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09.05.2016 14:56
Wie fair sind faire Produkte?
Fair gehandelte Produkte bevorzugen – geht das, lohnt sich das? Stiftung Warentest hat in diesem Monat die stärksten Siegel für Nachhaltigkeit untersucht. Und kam zu dem Schluss: Den höchsten Standard repräsentieren die Siegel „Naturland fair“, „Fairtrade“ und „Hand in Hand“ von Rapunzel.

Sind denn die Verbraucher bereit, für fair gehandelte Ware mehr auszugeben? Stiftung Warentest stellt fest: „Ja. 2014 lag der Umsatz von Waren, die ein Fairness-Siegel tragen, erstmals über 1 Milliarde Euro – eine Verdopplung in nur drei Jahren. Gut drei Viertel davon sind Lebensmittel, so die Zahlen des Forums Fairer Handel. 78 Prozent entfallen auf Produkte mit dem Logo von Fairtrade, dem bekanntesten Siegel.

Auch andere Siegel versprechen, bei der Herstellung bestimmte soziale, ökologische und ökonomische Kriterien einzuhalten: Gepa fair+, Naturland Fair, Rainforest Alliance Certified, Utz Certified – und Hand in Hand“. Neben Fairtrade wurden fünf Siegel genauer durchleuchtet. Warentest: „Kann der Kauf von Produkten mit den Logos die Situation der Bauern verbessern? Ja, am meisten bei Naturland Fair, gefolgt von Fairtrade und Hand in Hand, am wenigsten bei Rainforest Alliance. Der Organisation geht es vor allem darum, nachhaltige Anbaupraktiken zu fördern. Mindestpreise für die Rohware garantiert sie nicht.

Einige Siegel legen den Schwer­punkt auf Soziales, andere auf Umwelt­schutz. Sie sind also nicht einfach Stempel auf dem Papier. Hinter ihnen stehen Labelorganisationen, die Anforderungen stellen – auch an die Bauern, die die Rohware erzeugen. Die Organisationen legen den Standard fest, nach dem Produzenten zertifiziert werden. Bauern können Schulungen in Anspruch nehmen, um die Anforderungen umsetzen zu können. Unabhängige Kontrolleure prüfen schließlich, ob sie die geforderten Kriterien einhalten. Alle Organisationen im Test haben eigene Standards – außer Gepa. Hinter „Gepa fair+“ stehen Standards anderer Organisationen wie Fairtrade“.

Die Tester von Stiftung Warentest machten „einen Praxis-Check“ und schreiben: „Für jede Organisation wählten wir bis zu vier mit ihrem Logo versehene Produkte aus: Kaffee, Tee, Kakao und Südfrüchte. Die Organisationen sollten belegen, dass sie diese zurück­verfolgen können und ihre Kriterien in der Produktion einge­halten werden. Farmen selbst besuchten wir nicht, unsere Prüfer ließen sich aber Kontrollberichte, Zertifikate und Verträge zeigen. Meist klappte die Rückverfolgbarkeit ohne Probleme – insbesondere bei Fairtrade und Rapunzel. Bei Rainforest Alliance und Utz kam es vor, dass die Herkunft der Rohware nicht eindeutig belegt werden konnte. Von klein bis groß. Das Hand-in-Hand-Logo von Rapunzel ziert nur etwa 100 Lebens­mittel, das Utz-Siegel 20 000.

Mit dem Erfolg kam die Kritik: Fairer Handel bewirke weniger als behauptet, befand 2014 eine Studie der University of London. In Äthiopien und Uganda würden Lohnarbeiter in fairen Kooperativen weniger verdienen als in konventionellen Betrieben. Fairtrade nahm die Kritik ernst, bemängelte aber die Methodik der Studie. Was sagt unser Test zum Thema Bezahlung? Auf dem Papier sichern alle Organisationen den Festangestellten in der Landwirtschaft Mindest- oder Tariflohn zu – oder sogar mehr. Unser Blick in Prüfberichte bestätigte das, vor allem bei Fairtrade und Rapunzel, da diese auch gezahlte Löhne aufführen. Fairtrade und Rapunzel sichern zudem Bauern in Kooperativen Mindestpreise für die Ernte zu, Naturland auch. (…)

Ob die Bauern tatsächlich von höheren Preisen und Schu­lungen profitieren, zeigen Wirkungs­analysen. Dazu messen die Organisationen ihren Effekt vor Ort. Vielfältige Analysen machen Fairtrade und Utz. Im „Impact Report 2016“ berichtet Utz etwa, dass viele Kakaobauern in der Elfen­beinküste bei Kontrollen negativ auffielen. Sie müssten mehr Schutz­kleidung tragen.

Die Labelorganisationen arbeiten längst zusammen und machen gemeinsame Kontrollbesuche. Das spart Zeit und Geld. Die Zertifizierer und Prüfer von Fairtrade und Rainforest Alliance dürfen seit neuestem für Utz Plantagen zertifizieren. Auch Bauern profitieren von mehreren Labeln, zeigt eine Studie des Centrums für Evaluation im Auftrag von Fairtrade. Sie haben so mehr Abnehmer und ein höheres Einkommen“.

Aber es gibt auch Kritik. Beispielsweise schrieb Cacao_Guro schon kurz nach dem Erscheinen des Heftes am 01.05.2016 dazu auf die Website von Stiftung Warentest: „Hallo, dass die Bauern ihre besten Produkte nicht fair trade handeln, stimmt zumindest im Kaffee- und Kakao-Bereich. In diesem bin ich in Südamerika seit vielen Jahren tätig. Preise für hochwertige Produkte liegen nämlich weit über jedem fair trade Preis; so wird Edelkakao oft zu Preisen die dem 10fachem fair trade Aufschlag entsprechen gehandelt. Zwar existieren bei fair trade zertifizierten Kakao Preisuntergrenzen, diese sind aber so niedrig angesetzt, dass sie seit vielen Jahren nicht erreicht wurden und in Zukunft auch nicht erreicht werden, so dass sie völlig sinnlos sind. Was den Test angeht finde ich die positive Bewertung von fair trade allgemein völlig unnachvollziehbar, da die Realität vor Ort anders aussieht. Es gibt Projekte, deren Zertifizierungskosten höher sind als der bezahlte Aufschlag, so dass die Bauern am Schluss sogar noch drauf zahlen. Zudem besitzt fair trade meiner Meinung nach in kleinster Weise ein System, ihr Standards zu überprüfen“.

Und Ka.Seb schrieb am 29.04.2016 ebenda: „bisher hatte ich auch eine positive Meinung zu Fairtrade. Nach dem Bericht im Südwest-Fernsehen http://www.swr.de/marktcheck/-/id=13831164/pqdwp3/index.html
habe ich meine Meinung geändert. Teilweise laufen unter Fairtrade Produkte, die wenige als 20 % Fairtrade beinhalten. Und das liest man erst im Kleingedruckten. Dann macht es keinen Sinn mehr, diese Produkte vorrangig zu kaufen. Und test fällt darauf herein“.

"Stiftung Warentest über Nachhaltigkeitssiegel"

"Wie die Nachhaltigkeitssiegel vergeben und geprüft werden"

"Sind Faire Trade-Produkte wirklich fair? Der SWR-Marktcheck prüft nach"

"Der Fairness-Check zu 60 großen Anbietern und Handelsketten"

29.04.2016 12:42
Deichmanns Fairness fragwürdig
Fair ist Deichmann nicht wirklich. Was die Produktion angeht und bisweilen die Qualität. Das ergab der „Deichmann-Check“ in der ARD (Das Erste). Irgendwie muss ja das Massengeschäft profitabel sein. Und das wird es offenbar durch Qualitätsmängel und durch unfaire Produktionsbedingungen für die Arbeiter z.B. in Rumänen und Mazedonien, wo Deichmann produzieren lässt.

Das Reporter-Team der ARD (WDR) stellt dazu fest: „Wir machen uns selbst ein Bild und fahren nach Rumänien. Wir finden eine Fabrik, die für Deichmann produziert. Von den Arbeiterinnen hören wir, dass sie zwar mehr als den Mindestlohn verdienen, aber selbst mit Überstunden kaum über die Runden kämen. Wir stellen fest, ein Einkauf im Discounter ist in unserer Stichprobe sogar teurer als in Deutschland und auch Benzin kostet so viel wie in Deutschland. Doch Deichmann erklärt uns gegenüber, der Lohn sei existenzsichernd. Ein ähnliches Bild in Mazedonien: Auch hier treffen wir Arbeiterinnen, die für Deichmann Schuhe herstellen. Während uns Deichmann versichert, die Arbeiterinnen bekämen einen existenzsichernden Lohn mit einem gewissen frei verfügbaren Einkommen, versteht kein Arbeiter, den wir gesprochen haben, wie Deichmann darauf kommt“.

Im Deichmann Verhaltenskodex heißt es dazu: "Die gezahlten Löhne und Gehälter müssen ausreichend sein, um die grundlegenden Bedürfnisse des Personals zu befriedigen (…) und ein gewisses frei verfügbares Einkommen gewährleisten."

Deichmann hat Marktgewicht und –einfluss. Er ist Europas größter Schuhhändler. Das Familienunternehmen hat Filialen in 24 Ländern und verkaufte letztes Jahr 172 Millionen Paar Schuhe.

Deichmann unterstützt – wie es viele Firmen machen, um ihre Schattenseiten zu überblenden - mit seinem Hilfswerk „Wort und Tat“ viele Bedürftige in der ganzen Welt. Auch in der aktuellen Flüchtlingskrise engagiert sich das Familienunternehmen. Das ist ehrenhaft und sozial.

Doch erst einmal die Arbeiterinnen und Arbeiter so zu entlohnen, dass sie vom Lohn nicht nur ihre Existenz bestreiten, sondern auch für ihr Alter vorsorgen können, wäre der erste soziale Schritt vor dem zweiten. Was in den Produktionsländern immer noch nicht zu Löhnen führt, die Deichmann auch nur geringfügig gefährden würden. Und 80 Cent bis 1,50 Euro mehr pro Schuhpaar bringen weder Konsumenten noch der Firma Probleme. Doch das wäre fair.

"Der ARD-Deichmann-Check in Video und Text"

08.04.2016 12:08
Fairness-Mechanismus: Ob er hilft - wozu er hilft?
Einen „Fairness-Mechanismus“ für Flüchtlinge will die EU-Kommission etablieren. Durch einen Fünf-Punkte-Plan will die EU-Kommission das Asylsystem EU-weit vereinheitlichen. So soll das sogenannten Dublin-Verfahren weiterentwickelt werden. Außerdem soll das EU-Asylbüro Easo die Verteilung überwachen.

Die EU-Kommission reagiert auf die Flüchtlingskrise mit einem Plan zu einem vereinheitlichten Asylsystem. Ohne direkte Auseinandersetzung mit dem Widerstand aus etlichen Mitgliedsländern will die Brüsseler Behörde die Rechte der Asylsuchenden EU-weit stärker harmonisieren und ihre Verteilung über die einzelnen Staaten gerechter regeln.

Europa müsse legale und sichere Wege für Menschen in die EU aufbauen, unabhängig davon, ob sie zum Schutz oder auf der Suche nach Arbeit kämen, sagte Innenkommissar Dimitris Avramopoulos. Auf die konkrete Ausgestaltung verzichtet die EU-Kommission erst einmal, um dem Plan eine Chance zu geben und nicht gleich wieder im Klein-Klein unterzugehen. Stattdessen hat sie zwei "Optionen" vorgelegt.

Der „Fairness-Mechanismus“ bedeutet: Nach den jetzigen Regeln müssen Flüchtlinge in dem EU-Land einen Asylantrag stellen, in dem sie zuerst den Boden der EU betreten haben. Dadurch sind Italien und Griechenland, mitunter auch Spanien, für den Großteil der Bootsflüchtlinge zuständig.

Die zweite Option der EU-Kommission gibt einen Verteilungsschlüssel vor. Ziel ist es, dass Menschen nicht mehr die oft lebensbedrohliche Reise mit Hilfe von Schleppern antreten. Dem widersetzen sich aber bislang eine Reihe von EU-Staaten - darunter osteuropäische Länder oder Frankreich.

Stärken könnte die EU-Kommission zudem die Rolle des ihr unterstellten EU-Asylbüros Easo. So könne das Büro überwachen, ob die Mitgliedsländer die Regeln bei der Überprüfung und Verteilung von Asylsuchenden einhalten und Maßnahmen vorlegen, um mögliche Defizite abzustellen. Auch sollten die Verfahrensregeln so angepasst werden, dass sich Asylsuchende nicht ein Land aussuchen können, in dem sie besonders leicht Bleiberecht und Unterstützung erhalten. Die Kommission mahnte zudem erneut einen stärkeren Datenaustausch an.

Vor allem Griechenland ist von der Flüchtlingskrise betroffen. Dort kamen 2015 mehr als eine Million Flüchtlinge an, die allerdings zum großen Teil weiter Richtung wohlhabenderer EU-Länder wie Deutschland, Österreich oder Schweden zogen.

Außerdem erwägt die EU-Kommission zur Verhinderung von Sekundärbewegungen innerhalb der EU Maßnahmen zusätzlich vorzuschlagen. Insbesondere könnten bestimmte Anrechte an die Registrierung, die Abnahme von Fingerabdrücken und den Verbleib im zugewiesenen EU-Land gebunden werden.

Ob der Plan und die Vorschläge der EU erfolgreich sind, ist fraglich, da der Widerstand einiger EU-Staaten sehr stark und grundsätzlich ist. Der Begriff „Fairness-Mechanismus“ ist etwas unglücklich gewählt, da er die der EU-Bürokratie zugeschriebene Kälte transportiert, die mit Mechanik einhergeht. „Fairness-Reglement“ wäre analog zum Reglement im Sport besser gewesen, wo es darum geht, Gemeinsamkeiten und zugleich Wettbewerb bis hin zur Gegnerschaft zu organisieren, ohne die zusammen kein Sport möglich ist. So wie keine EU ohne Fairness. Ob die EU zu einer solchen Fairness findet, die sie sich in ihrem Grundwertekatalog selbst zuschreibt und der sie sich verpflichtet hat, muss sich erweisen. Der Umgang mit den Flüchtlingen in der gesamten EU ist der humane Prüfstein dafür, der eine Balance einschließt zwischen den Flüchtenden, Ankommenden und den bisherigen Einwohnern der Länder. Fairness heißt auch: Ausgleich von Interessen bei Rücksichtnahme auf die Bedürftigen auf beiden Seiten.

"Der Vorschlag und Plan der EU-Kommission zum Fairness-Mechanismus"

01.04.2016 11:55
Fairness der Chancen
Wenn es um die „Fairness der Chancen“ geht, brauchen wir einen Befähigungsstaat, schreibt Nils Heisterhagen im Debatten-Magazin „The European“. Der Politikwissenschaftler und Volkswirt meint: „Wir haben zu lange keine Debatte mehr über den Staat geführt. Staatsgegnerschaft beherrscht immer noch den Mainstream. Zeit mit einer neuen Idee die Debatte zu erneuern.

Ein Befähigungsstaat ist ein Staat, der sich verpflichtet sieht, alle seine Bürger in den Stand zu setzen, ihr Leben selbstbestimmt führen zu können und auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Der Befähigungsstaat hat ein instrumentelles und ein ideelles und ideales Ziel:

Sein instrumentelles Ziel ist die Befähigung aller Mitbürger ungeachtet ihrer Herkunft zu einer Arbeitskraft, die einen Platz auf dem Arbeitsmarkt finden kann. Ziel dieses Befähigungsstaates ist es, dass kein Jugendlicher mehr die Schule ohne Abschluss verlässt und dass jeder Jugendliche eine Ausbildung erhält. Weiterhin ist es das Ziel dieses Befähigungsstaates, dass die Arbeitsmarktpolitik auf Weiterbildung und Qualifizierung ausgerichtet wird und nicht auf die schnelle Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt – mithin geht es darum das Fördern beim „Fördern und Fordern“ der bisherigen Arbeitsmarktpolitik endlich umfassend, systematisch und ambitioniert ernst zu nehmen.

Ideelles und ideales Ziel des Befähigungsstaates ist vor allem die Fairness der Chancen. Wir brauchen einen Befähigungsstaat, weil jedes Kind vergleichbare Bildungschancen haben soll – egal wo es herkommt. Reichtum darf nicht darüber entscheiden, ob Bildungserfolg stattfindet oder nicht. Ziel des Befähigungsstaates ist die Annäherung an eine vergleichbare substanzielle Freiheit. Der Befähigungsstaat basiert auf einem linken Freiheitsbegriff. Ein linker Freiheitsbegriff – so wie ihn etwa der Philosoph Amartya Sen mit seiner Idee der substanziellen Freiheit vorschlägt – hat ein positives Verständnis vom Staat. Freiheit durch den Staat, auch diese gibt es. Freiheit für alle gibt es nur mit einer Politik, die den Staat als Instrument der Steigerung der individuellen Freiheiten ansieht. Eine Politik gegen den Staat – die sich nur auf Deregulierung und steuerpolitische Privilegien versteift – hingegen sorgt nur für eine substanzielle Freiheit für Wenige. Diese substanzielle Freiheit hat zwar die doppelte sozialstaatliche Dimension der Verwirklichung von sozialer Sicherheit – im Sinne der Freiheit von ökonomischer Not – und die Fairness der Chancen. Aber die Alimentierung des Staates bei Arbeitslosigkeit ist eben nur ein Teil. Der wesentlich wichtigere Teil jenes für die substanzielle Freiheit sorgenden und vorsorgenden Staates, ist die Fairness der Chancen. Und diese Fairness der Chancen wird zunächst und zumeist im Bildungssystem entschieden. Deswegen ist der Befähigungsstaat Beförderer der Freiheit und entscheidendes Instrument zur Verwirklichung des Ideals vergleichbarer substanzieller Freiheit“.

"Vollständiger Essay von Nils Heisterhagen"

"Fähigkeiten schaffen - das Konzept von Martha Nussbaum"

"Der Katalog der menschlichen Grundfähigkeiten"

18.03.2016 14:34
Was die Fairness zwischen Flüchtlingen und Deutschen verlangt
Was müssen wir von Flüchtlingen erwarten dürfen, die wir in unserer Mitte aufnehmen, fragt der syrisch-deutsche Schriftsteller Erzähler Rafik Schamir. im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Und meint:

"Hier erwarte ich Hilfe von jedem, der sich Intellektueller nennen will. Solche Diskussionen müssen wir wieder an uns reißen und nicht den Populisten und Menschenhassern überlassen. Auch Helferinnen und Helfer der Flüchtlinge sollten vielleicht diese Punkte mit ihren Schützlingen diskutieren.

1. Die Zeit ist hier in Deutschland reif für sie, um in Freiheit nachzudenken, selbstkritisch und ohne Angst und Tabu, was sie zu dieser Misere geführt hat. Ich gebe ein paar Stichpunkte: die Sippe, das Erdöl, die Diktatur, die Vermischung von Religion und Politik.

2. Die Flüchtlinge sollten zur Kenntnis nehmen, dass sie im christlichen Abendland aufgenommen worden sind. Und sie werden dieses weder kurz- noch langfristig verändern. Wollen aber sie sich verändern und damit am zivilisatorischen Prozess teilnehmen, dann müssen sie die Sprache dieses Landes ernsthaft lernen.

3. In diesem Land sind Frauen und Männer gleichberechtigt.

4. Die reichen arabischen Länder haben sie im Stich gelassen. Diese Länder spielen sich auf als Hüter des Islams und handeln gegen den Koran und seinen Propheten.

5. Sie sollten wissen, ein Gast in der arabisch-islamischen Welt ist ein edler Gefangener seines Gastgebers. Die bürgerliche Gesellschaft achtet die Würde, auch die des Fremden, daher sind sie keine Gefangenen, sondern Gäste mit beschränkten Rechten. Ein Weiser wirft keinen Stein in den Brunnen, aus dem er trank.

6. Dankbarkeit besteht nicht darin, unterwürfig und schleimig gegenüber den Deutschen zu sein, um insgeheim rassistisch über sie zu denken, sondern Dankbarkeit besteht in erster Linie im Respekt den Helferinnen und Helfern gegenüber. Diese tapferen Frauen und Männer sind ein Garant für die Flüchtlinge gegen die Rassisten und Populisten.

7. Die deutsche Gesellschaft ist eine demokratische, freiheitliche Gesellschaft, die nicht selten schwächer erscheint, als sie ist. Sie ist aber wehrhaft. Die Flüchtlinge sollen sich von keinem Kriminellen zur Dummheit verführen lassen, die Abwesenheit von Militärs und Polizei auf der Straße bedeute Gesetzlosigkeit.

8. In diesem Land gilt ein einziges Gesetz: Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Alle anderen Gesetze der Sippe, der Ehre, der Scharia gelten hier nicht. Wer den Flüchtlingen etwas anderes erzählt, will ihnen nur schaden.

9. Sie sollen nicht heucheln, die Homosexualität existiere in den islamisch-arabischen Ländern nicht. Hier in Deutschland haben die Homosexuellen ihr Recht auf Gleichheit und Normalität im Umgang erkämpft. Nichts wurde ihnen geschenkt.

10. Sie sollen nicht zu gelähmten Zuschauern werden, sondern aktiv am Leben teilnehmen und mit allen demokratischen Kräften dafür kämpfen, dass die Zustände und Ursachen, die zu ihrer Vertreibung führten, verschwinden".

Rafik Schami kam 1971 nach Deutschland, promoviert in Chemie und wurde danach ein bedeutender Schriftsteller. Sein Werk wurde in 29 Sprachen übersetzt. Er stammt aus einer christlich-aramäischen Minderheit in Damaskus, besuchte ein jesuitisches Kloster-Internat im Norden Libanons und studierte in Damaskus Chemie, Mathematik und Physik. Schon mit 19 Jahren hatte er sich der Literatur verschrieben und gründete und leitete 1966 in der Altstadt von Damaskus die Wandzeitung Al-Muntalak (dt. ‚Ausgangspunkt‘), die 1969 verboten wurde.

1970 floh Rafik Schami aus seinem Heimatland Syrien zunächst in den Libanon, zum einen, um dem Militärdienst zu entgehen, zum anderen, weil er wegen der Zensur nach eigenen Angaben „zu ersticken“ drohte. 1971 wanderte er in die Bundesrepublik Deutschland aus. Neben seinem Studium nahm er verschiedene Aushilfsjobs in Fabriken und als Aushilfskraft in Kaufhäusern, Restaurants und auf Baustellen an. Er veröffentlichte zahlreiche Texte in Zeitschriften und Anthologien, zunächst in arabischer, seit 1977 auch in deutscher Sprache. 1978 erschien mit Andere Märchen sein erstes Buch in deutscher Sprache. 1980 war er Mitbegründer der Literaturgruppe „Südwind“ und des PoLiKunst-Vereins (= Polynationaler Literatur- und Kunstverein). Seit 1982 lebt er als freier Schriftsteller in der Pfalz. Von 1980 bis 1985 war Rafik Schami Mitherausgeber und Autor der Reihe „Südwind-Gastarbeiterdeutsch“ und der Reihe „Südwind-Literatur“ (insgesamt 13 Bände).

Rafik Schami gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Für sein Werk hat er zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten. Sein Erfolg gründet sich nicht zuletzt auf seine zahlreichen Lesungen, bei denen er sein Talent zum freien Fabulieren entfaltet. Der Verkauf des einmillionsten Exemplars der Taschenbücher Schamis bei dtv im Januar 2005 zeugt von seiner gleichbleibend großen Beliebtheit beim deutschen Publikum.

Rafik Schami engagiert sich seit vielen Jahren für die Aussöhnung zwischen Palästinensern und Israelis und versucht bei vielen Gelegenheiten, für diese Aufgabe zu werben, so z. B. auf Kongressen, in seinem umfangreichen essayistischen Werk und nicht zuletzt als Herausgeber der Aufsatzsammlung Angst im eigenen Land (2001), in der Araber wie Israelis zu Wort kommen und zum Israel-Palästina-Konflikt Stellung nehmen. Schami wurde während der Frankfurter Buchmesse 2004 von staatlich loyalen Autoren aus der arabischen Welt scharf kritisiert. Anlass dazu waren Schamis Aussagen über die Situation von Autoren in den arabischen Ländern in einem stern-Interview.

Schami hat die Staatsbürgerschaften von Syrien und Deutschland. 1990 lernte er die Zeichnerin und Autorin Root Leeb kennen, mit der er seit 1991 verheiratet ist und einen Sohn hat. Root Leeb illustrierte eine große Anzahl seiner Bücher, gestaltete die Titelbilder aller bei dtv erschienenen Bücher Schamis und gab ihnen so ein unverwechselbares Gesicht. Der Sohn, Emil Fadel (* 1992), wurde mit dem Gewinn des Martha-Saalfeld-Förderpreises 2014 erstmals als Schriftsteller einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

2010 erhielt Schami die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel. Seine Vorlesungen beschäftigen sich mit der Erzählkunst. Bisherige Inhaber waren unter anderen die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sowie Christoph Hein und Klaus Harprecht.

"Das FR-Interview"

"Rafik Schami in Wikipedia"

"dtv-Website von Rafik Schami"

01.03.2016 11:52
Sind Mitgefühl und Kooperation der neue Trend?
Der Egoismus hat ausgedient. Nicht flächendeckend, nicht international, nicht national, nicht individuell. Aber er hat seinen Höhepunkt und vor allem seine maximale Überzeugungskraft erreicht. Jetzt kommt der Kipp-Punkt. Die destruktiven Folgen des staatlichen, wirtschaftlichen und persönlichen Egoismus sind nicht nur zu erkennen, sondern auch zu spüren: weltweite Fluchtbewegungen, desaströse Klimawandeleffekte, extreme Vermögenssteigerung bei Reichen und verbreitete Verarmung der Armen, Missachtung und Herabwürdigung von Bedürftigen und Abgehängten. Ist gegen den Egoismus und seine Auswirkungen kein Kraut gewachsen, weil er zur menschlichen Natur gehört?

„Immer mehr Wissenschaftler stellen die pessimistische Sichtweise der menschlichen Natur infrage. Psychologen, Neurowissenschaftler und Primatenforscher haben herausgefunden, dass Altruismus und die Fähigkeit zur Kooperation durchaus grundlegende, angeborene Wesenszüge des Menschen sind“, schreibt der TV-Sender Arte in seiner Ankündigung einer Dokumentation. Sie läuft unter dem Titel „Die Revolution der Selbstlosen“ in der Mediathek von Arte und am Freitag, den 4.3., um 9:55 Uhr, 91 Minuten auf Arte.de (z.B. zum Aufzeichnen).

Die Arte-Redaktion stellt dazu fest: „Selbstbezogenheit, Materialismus und Geldgier beherrschen unsere moderne Gesellschaft. Aber gehört es nicht vielleicht doch zur menschlichen Natur, selbstlos zu sein, also uneigennützig im Interesse von anderen zu handeln? Seit rund 20 Jahren widerlegen Forschungsergebnisse - wie etwa die des Katastrophenforschungszentrums von Delaware - die These von einem universellen Egoismus. Psychologen, Neurowissenschaftler und Primatenforscher fanden heraus, dass sogenanntes prosoziales Verhalten wie Mitgefühl, Altruismus, Hilfsbereitschaft und die Fähigkeit zur Kooperation zu den fundamentalen Eigenschaften des Menschen zählen.

Sylvie Gilman und Thierry de Lestrade haben Wissenschaftler bei ihren Forschungsarbeiten begleitet: Ausgangspunkt sind entwicklungspsychologische Studien, die bereits im Babyalter ansetzen und das Bild eines Menschen zeigen, der hochgradig kooperativ ist: Nach Studien der Universität Yale verfügen Babys bereits in den ersten Lebensmonaten über ein moralisches Urteilsvermögen, eine Art Gerechtigkeitssinn und zeigen spontan altruistische Verhaltensweisen.

Angesichts der weltweiten Herausforderungen, die nach radikalen Veränderungen rufen, stellt sich die Frage, ob und wie diese positiven Charaktereigenschaften des Menschen gefördert werden können. Könnte man Selbstlosigkeit womöglich sogar üben? Unermüdlicher Botschafter dieser Überlegung ist der studierte Molekularbiologe Matthieu Ricard. Der buddhistische Mönch studiert mit Hirnforschern die Wirkung von Meditation auf das Gehirn - mit Erfolg. Zahlreiche Experimente zum Geistestraining weisen nach, dass die individuelle Wandlung möglich ist. Meditationsübungen an Schulen in Problemvierteln zeigen bereits überraschende Erfolge im Sozialverhalten und im Kampf gegen Aggressionen. Längerfristig besteht das Ziel darin, eine breitere Bewegung auch über den Bildungs- oder Gesundheitssektor hinaus anzustoßen.

Manche Ökonomen setzen große Hoffnungen in die Wandlungsfähigkeit unserer Gesellschaft. So haben sich Wirtschaftsexperten auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ein neues Thema auf die Fahne geschrieben: Achtsamkeit. Seinen Geist der Güte zu öffnen und sich in humanitären Projekten zu engagieren, ist aus ihrer Sicht eine Win-win-Situation, die auch für die moderne Wirtschaft keine Utopie bleiben soll“.

"Die Arte-Sendung zum Thema"

"Das Arte-Dossier zum Thema"

"Das Buch 'Fairness' zum Thema mit Grundlagen, Analysen und Anwendungshinweisen"

16.02.2016 15:01
Faire Versöhnung zwischen Alnatura und dm?
Der Streit zwischen dm-Gründer Götz Werner sowie Alnatura-Gründer und Geschäftsführer Götz Rehn, über den in diesem Blog berichtet wurde, soll beigelegt sein. Beigelegt heißt, beide haben sich durch Vermittlung eines Dritten darauf geeinigt, ihre Anwälte anzuweisen, den Streit gütlich beizulegen. Das bestätigte jedenfalls Götz Werner auf Nachfragen der WirtschaftsWoche.

Der Streit war ausgebrochen, weil dm fast die Hälfte der Alnatura-Produkte ausgelistet hatte und Götz Werner die Markenrechte von Alnatura gerichtlich erstreiten wollte. Er war der Auffassung, dass Alnatura erst durch Götz Werner und dm groß und erfolgreich geworden ist.

Die Mitteilung zur Streitbeilegung, über die das Anthroposophie-Zeitschrift „Info3“ berichtet, kam handschriftlich und umfasst nur drei Sätze. „Auf Initiative und Vermittlung von Sekem-Gründer Dr. Ibrahim Abouleish haben sich die Gründer von dm und Alnatura Götz Werner und Götz Rehn versöhnt. Auf dieser Grundlage werden die Anwälte beauftragt, die Auseinandersetzungen vergleichsweise beizulegen“, heißt es laut „Info3“ in dem Papier vom 15. Februar.

Götz Werner ließ die Meldung gegenüber der WirtschaftsWoche und dem Fachblatt "Lebensmittel-Zeitung" bestätigen. Details zu der Einigung seien allerdings noch nicht bekannt, sagte der dm-Sprecher. Ob damit ein Großkonflikt endet, der die Bio-Branche seit Monaten in Atem hält, ist nicht absehbar. Bekanntlich schläft der Teufel im Detail. Da die beiden Unternehmer verschwägert sind, dürfte er Konflikt nicht nur sachliche, finanzielle und strategische Aspekte haben.

"Zu Geschichte und Hintergrund des Streits zwischen dm-Gründer Werner und Alnatura-Geschäftsführer Rehn"

"WirtschaftsWoche zur Streitbeilegung"

"Spiegel zur Streitbeilegung von dm und Alnatura"

"dm im Fairness-Check"

"Alnatura im Fairness-Check"

08.02.2016 16:04
Wir trauern um Roger Willemsen: Unser Unterstützer der ersten Stunde
Roger Willemsen ist gestern, am 7. Februar 2016, an Krebs gestorben. Wir verlieren einen wunderbaren Menschen und Unterstützer für die Fairness-Stiftung.

2001 moderierte Roger Willemsen unsere erste Feier der Verleihung des Deutschen Fairness Preises. Preisträger war Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter, der 2011 mit 88 Jahren starb. Und Willemsen moderierte unser erstes Internationales Fairness-Forum 2001 zum Thema „Zu welchem Preis? Licht- und Schattenseiten von Führungspositionen in Wirtschaft und Gesellschaft“. Dank seines fulminanten Horizonts, seiner herausragenden Moderationsfähigkeit und seiner brillanten Eloquenz hat Roger Willemsen zum Auftakt unserer großen Veranstaltungen beigetragen und damit 15 Jahre erfolgreiche Preisverleihungen und Fairness-Foren eröffnet.

In der Erstausgabe des Fairness-Reports 2001 gab Willemsen ein Aufsehen erregendes Interview zu „Wie die Quote die Fairness erschlägt“ (siehe Link unten). Er zeigte darin, in welcher Spannung Fairness und Erfolg in Massenmedien stehen. Was heute durch Facebook und Twitter noch deutlicher wird als seinerzeit allein durch TV und Presse. Von Spannung kann schon fast keine Rede mehr sein. Wer die Hasstiraden und Attacken in den sogenannten Social Media verfolgt, wird nicht umhin können, die Bedeutung von Fairness in den Massenmedien skeptisch zu sehen. Es wäre ein tolles Vermächtnis, mehr Fairness-Bewusstsein in solchen Medien voranzubringen und Fairness wirksam zu machen.

Dr. Roger Willemsen war in zahlreichen Hilfsorganisationen tätig, z. B. bei Amnesty International und Terre des Femmes. Zugleich arbeitete er als Botschafter der von CARE International und UN-Flüchtlingshilfe gemeinsam verwirklichten Afghanistan-Kampagne "Helfen steckt an". Seit dem Frühjahr 2006 war Roger Willemsen Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins e. V., der seinen Sitz in Deutschland hat und für den er sich persönlich sehr engagierte. 2006 erschien sein Buch „Hier spricht Guantánamo“, in dem er ehemalige Guantanamo-Häftlinge über ihre Haftumstände interviewt. Willemsen hat die Aktion „Deine Stimme gegen Armut“ unterstützt, war Pate des Kinderhospizes Bethel für sterbende Kinder und Mitglied der globalisierungskritischen Vereinigung Attac.

Wir verlieren einen vielseitig talentierten, sozial engagierten und künstlerisch-empfindsamen Menschen, der uns etwas zu sagen und der Welt Wichtiges zu deuten hatte. Er sprach uns Mut zu, die Fairness-Stiftung und das Fairness-Anliegen mit langem Atem voranzubringen. Er gehörte zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen. Roger Willemsen war am 15. August letzten Jahres 60 Jahre alt geworden. Kurz danach hatte er alle Verpflichtungen und Veranstaltungen wegen einer Krebserkrankung abgesagt und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wir drücken seinen Angehörigen unser Mitgefühl aus.

"Roger Willemsen moderiert die Verleihung des Deutschen Fairness Preises an Horst-Eberhard Richter"

"Roger Willemsen moderiert das Internationale Fairness-Forum"

"Roger Willemsen über die Quote, die die Fairness erschlägt"

"Roger Willemsen im Rundfunk-Gespräch über Gott, den Papst und soziales Engagement: „Ich würde gerne glauben“


04.02.2016 11:50
Streit zwischen Rewe, Edeka und Minister Gabriel: was wäre fair?
Rewe klagt. Geht Kaiser’s Tengelmann an Edeka? Nicht, wenn eine Klage von Rewe dagegen vor dem OLG Düsseldorf im Beschwerdeverfahren Erfolg hätte. Denn Rewe findet die Situation krass unfair. Mit einer Ministererlaubnis hatte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel Edeka die Übernahme von 16.000 Kaiser's-Tengelmann-Supermärkten erlaubt, nachdem sie das Kartellamt untersagt hatte. Aber nur unter Bedingungen: Edeka müsse garantieren, dass die rund 16.000 Arbeitsplätze – viele davon Teilzeit - bei Kaiser's Tengelmann mindestens für fünf Jahre überwiegend sicher seien und dass die Mitarbeiter tariflich bezahlt werden. Das solle durch verbindliche Tarifverträge abgesichert werden. Edeka ist dazu bereit. Rewe war mit seinem Angebot beim Minister abgeblitzt.

Spielt das Gemeinwohl überhaupt eine Rolle?

Eine Ministererlaubnis kann laut Gesetz erteilt werden, wenn es so starke Gemeinwohlgründe gibt, dass diese schwerer wiegen als die negativen Wettbewerbseffekte, die durch eine Fusion zu erwarten wären. Allerdings hat die Monopolkommission erklärt, dass das Arbeitsplatzargument nicht zieht. Denn die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland nach wie vor sehr niedrig.

Außerdem würde es nicht zu einer regionalen Ballung von Entlassungen kommen. Schließlich würden die Konsumenten anderswo ihre Lebensmittel einkaufen, so dass dort zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigt würden. Die Arbeitsplatzverluste wären also relativ gering, sollten die Filialen von Kaiser's Tengelmann nicht an Edeka gehen. Der ohnehin schon der größte Supermarktbetreiber in Deutschland ist.

Konzentrationsprozess schreitet voran

Es ist in Zukunft ohnehin damit zu rechnen, dass es zu weiterer Konzentration und Fusion im Lebensmittelhandel kommen wird. Der wesentliche Wettbewerbsdruck kommt von Discountern wie Lidl und Aldi. Er verstärkt sich noch, weil sie immer mehr Markenartikel ins Sortiment aufnehmen, was vor allem preissensible Kunden anlockt. Hinzu kommt in Großstädten ein zunehmender Wettbewerbsdruck durch Bio-Supermärkte, die sich stark entwickeln und qualitätsbewusste Verbraucher anziehen.

Überlegenes Genossenschaftsmodell

Die Filialen von Kaiser's Tengelmann sind im Lebensmittelhandel ohnehin wenig bedeutend. Die Angebote sind meist teurer als bei der Konkurrenz bei Edeka und Rewe; die Märkte machen keinen attraktiven Eindruck und wohl aus deshalb schrumpften seit einiger Zeit die Marktanteile von Kaiser's Tengelmann. Die Kette ist seit Jahren defizitär. Das Genossenschaftsmodell von Edeka und Rewe ist einer zentralen Steuerung der Supermärkte wie bei Kaiser's Tengelmann deutlich überlegen.

Rewe befürchtet, dass Edeka die Supermärkte von Kaiser's Tengelmann deutlich aufpeppt und mit dem größeren Spielraum für die genossenschaftlichen Filialleiter ähnlich wie bei Rewe mehr Flächenabdeckung gewinnt. Dadurch dürfte Rewe unter erheblichen Konkurrenzdruck geraten. Das würde allerdings auch passieren, wenn Rewe die Märkte übernehmen könnte.

Was wäre fair und gemeinwohlorientiert?

Was wäre in dieser Situation eine faire Ministerentscheidung gewesen? Eine, die wirklich am Gemeinwohl orientiert ist, also von den Bürgern und Verbrauchern her denken. Das heißt: Die Supermärkte von Kaiser's Tengelmann werden orts- und stadtteilspezifisch aufgeteilt zwischen Edeka und Rewe, ggf. kommen auch noch andere Ketten zum Zug. Dabei gelten als Prinzipien: Vermeidung von Supermarkt-Ballung (keine Supermarkt- und Discounter-Ghettos), Konkurrenz der großen Anbieter bei in etwa gleichgroßem Einkommensvolumen der Bürger vor Ort, gute Erreichbarkeit der Märkte für die Verbraucher zu Fuß und mit dem Rad, weniger LKW- und PKW-Verkehr in der Umgebung. Das Verfahren hätte von einer Kommission überwacht werden können, die auch befugt wäre, ein Schiedsurteil zu sprechen. Und nicht zu vergessen: einer Monopolisierung im Lebensmittelhandel vorbeugen.

"Edeka im Fairness-Check"

"Rewe im Fairness-Check"

"Kaiser's im Fairness-Check"

"Ex-Vorsitzender der Monopolkommission Prof. Justus Haucap zur Ministererlaubnis"

"Rewe will gegen Fusion klagen"

01.02.2016 12:33
Trauer um Fairness-Vorbild Graf von Faber-Castell
Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell ist am 21.1.2016 in Houston (USA) nach längerem Krebsleiden gestorben. Der 1941 in Bamberg geborene Vorstandsvorsitzende des internationalen Unternehmens Faber-Castell und Träger des Deutschen Fairness Preises 2007 war eine überzeugende Unternehmerpersönlichkeit in achter Generation des Familienunternehmens von 1761. Mit einer Produktion von ca. zwei Milliarden holzgefassten Stiften pro Jahr ist Faber-Castell der weltgrößte Hersteller von Bunt- und Bleistiften. Das Unternehmen beschäftigt rund 7000 Mitarbeiter in 14 Fertigungsstätten und 23 Vertriebsgesellschaften und hat in über 120 Ländern Handelsvertretungen. Dazu gehört die Faber-Castell-Gesellschaft im brasilianischen São Carlos, die mit einer Produktion von 1,5 Milliarden Stiften pro Jahr die größte Farbstiftfabrik der Welt ist. Anfang der 1990er Jahre entwickelte Faber-Castell die umweltfreundliche Wasserlacktechnologie für Blei- und Farbstifte. 1992 wurde die weltweit erste Produktionsanlage für umweltfreundliche Blei- und Farbstifte in Betrieb genommen. Seit 2000 verpflichtet sich das Unternehmen freiwillig mit einer eigenen Charta, in allen Niederlassungen weltweit die empfohlenen Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen der ILO einzuhalten.

Wie Geschäftserfolg, Nachhaltigkeit und Fairness zusammen gehören

Auf der Firmenwebsite schrieb Graf von Faber-Castell: „Ich halte nichts von kurzfristigem Profitstreben. Die Fähigkeit, nachhaltig ertragreich zu sein, ist für ein Unternehmen, das langfristig erfolgreich sein will, lebensnotwendig. Für mich ist es selbstverständlich, als Unternehmer im doppelten Wortsinn mit Anstand „anständig“ Geld zu verdienen. Der Anstand, der auf Werten wie sozialer und ökologischer Verantwortung, Vertrauen, Ehrlichkeit und fairem Umgang miteinander basiert, ist durchaus mit einem gesunden Streben nach Ertragskraft vereinbar, denn nur ertragreiche Unternehmen können sich soziale und ökologische Leistungen auch erlauben. Unsere gesunde wirtschaftliche Lage und die Anerkennung durch unsere Geschäftspartner sagen mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Umweltaspekte treten auch mit einem einzigartigen Forstprojekt für Holzstift-Brettchen in Brasilien sowie einer Produktionsstätte für Brettchen und Stifte aus ökologisch zertifizierten Holzressourcen in Costa Rica zunehmend in den Vordergrund unternehmerischen Denkens.

Warum Graf von Faber-Castell den Deutschen Fairness Preis bekam

Zu Verleihung des Deutschen Fairness Preises an Graf von Faber-Castell erklärt die Fairness-Stiftung in der Preisurkunde: „Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell unternimmt enorme Anstrengungen, um in einem partizipativen Prozess Mitarbeiter in aller Welt mit Kompetenz, mit Marken- und Kundenbewusstsein sowie mit kommunikativen Fähigkeiten auszustatten. Wer wie die Faber-Castell AG weltweit eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen und der Marke, starke Kundenorientierung und permanente Innovationsfreude bei den Mitarbeitern auslösen und erhalten will, kommt gar nicht darum herum, für eine faire Unternehmens- und Personalführung zu sorgen. Graf von Faber-Castell steht persönlich selbst ein für eine solche Orientierung und Vorgehensweise. Dabei bindet er sich nach wie vor in alle wesentlichen Prozesse selbst ein, interessiert sich für Details und die großen Linien und ist selbst durch nahezu ständiges weltweites Reisen die verkörperte Verbindlichkeit in seinem Unternehmen zwischen allen Stakeholdern. Wer sich so menschenzugewandt und zukunftsorientiert über eine lange Zeit einsetzt, das vorbildliche Sozialengagement seiner Vorfahren in moderne faire und nachhaltige Wertsetzungen für sein Unternehmen übersetzt und lebt, den geschäftlichen Erfolg und die eigene Marke an eine faire, soziale und ökologische Prägung des Unternehmens knüpft, der hat den Deutschen Fairness Preis verdient. Daher ist Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell der würdige Träger des Deutschen Fairness Preises.“

Die Fairness-Stiftung trauert um eine große Unternehmer- und Führungspersönlichkeit, für die Fairness von zentraler und umfassender Bedeutung in der alltäglichen und langfristigen Praxis war. Und verneigt sich in Respekt vor seinem Lebenswerk.

Eine Gedenk- und Traueranzeige der Fairness-Stiftung erschien in Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine und Frankfurter Neue Presse.

"Reportage zur Verleihung des Deutschen Fairness Preises an Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell"

"Faber-Castell"

"Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell zur Nachhaltigkeit und Fairness"

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