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Offenbleiben für Transzendenz

Stichwort
Gott

Wer die Kirchenkrise nur auf gesellschaftliche, institutionelle und moralische Gründe zurückführt, greift zu kurz. Die Kirchenkrise ist Symptom einer Glaubenskrise, die die Inhalte des Glaubens und ihre Ausdrucksformen betrifft. Im Zentrum der Glaubenskrise geht es um die Gottesfrage. Wenn mittlerweile weniger als zehn Prozent der jungen Menschen noch etwas mit einem personalen Gottesbild trotz Religionsunterricht und Katechese anfangen können, wenn auch bei Erwachsenen diese Überzeugung massiv an Boden verloren hat, dann geht es um den Kern des christlich-jüdischen Glaubens. Wie der Gelehrte Hubertus Mynarek in seinem Buch >Das Gericht der Philosophen< zeigt, haben die Philosophen Ernst Bloch und Karl Jaspers sowie der Psychoanalytiker Erich Fromm diese Entwicklung früh vorweggenommen. Alle drei lehnen einen persönlichen Gott ab. Wichtig ist ihnen jedoch die Transzendenz des Menschen: seine Notwendigkeit Fähigkeit, sich selbst auf Zukunft hin zu überschreiten. Aber kann solche >Transzendenz ohne Transzendenz< gelingen? Theologen, die auch Psychotherapeuten sind, können teilweise verständlich machen, wie es zur Ablehnung des personalen Gottesbildes gekommen ist.

So beschreibt Lorenz Zellner in seinem Buch >Gottestherapie< (1995), wie er und andere Menschen mit dem kirchlichen Gottesbild von einem strengen, rachesüchtigen, opferfordernden Patriarchen ringen mußten, um mit einer lebensbeschädigenden Gottesbildneurose fertig zu werden und sich als lebensförderliche Quelle ein heilsames Gottesbild erschließen mußten. Schwerpunkt Zellners sind die therapeutischen Vorschläge und geführten Meditationen, die Gottesbilder klären helfen. Leider gehen die Begriffe >Gott< und >Gottesbild< durcheinander und es wäre präziser, von einer Gottesbildtherapie zu sprechen. Speziell mit dem das christliche Gottesbild oft bescherrschenden Vateraspekt befaßt sich Helmut Jaschke in seinem Buch >Gott Vater?<. Auch hier geht es um die >Desymbolisierung< eines eigentlich heilsamen Symbols. Viele Menschen haben so problematische Erfahrungen mit dem abwesenden oder autoritären Vater gemacht, daß es in Verbindung mit der kirchlichen Lehre von Gott und der Gottesebenbildlichkeit der Eltern zu verheerenden Bewertungen des Symbols >Gott< und >Gottvater< kam. So verlor das Symbol seine >Fähigkeit, den Menschen zum Transzendenten hin zu öffnen<. Jaschke weist neue Wege zum Vater-Symbol und zu einem hilfreichen Verständnis Gottes in Anlehnung Jesu Botschaft vom >Vater unser<. Es geht um ein Gottessymbol, das nicht Willkür mit Männlichkeit und Männlichkeit mit Väterlichkeit verwechselt. Ein väterlicher Gott muß nicht maskulin, also androzentrisch gedacht wird, wie die Theologieprofessorin Helen Schüngel-Straumann in ihrem Buch >Denn Gott bin ich, und kein Mann< eindrucksvoll nachweist. Intensiv und ergebnisreich durchdringt sie die Gottesbilder des Ersten Testaments, erkundet die >mütterlichen< Aspekte der Gottesbilder ebenso wie die Neigung neutestamentlicher Autoren, die Fürsorge und Zuwendung Gottes als Väterlichkeit zu interpretierten und diese dann seiner Männlichkeit unterzuordnen, um daraus Vorrang und Ebenbildlichkeit des Mannes abzuleiten. Hier wird sichtbar, daß Zölibat, Kirchenstruktur und Kirchenmoral letztlich Fragen des Gottesbildes sind. Schüngel-Straumanns zeigt, daß Gottes Mütter- und Väterlichkeit ins Gottesbild zu integrieren sind so wie im Konzept von der göttlichen Weisheit und Kraft Barmherzigkeit, Vernunft und tiefe Erkenntnisfähigkeit nicht androzentrisch vereint sind. Gottes Barmherzigkeit wird vor allem in Beziehung zu Leidenden und Armen als Gottes Solidarität erfahrbar. Nicht das Leid, das Kreuz erlöst, sondern Befreiung von Leid und Kreuz bringt die Solidarität der anderen, der Gemeinschaft, die sich dadurch in die Gottesnähe der Leidenden einbringen.

Sehr dicht und eindringlich schreibt davon die Theologin und Psychologin Hadwig Müller in ihrem Buch >Leidenschaft: Stärke der Armen - Stärke Gottes< aufgrund einer mehr als zehnjährigen Arbeit in Brasilien. Aber auch in der Situation der gottgläubigen Armen gibt es die Klage einer Frau >Ich werde Gott um nichts mehr bitten. So viele Male habe ich mich an ihn gewandt. Mein Kreuz wird immer schwerer. Ich höre jetzt auf zu beten...<. Darf man so zu und über Gott sprechen?, fragt die brasilianischen Gemeinde erschrocken. Die Gottesfrage ist keine abschließbare, auch keine rein theologische, sondern eine existentielle Frage, mit der während des ganzen Lebens und in ständiger Konfrontation mit neuen Erfahrungen zu ringen ist. Ob und wann dabei ein personales oder ein anderes Gottesbild entsteht, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, daß sich Menschen durch die Gottesfrage zum Transzendenten hin öffnen.

Dr. Norbert Copray


Rezensierte Bücher:

Helmut Jaschke: Gott Vater? Grünewald. 199 Seiten.

Hadwig Müller: Leidenschaft: Stärke der Armen - Stärke Gottes. Grünewald. 324 Seiten.

Hubertus Mynarek: Das Gericht der Philosophen. Blaue Eule. 250 Seiten.

Helen Schüngel-Straumann: Denn Gott bin ich, und kein Mann. Grünewald. 142 Seiten.

Lorenz Zellner: Gottestherapie. Kösel. 224 Seiten.