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16.11.2017 18:15
So klappt’s auch mit dem unfairen Führen: 12 unfaire Führungstipps
Führungskräfte an die Macht – Fairness ist nur was für Weicheier!

Unsere 12 unfairen Führungstipps garantieren 100% Erfolg!

1. Vermeiden Sie grundsätzlich jede Form von Höflichkeit. Ein netter Umgangston, ein freundliches Miteinander wird prinzipiell überbewertet. Meiden Sie Augenkontakt und grüßen Sie nur Personen, die in der Hierarchie über Ihnen stehen. Mitarbeiter, die Sie zu einem Small-Talk nötigen, haben sowieso zu viel Zeit, ignorieren Sie diese.
2. Bedanken Sie sich niemals! Ihre Mitarbeiter verdienen Geld und kein Dankeschön. Wenn Sie unbedingt loben müssen, dann sparen Sie nicht an gleichzeitiger Kritik.
3. Melden Sie Kritik stets sofort zurück. Geben Sie stets und in jeder Situation Feedback. Werden Sie laut und sprechen Sie eine deutliche Sprache. Kritisieren Sie Mitarbeiter stets vor Kollegen und Geschäftspartnern, so geben Sie auch anderen die Gelegenheit von Ihnen zu profitieren.
4. Vermeiden Sie alles was Ihre Mitarbeiter ablenken und als persönlich ansehen könnten. Ignorieren Sie Geburtstage, Jubiläen und Hochzeiten und verzichten Sie auf Weihnachtsgrüße, schließlich sind Sie keine Freunde.
5. Lassen Sie Ihrer Stimmung stets freien Lauf, nur so können andere darauf Rücksicht nehmen.
6. Zeigen Sie durch Ihre Körperhaltung in Mitarbeitergesprächen aktiv und eindeutig was Sie empfinden. Unterbrechen Sie den Mitarbeiter, wenn dieser etwas Falsches sagt und machen Sie ihm deutlich, dass Sie für Gespräche keine Zeit haben. Gehen Sie bei Teambesprechungen ähnlich vor. Stellen Sie am von Ihnen gesetzten Ende die Frage „Es gibt doch sicherlich keine Fragen?“ und verlassen Sie daraufhin unmittelbar und zügig den Raum.
7. Vermeiden Sie quälende Diskussionen und treffen Sie eine Entscheidung. Zeigen Sie Ihren Mitarbeitern, dass Sie und nur Sie der Entscheider sind, es immer waren und auch immer sein werden.
8. Zeigen Sie Ihren Mitarbeitern stets deutlich, dass Sie länger arbeiten als diese. Weisen Sie montags darauf hin, dass Sie am Wochenende gearbeitet haben und fragen Sie Ihre Mitarbeiter, sollten diese pünktlich zum Feierabend das Gebäude verlassen, ob diese nur noch halbtags bei Ihnen beschäftigt sind.
9. Fordern Sie Mitarbeiter auch im Urlaub oder nach Feierabend! Regelmäßige E-Mails mit Handlungsaufforderungen lassen Rückschlüsse auf die Motivation Ihrer Mitarbeiter zu.
10. Mischen Sie sich stets in Kundengespräche und Telefonate Ihrer Mitarbeiter ein. Schließlich sind Sie am erfahrensten und wissen es am besten.
11. Das schönste Zimmer, die besten Arbeitsmaterialien gebühren Ihnen. Begründen Sie dies stets mit Ihrer Wichtigkeit oder am besten überhaupt nicht. Zeigen Sie was Sie haben und davon möglichst reichlich. Ihre Mitarbeiter sehen dies als Ansporn.
12. Flexible Arbeitszeiten? Arbeiten im Homeoffice? Mütter im Unternehmen? Nicht mit Ihnen! Zeigen Sie deutlich, dass Sie für Sentimentalitäten nichts übrig haben, schließlich können Sie nicht auf alles Rücksicht nehmen.

Fazit: mit diesen Tipps werden Sie definitiv die Auszeichnung erhalten:
„Unfairste Führungskraft des Monats“.

Dr. Ulrich Wiek

"Auf Dr. Wieks Fairnessblog am 9.10.2017 - mit freundlicher Genehmigung hier zitiert"

07.11.2017 16:10
Schäuble: 100 % Gerechtigkeit gibt es nicht, aber Fairness ist möglich
„Die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in diesem Land will ein zivilisiertes Miteinander. In aufgewühlten Zeiten wie unseren wächst das Bedürfnis nach Formen des Verhaltens, über die man lange nicht mehr geredet hat, weil man sie als selbstverständlich ansah. Es wird wieder über Anstand gesprochen - sogar Bücher werden darüber geschrieben und kommen auf die Bestsellerlisten -, und es wird auch über die Frage gesprochen, wie wir in der Gesellschaft miteinander umgehen sollen: Respekt füreinander haben, nicht jeden persönlichen Spielraum maximal ausnutzen, ein offenes Ohr haben für die Argumente des anderen, ihn anerkennen mit seiner anderen Meinung.

Es geht um Fairness. Hundertprozentige Gerechtigkeit gibt es nicht, aber Fairness ist möglich in dem Sinne, dass sich möglichst alle angesprochen fühlen und nicht ausgeschlossen bleiben“.

Auszug aus der Antrittsrede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble am 24.10.2017

23.10.2017 09:50
Mitgefühl im Zentrum der Fairness
Am Samstag, den 4.11., veranstaltet unter diesem Titel die Fairness-Stiftung in Kooperation mit der Rabanus Maurus-Akademie im Haus am Dom in Frankfurt einen Psychosozialen Thementag.
Mit Kurzvorträgen von Prof. Dr.med. Luise Reddemann, Mitbegründerin der Traumatherapie, und Dr. Olga Maria Klimecki-Lenz, Neurowissenschaftlerin und Psychologin. Anschließend findet ein Podiumsgespräch unter meiner Moderation statt.
9:30 Uhr ist Einlass; die Veranstaltung geht von 10 bis 12:30 Uhr. Anmeldung ist noch möglich bis kommenden Freitag, den 27.10.2017 unter
"Hier Ticket für die Veranstaltung kaufen und Teilnahmeplatz buchen
Teilnahmebetrag: 15 € (ermäßigt 10 €).

Unter anderen geht es um folgende Fragen:
Ohne Mitgefühl keine Fairness. Stimmt das? Braucht es ein Selbstmitgefühl, um anderen mit Mitgefühl und Fairness zu begegnen? Muss man Nächstenliebe und Effizienz zusammendenken? Wird dabei nicht Wesentliches verraten? Können wir uns noch Mitgefühl und Fairness ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Gesichtspunkte leisten? Was bedeutet das zum Beispiel im Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen, Bedürftigen oder Menschen mit Behinderungen?

05.10.2017 11:10
Landgrabbing auch durch deutsche Unternehmen
Wer von Landgrabbing spricht, denkt meist an Investoren aus den USA und China. Tatsächlich sitzen wird von dort sowie von Malaysia, Singapur, Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten Landgrabbing im großen Stil gesteuert. Dazu wird in Schwellen- und Entwicklungsländer Land aufgekauft, um dort Getreide, Spritpflanzen oder Plantagenholz zu produzieren. Oder um zu spekulieren.

Dass auch europäische Akteure an diesen Deals beteiligt sind, belegt die Menschenrechtsorganisation FIAN in einer Studie über Landkonflikte in den Ländern des globalen Südens. Demnach kontrollieren britische Firmen 1,9 Millionen Hektar Land im Ausland, deutsche Unternehmen folgen mit 300?000 Hektar – nach Ländern wie Frankreich, Italien oder Finnland – auf Platz sieben. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Akteure aus Europa oftmals an Landgrabbing beteiligt sind und dass die Politik auf die hiermit verbundenen menschenrechtlichen Probleme bislang kaum angemessene Antworten gefunden hat.

Roman Herre, Agrar-Referent von FIAN Deutschland: „Vor genau zehn Jahren berichteten die Medien erstmals über moderne Landnahmen, auch Landgrabbing genannt. Private und staatliche Investoren sind seitdem ständig auf der Suche nach riesigen Landflächen, um Agrartreibstoffe anzubauen, Nahrungsmittel zu exportieren oder um damit schlicht zu spekulieren. Oftmals werden hierdurch örtliche Gemeinden von ihrem Land vertrieben. Die jüngste Absage von Bundeskanzlerin Merkel an die „klassische Entwicklungshilfe“ und die Ankündigung einer verstärkten Zusammenarbeit mit Konzernen und Finanzinvestoren lassen für die Landwirtschaft wenig Gutes erwarten“.

Die Fallbeispiele von Landgrabbing in Sambia, Uganda, Kongo und Mosambik zeigen, dass großflächige Agrar-Investitionen menschenrechtlich hochsensibel sind. In vielen Ländern sind 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tätig. Durch den Flächenhunger von Agrarinvestoren verlieren Millionen von Menschen ihre Existenzgrundlage.

Die deutschsprachige Zusammenfassung der Studie „Land Grabbing and Human Rights: The Involvement of European Corporate and Financial Entities in Land Grabbing outside the European Union“ beschreibt eine Vielzahl bislang ausgebliebener Handlungsmöglichkeiten der EU und ihrer Mitgliedstaaten, um das weltweite Landgrabbing zu reduzieren. „Bis heute fehlen viele Grundlagen wie konkrete Handlungsanleitungen für Botschaftspersonal, um Fällen von Landgrabbing aktiv nachzugehen, diese zu dokumentieren und an Regierungen und Parlamente zu übermitteln“, erklärt Brigitte Reisenberger, Geschäftsleiterin von FIAN Österreich. Auch die Arbeit des EU-Sonderbeauftragten für Menschenrechte müsste laut Reisenberger sehr viel konkreter werden, beispielsweise durch eine systematische Auswertung der zahlreichen Berichte über Landkonflikte sowie die engere Zusammenarbeit mit den Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen.

Wie wenig internationale Finanzinvestoren sich für die sozialen Auswirkungen ihrer Aktivitäten interessieren, zeigt das vielgelobte Beispiel der „UN-Prinzipien für verantwortungsvolle Investitionen“. Eine aktuelle Untersuchung des think tanks E3G kommt zu dem Ergebnis, dass bei knapp 1000 dort beigetretenen Konzernen und Investoren im Schnitt eine Person pro 14 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen angestellt wird, die sich um ökologische und soziale Auswirkungen der Investments kümmert. „Es ist absurd anzunehmen, dass auf diese Weise ein relevanter Beitrag gegen Umweltschäden oder Menschenrechtsverstöße geleistet wird“, so Roman Herre weiter. „Die Zahlen belegen die Notwendigkeit einer internationalen Regulierung anstelle freiwilliger Selbstverpflichtungen.“

Internationale Organisationen beklagen, dass das finanzielle Engagement häufig auf Kosten der Bevölkerung geht, denn durch den Flächenhunger der Investoren verlieren Millionen von Menschen ihre Existenzgrundlage. Die in der Studie genannten Beispiele, in denen auch Konsortien aus Deutschland genannt werden, belegen zudem, dass die betroffenen Menschen kaum eine Chance haben, ihre Ansprüche vor Gericht durchzusetzen. FIAN-Agrarreferent Roman Herre beklagt überdies, dass die Absage von Bundeskanzlerin Angela Merkel an die „klassische Entwicklungshilfe“ und die Ankündigung einer verstärkten Zusammenarbeit mit Konzernen und Finanzinvestoren „wenig Gutes erwarten lassen“.

Seit 2000 dokumentiert eine internationale Gruppe, an der auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beteiligt ist, größere Landkäufe und benennt die damit verknüpften Absichten der Käufer. Land Matrix heißt das Projekt, und es beziffert (Stand Ende August) den Kauf durch ortsfremde Investoren weltweit auf 49 Millionen Hektar. Das entspricht fast der dreifachen landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands.

"FIAN-Studie zu Landgrabbing - deutsch"

"Was ist Landgrabbing? Definition und Situation"

29.09.2017 11:30
Multimillionär verlangt mehr Fairness im Steuersystem zu seinen Lasten
Ein Multimillionär packt aus und greift das deutsche Steuersystem massiv an. Da würde man normalerweise denken: er will weniger Steuern zahlen und findet das Steuersystem ihm gegenüber unfair. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wie am 20. September 2017 um 22:45 Uhr ein Interview im Stern TV mit ihm beweist.

Stern TV schreibe dazu: „Man kann Josef Rick getrost als superreich bezeichnen. Der Unternehmer aus Ratingen ist Multimillionär. Dass er vom Staat kaum belangt wird, sei ihm unklar, so der 61-Jährige. Ginge es nach ihm, würde er wesentlich mehr Steuern zahlen, Geringverdiener dafür gar keine.

"Ja!", sagt Josef Rick. "Wo kann man schon 95 Prozent seines Einkommens steuerfrei vereinnahmen?" Unternehmer, wie er, und andere Reiche zahlten hierzulande kaum Steuern - ganz legal. "Meine These ist: Einkommensmillionäre können ihren Steuersatz in Deutschland weitgehend selbst bestimmen", so Josef Rick, der jährlich mehr als eine Million Euro verdient und mindestens 30 Millionen auf der hohen Kante hat. Er gilt damit als "Superreicher".

Für stern TV hat Josef Rick seine Bücher einen Spalt geöffnet und erklärt, mit welchen völlig legalen Geschäften er auf seine geringen Steuersätze kommt. Als Geschäftsführer und Anteilseigner der Schäper + Rick GmbH baut, verwaltet und vermietet er Immobilien – vom Einfamilienhaus bis zum Hotel. Zu der Holding gehören zahlreiche Tochterfirmen, die je nach Bedarf gegründet, geschlossen oder mit Gewinn wieder verkauft werden. "Wenn ein Unternehmen ein anderes Unternehmen veräußert, ist der Gewinn daraus zu 95 Prozent steuerfrei." Darüber hinaus ermögliche es die vermögensverwaltende GmbH beispielsweise, auf Einkünfte aus weiteren Immobilienbesitzen und Vermietungen nur eine Körperschaftssteuer abzuführen. Nicht aber eine Gewerbesteuer, die andere Unternehmer wie Bäcker, Klempner oder Kaffeehäuser hingegen abführen müssten. Alle diese Möglichkeiten bedeuten für Josef Rick unterm Strich persönlich: "Ich bezahle in den letzten Jahren in Summe etwa 30 Prozent Steuern. Aber ich habe kein gutes Gefühl dabei. Es kann doch nicht sein, dass diejenigen, die ihr Einkommen - quasi leistungslos - aus Vermögen beziehen, sich den Vorgaben des Staates entziehen können."

Obwohl der 61-Jährige von diesem Privileg der Wohlhabenden profitiert, kritisiert er das deutsche Steuersystem. Die von der SPD geforderte Erhöhung des Spitzensteuersatzes gehe seiner Meinung nach an der Wirklichkeit vorbei. Rick glaubt, dass die Wohlhabenden bei einer besser durchdachten Besteuerung sogar das gesamte Steueraufkommen Deutschlands schultern könnten: "Man könnte die berühmte Krankenschwester, den Busfahrer, Feuerwehrleute, Paketdienstfahrer und Polizisten – also alle die, die durch Sozialbeiträge und Steuern erheblich belastet werden – weitgehend ganz von der Einkommenssteuer befreien. Indem man ein faires Besteuerungssystem für die Wohlhabenden entwickeln würde – mit vernünftigen Steuersätzen und einer breiten Bemessungsgrundlage. Das wäre mein Standpunkt: eine Frage der Ausgewogenheit und der Fairness."

So könnte sich der Steuersatz für Einkommensmillionäre wie ihn auf bis zu 45 Prozent belaufen, findet Rick. Voraussetzung sei, dass erst einmal alle Einnahmen und Einkommen zur Besteuerung erfasst werden müssten, steuerfreie oder minimal belastete Einkommen dürfe es für Wohlhabende wie ihn nicht mehr geben. Auch das Umsatzsteuer-Karussell großer Unternehmen koste den Staat Steuereinnahmen in Millionenhöhe. "Man kann das beeinflussen. Und ich finde, es ist allerhöchste Zeit, dass wir das tun. Denn die Leistungsträger, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, die müssen entlastet werden, damit Leistung noch Spaß macht und damit man von dem, was man erarbeitet hat, einen halbwegs fairen Anteil für sein Privatleben übrig hat."

Eine Frage der Ausgewogenheit und der Fairness. Da hat die eventuell neue Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grüne zu tun, ein solches Steuersystem hinzubekommen. Es würde ihr zur Ehre gereichen und einen klaren Kontrapunkt setzen zu Donald Trumps Steuerreform- und Steuersenkungsprogramm für die Reichen in den USA. Ein faires, transparentes und einfaches Steuersystem propagiert die FDP schon seit Jahrzehnten. Darauf können sich CDU/CSU und Grüne mit ihnen sicher einigen. Wenn man zugrunde legt, was Multimillionäre Rick dazu sagt.

"Multimillionäre will mehr Steuern zahlen - Interview im Stern TV"

22.09.2017 17:01
Fairer Handel handelt unfair
Die Branche "Fairer Handel" und "Faire Trade" achtet auf gute Bedingungen in der Produktion, aber nicht beim Transport, sagt der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Hermannus Pfeiffer. Er zeigt den Zusammenhang zwischen fairem Handel und unfairen Transporten:

Zu den Fans des fairen Handels gehört auch Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller. »Als Verbraucherinnen und Verbraucher können Sie sich jeden Tag für eine gerechtere Welt einsetzen«: beim Kauf von fairer Schokolade im Supermarkt, beim Genuss von fairem Kaffee oder beim Einkauf in einem der 800 Weltläden, schreibt der CSU-Politiker in seinem Grußwort für die »Faire Woche«. Ab diesen Freitag wollen das Forum Fairer Handel, Transfair und der Weltladen-Dachverband zwei Wochen lang bundesweit auf etwa 2000 Veranstaltungen über ihre Anliegen informieren.

Aus fairen Produktionsbedingungen kann aber schnell »ein unfaires Produkt« werden, warnt die Gewerkschaft ver.di, »wenn die Transportbedingungen entlang der globalen Lieferkette nicht anständig sind«. Und das sei der Normalfall, sagt der Bundesfachgruppenleiter Maritime Wirtschaft, Torben Seebold.

Ob Kaffee oder Bananen - Bauern, Erntehelfer und Produktionsgenossenschaften erhalten im fairen Handel eine mehr oder weniger angemessene Bezahlung für ihre Arbeit. Doch wer ein Gütesiegel im »fairen Handel« erwirbt, ist entgegen der Bezeichnung üblicherweise nicht verpflichtet, eine entsprechend fair arbeitende Transportkette zu nutzen. Schon die Beförderung vor Ort ist häufig bestenfalls eine Blackbox, ebenso wie die Logistik im Empfängerland. So vertrauen sich faire Kaffeeröster in Deutschland und Österreich bei der Lagerung, Reinigung und Mischung der Rohware gerne dem weltweit führenden Kaffeedienstleister, der Hamburger Neumann Gruppe NKG, an.

Den größten Teil der Strecke zwischen den Bauern im globalen Süden und den Konsumenten im Norden legen Rohstoffe, Halbfertig- und Fertigprodukte per Schiff zurück. Das ist preiswert und günstig. Aber was Schiffstransporte nur selten sind: fair! Zwar gibt es eine Art weltweiten Tarifvertrag zwischen Reedern und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf. Doch die Heuer der Seeleute ist dennoch knapp bemessen und die Arbeitsstandards sind niedrig. Außerdem fahren viele »Totenschiffe« auf den Weltmeeren, die sich um solche Normen überhaupt nicht scheren“. Hinzu kommt, dass die meisten Schiffe mit dreckigem Schweröl angetrieben werden, das gemischt mit Dieselöl als Kraftstoff für Großdieselmotoren dient. Die Nutzung von Schweröl als Betriebsstoff von Schiffsmotoren wird von Umweltverbänden wie dem NABU angeprangert. Die Kritik richtet sich gegen die Verklappung von Sludge und auch gegen den hohen Schadstoffausstoß im Normalbetrieb. Kritisiert werden der hohe Rußausstoß und der Schwefelanteil des Schweröls.

Pfeiffer weiter: „Die in London ansässige Gewerkschaft Nautilus International und ihre schwedische Partnerorganisation SEKO haben daher als Speerspitze der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) die Kampagne »Fairer Transport« gestartet. Alle Seeleute sollen wenigstens in den Genuss des ILO-Tarifvertrages kommen. Dem Fairtrade-Dachverband in London haben die Gewerkschaften vorgeschlagen, einen fairen Schiffstransport in ihre Bedingungen für die Vergabe von Fair-Trade-Siegeln aufzunehmen.

Faire Händler in Deutschland sind skeptisch. Die Missstände im Schiffstransport seien zwar ein heißes Thema. Aber man könne jene alleine nicht ändern. Die GEPA, der wohl größte europäische Importeur fair eingekaufter Lebensmittel und Handwerksprodukte, verschifft laut Firmenangaben lediglich rund 500 Container pro Jahr. »Unsere Einflussmöglichkeit ist schon deswegen sehr begrenzt«, sagt eine Sprecherin. Weiterhelfen, heißt es bei Fairtrade Deutschland, könnten nur veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen.

Solche Argumente greifen aus Sicht von Gewerkschafter Seebold zu kurz. Händler, die Container nach Europa verschiffen, können sich eine Reederei aussuchen. Und eine Unterscheidung in gute und schlechte Transporteure sei in der Praxis machbar.

So gilt Hapag-Lloyd unter Schifffahrtsexperten als »weißes Schaf«: Viele Frachter fahren unter teurer deutscher Flagge, es gibt einen Betriebsrat und die überwiegend philippinischen Seeleute werden qualifiziert. Seebold schlägt wie die ITF ein Siegel »Fairer Transport« vor. Dies sei ein Thema, das eigentlich jeden Verbraucher angeht - nicht allein in der Fairen Woche“.

Nicht fair gehandelte Ware zu kaufen ist allerdings keine wirklich Alternative, denn diese wird nicht nur unfair transportiert, sondern von fairen Produktions- und Arbeitsbedingungen kann da erst recht keine Rede sein.

"Wie und wo der faire Handel unfair wird"

"Ein Schiffsweg, der zu Unfairness führt

04.09.2017 14:25
Krasse Unfairness in Europa
Die rechten Parteien geben in Europa den Ton an, treiben die regierenden Parteien mit Provokationen vor sich her und zu unsolidarischem Handeln gegenüber den Flüchtlingen. So ist eine krasse Unfairness in Europa entstanden – wider jede Vernunft und jenseits der europäischen und internationalen Verpflichtungen. Denn keinem Land wird etwas abverlangt, was es nicht zu leisten im Stande ist. Aber es wird suggeriert, das Abendland gehe unter, wenn vor Gewalt, Krieg und Terror Flüchtende für eine gewisse Zeit nach Europa kommen dürfen.

Im Interview mit FR-Redakteur Victor Funk kritisiert die Politikerin Ska Keller die misslungene Umsiedlung Geflüchteter in der Europäischen Union.

Frau Keller, woran, meinen Sie, ist das Programm gescheitert, mehr Flüchtlinge aus Griechenland und Italien aufzunehmen?

Den Mitgliedsstaaten fehlt der politische Wille zur Solidarität. Sie lassen sich von rechtspopulistischen Ressentiments statt von europäischer Verantwortung leiten. Die allermeisten Mitgliedsstaaten handeln nach dem Motto „Sollen sich doch die anderen um die Flüchtlinge kümmern“. Sie machen Abschottung statt Solidarität zum Leitprinzip der europäischen Flüchtlingspolitik. Auch die Bundesregierung führt das Wort „Solidarität“ zwar gern im Munde, aber wenn es darum geht, Flüchtlinge aus Griechenland und Italien aufzunehmen, ist sie säumig. Sie erfüllt nicht einmal ein Drittel ihrer Verpflichtungen, obwohl die Aufnahmelager in Griechenland und Italien immer noch überfüllt sind, während sie in Deutschland mittlerweile leer stehen. Das ist ein untragbarer Zustand. Trotzdem ist das Umverteilungsprogramm ein wichtiger, wenn auch kleiner Schritt in die richtige Richtung. Damit ist das Dublin-System (die Verordnung, nach der Migranten, in dem EU-Land um Asyl ersuchen müssen, in dem sie zuerst ankommen, d. Red.) erstmals aufgeweicht und durch einen verbindlichen Umverteilungsmechanismus ergänzt worden.

Welche Möglichkeiten hätte die EU-Kommission, von EU-Mitgliedern die Einhaltung der Zusagen zu erzwingen?

Wir dürfen es den EU-Mitgliedsstaaten nicht durchgehen lassen, dass sie sich vor der gemeinsamen Verantwortung für Flüchtlinge in Europa drücken. Deshalb ist es richtig, dass die EU-Kommission klare Kante gegen Mitgliedsstaaten zeigt, die die Flüchtlingsumverteilung boykottieren. Sie muss die im Juni eingeleiteten Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn, Polen und die Slowakei mit aller Konsequenz vorantreiben. Die allermeisten Mitgliedsstaaten handeln nach dem Motto „Sollen sich doch die anderen um die Flüchtlinge kümmern“.

Und wenn sie sich trotzdem weigern?

Wenn diese Mitgliedsstaaten bei der Aufnahme von Flüchtlingen weiter blockieren, sollte die EU-Kommission über weitere Schritte nachdenken. Sie sollte ihnen die EU-Zuschüsse für die Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern in deren Heimatländer streichen. Wer keine Flüchtlinge aufnehmen will, sollte auch keine EU-Unterstützung dafür bekommen, Leute wieder loszuwerden.

Hat das jetzige Umverteilungssystem eine Zukunft?

Wenn wir völlig überfüllte Flüchtlingslager und unhaltbare Zustände für Schutzsuchende in den südlichen Grenzstaaten der EU vermeiden wollen, brauchen wir in der EU einen funktionierenden Umverteilungsmechanismus. Griechenland und Italien können die Aufnahme von Asylsuchenden nicht alleine stemmen. Deshalb ist es wichtig, dass die jetzige Umverteilung so lange weiterläuft, bis wir ein permanentes solidarisches Verteilungssystem bekommen. Wir Grüne fordern seit langem, dass das Dublin-System abgeschafft und durch ein gerechtes Verteilungssystem ersetzt wird. Dabei müssen auch Anknüpfungspunkte von Asylsuchenden berücksichtigt werden. Flüchtlinge, die bereits die Sprache eines Mitgliedsstaates sprechen, dort Verwandte haben oder berufliche Anknüpfungspunkte, tun sich deutlich leichter mit der Integration“.

Schon einmal haben die Länder Europas und außereuropäische Länder versagt, als verfolgte Minderheiten vor Unterdrückung, Terror, Verfolgung und Vernichtung aus Deutschland fliehen wollten. Denn etliche europäische Mächte hatten sich mit der Gewalt der Nationalsozialisten gegen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, kritische Wissenschaftler, Journalisten und Künstler gemein gemacht. Etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche und deutschstämmige Angehörige verschiedener Staaten waren zwischen 1944/45 und 1950 von Flucht und Vertreibung betroffen. Nur in geringem Maße wurden sie in andere Staaten hineingelassen. Lässt sich aus solchem Schicksal nichts lernen?

"Ska Keller im Interview mit der Frankfurter Rundschau"

23.08.2017 11:19
Annette Frier relativiert Fake News und unterstützt Qualität im Journalismus
Annette Frier (42), Schauspielerin – TV-Serie Danni Lowinski, TV-Film Nur eine Handvoll Leben, Komikerin und Moderatorin (Doku-Serie Ach Europa), spricht über die Rolle von Fake News und Medien – auch aus eigener Erfahrung. Sie stellt sich den Fragen von Joachim Frank im Rahmen der Kampagne „Danke für Ihr Vertrauen“ des Kölner Stadtanzeigers:

"Frau Frier, sind die „Fake News“ von heute nicht die halb wahren oder häufig ganz falschen Klatsch- und Tratschgeschichten, mit denen Prominente wie Sie seit jeher leben müssen?

Stimmt, das lässt sich absolut vergleichen. Selbst jemand wie ich, die für die Revolverblätter längst nicht so interessant ist wie ein Boris Becker oder die britischen Royals, erlebt haarsträubende Geschichten. Als ich zum Beispiel 2014 mit meiner TV-Rolle als Rechtsanwältin Danni Lowinski aufhörte, stand irgendwo zu lesen: „Serienende, um Ehe zu retten“. Da war von Überlastung die Rede und von Beziehungsstress, in allen Details aufgedröselt, großformatig präsentiert. Mein Mann und ich saßen fassungslos vor dieser Doppelseite, die mir jemand vom Friseur mitgebracht hatte, und wir fragten uns, wo der ganze Blödsinn wohl hergekommen sein mochte. Quelle des Artikels? „Ein Insider verrät…“

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben herzhaft gelacht und versucht, das Ganze mit Humor zu nehmen. Zum Glück sind „Fake News“ im Bereich des Entertainments nicht immer von wirklich zerstörerischer Qualität. Nach meiner Erfahrung gibt es nämlich keine effektive Verteidigung. Sobald man mit juristischen Mitteln dagegen vorzugehen versucht, spielt man ja das Spiel mit, bei dem dann häufig Aussage gegen Aussage steht und am Ende immer etwas hängen bleibt. Statt den Rattenschwanz abzuschneiden, wird er länger und länger.

Das Problem des Laufenlassens: Das Internet vergisst nicht.

Deshalb sollte man dem Kommunikationsraum Internet generell misstrauen. Ich warte darauf, dass endlich ein Internet-Knigge für das Verhalten im Netz herauskommt. Grundregel Nummer eins müsste lauten: Anonym gibt’s nicht. Wer im Internet etwas behauptet oder seine Meinung kundtut, muss sich outen und seine Quellen nennen. Wir haben aber für das Internet noch keine verbindlichen Regeln entwickelt, gelernt und eingeübt. Deshalb ist ist die Netzwelt unser Llano Estacado, ein Wildwest-Territorium für Desperados aller Art.
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Die klassischen Medien dürfen demgegenüber als gesichertes Refugium gelten: präzise vermessen, gut beschildert und reglementiert durch eine Straßenverkehrsordnung der Kommunikation?

Auf alle Fälle. Natürlich kommen Fehler und Fehlleistungen auch in klassischen Medien vor. Das finde ich aber nicht so schlimm, solange es Redaktionskonferenzen gibt, das journalistische Arbeiten im Team mit Selbstreflexion und kritischer Diskussion. Redaktionen sind für mich Instanzen der Selbstkontrolle, Frühwarnsysteme, ein Gefüge von „Checks and Balances“. Das ist, wenn man so will, die Anwendung des Demokratie-Prinzips auf den Arbeitsalltag der Medien. Es kann sich dann eben nicht einer autokratisch hinstellen und seine persönlichen Ansichten als allein gültige Wahrheit in die Welt posaunen. Genau so entsteht übrigens, glaube ich, ein großer Teil der Fake News: durch das einsame Agieren irgendwelcher überspannter Typen oder natürlich aus unkontrollierter krimineller Energie staatlicher und nicht-staatlicher Akteure.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur Zeitung?

Das hat für mich etwas sehr Rituelles. Wenn ich meine Kinder morgens zur Schule geschickt habe, freue ich mich auf meinen Kaffee und meinen „Stadt-Anzeiger“ Ich genieße es, dazusitzen und zu lesen – am liebsten immer noch auf Papier. Ich hantiere ungern mit den Zeitungs-Apps auf dem Smartphone oder dem Tablet, sondern blättere lieber um, Seite für Seite. Wie das wohl gesamtgesellschaftlich in 20 Jahren sein wird? Ich bin gespannt. Aber ich glaube, die Beharrungs- und Durchsetzungskraft solcher Rituale ist größer, als wir es auf unserem Trip ständiger Veränderung wahrnehmen und uns selbst zugestehen.

Als Schauspielerin sind Sie selbst „Berichtsgegenstand“ und werden von Journalisten kritisch beurteilt. Hat das Ihre Einstellung verändert?

Früher habe ich mir darüber wesentlich mehr einen Kopf gemacht. Aber je besser ich auch die andere Seite kennengelernt habe, konkret durch viele Gespräche mit Journalisten, bin ich in die Haltung hineingewachsen, dass schlimmstenfalls ein anderer Mensch eben anderer Meinung ist als ich. Ich halte meinen neuen Film für gelungen, der Rezensent findet ihn daneben. Na und? So ist das im Leben. Und das Lustige ist: Es gilt auch für den Kritiker. Jeder Journalist freut sich, wenn er gesagt bekommt, „Also, Ihr jüngster Artikel war wirklich ganz toll“. Natürlich sind wir Schauspieler dem Urteil des Publikums anders ausgesetzt als der Verfasser eines Zeitungsartikels. Aber am Ende sind wir in der gleichen Situation. Diese Einsicht hat mich viel lockerer gemacht im Umgang mit der Kritik in den Medien.

Was macht für Sie guten Journalismus aus?

Überparteilichkeit. Sobald ich rieche, dass mir jemand seine Weltsicht aufschwatzen oder unterjubeln will, reagiere ich allergisch. Und ich finde die Zeitspanne sehr wichtig, die zwischen einem Geschehnis und dem Erscheinen der Zeitung liegt. Ich weiß, auch Zeitungsredaktionen müssen online „in Echtzeit“ reagieren. Auf so manchem Newsletter ist – bildlich gesprochen – die Tinte noch nicht trocken, bevor er die Leser erreicht. Aber gerade deshalb bin ich heilfroh darüber, dass es für die Zeitung noch eine Art zweite Zeitzone gibt, in der die Journalisten Fakten checken, Hintergründe recherchieren und die Geschehnisse abwägen".

"Annette Frier über Qualität im Journalismus im Kölner Stadtanzeiger"

"Die Kampagne 'Danke für Ihr Vertrauen'"

"Annette Frier - Biographie und Engagements"

16.08.2017 17:21
Im Textilbündnis hakt es mit der Fairness
"Für Fairness und Umweltschutz in der Textilindustrie“ – das Motto des Bundesentwicklungsministers Müller für das von ihm ins Leben gerufene Textilbündnis klang richtig gut. Und machte Hoffnung auf echten Fortschritt. Doch wie schreibt Timot Szent-Ivanyi vom Kölner Stadtanzeiger zu Recht:

„Der Anspruch ist hoch, doch in den Niederungen der Praxis hat sich gezeigt, dass er wohl zu hoch ist: Unter dem Eindruck der Katastrophe von Rana Plaza, bei dem mehr als 1.100 bangladeschische Textilarbeiter starben, rief Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) vor drei Jahren ein „Bündnis für nachhaltige Textilien“ ins Leben. „Wir wollen keine Kleidung auf unserer Haut tragen, für die andernorts Menschenrechte mit Füßen getreten, Menschen ausgebeutet oder vergiftet werden“ sagte der Minister damals und rief Unternehmen und Organisationen auf, gemeinsam an einer Verbesserung der Bedingungen in der Branche zu arbeiten. Nach einigen Startproblemen gewann das Textilbündnis an Fahrt. Doch mittlerweile steckt das Projekt wieder in Schwierigkeiten.

Industrie verweigerte sich fast komplett
Schon am Anfang sah es so aus, als komme der Plan von Müller nicht über schöne Worte hinaus. Das Ministerium startete mit der Idee, die Textilunternehmen zu einer Einhaltung bestimmter sozialer und ökologischer Standards verpflichten zu können. Doch die Industrie verweigerte sich fast komplett. Daraufhin wurden die Anforderungen stark heruntergeschraubt: Jedes teilnehmende Unternehmen darf selbst festlegen, wie und in welchen Schritten es die Arbeitsbedingungen verbessern, die Transparenz erhöhen oder den Einsatz giftiger Chemikalien reduzieren will.

Damit das Bündnis aber nicht vollends zur Farce gerät, prüft ein unabhängiges Institut, ob die jährlich vorzulegenden Maßnahmenpläne hinreichend ambitioniert sind, wobei die Grenzen auch hier fließend sind. Nach dieser Aufweichung erklärte sich die Textilwirtschaft bereit, das Bündnis zu unterstützen. Auf dem Höhepunkt hatte der Zusammenschluss zum Jahreswechsel 2016/17 fast 190 Mitglieder, darunter auch Gewerkschaften, Verbände und nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen. Die beteiligten Unternehmen deckten fast 60 Prozent des deutschen Textilmarktes ab“. Allerdings sind es inzwischen tatsächlich nur 81 Unternehmen der Textilwirtschaft. Und nur 17 haben ihre Roadmap veröffentlicht oder hinterlegt, die eine Fortschritt auch überprüfbar machen.

Denn – so Szent-Ivanyi - als es ernst wurde und die Unternehmen Anfang 2017 erstmals konkrete Maßnahmenpläne („Roadmaps“) vorlegen sollten, kamen dem mehrere Dutzend Firmen nicht nach. Sie stiegen aus oder wurden wegen der Verletzung der Bündnis-Regeln ausgeschlossen. Nicht mehr dabei sind Größen der Branche, wie etwa Ernsting's Family, Real, Trigema und Walbusch. „Das Bündnis jetzt zu verlassen, wo die Unternehmen über ein Lippenbekenntnis hinausgehen müssen, zeigt, dass ihr Engagement für Sozial- und Umweltstandards in ihren Lieferketten wohl doch nicht so ernst gemeint war“ sagt Berndt Hinzmann von der Entwicklungsorganisation INKOTA-netzwerk. (…)

Zudem hat sich jetzt herausgestellt, dass nur etwa zwei Drittel der von den Unternehmen für 2017 Jahre eingereichten Maßnahmenpläne vom Prüfinstitut als „plausibel“, also als hinreichend ambitioniert, beurteilt wurden. Die durchgefallenen rund 40 Firmen müssen nun nacharbeiten oder das Bündnis verlassen.

Unternehmen vermindern mit Umweltschutz ihre Wettbewerbsfähigkeit
Im Entwicklungsministerium ist man über die Entwicklung nicht glücklich, doch man spricht von einer wohl notwendigen „Reinigungsphase“, bei der sich die Spreu vom Weizen trenne. Trittbrettfahrer könne man sich jedenfalls nicht leisten, heißt es. Und es wird darauf verwiesen, dass weiterhin große und einflussreiche Unternehmen dabei seien, wie etwa Aldi, Lidl, Tchibo, Adidas, C&A oder H&M.

Doch wie lange sie die Treue halten, ist unklar. Denn die geringe Marktdurchdringung ist für die Unternehmen ein Problem. Wer sich um soziale und ökologische Standards kümmert, produziert teurer und nimmt damit Wettbewerbsnachteile in Kauf. „Warum soll ich das tun, wenn ich dadurch das Geschäft der Konkurrenz fördere“, fragt man sich in den Chefetagen. Fair ist ein Bündnis nach Ansicht von Wirtschaftsvertretern erst, wenn die beteiligten Firmen etwa 75 Prozent des Marktes abdecken.

Funktioniert nationales Bündnis in globalisiertem Handel?
Es gibt aber noch weitere Probleme. Langsam dämmert den Zuständigen, dass die Kritiker vielleicht doch mit ihrem Argument Recht haben, ein nationales Bündnis passe einfach nicht in die globalisierte Welt. Eines der wichtigsten Ziele des Bündnisses, die Bezahlung existenzsichernder Löhne, entpuppt sich nämlich als extrem schwierig. „Hier müssen wir die dicksten Bretter bohren“, sagt einer der Verantwortlichen.

Das überrascht wenig. Nur ein Beispiel: Selbst wenn ein deutsches Unternehmen bereit ist, an den Zulieferer in Pakistan mehr zu zahlen, kommt davon eher nichts bei einer Näherin an. Denn vielleicht hat diese deutsche Firma an der gesamten Produktion der fraglichen Fabrik nur einen Anteil von fünf Prozent, der große Rest geht hingegen an den US-Giganten Wal Mart. Dann kann ein rein deutsches Bündnis hier wenig ausrichten.

Man müsse die „Internationalisierung“ des Bündnisses vorantreiben, ist man bei den Koordinatoren des Vorhabens mittlerweile überzeugt. Ob man dafür aber noch genug Zeit hat, ist höchst unsicher. Es ist schließlich offen, ob der nächste Entwicklungsminister das Projekt, das eng mit Müller verbunden ist, noch weiter betreibt. Die notwendige koordinierende Arbeit der Bündnis-Geschäftsstelle ist jedenfalls bisher nur bis Ende 2018 finanziert“.

Fazit: In ihrer Breite und Vielfalt ist die Textilwirtschaft nicht wirklich willens, für Fairness, Umweltschutz und damit soziale und ökologische Nachhaltigkeit einzutreten. Konkurrenz wird hier zum Hebel und Motiv, der Unfairness und Ökodestruktivität weiter das Tor offen zu halten. Ohne staatliche Rahmensetzung wird es keinen Fortschritt geben. Wie so oft entpuppt sich die Selbstverpflichtung als Maske der Unverbindlichkeit.

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24.07.2017 15:35
Entwickelt sich die Pflegesituation insgesamt weiter krass unfair?
„Gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht“, meint Journalist und Redakteur Timot Szent-Ivanyi von der DuMont-Redaktionsgemeinschaft im Berliner Hauptstadtbüro. Der sogenannte Pflege-TÜV sei der beste Beweis dafür: „Mit wenigen Klicks im Internet herausfinden, ob ein Pflegeheim oder ein ambulanter Pflegedienst seine Arbeit gut macht – das war die Idee, als 2009 die damalige große Koalition das Benotungsverfahren einführte.

Doch die Pflegenoten erwiesen sich als untauglich. Sie verschleiern, statt aufzuklären. Die Politik hat Pflegekassen und -verbände daher beauftragt, bis Ende des Jahres ein neues Bewertungssystem zu entwickeln. Doch eine Einigung ist nicht absehbar. Das zuständige Gremium hat bereits angekündigt, die Frist nicht einzuhalten. Die Bertelsmann-Stiftung hat nun eigene Vorschläge vorgelegt, um die Debatte voranzutreiben.

Problematisch ist bisher, dass Pflegeeinrichtungen auch dann eine gute Gesamtnote bekommen können, wenn sie in Kernbereichen der Pflege schlechte Qualität bieten, etwa bei der Versorgung der Pflegebedürftigen mit Flüssigkeit und Nahrung oder bei der Verhinderung des Wundliegens (Dekubitus). Das ist möglich, weil die schlechten Einzelnoten durch gute Bewertungen in weniger wichtigen Bereichen („Gibt es im Pflegeheim jahreszeitliche Feste?“) ausgeglichen werden können. Dadurch liegt der bundesweite Durchschnitt bei einem unrealistisch guten Wert von 1,2. Außerdem ist die Schwankungsbreite der Gesamtnoten nicht sehr hoch.

Das entspricht nicht der Realität, wie auch eine aktuelle repräsentative Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Danach sehen über zwei Drittel der Befragten, die schon einmal nach einem Heim gesucht haben, starke Qualitätsunterschiede zwischen den Einrichtungen. 73 Prozent dieser Befragten meinen, die Personalausstattung der Heime sei „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“. Gut die Hälfte befürchtet, im Fall der Fälle nicht das richtige Heim zu finden, weil ihnen durch die gegenwärtigen Pflegenoten wichtige Informationen zur Auswahl fehlen. Die Befragten wünschen sich vor allem Informationen zur fachlichen Qualität der Pflege (94 Prozent), zur Ausstattung und zu den Leistungen der Pflegeheime (92 Prozent) sowie zu Anzahl und Qualifikation des Pflegepersonals (88 Prozent).

Im Rahmen ihres Gesundheits-Internetportals „Weiße Liste“ hat die Bertelsmann-Stiftung ein Konzept erarbeitet, das diesen Anforderungen gerecht werden soll. „Wie bei den Pflegenoten befürchten wir, dass sich Pflegekassen und Anbieter nur auf einen aus Sicht der Verbraucher unzureichenden Kompromiss einigen können“, sagte der Gesundheitsexperte der Stiftung, Stefan Etgeton, der Frankfurter Rundschau. „Im Mittelpunkt einer Reform muss das Interesse der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen stehen.“

Das Konzept für ein Internet-Vergleichsportal sieht daher unter anderem vor, dass neben der eigentlichen Pflegequalität (Ernährung, Vorsorge gegen Stürze oder das Wundliegen) auch Informationen zur Personalausstattung veröffentlicht werden. Konkret geht es um den Pflegeschlüssel, also die Angabe, wie viele Pflegebedürftige ein Mitarbeiter betreut. Zudem soll die Qualifikation der Pfleger durch eine Skala angezeigt werden. Dabei sollen unter anderem der Anteil der Fachkräfte sowie die Spezialausbildungen der Beschäftigten (zum Beispiel für die Betreuung Demenzkranker oder für beatmete Pflegebedürftige) berücksichtigt werden.

Generell soll es keine Noten geben, sondern leicht verständliche Piktogramme, also zum Beispiel einen Haken bei unauffälligen Werten, einen grünen OK-Daumen bei überdurchschnittlichen Bewertungen und ein rotes Warndreieck bei auffälligen Befunden. „Die Ergebnisse werden am besten zusammengefasst, indem vor besonders schlechten Anbietern gewarnt wird und indem besonders gute Anbieter sichtbar gemacht werden, um zusätzlich einen Anreiz für Qualitätsverbesserungen zu geben“, so Etgeton. Dafür seien Grenz- und Schwellenwerte nötig, die entweder fachlich begründet oder statistisch ermittelt werden.

Die Bertelsmann-Stiftung plädiert zudem dafür, Erfahrungsberichte von Heimbewohnern und Angehörigen, verbunden mit einer Zufriedenheitsskala, zu veröffentlichen. Die Heime sollen im Gegenzug eine Möglichkeit bekommen, die Berichte zu kommentieren.

Um dem Wunsch der Betroffenen nach Informationen zur Ausstattung der Heime gerecht zu werden, fordert die Bertelsmann-Stiftung einen verpflichtenden „Strukturbericht“, der die Suche nach einer Einrichtung vereinfachen soll. Darin soll unter anderem festgehalten werden, welche religiösen Angebote es gibt, ob Haustiere oder eigene Möbel mitgenommen werden können, wie groß die Zimmer sind oder ob ein Garten und ein Gruppenraum existieren.

„Was für den einen egal ist, kann für den anderen ein Ausschlusskriterium bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeheim sein“, begründete Etgeton den Vorschlag“. So schreibt Szent-Ivanyi in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau.

Die Zeit drängt, denn die Anzahl der Menschen, die nach einem Heimplatz suchen oder suchen müssen, wächst. Und niemand möchte unprofessionell, sozial karg und unfair behandelt werden. Der Druck auf Politik und Pflegekassen muss zunehmen. Sonst entwickelt sich das System noch unfairer als bisher: . Dabei sind die geringen Gehälter für Pflegekräfte noch nicht einmal ausreichend einbezogen. Die vielen Pflegebedürftige, die privat zuhause gepflegt werden, bedürfen auch erhöhter Aufmerksamkeit. Hinzu kommen nicht „Sklavinnen, die uns pflegen“ (Die Zeit): „Beleidigt, geschlagen, keine Freizeit: Hunderttausende Osteuropäerinnen versorgen in deutschen Haushalten Menschen. Das ist meist verboten, wird aber selten verfolgt“. In Summe ist also die Pflegesituation in Deutschland krass unfair.

2,9 Millionen Pflegebedürftige insgesamt
zu Hause versorgt: 2,08 Millionen (73 %)
in Heimen vollstationär versorgt: 783 000 (27 %)
durch Angehörige: 1,38 Millionen
durch ambulante Pflegebedürftige
zusammen mit/durch ambulante Pflegedienste: 692 000 Pflegebedürftige
"Pflegestatistik 2017")

Was verdienen Pflegekräfte?
Der Mindestlohn für Pflegekräfte wird bis Anfang 2020 in mehreren Schritten auf 11,35 Euro pro Stunde im Westen und 10,85 Euro im Osten erhöht. Das geht aus einer Verordnung von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hervor.
Derzeit beträgt der Mindestlohn-Satz für Pflegekräfte 10,20 Euro in Westdeutschland und 9,50 Euro im Osten. Zum 1. Januar 2018 soll er auf 10,55 Euro (Westen) beziehungsweise 10,05 Euro (Osten) steigen. Die Lohnuntergrenze in der Pflege betrifft rund 908.000 Beschäftigte. In Privathaushalten gilt der allgemeine gesetzliche Mindestlohn von deutschlandweit derzeit 8,84 pro Stunde. ( laut dpa)

"Timot Szent-Ivanyi in Berliner Zeitung"

"Die ZEIT über osteuropäische Pflegekräfte"





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