Wirtschaft und Staat sammeln Daten wie es kaum zu übertreffen ist. Und selbst die EU-Parlamentsverwaltung durchleuchtet ihre Assistenten bis zum Gehtnichtmehr. Sogar Krankheiten, Krankheiten der Angehörigen, der Konsum von Genussmitteln, Medikamenten und der Zeitpunkt der letzten Regelblutung werden per ärztlicher Untersuchung festgestellt.

Vermutlich möchte keiner der Akteure in Wirtschaft und Staat selbst von so viel Durchleuchtung betroffen sein. Bleibt noch das häufig zu hörende Argument: Wer nichts zu verbergen hat, kann auch seine Daten preisgeben. Ein törichtes Argument. Denn wenn jemand ohne Fehl und Tadel lebt, heißt das noch lange nicht, dass er sein Privatleben veröffentlicht sehen möchte. Denn dann wäre es längstens ein Privatleben gewesen. Und was heißt auch, Daten preisgeben. Daten, die überall vorhanden und verknüpfbar sind, sind auch manipulierbar. Schnell lässt sich von findigen, kriminellen Akteuren eine Datenlage konstruieren, die jemand in Misskredit bringt und Rufmord bedeutet. Das kann so überzeugend gemacht werden, dass es aussichtslos erscheint, daran etwas zu ändern, wenn alle Indizien gegen einen Betroffenen zu sprechen scheinen.

Das Datensammeln und die Datenauswertung müssen abgerüstet werden und abrüsten. Sicher gibt es Situationen, in denen Daten zusammen getragen werden müssen, um sinnvolle Angebote zu machen, die Vorbereitung von Straftaten zu verfolgen oder Menschen zu beschützen und zu helfen. Doch erforderliche Transparenz muss durch Fairness begrenzt werden auf das notwendige Mindestmaß. Fairness als Prinzip einer Balance zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Was öffentlich von Belang ist, muss öffentlich werden, zumindest überprüft. Dazu gehören aber nicht Krankheiten von Angehörigen, Regelblutungen und andere persönliche Daten von EU-Parlamentsassistenten. Dazu gehört nicht das Geburtsjahr bei Abo-Bestellungen und Internetkäufen. Dazu gehören nicht persönliche Kontakte von Mitarbeitern. Und erst recht nicht das Ausspionieren von Festplatten ohne staatsanwaltliche Anweisung wegen begründeten Verdachts.

Wenn Wirtschaft und Staat mit der Privatsphäre von Menschen nicht rücksichtsvoll umgehen, dürfen sie sich nicht wundern, wenn die Bürger und Kunden ihnen etwas vorgaukeln und sie auf falsche Fährten geraten.

13.11.2009 10:44
Mit Fairness nach vorn
Ein höheres Leistungsniveau entwickelt sich, wo Führungskräfte ihren Mitarbeitern Fairness und Vertrauen entgegenbringen. Das ist ein Ergebnis der Experimente von Armin Falk, Professor an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn. Er widerlegte mit einem einfachen Rollenspiel diejenigen, die unterstellen, dass man Engagement am besten erzwingt, indem man den Mitarbeiter nur streng genug kontrolliert.
Dabei wurden zwei Vergleichsgruppen mit Chefs und Mitarbeitern eingesetzt. In der ersten Gruppe legte der Chef einen Lohn fest und stellte es seinen Mitarbeitern frei, wie viel sie dafür arbeiten. In der zweiten Gruppe gab es für die Entlohnung detaillierte Arbeitsvorgaben und rigide Anwesenheitsbestimmungen. Am Ende des Experiments war das Leistungsniveau bei den Mitarbeitern höher, die Mitarbeiter nicht eingeschränkt wurden. Die befragten Mitarbeiter gaben an, dass sie die Einschränkung als Misstrauen empfanden und darauf mit Leistungszurückhaltung reagierten.

Armin Falk geht jedoch nicht davon aus, dass sich diese Erkenntnis bei Managern schnell durchsetzt. Gegenüber spiegel online sagte Falk: "Es kling paradox, aber das Experiment liefert sowohl den liberalen als auch den kontrollorientierten Managern eine absolut einleuchtende Erklärung dafür, ihren Führungsstil beizubehalten". Denn die liberalen Manager registrieren eine höhere Motivation, weil ihre Mitarbeiter das ihnen entgegengebrachte Vertrauen rechtfertigen wollten. Die autoritären Manager allerdings sehen sich in ihrem Misstrauen bestätigt, weil die Mitarbeiter auf Vorgaben mit Leistungsreduktion reagierten. Falk: "Auf Grund der persönlichen Erfahrungen wird deshalb jeder seinen Führungsstil beibehalten. Die Wenigsten dagegen werden sich auf ein neues, für sie unbekanntes Terrain begeben."

Das ist der entscheidende Punkt. Die Forschung kann helfen zu erkennen , dass sich Fairness und Vertrauen für das Unternehmen auszahlen. Mitarbeiter mit Respekt zu behandeln, ist nicht nur moralisch wünschbar, sondern ökonomisch sinnvoll. Aber damit sich in dieser Perspektive Führungshandeln entwickelt, bedarf es der Unterstützung der Manager, um Unsicherheiten mit ungewohnten Vorgehensweisen und mit eigenen inneren Kontrollbedürfnissen zu bewältigen. Außerdem bringt es nichts, Fairness und Vertrauen in naiver Form zu praktizieren, um sich dann im Nachhinein selbst das Scheitern damit zu bestätigen und zum stark kontrollierenden Führungsstil zurück zu kehren. Fairnesskompetenz als Führungskompetenz ist indessen lernbar und kann der Ausgangspunkt für Leistungsverbesserung, gutes Betriebsklima und demzufolge reibungslosere Kooperation sein.

http://www.fairness-stiftung.de/Fairnesskompetenz.htm


16.10.2009 13:12
Fairness heißt: Zweite Chance
Ist juristische Härte fair? Pfandbons von 1,30 €, eine Frikadelle nebst zwei Brötchenhälften und jetzt sechs Maultaschen: Unternehmen und Gerichte machen von sich reden, weil sie einfach Beschäftigten kündigen oder Kündigungen bestätigen, wenn mit geringfügigen Sachen vermeintlich betrügerisch umgegangen wurde.

Jetzt wurde einer 58-jährige Konstanzer Altenpflegerin vom Arbeitsgericht bestätigt, dass sie zu Recht gekündigt worden sei – nach 17 Jahren Betriebszugehörigkeit. Es handelte sich um Essensreste, von denen sich die Mitarbeiterin etwas mitgenommen hatte, die sonst vorschriftsmäßig im Müll gelandet wären. Die städtische Konstanzer Spitalstiftung betrachtet die Mitnahme der Maultaschen als Diebstahl. Das Vertrauensverhältnis sei zerstört, eine Weiterbeschäftigung nicht möglich, heißt es seitens des Arbeitsgebers. Das Gericht argumentierte, die Klägerin habe gegen eine ausdrückliche Anweisung des Arbeitgebers verstoßen. Der habe untersagt, sich vom Essen der Heimbewohner zu bedienen. Reste müssten in die Küche zurückgehen. Für das Personal werde täglich eine Extra-Verpflegung zum Preis von 3,35 Euro angeboten. Eine Abmahnung kam für die Spitalstiftung nicht in Frage. Sie hatte allerdings der Pflegerin eine Abfindung von 25 000 Euro angeboten, wenn sie die Kündigung akzeptiert. Das lehnte die Frau jedoch ab. Sie wollte ihren Teilzeitjob behalten.

Gewerkschaftsvertreter vermuten, dass man aus anderen Gründen die Frau auf jeden Fall loswerden wolle und daher keinen anderen Weg gewählt hat.

Tatsächlich sind dieser und ähnliche Fälle auffällig, weil es jenseits der Kündigung offenbar keinen anderen Weg gibt, mit einem Vertrauensbruch umzugehen. Doch wer viele Jahre in einem Unternehmen gearbeitet hat, muss in jedem Fall mindestens eine vertrauenswürdige Person gewesen sein, sonst hätte man nicht jahrelang miteinander gearbeitet. Und wenn in einem Vertrauensverhältnis ein Fehlverhalten passiert, dann gehört es zur Fairness, den Schaden im Vertrauensverhältnis zu reparieren und nicht gleich das ganze Verhältnis für gescheitert zu erklären. Das machen Menschen in der Regel auch nicht in Partnerschaften oder Geschäftsleute in langfristigen Geschäftsbeziehungen.

Was die Arbeitnehmer getan haben, liegt im Bagatellbereich und wird zu einem Elefanten im Vertrauensladen aufgeblasen. Hier geht es also darum, Exempel zu statuieren, Recht vor Vertrauen und Fairness walten zu lassen. Denn einem Arbeitgeber steht es sehr gut zu Gesicht, wenn er nach einem langen Beschäftigungsverhältnis im Fall eines Vertrauensbruchs das Gespräch sucht, dem Mitarbeiter Regeln und nächste Schritte zur erneuten Vertrauensbildung und damit ihm Orientierung und eine zweite Chance gibt. Jeder und jede hat eine zweite Chance verdient. Existenzgefährdende Konsequenzen sind nicht fair, wenn es nicht eine zweite Chance zur Heilung des Vertrauensbruchs und zur Bewährung gibt.

21.08.2009 18:53
Fairness auf dem Vormarsch?
Wenn Menschen ein Angebot als fair empfinden, zahlen sie sogar deutlich mehr als verlangt. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie des Max-Planck-Instituts. Dass Kunden immer so wenig und vor allem im Internet gar nicht zahlen wollen, ist daher ein viel gepflegtes Vorurteil. Doch Kaufentscheidungen stützen sich nicht nur auf Kosten-Nutzen-Rechnungen.

Von 2003 bis 2005 werteten Tobias Regner vom Jenaer Max-Planck-Institut und Javier A. Barria vom Imperial College London beim Online-Musik-Labels „Magnatune“ alle Verkäufe aus. Dort ist es den Kunden überlassen, zwischen 5 und 18 Dollar so viel zu zahlen, wie sie wollen. Es gibt eine Preisempfehlung von 8 Dollar. Die Studie ergab, dass die Käufer im Durchschnitt 8,20 Dollar bezahlten - also nicht nur 64 Prozent mehr als den minimalen Preis, sondern sogar einen Wert, der über der Preisempfehlung liegt.

Regner erklärt das so: „Das Verhalten des Anbieters wurde hier als nett und positiv aufgefasst. Das ist der Grund, warum Kunden im Gegenzug auch faire Preise zahlen.“ Nicht nur die freie Preiswahl gefalle den Nutzern. «Sie können die Alben über Streaming voll anhören und sich ihr Wunschalbum deshalb genau aussuchen, bevor sie es kaufen. Sie können also eine besser informierte Kaufentscheidung treffen. Und ihnen stehen mehrere Dateiformate zur Wahl. Das sei bei den großen, etablierten Anbietern des digitalen Marktes anders. Dazu kommt: Magnatune gibt die Hälfte des Erlöses an die Musiker weiter, während es normalerweise nur etwa fünf Prozent seien.

Die Studie des Max-Planck-Instituts unterscheidet vier Gruppen: Etwas mehr als die Hälfte hält sich regelmäßig an den empfohlenen Preis. 20 Prozent der Käufer zahlen laufend mehr als diese 8 Dollar, 15 Prozent nur das angesagte Minimum. Eine vierte Gruppe zahlt weniger, je mehr Alben sie kauft.

Die Studie konnte keinen Unterschied zwischen der Zahlungsbereitschaft von Frauen und Männern erkennen. Selbst eine Folgestudie ergab, dass auch Alter und Einkommen der Käufer nur einen begrenzten Einfluss auf ihre Preiswahl haben. Dies steht im Gegensatz zu Forschungserkenntnissen von Ju-Young Kim, die an der Frankfurter Universität flexible Preissysteme untersucht. Ihrer Ansicht nach spielt das Einkommen normalerweise bei der Preiswahl in flexiblen Preissystemen eine große Rolle. Allerdings haben die von ihr untersuchten Preissysteme haben im Gegensatz zu dem von kein Preislimit. Kunden können auch gar nichts bezahlen. So werden durchschnittlich etwa 80 Prozent des Normalpreises bezahlt.

Die Frankfurter Wissenschaftlerin glaubt, dass sich Fairness-Motive nicht klar von der Vermeidung von Schuldgefühlen trennen lassen. Die Max-Planck-Forscher haben diese Unterscheidung versucht. Die Folgestudie zeigt, dass Gegenseitigkeit als Hauptgrund für die hohe Zahlungsbereitschaft der Kunden gesehen werden könnten.

200 Umfrageantworten wurden ausgewertet, in denen regelmäßige Kunden ganz frei ihre Konsumentenerfahrung bei Magnatune beschrieben haben. Dabei spielten die Vermeidung von Schuldgefühlen oder der Versuch, sich als guter Mensch zu profilieren, eine untergeordnete und nebensächliche Rolle. Vielmehr stehe die Gegenseitigkeit ganz klar im Vordergrund. Regner meint: „Es geht hier um Künstler, die finanziell so gestellt sind wie man selber. Bei großen Stars mit viel Geld würde das Gegenseitigkeitskonzept so wahrscheinlich nicht funktionieren“.

Ju-Young Kim meint, dass flexible Preissysteme bei persönlichem Bezug besser funktionieren. Bei einem großen Kino hätten Kunden den Normalpreis deutlich stärker unterschritten als beim kleinen Frankfurter Restaurantbetrieb Kish. Das persische Restaurant bietet schon seit mehreren Jahren beim Mittagessen erfolgreich ein «pay what you want»-Angebot an.

Die Kunden von Magnatune kommen nach Regners Angaben aus der ganzen Welt. Etwas mehr als die Hälfte der Kunden des amerikanischen Musiklabels stamme aus den USA, zehn Prozent aus Großbritannien und vier Prozent aus Deutschland.

Es gibt deutliche Hoffnungszeichen, dass Akteure dort fair agieren, wo die Rahmenbedingungen fair sind. Die Forschungsergebnisse sind noch keine Beweise, die man verallgemeinern kann. Aber zusammen mit etlichen Erkenntnissen aus der experimentellen Wirtschaftswissenschaft wird deutlich: Fairness ist nicht nur auf dem Vormarsch, sondern die fairwilligen Akteure sind keine Minderheit - seit langer Zeit. Es braucht nur Gelegenheiten, frei und fair zu sein.

http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2009/pressemitteilung20090727/

http://www.pay-what-you-want.net/index.htm
http://www.marketingpower.com/ResourceLibrary/Documents/JMForthcoming/paywhat_jm_forth07225.pdf
http://www.sueddeutsche.de/leben/229/483672/text/

Originalveröffentlichung: Tobias Regner, Javier A. Barria: Do Consumers Pay Voluntarily? The Case of Online Music. Journal of Economic Behavior & Organization, Vol. 71. Issue 2, Pages 395-406, August-Ausgabe 2009

31.07.2009 14:57
Fairness ist Stabilitätsfaktor in Krisenzeiten
In Krisenzeiten stabil zu sein: das ist für Unternehmen entscheidend wichtig. Überdurchschnittlich stabil sind Firmen mit einer ethisch anspruchsvollen Verantwortungs- und Führungskultur. Das ist keine Sonntagsrede und kein frommer Wunsch: das ist das empirische Ergebnis einer Studie von Jens Rowold und Lars Borgmann (Universität Münster).

Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Sorge um die Mitarbeiter und faires Entscheidungsverhalten steigern die Arbeitszufriedenheit und das Commitment der Mitarbeiter signifikant, so Erkenntnisse der Studie.

Drei Ergebnisse haben die Wissenschaftler selbst überrascht: Ethische Mitarbeiterführung ist
- in Profit-Unternehmen häufiger anzutreffen als in Nonprofit-Organisationen
- auf allen Hierarchieebenen ähnlich häufig
- in größeren Abteilungen stärker ausgeprägt als in kleineren.

Die Erkenntnisse sind insofern wichtig, als dass viele Führungskräfte und auch Mitarbeiter mit den Vorurteilen hausieren gehen, in Krisenzeiten gewinnt ein Unternehmen vor allem durch Härte, Kommandostil und Ignoranz von Fairness und Ethik. Das ist mitnichten der Fall. Ebenso wenig sind nichtkommerzielle Organisationen ethischer ausgerichtet als Unternehmen, obwohl dieser Eindruck in den Medien gern verbreitet.

Eine faire und ethisch fundierte Unternehmens- und Führungskultur ist in Krisenzeiten ein maßgeblicher Stabilitätsfaktor. Und Ausreden, dafür sei eine Firma, eine Organisation, eine Abteilung zu groß oder zu differenziert, sind grundlos. Mit professionellem Vorgehen lässt sich in jeder Organisation Fairnesskompetenz etablieren und entfalten. Zum Wohl der Firma und der Mitarbeiter gleichermaßen.


Details der Studie in: Harald A. Mieg (Hrsg.): Verantwortung in/durch Unternehmen.
Wirtschaftspsychologie Nr. 2/2009, Pabst Science Publishers

17.07.2009 11:42
Ausgesaugte Firmen ohne Hilfsanspruch
Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg kritisierte bei der Verleihung des Ludwig-Erhard-Preises an Tanja Rabl in Bayreuth, dass der Staat Unternehmen, die von Finanzinvestoren ausgesaugt worden oder mangels tragfähiger Geschäftsmodelle in Schwierigkeiten gekommen sind, nicht helfen könne. Der Staat greife aber jedem Unternehmen ungeachtet seiner Größe dann unterstützend unter die Arme, wenn es unverschuldet in Not geraten sei und ein überzeugendes Zukunftskonzept vorlege. Dabei appellierte er ganz im Sinne Ludwig Erhards an die Verantwortung der Unternehmer, die für eine funktionierende Marktwirtschaft so wichtig ist.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Rabl bekam den mit 4000 € dotieren Preis für ihre Doktorarbeit über Korruption. Sie ging darin der Frage nach, was Entscheidungsträger in Unternehmen dazu bewegt, korrupt zu handeln. Ergebnisse ihrer empirischen Studie zeigen, dass die Dringlichkeit privater und beruflicher Ziele keine entscheidenden Motive für korruptes Handeln sind und daher auch keine Vorhersage korrupten Handelns erlauben. Vielmehr spielen im Entscheidungskalkül korrupter Akteure drei personbezogenen Aspekten eine entscheidende Rolle: a) die (grundsätzliche) Einstellung des Akteurs zu Korruption, b) die Normen des Umfelds bezüglich Korruption und c) die Kontrolle, die der Akteur glaubt, über sein eigenes korruptes Handeln zu haben.


Tanja Rabl: Private Corruption and its Actors. Pabst Science Publishers 2009, 308 Seiten.

08.07.2009 18:02
Tour de Fairness (honnêteté)?
Radsport, Reitsport, Eisschnelllauf, Fußball, Gewichtheben – der gedopte Sport ist gefühltermaßen flächendeckend geworden, mindestens dort, wo Spitzenleistungen erbracht und erwartet werden. Jeder Sieger, jede Siegerin ist inzwischen gleich verdächtig, unerlaubte Mittel eingesetzt zu haben beziehungsweise zur rechten Zeit unnachweisbar abgesetzt zu haben. Der gedopten Sportler sind die Außenseite einer extremen Unterwerfung des Sports unter Wirtschafts-, Kapital- und Medienvermarktungsinteressen.

Damit ist der Sport im hohen Risiko, seine Glaubwürdigkeit, seine Anziehungskraft, seine Erziehungsfunktion für junge Menschen zu verlieren; wenn diese nicht schon in Teilen auf der Strecke geblieben sind. Wie kann der Sport seine Glaubwürdigkeit und sein Ansehen zurückgewinnen? Wie kann Fairness und Sportfreude anstelle von reiner Siegermentalität und Geldgier wieder Vorrang bekommen?

Da müssen die Spitzenfunktionäre weit konsequenter, deutlicher und nachhaltiger vorgehen. Vor allen Dingen müsste konkreter Fairness definiert und Verstöße müssten mit langfristigeren Folgen geahndet werden, beispielsweise durch eine Liste der unfairen Akteure im Internet mit Bezeichnung des Verstoßes und des Strafmaßes. Und die Kompetenz der Spitzenfunktionäre wie der Sportler, Fairness zu praktizieren und Unfairness zu beurteilen, müsste entschieden heraufgesetzt werden. Sonst kann man viel reden, viel lamentieren, aber es wird weder fundierter noch wird die Praxis besser.

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