Buchtipps

Stichwort:
Führungsethik

Zur Führungskompetenz von Menschen in leitender Verantwortung gehört neben fachlichen, methodischen, sozialen und kommunikativen Fähigkeiten auch die ethische Kompetenz. Die Fähigkeit, ethisch begründete Entscheidungen zu treffen und daraufhin zu handeln, ist Ausdruck von Persönlichkeit, ohne die weder Leitungshandeln noch Menschenführung möglich ist. Strukturelle Unmoral von Institutionen, Firmen und Organisationen, die Unmoral in der Politik kann nur durch menschliche Eingriffe überwunden werden. Insofern ist die Rede von Unternehmenskultur, von politischer Moral und von Wirtschaftsethik letztlich eine Rede über die ethische Kompetenz menschlicher Subjekte, die Strukturen in Gang setzen oder belassen, wie sie sind. Für viele in Wirtschaft und Politik sind Wirtschaft und Ethik unversöhnlich, schließen sich ökonomischer Erfolg und Ethik, gutes Management und Moral gegenseitig aus.

Auf diesen scheinbaren Grundwiderspruch geht der Philosoph und Theologe Bernhard Grimm in seinem Buch "Ethik des Führens" ein. Der ehemalige Manager und heutige Unternehmensberater bearbeitet facettenreich die oft damit verbundenen und geglaubten Ansichten über Erfolg und Verantwortung. Dabei wird eine Fülle solider philosophischer, psychologischer und spiritueller Informationen wie auch wirtschaftlicher Praxiserfahrung so eingebracht, daß vor allem Führungskräfte, die wenig Vorwissen, aber eine große Bereitschaft zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung mitbringen, eine wertvolle Orientierung erhalten. Grimm bezieht sich grundsätzlich und häufig auf Veröffentlichungen des Philosophen, Jesuiten und Managerberater Rupert Lay. Im von Rolf Dahlem herausgegebenen "Handbuch des Führungskräfte-Managements" stellt Lay die Beziehung zwischen "Moral und Macht von Führungskräften" dar. Eine ethisch orientiere Moral gilt nach Lay dann als erreicht, wenn persönlich oder kollektiv entschieden worden ist, welche höchste Norm Sozialverträglichkeit von Handlungen und Organisationen sichern soll. Moral aus Gewissensbissen oder öffentlicher Scham ist dafür nicht ausreichend. Eine höchste Norm kann das von Lay entwickelte Biophiliepostulat sein. Sie lautet "Handle und entscheide Dich so, daß Du in Deinem Entscheiden und Handeln eigenes und fremdes personales Leben eher mehrst, denn minderst". Ausführlich geht Lay auf dieses Postulat im Zusammenhang mit einer Darstellung wichtiger Ethikansätze und Grundbegriffe in seinem Buch "Ethik für Manager" ein, das gerade in einer Taschenbuchausgabe erschienen ist. Eine ausdrücklich christliche Wertorientierung vermittelt der Philosoph und Theologe Baldur Kirchner in seinem orginellen Buch "Benedikt für Manager". Zu den geistigen Grundlagen des Führens zählt der erfahrene Seminarleiter aus spirituelle und ethische Fundamente. Die 1500 Jahre alte Regel des Ordensgründers Benedikt von Nursia wird so vergegenwärtigt, daß sie Impulse für eine aktuelle Selbstbesinnung und Neubestimmung geben kann. Allerdings nimmt das Buch den Lesern nicht die Mühe ab, die benediktinischen Vorstellungen mit den heutigen Rahmenbedingungen und Widersprüchen wirtschaftlichen Handelns abzugleichen. Den darin enthaltenen "Chancen verantwortlichen Handelns" geht der Band "Ethik in der Wirtschaft" nach. Doch bleiben die Beiträge, von denen eine deutlichere Zuspitzung in Fragen der Führungs- und Wirtschaftsethik zu erwarten wäre, passagenweise sehr vage. Sollen und können werden zwar als Grundtypen menschlichen Verhaltens aufgezeigt, aber nicht in der Bearbeitung realer Situationen konkretisiert. Unternehmensethik und ethische Kompetenz werden angesprochen, aber dann werden eher schematische Begriffsklärungen und ein Typ von Unternehmensdialog angeboten. Die aus einer universitären Seminarreihe hervorgegangenen Beiträge sagen alle nichts Falsches, aber sie verbleiben im Grundsatz, von wo aus die Chancen verantwortlichen Handelns nur ungefähr und kaum typisch für den ökonomischen Bereich bestimmt werden können.

Sobald nicht nur prinzipiell und begrifflich über ethisches Führungshandeln geschrieben, sondern auch konkret bestimmte Werte und Maßstäbe vorgeschlagen und in einer konkreten Kritik angewendet werden, ist von "Political Correctness" die Rede, die Michael Bonder im gleichnamigen Buch als Gespenst, das um die Welt geht, entlarven will. Die moralische Entrüstung und Entlarvung unmoralischer Zustände und Handlungen ist für Minderheiten wichtig, wenn sie die ihnen zustehenden Rechte einklagen und Verantwortlichen den öffentlichen Spiegel vorhalten wollen. Bonder glaubt, dieses Verfahren hätten sich inzwischen lautstarke Mehrheiten unter den Nagel gerissen, um Minderheiten einzuschüchtern und um anderen die eigenen Wertvorstellungen öffentlich aufzuzwingen. Der verdienstvolle linksliberale Kommunitarist und Soziologe Amatai Etzioni grenzt sich denn auch in seinem Buch "Die Entdeckung des Gemeinwesen" deutlich von jeglicher "Moralpolizei" und puritanischen Umtrieben ab, die Fehler, moralisches Versagen und Irrtümer zum Anlaß nehmen, Hexenjagden zu veranstalten und Menschen zu ruinieren. Doch trotz vorkommender Übertreibungen glaubt er, daß insgesamt die öffentliche Moral noch viel zu schwach im Vergleich zur Macht der Korruption und zur Rolle der Führungskräfte in der Gesellschaft sei. Vor allem müsse die Verfilzung der Parlamente mit den Lobbys aufgedeckt und auch zwischen den Wahlen mehr Kontrolle über das lobbyorientierte Verhalten der Politiker ausgeübt werden. Zur verantwortlichen Führungsverhalten gehört in der Politik wie in der Wirtschaft das Gegenüber, vor dem das Tun zu verantworten ist. Da ist das Volk in öffentlicher Kontrolle und Diskussion, nicht die eine oder andere Interessengruppe. Führungsethik verbindet, ist sie ethisch begründet, Einzel- und Gemeinwohlinteressen. Das scheint im Moment vielen entfallen zu sein.

Dr. Norbert Copray


Rezensierte Bcher:

Michael Bonder: Political Correctness. Eichborn. 159 Seiten.

Rolf Dahlems (Hg.): Handbuch des Führungskräfte-Managements. Beck. 712 Seiten.

Bernhard A. Grimm: Ethik des Führens. Langen Müller/Herbig. 347 Seiten.

Amitai Etzioni: Die Entdeckung des Gemeinwesens. Schäffer-Poeschel. 334 Seiten.

Baldur Kirchner: Benedikt für Manager. Gabler. 215 Seiten.

Rupert Lay: Ethik für Manager.Econ 26237-X.

Hans Lenk u.a.: Ethik in der Wirtschaft. Kohlhammer. 178 Seiten.