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Buchtipps

Öffentlichkeit

Die Jagd nach Aufmerksamkeit trifft die Seele

Mario Gmür
Der öffentliche Mensch
Medienstars und Medienopfer
dtv 36260. 218 Seiten.

Das globale Dorf, durch Hochgeschwindigkeitszüge, Düsenflugzeuge, Telefon, Fernsehen, Internet und Mobiltelefon entstanden, enthält einen oft unbemerkten Aspekt des Dorfes: die Sozialkontrolle. In einem Dorf von 290 oder 750 Einwohnern bleibt über kurz oder lang nichts verborgen. Das Private wird öffentlich und das Leben in der Öffentlichkeit, im Verein, auf dem Dorfplatz ist zugleich private Zone - für die Dorfbewohner. Fremde meistens unerwünscht. Das Positive: Es gibt Unterstützung, Hilfe, Begleitung, keine lebt richtig allein. Auch der Kauz hat seinen Fanclub, wenn er bestimmte Spielregeln des Dorfes achtet. Die Kehrseite: Die heimlichen Regeln und Gesetze des Dorfes sind zu beachten, was über Sozialkontrolle, Druck, Rituale und leichte Erpressungsmechanismen sicher gestellt wird. Keiner wird richtig in Ruhe gelassen.
Was für Jahrhunderte und bisweilen für manches Dorf bis heute gilt, trifft heute auf das globale Dorf, auf die gesamte Gesellschaft und auf die Weltgesellschaft zu. Die schnellen und bildstarken Medien sorgen für einen ausgeprägten Grad der Öffentlichkeit, der früher nur in kleinem Rahmen möglich war und heute auf alles und jeden ausgedehnt wird. Die Folge: Jeder Mensch wird öffentlicher und die Privatheit wird ein sehr knappes Gut. Eine solche Mediengesellschaft kennt Medienstars und Medienopfer, die jedoch als Symptomträger einer Situation zu verstehen sind, die jeden von uns trifft und betrifft.
Der Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker Mario Gmür aus Zürich forscht und veröffentlicht bereits seit etlicher Zeit zum Phänomen des öffentlichen Menschen. Sein aktuelles Buch präsentiert leicht fasslich Beschreibungen, Analysen, Bewertungen und Perspektiven der radikalen Öffentlichkeit. Der einzige Begriff, der mit dem Buch möglicherweise neu zu erlernen ist, ist der Begriff vom "isovalenten" Zeitalter. Isovalent ist ein Kunstwort aus der griechischen Sprache und besagt so viel wie: gleichwertig, ursprünglich gleichbedeutend. Gmür sieht im Gegensatz zu früheren Zeiten das Verhältnis des Menschen Zielen, Wegen, Instrumenten, Prozessen usw. als gleichwertig an. Wo früher lange Strecken, langes Warten, großer Aufwand und viel Überwindung erforderlich war, ist heute das Zeitalter der gleichwertigen Mittel ausgebrochen. Schnell kann ich per Internet beliebige Information an fast jedem Punkt der Welt abrufen, kann ich mir per CD-ROM eine Bibliothek verfügbar machen, deren Erwerb früher Zeit und Aufwand bedeutet hätte, kann ich schnell von A nach B kommen. Gleichzeitig in Kombination mit postmodernen Aspekten befindet sich nahezu alles inklusive der Wertorientierungen in permanenter Bewegung, muss alles stets ausgehandelt werden. Da bekommen alltagsästhetische Inszenierungen mehr Einfluss, in die sich ökonomische und politische Interessen sogar verpacken lassen müssen, wenn sie Einfluss nehmen wollen. Folglich kann ein Wahlkampf kein Wahlkampf, sondern nur ein Medienwahlkampf sein. Der Kandidat muss ein Star, die Partei eine Showkulisse. Die Wirklichkeit wird nach den medienästethischen Erfordernissen eingerichtet bis es schließlich Wirklichkeit nur noch als Medienwirklichkeit gibt. Was nicht in den Medien ist, ist nicht. Insofern ist der private Mensch antiquiert, was der Philosoph Günther Anders schon vor Jahrzehnten diagnostizierte. Was bleibt ist "die Jagd nach Aufmerksamkeit und das Diktat der Medien". Gmür beschreibt, wie dabei die Stars gemacht und gebraucht und wie Opfer hervorgebracht werden. Verbunden mit starken Traumatisierungen, seelischen Verletzungen, denn die Seele des Menschen scheint für diese Art totaler Medienöffentlichkeit nicht gemacht. Medienstar und Medienopfer sind die Vorboten eines Prozesses, der jeden von uns erfasst hat. Auf der Strecke bleibt die Intimität, die Privatheit, der Schutz der Seele. Am Schluss sind wir alle omnipräsent und transparent mit Hilfe elektronischer Mittel. Überall und nackt. Gmür warnt und mahnt kundig ein neues Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit an.

Dr. Norbert Copray