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Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz

Stichwort:
Gott

Angesichts der grausamen Terrorattacke globaler Terroristen auf die Symbole des Weltkapitals und der Militärweltmacht, angesichts der drohenden Eskalation kriegerischer Auseinandersetzungen und von Terrorakten ringen Menschen mit Schock und Depression, mit Rache und Empörung. Gläubige und Nichtglaubende sind fassungslos. Die Kirchen wurden schlagartig voll. Doch was die einen zu neuer Teilhabe an religiösen Institutionen drängte, um mit religiösen Ritualen und dem Gottesglauben anderer die eigene Angst und Verwundbarkeit bewältigen zu können, brachte die anderen zur Klage gegen Gott und zur Verneinung Gottes überhaupt. Die Erschütterung geht bis ins Mark. Viele ringen mit ihren Gefühlen, mit ihrem Glauben. "Die dunklen Seiten Gottes", mit denen sich Walter Dietrich und Christian Link in ihrem Buch befassen, sind neu ins Bewussteins gerückt. "Wer sehenden Auges an Gottes Allmacht festhalten, sie verteidigen wollte, müsste ihm Dinge zutrauen, dass einem der Atem stockt", notieren die Autoren im Jahre 2000. "Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz", hat Georg Büchner geschrieben. Doch es ist gerade das Böse, das sich durch den Schmerz unserem Bewusstsein aufdrängt, das dem Gläubigen wie Ungläubigen gleichermaßen zu schaffen macht. Dietrich und Link haben ein dichtes, aber sehr gut lesbares und umsichtiges Buch geschrieben, dass durch die Wirrungen religiöser und theologischer Anfechtungen zu geleiten vermag. Leiden radikalisiert und stellt vor das Ganze der Wirklichkeit. Es ist das Verdienst einer sorgfältigen Arbeit über "Metaphysik" von Heinrich Schmidinger, klar zu machen, dass auch der Mensch nach der Postmoderne die Fragen nach der Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit und in ihrem Zusammenhang nicht los wird. Ob das nun Metaphysik genannt wird oder nicht: Das radikal Böse stellt den Menschen genauso vor das Ganze der Wirklichkeit wie das Wort Gott. Doch das Wort Gott enthält bereits den Ansatz einer Stellungnahme, die die metaphysische Struktur in Richtung positiven Inhalts übersteigt. Ein Inhalt, der sich im "religiösen Wissen der Menschheit" artikuliert, dass Adel Theodor Khoury und Georg Girschek in ihrem auf zwei Bände angelegten Werk beschreiben. Was hier verzeichnet wird, setzt jedoch die von Schmidinger dargestellte metaphysische Wahrnehmung von Welt voraus, denn religiöses Wissen ist nur möglich, wo nach der Welt insgesamt und nach dem sie umspannenden Sinn gefragt wird. Radikal hat sich Jürgen Werbick in seinem Buch "Den Glauben verantworten" der Wucht moderner Sinn- und Leidfrage gestellt. Vor allem nimmt er die Anfragen Friedrich Nietzsches als stellvertretendes Fragen des modernen Menschen ganz ernst, ohne trickreich vor ihnen zu flüchten. So zieht sich durch das ganze Werk, das schon allein wegen seiner 888 Seiten und der vielen für Vorlesungsstoffe typischen Passagen allerhand Leseanstrengung abverlangt, die Haltung, die Kritik gegenüber dem Glauben anzunehmen und konstruktiv aufzugreifen. Das hat dem Werk gut getan und zu vielen weiterführenden Aspekten - beispielsweise zur Opfer- und Kirchentheologie - geführt, die aber in der epischen Breite unterzugehen drohen. Die angesprochenen existentiellen Erfahrungen von Menschen geraten zu theologisch standardisierten Sprachfiguren, die ihre Direktheit einbüßen und schließlich wie Material wirken, an dem sich eine Theologie steil entfalten kann. Hier bringt Stefan Gärtner mit seiner Arbeit über die "Gottesrede in (post-)moderner Gesellschaft" wichtige Gesichtspunkte ein. Die Entfaltung von tradierten Gotteserfahrungen müssen eine neue Erfahrung mit diesen Erfahrungen und einen neuen Blick auf die eigene Wirklichkeit auslösen. Wenn dies die Gottesrede nicht mehr zu leisten vermag, ist die Erfahrungsanbindung der Rede von Gott zu schwach und zu stereotyp. Und das dürfte das Schwerste sein: die Gottesrede mit radikal negativen Erfahrungen zu verbinden, um im Vertrauen auf Gott den Verzicht auf glatte Antworten auszuhalten.

Dr. Norbert Copray


Rezensierte Bcher:

Walter Dietrich/Christian Link: Die dunklen Seiten Gottes. Allmacht und Ohnmacht. Neukirchener. 367 Seiten

Stefan Gärtner: Gottesrede in (post-)moderner Gesellschaft. Schöningh. 247 Seiten

Adel Theodor Khoury/Georg Girschek: Das Religiöse Wissen der Menschheit. Bd. 1. Herder. 360 Seiten

Heinrich Schmidinger: Metaphysik. Kohlhammer. 392 Seiten

Jürgen Werbick: Den Glauben verantworten. Herder. 888 Seiten