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Blog nach Kategorie: Unternehmen

19.11.2018 13:30
Ist verloren, wer Fehler macht? Fairer Umgang hat noch Luft nach oben
Die Fehlerkultur in deutschen Unternehmen wird von Führungskräften offener bewertet, als Mitarbeiter sie erleben. In regelmäßigen Abständen kommen Studienautoren zu dem Schluss, dass es an einer funktionierenden Fehlerkultur in vielen deutschen Unternehmen mangele. Jüngst zeigt eine Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY), dass Kommunikation über Fehler an entscheidenden Punkten häufig nicht stattfindet.

Zwar gaben 66 Prozent der 218 von EY befragten Führungskräfte an, in ihren Unternehmen würde eine offene Diskussionskultur zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten herrschen, aber nur 42 Prozent der 800 befragten Mitarbeiter sehen das genauso. Darüber hinaus geben 18 Prozent der Mitarbeiter an, dass Fehler in ihrem Unternehmen überhaupt nicht besprochen würden.

Verschiedene Studien bemängeln offene Fehlerkultur
Schon im Jahr 2016 kam eine ähnliche Befragung der von Rundstedt & Partner GmbH zu einem ähnlichen Ergebnis: Damals gaben 17 Prozent der befragten Mitarbeiter an, dass Fehler in ihren Unternehmen vertuscht würden. Laut der Studie von 2016 waren es etwa 60 Prozent, die ihre Fehler im Team offen besprechen konnten.

Laut einer Untersuchung, die von der Personalberatung S-Three Mitte 2018 veröffentlicht wurde, befürchten 41 Prozent von 1000 befragten Mitarbeitern und Freelancern bei Fehlern sogar negative Konsequenzen für ihre Karriere. Ein noch größerer Anteil nimmt darüber hinaus an, dass bei Fehlern Verlust von Anerkennung droht.

Fehlerkommunikation scheint auf einer Ebene einfacher als über Hierarchien hinweg. EY-Partner Nelson Taapken meint, „während unter den Mitgliedern eines Teams Fehler durchaus thematisiert werden, gibt es nach oben und unten deutliche Tabus und Kommunikationsbarrieren.“ 57 Prozent der Angestellten nennen die Furcht, als Überbringer der schlechten Botschaft selbst zum Opfer zu werden, als größtes Hindernis für offene Kommunikation, so die EY-Studie. Auf der anderen Seite sehen 54 Prozent der Führungskräfte die Angst vor Gesichtsverlust als wichtigsten Grund für fehlende Fehlerkommunikation. Damit einher gehe die Sorge um die eigene Karriere und Angst vor dem Verlust des eigenen Jobs.

Ähnliche Gründe könnten auch eine Rolle dabei spielen, dass bei Fehlern häufig nicht Fehlerursachen und notwendige Verbesserungen, sondern die Suche nach einem Verantwortlichen oder einem Sündenbock im Vordergrund stehen. Etwa ein Viertel der Befragten aus dem Jahr 2016 habe schon einmal erlebt, dass ihr Vorgesetzter die Schuld für einen Fehler auf andere schiebt und 25 Prozent gaben an, dass eher nach Sündenböcken gesucht wird als nach der eigentlichen Ursache von Fehlern.

Jüngere Mitarbeiter machten demnach sogar häufiger die Erfahrung, dass nicht nach Ursachen oder Lösungen gesucht wird und hätten bei zugegebenen Fehlern häufiger Angst vor Reaktionen von Kollegen oder Vorgesetzten als ältere Mitarbeiter.

Die Studien fordern deshalb einen konstruktiveren Umgang mit Fehlern und eine offenere Kommunikation über Probleme und Fehlerquellen. Denn so könne neben der individuellen Entwicklung und der emotionalen Bindung der Mitarbeiter auch die Arbeitsweise selbst verbessert werden. Der Studie von S-Three zufogle wünschen sich 86 Prozent der Mitarbeiter und Freelancer, dass Fehler zumindest toleriert werden, etwa zwei Drittel wünschen sich außerdem, dass Fehler als Chance für Weiterentwicklung begriffen werden.

Dem Führungsbarometer von Forsa (2018) zufolge hängt eine konstruktive und offene Fehlerkultur außerdem mit Innovationsgeist und einem hohen Engagement der Mitarbeiter und Führungskräfte eines Unternehmens zusammen. Im Führungsbarometer wurden insgesamt elf Kulturfaktoren abgefragt und auf einem Zusammenhang mit dem Engagement der Unternehmen hin untersucht.

Fehlerkultur steht auch in Zusammenhang mit Engagement der Mitarbeiter und mit Innovationskraft. Unternehmen mit hohem Engagement nutzen Fehler demnach häufiger als Quelle für Verbesserung als Unternehmen mit wenig engagierten Führungskräften und Mitarbeitern. Nur zehn Prozent der Unternehmen mit niedrigem Engagement geben an, über eine Innovations- und Fehlerkultur zu verfügen, unter den Unternehmen mit hohem Engagement sind dies 91 Prozent.

Eine mangelhafte Fehlerkultur könne sich negativ auf die Förderung von Ideen auswirken. So vermissen 39 Prozent der von S-Three Befragten Maßnahmen zur Förderung von Ideen und sogar ein Drittel bemängelt, dass innovative Vorschläge zwar gehört, aber kaum umgesetzt werden.

Feedback und Coaching erhöhen Engagement: In Unternehmen mit besonders engagierten Mitarbeitern und Führungskräften würden laut Forsa 95 Prozent der Führungskräfte regelmäßiges Feedback geben und alle Führungskräfte aus Unternehmen mit hohem Engagement verstünden sich als Coach ihrer Mitarbeiter. Zum Vergleich: Im Durchschnitt sei dies nur in 54 Prozent der Unternehmen der Fall. Weiter würden in den Unternehmen mit hohem Engagement häufiger Entscheidungskompetenzen an Mitarbeiter delegiert.

Angst vor schwerwiegenden Folgen für die eigene Karriere, fehlende Offenheit und wenig an Lösungen orientierte Fehlerkultur bis hin zu aktiver Vertuschung von Fehlern. Die Liste der attestierten Probleme in vielen Deutschen Unternehmen ist lang und bisher scheint sich keine eindeutige Verbesserung im Umgang mit Fehlern abzuzeichnen. Dabei deutet vieles darauf hin, dass Unternehmen ihre Innovationskraft mit einer konstruktiven Fehlerkultur ausbauen können.

Siehe auch: "Das Fairness-Forum über: Wie gelingt ein fairer Umgang mit Fehler, Irrtum und Versagen angesichts ständiger Optimierung?"

26.09.2018 17:59
Fairness schafft bei Mitarbeitern Gefühl der Zugehörigkeit
Am Arbeitsplatz ist Fairness besonders wichtig. Das sehen auch die meisten Mitarbeiter in Unternehmen so, wie eine Umfrage bescheinigt. Tatsächlich besteht bei dem Thema aber enormer Nachholebedarf.

Fühlen sich Mitarbeiter dem Unternehmen verbunden, sind sie in der Regel schwerer abzuwerben. Für Arbeitgeber sind loyale Mitarbeiter deshalb ein großes Pfund. Denn gute Mitarbeiter sind nicht leicht und vor allem oft nur teuer zu bekommen. Denn ehe sie eingeführt und gut positioniert sind, vergeht leicht ein halbes Jahr.

Aber wie schafft man ein Gefühl der Zugehörigkeit? Einer YouGov-Umfrage zufolge ist der Mehrheit (58 Prozent) besonders wichtig, dass das Unternehmen alle Mitarbeiter gleich und fair behandelt. Viele denken dabei vor allem an gleiches Gehalt für Männer und Frauen: Gut jeder Dritte (37 Prozent) fand diesen Punkt in Sachen Fairness am wichtigsten.

Der Anteil ist dabei unter Frauen höher als bei den Männern (46 zu 28 Prozent). Jedem Siebten (15 Prozent) unter allen Befragten ist am wichtigsten, dass Verträge fair verhandelt werden - es also zum Beispiel keine sachgrundlosen Befristungen gibt. Ähnlich vielen (14 Prozent) geht es eher darum, dass befördert wird, wer sich besonders verdient gemacht hat.

Auf Platz zwei der Faktoren, die den Befragten für ihr Zugehörigkeitsgefühl wichtig ist, landete Offenheit (16 Prozent), auf Platz drei die Einbeziehung von Mitarbeitern in die Entwicklung des Unternehmens (11 Prozent). Zur Wahl standen auch, dass der Arbeitgeber in öffentlichen Debatten Stellung bezieht und Gutes tut. Dafür entschieden sich je 2 Prozent der Befragten. Vielfalt im Unternehmen war 4 Prozent am wichtigsten.

Auch den Status Quo hat YouGov abgefragt. Demnach fühlt sich derzeit nur jeder Fünfte (21 Prozent) seinem Arbeitgeber gegenüber 100-prozentig zugehörig. Jeder Vierte (26 Prozent) gab an, dass er und sein Arbeitgeber ein gutes Team seien. Und ein weiteres Fünftel (21 Prozent) der Befragten findet, dass es gut zum Arbeitgeber passt.

Im Auftrag des Berufsnetzwerks LinkedIn wurden 1010 Erwerbstätige im Mai 2018 online befragt.

01.09.2018 08:25
Fairness lohnt sich doch
Wenn Betriebe willkürlich den Lohn kürzen, sinken Motivation und Produktivität der Beschäftigten – klar. Weniger offensichtlich hingegen: Beschäftigte werden auch dann unproduktiver, wenn nicht sie, sondern die Kolleginnen und Kollegen unfair behandelt werden. Das stellte jetzt eine Forschungsgruppe um Sabrina Jeworrek am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) fest.

Was passiert mit der eigenen Produktivität, wenn einer Kollegin oder einem Kollegen Ungerechtigkeit widerfährt? Dieser indirekte Einfluss am Arbeitsplatz wurde bisher kaum untersucht. Unfaires Verhalten des Arbeitgebers macht Angestellte unproduktiver – auch dann, wenn sie selbst gar nicht betroffen sind. Das zeigen IWH-Ökonomin Sabrina Jeworrek und Koautoren Matthias Heinz, Vanessa Mertins, Heiner Schumacher sowie Matthias Sutter in einem verhaltensökonomischen Experiment.

Das Experiment simulierte eine unfaire Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Situation: 195 Probanden wurden für zwei Arbeitseinsätze in einem Callcenter angeworben, um eine deutschlandweite Umfrage durchzuführen. Die 3,5 Stunden langen Schichten wurden jeweils zu Beginn mit 40 Euro pro Einsatz vergütet. Die Beschäftigten wurden während ihres Einsatzes im Callcenter zufällig in eine von drei Gruppen eingeteilt, um den indirekten Effekt unfairen Verhaltens messen zu können: In der ersten Gruppe blieb die Personalmenge in der zweiten Schicht unverändert. In einer zweiten Gruppe wurde das Personal um 20% reduziert, den Verbliebenen wurde aber nicht mitgeteilt, dass es sich um Kündigungen handelte. Vielmehr wurde ihnen mitgeteilt, dass für die zweite Schicht schlicht weniger Personal anwesend sein würde. In der dritten Gruppe wurde das Personal ebenfalls um 20% reduziert, die Kündigung aber an die verbliebenen Beschäftigten kommuniziert. „Den Personen in der dritten Gruppe sagten wir außerdem, dass wir ihren Kolleginnen und Kollegen gekündigt haben, damit wir Kosten sparen können, und dass die Auswahl der Personen vollkommen willkürlich war. Wir wollten, dass die Situation möglichst unfair wirkt“, so Ökonomin Jeworrek.

Drei mögliche Szenarien waren zu diesem Zeitpunkt denkbar: „Entweder die Versuchspersonen sind froh, dass sie nicht betroffen sind und machen einfach normal weiter wie bisher. Oder sie leisten sogar besonders gute Arbeit, um ihre Dankbarkeit auszudrücken. Denkbar ist aber ebenso, dass sie das Verhalten des Arbeitgebers als ungerecht wahrnehmen, obwohl sie selbst nicht einmal betroffen sind, und ihre Arbeitsleistung als Folge dessen reduzieren“, so Jeworrek. Letzteres war der Fall: In der dritten Gruppe wurden die Beschäftigten signifikant unproduktiver, die durchschnittliche Anzahl der Anrufe sank um 12%, da die Probanden längere Pausen einlegten und den Arbeitsplatz früher verließen. Der Umstand, dass in der zweiten Vergleichsgruppe ebenfalls 20% weniger Arbeitskräfte beschäftigt waren, schien demgegenüber aber keinen Einfluss auf die Produktivität zu haben.

Einige Wochen später klärten die Ökonomen die Beschäftigten über das Experiment auf und befragten diejenigen, denen nicht gekündigt wurde, zu ihrer Arbeitszufriedenheit: In allen Gruppen waren die Teilnehmenden zufrieden mit Lohn, Atmosphäre und dem Verhalten des Managements gegenüber ihnen selbst. Das Verhalten den Kolleginnen und Kollegen gegenüber stufte die dritte Gruppe allerdings deutlich schlechter ein als die Vergleichsgruppen. Befragt danach, was sie als besonders unsozial empfanden, nannten sie vor allem die willkürliche Auswahl der entlassenen Personen und die Kündigungen per se.

Zuletzt befragte die Forschungsgruppe erfahrene Personalleiterinnen und -leiter. Diese sollten einschätzen, wie sich die Produktivität der Versuchspersonen im Verlauf des Experiments entwickelt hatte. Obwohl die Fachleute das Ergebnis im Durchschnitt sehr gut einschätzten, lagen sie einzeln oft daneben: Ungefähr 60% überschätzten den negativen Effekt auf die Arbeitsleistung, dafür unterschätzten die verbliebenen Befragten den Effekt oder vermuteten gar einen Produktivitätsanstieg.

„Wir vermuten, dass die Kosten von unfairem Verhalten für Arbeitgeber deutlich höher sind als ursprünglich gedacht“, so Jeworrek. „Sparmaßnahmen können ihr Ziel komplett verfehlen, wenn Angestellte durch die Kündigungen ihrer Kolleginnen und Kollegen unproduktiver werden.“ Das bedeutet: Nicht nur Angestellte schätzen eine faire Behandlung – sie lohnt sich auch aus ökonomischer Sicht.

16.08.2018 10:18
Playmobil unfair mobil
"Playmobil führt Kleinkrieg gegen unliebsame Mitarbeiter", schreibt die Frankfurter Rundschau. Und berichtet von "Willkür, Einschüchterungen, Überwachung und Mobbing: Das Betriebsklima bei dem Unternehmen Playmobil ähnelt einem nicht endenden zermürbenden Kleinkrieg.

Vertrauliche Gespräche mit Informanten sind journalistischer Alltag. Sehr unüblich ist dagegen, wenn sich potenzielle Gesprächspartner vorab informieren, ob man auch Journalist ist und nicht ein verkappter Spion im Auftrag bestimmter Manager. Das Management wäre in diesem Fall das des Zirndorfer Playmobil-Herstellers Geobra Brandstätter und wenn die Schilderungen stimmen, wäre der Spionageverdacht gar nicht so abwegig. „Jedes Widerwort bedeutet Gefährdung der beruflichen Existenz“, sagt Bianka Möller zu Lage und Stimmung im Unternehmen. Sie betreut für die IG Metall den fränkischen Mittelständler. Aufmuckende Mitarbeiter würden dort immer wieder eingeschüchtert. Willkür, Bossing und Mobbing seien an der Tagesordnung.

Die erfahrene Gewerkschafterin erzählt von mehreren ohne Angabe von Gründen freigestellten, dann strafversetzten Playmobil-Mitarbeitern, einem heftigen Disput über die Auslegung der Arbeitsstättenverordnung bei Hitze oder systematisches Ausforschen von Gewerkschaftszugehörigkeit. Wer in Zirndorf Weihnachtsgeld beantragt, müsse seinen Gewerkschaftsausweis vorlegen. So bringe der Arbeitgeber namentlich in Erfahrung, wer gewerkschaftlich organisiert ist.

Die IG Metall musste sich bei Playmobil 2016 vor Gericht den Weg in den Betriebsrat klagen. Aneinander gewöhnt haben sich beide Parteien seitdem nicht, wovon viele Anekdoten zeugen. So habe ein Vorgesetzter mit körperlicher Gewalt zu verhindern versucht, dass ein Untergebener zu einem Gespräch in Gesellschaft eines Betriebsrats seines Vertrauens kommt. Derartiger Beistand ist aber völlig rechtens. Beschäftigte einer Abteilung mit hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad seien erst unbegründet freigestellt worden. Nachgereicht worden sei dann eine angebliche Weigerung, Leiharbeiter einzuarbeiten. Richtig hitzig ist es dann vor kurzem geworden.

Von den bundesweit hohen Temperaturen sind auch Franken und Playmobil nicht verschont geblieben, was Betriebsräte der IG Metall zu einem Schreiben veranlasst hat. Erst haben sie sich beim Management für das Aufstellen von Wasserspendern bedankt, dann einen Passus der Arbeitsstättenverordnung zitiert. Demnach stehe Beschäftigten bei Raumtemperaturen über 35 Grad Celsius stündlich eine zehnminütige „Entwärmungsphase“ zu. „Das bedeutet nicht, dass man zu arbeiten aufhört, sondern für diese Zeit in einen kühleren Raum wechselt und dort einfache Tätigkeiten verrichtet“, erklärt Möller.

Der Aufschrei auf den „Hitzezettel“ der Gewerkschafter war groß. Er kam nicht nur vom Management sondern auch vom Gesamtbetriebsrat, in dem die IG Metall nicht das Sagen hat und der offenkundig gespalten ist. Manager und denen wohlgesonnene Betriebsräte warfen IG Metall-Kollegen vor, zu arbeitsrechtswidrigen Hitzepausen aufzurufen, was disziplinarische Folgen haben könne.

Wie groß der Riss im Unternehmen ist, belegt eine andere Korrespondenz. Diesen April haben Playmobil-Betriebsräte die Unternehmensleitung um die „Einführung regelmäßiger Treffen“ gebeten, die es in vergleichbaren Betrieben meist monatlich gibt. „Für regelmäßige gemeinsame Termine sehen wir derzeit keinen Veranlassung“, ließ die Unternehmensleitung wissen. Denn bisherige Aktionen von Betriebsräten seien von Aktionen geprägt gewesen, die weder zum Wohl der Beschäftigten noch des Unternehmens gewesen seien. So würden Betriebsräte versuchen, Gewerkschaftsmitglieder zu werben, gegen den Arbeitgeber intervenieren oder Beschäftigte am Arbeitsplatz besuchen und diese damit von der Arbeit abhalten.

Die Vorwürfe seien der bewusste Versuch einer Skandalisierung und haltlos, entgegnet ein Playmobil-Sprecher im Namen der Geschäftsführung. Zu einzelnen Punkten im Detail Stellung nehmen wolle man nicht. Die Schilderung der Zustände sei einseitig und keine Mehrheitsmeinung im Betrieb. Wer aber mit langjährigen Beschäftigten spricht, muss das bezweifeln. Seit dem Tod von Firmengründer Horst Brandstätter 2015 sei das Betriebsklima viel mitarbeiterfeindlicher geworden, sagt einer, der seit über drei Jahrzehnten für Playmobil arbeitet".

"FR über Playmobil und Brandstätter"

08.08.2018 10:40
Abzocke bei Online-Partnervermittlungen – abgebrühtes Parship
Vorsicht Falle! Das müsste über allen digitalen Partnerbörsen stehen. Denn schnell sind Gebühren fällig, die vorher ungesehen, unbekannt oder unerkennbar waren. Leben Online-Datingportale vor allem von versteckten Gebühren und Berechnungen? Was hat des mit der krassen Unfairness bei Datingportalen, etwas bei Parship, auf sich?

Die Verbraucherzentrale, die Frankfurter Rundschau (FR) und der STERN haben recherchiert. Die FR schreibt: „Angebote zum Online-Dating stehen hierzulande weit oben in der Beliebtheitsskala von liebesbedürftigen Kontaktsuchenden. Dafür stehen hunderte von Onlineportalen im Internet zur Verfügung, die versprechen, alles – von der großen Liebe über unverfängliche Flirts bis hin zu sexuellen Abenteuern – zu vermitteln. Was am Ende dabei herauskommt, steht auf einem anderen Blatt, aber was es kostet, sollte zumindest von vornherein klar sein. Wenn es repräsentativ ist, was das Marktwächterteam Digitale Welt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) in dutzenden Verbraucherinterviews erfahren und teilweise nachrecherchiert hat, sind nicht nur die Wege der Liebe unergründlich, sondern auch die Gebühren der Onlineportale.

Kostenfallen sind beim Online-Dating die Regel: „Es ist ein großes Ärgernis, dass Verbraucher beim Online-Dating von hohen Kosten überrascht werden“, kritisiert die Chefjuristin der in der Sache federführenden Verbraucherzentrale Bayern, Tatjana Halm.

Kostenfallen beim Online-Dating sind nach der Marktwächter-Studie keine Ausnahme, sondern die Regel. 25 von 26 unter die Lupe genommenen Portalen geben ohne Registrierung keinen Einblick in die Kosten für eine Mitgliedschaft. Man ist also gezwungen, persönliche Daten preiszugeben, um überhaupt zu erfahren, was die Sache kostet – falls das überhaupt jemals klar wird.

Denn wird von einem Portal künstliche Coin-Währung eingesetzt, ist das oft gar nicht mehr abschätzbar. Richtig zur Kasse gebeten wird derjenige, der nach kurzer Mitgliedschaft feststellt, dass das gewählte Portal doch nicht das Richtige ist und den Vertrag widerruft. Dann dürfen Portalbetreiber etwas verlangen, das juristisch Wertersatz genannt wird, das Betroffene aber als Wucherei empfinden.

Die Preisgestaltung von Datingportalen ist oft intransparent, rügen Verbraucherschützer. Branchenüblich sind Abos zwischen sechs Monaten und zwei Jahren, die bei den in einer Verbraucherstudie untersuchten Plattformen auf ein Jahr gerechnet über 1000 Euro kosten können. Bei Kontakten oder einzelnen Dienstleistungen werden aber Extrakosten fällig, die oft weder abschätzbar noch nachvollziehbar sind.

Der Berater einer Verbraucherzentrale schildert die Erfahrungen eines Kunden von Deutschlands größter Partnervermittlung Parship. „Er hat nach ein paar Stunden gemerkt, dass es nichts für ihn ist, hat daher Widerruf erklärt und war geschockt, was er dafür zahlen musste.“ Es waren 373,61 Euro. Ein isolierter Einzelfall war das nicht. Ein anderer Verbraucher hatte sich bei Parship um 16.22 Uhr angemeldet und um 16.52 Uhr wieder abgemeldet. Der Widerruf wurde ihm bestätigt, nebst Rechnung über 223,39 Euro Wertersatz. Der Preis für eine zwölfmonatige Premium-Mitgliedschaft hätte zu diesem Zeitpunkt 333,85 Euro betragen.

Parship findet das rechtlich und auch sonst völlig in Ordnung. Ein Wertersatz werde abhängig von Kontakten berechnet nicht zeitanteilig, was auch gerichtlich erlaubt sei, betont eine Sprecherin. Wie viele solcher Kontakte binnen einer halben Stunde anfallen können, will sie nicht abschätzen. Aus Datenschutzgründen könne man auch keine einzelnen Summen für Wertersatz oder konkrete Fälle kommentieren.

Hätte ein Kurzzeitmitglied in den allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) nach Hinweisen auf die Höhe eines Wertersatzes gesucht, wäre es nicht vorgewarnt gewesen, wobei folgendes Satzungetüm ohnehin nicht jeder versteht. „Haben Sie verlangt, dass die Dienstleistung während der Widerrufsfrist beginnen soll, so haben Sie uns einen angemessenen Betrag zu zahlen, der dem Anteil der bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie uns von der Ausübung des Widerrufrechts hinsichtlich dieses Vertrages unterrichten, bereits erbrachten Dienstleistungen im Vergleich zum Gesamtumfang der im Vertrag vorgesehenen Dienstleistung entspricht,“ heißt es in den AGB.

Wer fristgerecht widerruft, muss also einen „angemessenen Betrag“ zahlen, wobei offenbleibt, was angemessen ist. Hier verweist eine Parship-Sprecherin auf eine Webseite mit häufigen Fragen und Antworten. Dort findet sich unter dem Stichwort Wertersatz folgende Erklärung. „Es werden maximal drei Viertel ihres Produktpreises berechnet – ohne Aufschläge für abweichende Zahlungsweisen.“

Ein ausgesprochener Aufreger ist auch, wenn Onlineportale mit Coin-Modellen arbeiten. Dabei erfahren Verbraucher zwar noch, wie viele Euro ein Coin-Paket kostet, aber nicht mehr, wie viele Coins etwa für einen Livecam-Chat berechnet werden. „Coins werden willkürlich abgebucht, der Verbraucher ist dem Anbieter vollkommen ausgeliefert“, stellt Halm klar. Ihre Kollegen haben selbst getestet. Beim gleichen Portal wurden für eine identische Dienstleistung bei mehreren Anläufen jeweils verschiedene Coin-Beträge abgebucht. „Wir haben keine Erklärung außer Abzocke“, sagt ein Tester.

Juristische Grauzone

Ein verbreiteter Fallstrick ist auch das für Verbraucher oft überraschende Umwandeln sogenannter Probeabos in zahlungspflichtige Mitgliedschaften. Das vollzieht sich automatisch ohne ausreichende Vorab-Kennzeichnung, rügen Verbraucherschützer. Probeabos würden als Schnupperabos gegen Einmalzahlung beworben. Selbst erfahrene Internetprofis hätten aber Probleme, auf den Webseiten von Datingportalen den Passus zu finden, der eine fristgerechte Kündigung des Probeabos verlangt, um eine automatische Umwandlung zu verhindern, beschreibt eine Verbraucherschützerin ihre Erfahrungen. Kunden finanziell im Dunkeln tappen zu lassen, sei oft Geschäftsprinzip.

Flirt-Funktion: Facebook setzt auf Online-Dating

Vieles spielt sich dabei in einer juristischen Grauzone ab. Speziell bei automatischer Mitgliedschaft nach einem Probeabo und den Coin-Modellen könnte der Bogen aber auch überspannt sein. „Wir sehen diese Praktiken kritisch und werden möglicherweise einzelne Anbieter abmahnen“, sagt Halm. Beim Thema Wertersatz dagegen haben 2017 das Hanseatische Oberlandesgericht und dieses Jahr auch der Bundesgerichtshof bereits zugunsten von Datingportalen geurteilt“.

Der STERN schreibt: „Wie Millionen andere Menschen hatte auch Christian Stoll gehofft, im Internet die große Liebe zu finden. Deshalb meldete er sich bei "Parship" an, die hierzulande wohl bekannteste Online-Partnervermittlung. "Ich wollte mich auch schnell verlieben, in 11 Minuten, wie sie immer so schön sagen. Stattdessen habe ich in fünf Tagen Mitgliedschaft fast 300 Euro verloren", so der enttäuschte 46-Jährige.

Statt Herzklopfen und Dates bekam Christian Stoll nur das Gefühl, abgezockt worden zu sein. Auch Sabine N. soll über 350 Euro bezahlen. Sie hatte nach acht Tagen ihre Mitgliedschaft widerrufen. "Ich habe gemerkt, dass dieses Matching-System nichts für mich ist, denn man bekommt nur Vorschläge, kann aber selbst nicht suchen. Man ist also darauf angewiesen, wer vorgeschlagen wird", sagt sie.

Wie diesen beiden geht es vielen Nutzern von "Parship": Nachdem sie die Plattform kennen gelernt haben, möchten sie ihre Mitgliedschaft nach wenigen Tagen widerrufen. Dann kommt die Rechnung. Bei der Verbraucherzentrale Hamburg würden sich fast täglich Leute melden, die sich über "Parship" beschweren, so Leiterin Julia Rehberg. Dahinter stecke ein System: Wer fristgerecht widerruft, beendet zwar umgehend die Mitgliedschaft. Für die bis dahin erhaltenen "Leistungen" in Form von Kontakten zu anderen Mitgliedern soll man aber trotzdem zahlen. Parship nennt das: Wertersatz.

40 Euro pro Kontakt

Aus den Werbeversprechen hatte die Plattform auf Christian Stoll einen seriösen Eindruck gemacht. Nachdem er sich zunächst kostenlos angemeldet hatte, stellte er aber fest, dass er so wenig Nutzen hatte: Die Profilbilder potenzieller Kandidatinnen waren verpixelt und Nachrichten konnte er auch nicht schreiben. "Man bekommt als kostenloses Mitglied nicht viel zu sehen. Und so wird man automatisch da hingelenkt, Premiummitglied zu werden. Denn man will ja jemandem schreiben und Kontakt aufnehmen. Und daraufhin habe ich diese Premiummitgliedschaft abgeschlossen", so Stoll.

Der Single wählte die Variante über sechs Monate für Abokosten von 310 Euro. Christian Stoll ging davon aus, dass er nun alle Bilder würde sehen und mit dem Flirten beginnen können. Aber auch für Premium-Mitglieder sind die meisten Fotos verpixelt – es sei denn, der jeweilige Kontakt schaltet das Bild frei. "Nach fünf Tagen hatte ich einfach die Nase voll, denn ich möchte die Bilder sehen." Stoll wusste von dem 14-tägigen Widerrufsrecht und widerrief seine Premiummitgliedschaft. In der Antwort von "Parship" hieß es allerdings, dass er für seine bereits geschlossen Kontakte einen so genannten "Wertersatz" zahlen müsse. In seinem Fall lag der bei mehr als 200 Euro, obwohl er die Online-Partnervermittlung nur wenige Tage genutzt hatte. "Ich fühle mich irgendwie abgezockt", so Christian Stll dazu. "Wofür gibt es ein 14-tägiges Widerrufsrecht, wenn ich davon nicht Gebrauch machen kann, wenn ich trotzdem bezahlen muss?"

Konkret verlangte "Parship" den Wertersatz für die zustande gekommenen Kontakte, die ihm vertraglich garantiert wurden. Aber was ist so ein Kontakt? Wenn ein Mann einer Frau ein Smiley schickt – und diese daraufhin schlicht mit "Danke" antwortet, gilt das als Interaktion. Für "Parship" ist das bereits ein "garantierter Kontakt". Für Christian Stoll hieß das: Fünf Kontakte, fünf Mal kein Erfolg und etwa 40 Euro Kosten pro Kontakt.

Eine derartige Berechnung eines Wertersatzes ist für Verbraucherschützerin Julia Rehberg widerrechtlich: "Die Wertersatz-Berechnung ist in vielen Fällen zu hoch", sagt sie. Der Wertersatz könne nicht nach Kontakten erfolgen, wenn Kunden einen Zeitvertrag abschließen und diesen widerrufen. "Es gibt bei einem Jahr Laufzeit beispielsweise eine Kontaktgarantie von sieben Kontakten. Das heißt, wenn ich sieben Mal irgendjemanden angeschrieben habe, oder mich jemand angeschrieben hat, dann ist diese Garantie erfüllt. Dann soll ich zahlen, und zwar bis zu 75 Prozent des ursprünglich vereinbarten Betrages. Das kann unserer Meinung nach nicht sein, weil man ja einen Laufzeitvertrag abschließt. Also muss man auch nur für die genutzte Zeit zahlen, für die ein, zwei, drei Tage, die man das Angebot genutzt hat." Zum Beispiel: Bei einer Jahresmitgliedschaft über 350 Euro wären die Kosten für einen Tag 96 Cent. Bei einer Kündigung nach fünf Tagen müsste der Nutzer demnach nur 4,80 Euro bezahlen.

Gerichtsurteil: Wertersatz-Forderungen überzogen

Die Verbraucherzentrale hatte bereits 2014 gegen die Wertersatz-Taktik von "Parship" vor dem Landgericht Hamburg geklagt. Der Richter urteilte: Kein Nutzer würde für die Garantie, für 5 bis 7 Kontakte, die auch in einer Absage bestehen können, mehrere hundert Euro investieren. (…) Das Verhältnis der bis zum Widerruf erfolgten Leistungserbringung ist (…) zeitanteilig zu berechnen.

Das Urteil ist allerdings noch immer nicht rechtskräftig, weil "Parship" dagegen in Berufung ging und sich der Prozess seitdem hinzieht. stern TV fragte beim Unternehmen nach, was sie zu den Vorwürfen sagen. Schriftlich antwortete "Parship": Unsere Rechtsauffassung unterscheidet sich ganz klar von der des Landgerichts Hamburg (…) Als seriöse Online-Partnervermittlung entsprechen unsere Widerrufs- und Wertersatzbestimmungen selbstverständlich den geltenden deutschen Gesetzesvorgaben(…)


Julia Rehberg sieht das anders: "Die lange Verfahrensdauer ist natürlich ärgerlich, weil Parship erstmal so weitermachen kann", so Julia Rehberg. "Wir raten Betroffenen deshalb, nicht zu bezahlen. Und wenn schon gezahlt wurde, dann sollten die Leute ruhig auf Erstattung klagen. Das Amtsgericht Hamburg hat den Verbrauchern ja schon Recht gegeben. Man sollte also mutig sein und ruhig klagen." Das Problem sei nämlich, dass die Ansprüche nach drei Jahren verjähren. Wer sich das Geld später wieder holen will, wenn der Prozess für die Verbraucherzentrale gewonnen ist, könnte dennoch leer ausgehen“.

"Die FR zu Online-Partnervermittlungen"

"Die Verbraucherzentrale zu digitalen Partnerbörsen und Urteilen, durch die Nutzer großenteils ihr Geld zurück bekamen"

"Der STERN zu Online Datingportalen"

31.07.2018 10:41
Rewe: Keine Kohle mit der Kohle!
„Die REWE Group setzt sich für den Schutz der Wälder und der dort lebenden Tier- und Pflanzenarten ein.“ Das schreibt der Lebensmittelkonzern im Nachhaltigkeitsbericht 2017 auf der eigenen Webseite. Der Anspruch ist erst einmal löblich.

Doch eine Marktanalyse der Naturschutzorganisation WWF vom Juli 2018 zeigt: Rewe verkauft Grillkohle mit Tropenholz – und ohne das Nachhaltigkeitssiegel FSC. Offenbar ist Rewe gar nicht interessiert daran, woher genau das Holz für seine Kohle kommt. Forschen die deutschen Supermärkte und Discounter nicht nach, handeln die Vertragspartner oft illegal. Diese Nachlässigkeit zerstört Regen- und Trockenwälder in Paraguay und Nigeria.

Und was macht die Politik? Eigentlich gibt es ein EU-Gesetz, das die Tropenwälder schützen soll: die europäische Holzhandelsverordnung. Doch Holzkohle gilt hier als Ausnahme – und wird nicht weiter überprüft. Jetzt sind wir Konsument/innen am Drücker. Rewe will nachhaltig sein – wir verpflichten den Supermarkt-Riesen dazu, seinem Anspruch gerecht zu werden. Aldi hat es schon vorgemacht und seit diesem Jahr auf FSC-zertifizierte Holzkohle umgestellt. Jetzt muss Rewe nachziehen. Schützen Sie den Regenwald davor, auf unseren Grills zu landen – und unterzeichnen Sie jetzt unseren Appell!

"Appell unterzeichnen!"

21.06.2018 18:10
Deutsche Supermärkte: katastrophale Unfairness
Das hat die Internationale Organisation OXFAM festgestellt: "Überall dort, wo Menschen Lebensmittel für Supermärkte in Deutschland und anderen Ländern produzieren, sind Leid und Ausbeutung an der Tagesordnung. Das zeigt der neue Oxfam-Bericht „Die Zeit ist reif“. Der Bericht enthält neben vielen Fallbeispielen einen Supermarkt-Check, in dem die deutschen Supermarktketten miserabel abschneiden.
Weltweit nimmt die Ungleichheit in der Wirtschaft drastische Ausmaße an – auch im Landwirtschafts- und Nahrungsmittelsektor: Supermarktketten dominieren die Märkte. Sie diktieren Lieferanten die Preise und streichen riesige Gewinne ein. Oftmals reichen die Löhne und Einkommen der Arbeiter/innen, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern nicht einmal aus, um ihr Existenzminimum zu decken – also das, was sie für Essen, ein Dach über dem Kopf, Arztbesuche und nötige Rücklagen brauchen. Hinzu kommen Gewalt, Diskriminierung, Pestizideinsatz und Zwangsarbeit.

Aufdeckung von Missständen in Supermarkt-Lieferketten

Oxfams neuer Bericht „Die Zeit ist reif“ hat zahlreiche Beispiele für Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in den Lieferketten der Supermärkte aufgedeckt.

Der Bericht zeigt jedoch auch, dass Ungleichheit und Ausbeutung im Lebensmittelsektor gestoppt werden können. Vor allem Supermärkte müssen handeln. Sie sollten ihre starke Marktposition dazu nutzen, um den Missständen ein Ende zu setzen. Stattdessen wälzen Supermärkte Kosten auf ihre Lieferanten ab und drücken die Preise. So machen sie eine sozial gerechte und nachhaltige Lebensmittelproduktion nahezu unmöglich.

Deutsche Supermärkte schneiden miserabel ab

Im Oxfam Supermarkt-Check haben wir einige der größten und am schnellsten wachsenden Supermarktketten in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und den USA miteinander verglichen. Unsere Bewertungskriterien:
•Transparenz und Rechenschaftspflicht
•Schutz der Rechte von Arbeiter/innen
•Umgang mit Kleinbäuerinnen und Kleinbauern
•Schutz vor Gewalt gegen und Ausbeutung von Frauen

Die Untersuchung zeichnet ein klares Bild: Die „big four“ der deutschen Ketten (Aldi, Edeka, Lidl und Rewe) schneiden im Vergleich zu anderen Supermärkten mit am schlechtesten ab. Während Supermärkte aus Großbritannien und den USA teilweise zweistellige Prozentzahlen erreichten, wurden die deutschen Supermärkte in jeder Kategorie mit null bis acht Prozent der Gesamtpunktzahl bewertet. Bei speziellen Schutzmaßnahmen für Frauen konnte keine der deutschen Ketten Punkte erzielen, beim Schutz von Arbeiter/innen lag die höchste Bewertung bei zwei Prozent.

Die aufgedeckten Missstände und das schockierende Ergebnis des Supermarkt-Checks zeigen, dass Supermärkte ihre Geschäftspolitik grundlegend ändern müssen. Denn eins steht fest: Wirtschaftliche Ausbeutung, Armut und menschliches Leid dürfen keine Zutaten unserer Lebensmittel in Supermarktregalen sein. Die Menschen, die das Essen produzieren, das in unseren Einkaufstüten landet, müssen fair bezahlt, ihre Gesundheit geschützt und ihre Rechte geachtet werden. Deshalb müssen wir Druck machen! Helfen Sie uns, Supermärkte zum Handeln zu bewegen und unterstützen Sie unsere Mitmach-Aktion!"

Zum Ausgangstext
"Die Oxfam-Meldung mit grafischer Übersicht"

Zum Bericht
"Deutsche Zusammenfassung zum Report - 28 Seiten"

Zur Aktion
"Fairness eintüten - Jetzt mitmachen: Supermärkte bewegen – Menschenrechte schützen

Zum Fairness-Check
"Zu Edeka, Rewe, Lidl und Aldi"

06.06.2018 12:40
Für Azubis kaum Fairness?
Auch wenn 99 Prozent der Auszubildenden Fairness und Gerechtigkeit im Betrieb für sehr wichtig halten: nicht mal jeder zweite von ihnen sieht das realisiert. Die Gründe dafür: ein schlechtes Arbeitsklima oder zu viel Stress.

"Nur jeder vierte Auszubildende in Deutschland findet, dass es in seinem Betrieb eindeutig fair und gerecht zugeht. Dabei halten mit 99 Prozent fast alle Befragten Fairness und Gerechtigkeit im Betrieb für sehr wichtig, wie aus einer Umfrage im Auftrag der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hervorgeht. Ein Viertel der Befragten vermisst die Werte Fairness und Gerechtigkeit in seinen Betrieben gänzlich. Nur 47 Prozent sehen faire Arbeitsbedingungen umgesetzt. Gründe dafür sind in den Augen der Befragten oft ein schlechtes Arbeitsklima, ungerechte Bezahlung, Stress oder fehlende Führungsqualitäten der Vorgesetzten.

Dabei erwarten 91 Prozent eine Gleichbehandlung bei der Arbeit. "Damit stimmen Azubis zentralen gewerkschaftlichen Werten in hohem Maße zu", sagte der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske. Viele sind mit ihrer Ausbildungssituation im Großen und Ganzen zufrieden. 87 Prozent der Azubis in Betrieben mit Tarifbindung sind sehr zufrieden, dagegen in Betrieben ohne Tarifbindung nur 72 Prozent. Mit einem Tarifvertrag verbinden 60 Prozent der Befragten bessere Arbeitsbedingungen.

Nach Ansicht der Auszubildenden sollen sich Gewerkschaften vor allem für eine bessere Ausbildungsvergütung (50 Prozent) einsetzen, ebenso für bessere Arbeitsbedingungen (25 Prozent), für gute Arbeitszeitregelungen (16 Prozent) oder etwa für eine persönliche Unterstützung bei Problemen in der Ausbildung (5 Prozent). "Das ist ein klarer Auftrag für uns als Gewerkschaft, zusammen mit den jungen Beschäftigten an diesen Themen zu arbei-ten und Azubis als Gewerkschaftsmitglieder zu gewinnen", so Bsirske."

"ntv zu Fairness für Azubis"

24.05.2018 10:44
Wie fair, sozial und ökologisch sind die Banken in Deutschland?
Zum dritten Mal hat der Fair Finance Guide Deutschland anhand sozialer und ökologischer Kriterien Banken in Deutschland analysiert und verglichen. Angewendet wurden 250 Einzelkriterien zu 13 sozial-ökologischen Themen auf einer Performance-Skala zwischen 0 % und 100 %. Im Vergleich zu den vorherigen Untersuchungen im März 2016 (8) bzw. im November 2016 (10) wurde die Zahl der untersuchten Banken jetzt auf 13 erweitert.

Das zentrale Ergebnis:Die Nachhaltigkeitsrichtlinien von sechs Banken haben sich im Vergleich zur Voruntersuchung und als Folge des Dialogs mit dem Fair Finance Guide Deutschland qualitativ verbessert. Dennoch gibt es aus Sicht der Nichtregierungsorganisationen, die hinter dem Fair Finance Guide stehen, weiterhin inakzeptable Defizite.

Überraschend schlecht schneiden zwei der drei neu untersuchten Banken ab: Die Sparkasse KölnBonn mit der denkbar schlechtesten Performance (0 % von 100%) sowie die Bayern LB auf dem vorletzten Platz (28 % von 100%).

„Die Sparkasse KölnBonn lässt ihre KundInnen komplett darüber im Unklaren, ob die Verwendung der etwa 20 Mrd. Euro Einlagen an nachhaltige Kriterien gebunden ist“, beklagt Antje Schneeweiß von SÜDWIND.

Seit dem Jahr 2018 sind Banken ab einer gewissen Größenordnung erstmalig für das Geschäftsjahr 2017 verpflichtet, über nicht-finanzielle Belange zu berichten (CSR-Berichtspflicht). Zu diesen gehören fünf verpflichtende Themen: Umwelt-, ArbeitnehmerInnen- und Sozialbelange sowie die Achtung der Menschenrechte und die Bekämpfung von Korruption und Bestechung.

„Die untersuchten Banken kommen zwar ihrer Berichtspflicht zur unternehmerischen Sozialverantwortung nach, doch fördert dieses Verfahren nicht die Transparenz in Bezug auf soziale und ökologische Aspekte des Kerngeschäftes der Banken“, beklagt Thomas Küchenmeister, geschäftsführender Vorstand der Nichtregierungsorganisation Facing Finance, die den Fair Finance Guide Deutschland koordiniert. Küchenmeister verweist darauf, dass z.B. die Unternehmen der DZ BANK-Gruppe Menschenrechtsaspekten bei den direkten Geschäftstätigkeiten nur eine untergeordnete Rolle zuschreiben.

Ein weiteres Ergebnis: Der Fair Finance Guide Deutschland unterscheidet sich im Vergleich zu Nachhaltigkeitsratingagenturen und ihren Bewertungen deutlich. „Im Vergleich zu Nachhaltigkeitsratingagenturen erweist sich der Fair Finance Guide als kritischer und verfolgt zudem eine komplett transparente Methodik, wohingegen die Nachhaltigkeitsratingagenturen jede Menge Informationen in eine Blackbox kippen, eine Zahl darunterschreiben und diese dann für viel Geld an ihre KundInnen - zu denen auch viele Banken gehören - verkaufen“, kritisiert Thomas Küchenmeister. Zu den positiven Ergebnissen trägt wesentlich der TOP-Neueinsteiger EthikBank bei, der aus dem Stand mit einer Performance von 94 % von möglichen 100 % auf Platz 2 landet.

„Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher wollen wissen, ob ihre Bank soziale und ökologische Richtlinien berücksichtigt. Die Verbraucherzentrale Bremen kooperiert daher mit dem Fair Finance Guide und hat die EthikBank unter die Lupe genommen. Die Tochter der Volksbank Eisenberg ist zwar nur eine kleine Anbieterin, konnte sich aber mit ihrer Nachhaltigkeitsausrichtung auf Anhieb in der Spitzengruppe platzieren“, kommentiert Dr. Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen.

Die katholische Pax-Bank, die bei der ersten Untersuchung noch die schlechteste Bewertung erhielt, macht erneut einen großen Sprung (55 % auf 66 %) und landet auf Platz 5, deutlich vor der Commerzbank (39 %), der leicht verbesserten Deutschen Bank (33 %) und der stagnierenden DZ Bank (32 %). “Die klare Verbesserung des Ratings der Pax Bank rührt wesentlich von der gewachsenen Dialogbereitschaft des Instituts, welche sich als entscheidende Grundlage für die Entwicklung der Investitions- und Anlageleitlinien der Pax Bank erwiesen hat”, sagt Mario Dziamski, Gründer der Verbraucherinitiative Rank a Brand e.V.. Auch die evangelische KD-Bank zeigt sich deutlich verbessert.

„Unsere Transparenzinitiative scheint zu wirken, denn im Durchschnitt erhöht sich der qualitative Standard der ESG-Kriterien der untersuchten Banken langsam aber stetig“ resümiert Sarah Guhr, Projektleitern des Fair Finance Guide Deutschland.So hat sich der Durchschnittswert der acht seit Beginn bewerteten Banken trotz mittlerweile gestiegener Anforderungen von 42 % auf 58 % erhöht. Die konventionellen Banken verbesserten sich seit März 2016 insgesamt von 23 % auf 28 %.

„Der Fair Finance Guide konnte besonders in den Bereichen Arbeitsrecht (von 36 % auf 43 %), bei der fossilen Energieerzeugung (von 21 % auf 28 %) sowie dem Thema Bergbau (von 21 % auf 26 %) Verbesserungen feststellen“, unterstreicht Sarah Guhr. Diese Entwicklung sei z.B. den vermehrten Ausschlüssen von Kohlekraftwerksbetreibern bzw. von Kohlebergbau und umweltschädlichen Energiegewinnungsmethoden wie Fracking bzw. Öl- oder Teersande (tar sands) zuzuschreiben, so Sarah Guhr.

Facing Finance und die Kooperationspartner im Fair Finance Guide werden ihre Zusammenarbeit fortsetzen und ausweiten. Zudem ist vorgesehen, anhand von öffentlich zugänglichen Fallstudien kontinuierlich zu prüfen, ob Banken tatsächlich ihre ESG-Richtlinien einhalten.

Ziel des Fair Finance Guide Deutschland bleibt es, für BankkundInnen mehr Transparenz und Vergleichbarkeit in Bezug auf die soziale und ökologische Bilanz deutscher Banken herzustellen und ihnen die Möglichkeit zu geben, die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle besser beurteilen zu können. Dafür steht das anhand von 250 Kriterien detailliert recherchierte, unabhängige und frei zugängliche ESG-Bewertungsportal zur Verfügung:
"Checken Sie Ihre Bank um ESG-Bewertungsportal"

Der Fair Finance Guide Deutschland ist Teil vom"Netzwerk Fair Finance Guide International", gegründet von Oxfam Novib. Der FFG International umfasst weltweit derzeit neun Länder und vereint über 40 Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften, Umweltgruppen und Verbraucherorganisationen.

Fair Finance Guide Deutschland wird von der schwedischen Entwicklungsbehörde Sida und der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen finanziert. Die dem Projekt zugrunde liegende, umfassende Methodik wurde mit Unterstützung der niederländischen Agentur Profundo (www.profundo.nl) entwickelt.

Bei Rückfragen und Interviewwünschen wenden Sie sich bitte an:

Thomas Küchenmeister
FACING FINANCE
0175-4964082
kuechenmeister@facing-finance.org

Hintergrundinformationen
"Hintergrundinfo"

13.04.2018 10:17
EU fordert: Mehr Fairness im Supermarkt und für Landwirte
Um mehr Fairness entlang der Lebensmittelkette bemüht sich ein aktueller Vorschlag der EU-Kommission. Die EU-Kommission schlägt europaweit Mindeststandards gegen unfaire Handelspraktiken vor. Damit sollen die EU-Mitgliedsstaaten zukünftig Verstöße gegen die gute Handelspraxis aufklären und Strafen gegen den Lebensmittelhandel verhängen können.

Die EU-Kommission möchte plötzliche Stornierungen, Zahlungsverspätungen, einseitige nachträgliche Vertragsänderungen und Abschläge für verdorbene Ware, die nicht vom Produzenten verantwortet wurde, verbieten. Andere unfaire Handelspraktiken sollen nur dann untersagt werden, wenn sie nicht ausdrücklich im Vertrag festgehalten sind. Dazu gehören Listungsgebühren, die Rückgabe unverkäuflicher Ware und die Beteiligung des Anbieters an Werbemaßnahmen.

Die EU-Kommission begründet ihr Vorgehen gegen unfaire Handelspraktiken mit der schwachen Stellung der Landwirte innerhalb der Lebensmittelkette. Gemeint ist vor allem der Lebensmitteleinzelhandel, aber auch andere Abnehmer mit mehr als 250 Mitarbeitern und 50 Mio. Euro Jahresumsatz, die nach der Definition keine kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mehr sind.

Ziel des Vorschlags sei es, die Einkommen der Landwirte in der EU zu verbessern, da unfaire Handelspraktiken die Gewinnmargen der Erzeuger verkleinerten, erklärte EU-Agrarkommissar Phil Hogan. Es ginge der EU-Kommission darum, in allen EU-Mitgliedsstaaten gemeinsame Mindeststandards festzulegen, um auf dem EU-Binnenmarkt für Chancengleichheit zwischen den Landwirten zu sorgen.

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger über den Vorschlag: „Uns geht es um die Stellung unserer Bäuerinnen und Bauern in der Lebensmittelversorgungskette. Tausende Landwirte stehen nur wenigen Handelsketten in Österreich gegenüber. Wir müssen den Kampf David gegen Goliath entschlossen weiterführen. Der Vorschlag der Kommission ist hier ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.“

Auch LK Österreich-Präsident Hermann Schultes betonte: “Der neue EU-Rechtsrahmen soll für Geschäftspraktiken auf Augenhöhe sorgen. So soll es künftig einseitig diktierte Qualitätsstandards, kurzfristige Stornos, Rücksendungen unverkaufter Frischware, Listungsgebühren oder Kostenbeteiligungen für Werbung, die letztlich der Bauer bezahlt, und andere unfaire Geschäftspraktiken nicht mehr geben. In den kommenden Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat gilt es, noch einige Nachbesserungen, wie die Größe der von den neuen Regeln betroffenen Unternehmen, zu verankern. So sollen das Größenverhältnis Lieferant zu Abnehmer und nicht fixe Unternehmensgrößen ausschlaggebend sein.”

Das EU-Parlament hatte seit längerer Zeit solche Maßnahmen gefordert. Der Gesetzesvorschlag der Kommission ist laut EU-Abgeordnetem Othmar Karas “überraschend positiv, realistisch und flexibel”. Das Parlament werde ihn prüfen “und sicher einige Änderungen vornehmen”, so Karas. Am kommenden Montag, 16. April, soll der Vorschlag im EU-Agrarrat diskutiert werden.

Das EU-Parlament hatte Mitte 2016 von der EU-Kommission gefordert, Gesetzesvorschläge gegen unlautere Handelspraktiken in der Lebensmittelversorgungskette vorzulegen, um angemessene Einkünfte für Landwirte und eine umfangreiche Auswahl für Verbraucher zu gewährleisten. Die Entschließung war mit 600 Stimmen angenommen wurde, bei 48 Gegenstimmen und 24 Enthaltungen.

Ziel ist, faire und transparente Beziehungen zwischen Erzeugern, Lieferanten und Vertreibern von Lebensmitteln sicherzustellen.

"Die bisher ergriffenen Maßnahmen haben noch keine Wirkung gezeigt. Deshalb machen wir weitere Vorschläge. Es muss mehr für die Verbesserung der Beziehungen zwischen Erzeugern und Supermärkten getan werden, vor allem, wenn es darum geht, den sogenannten "Angstfaktor" zu minimieren. Außerdem fordern wir die EU-Kommission auf, mehr Instrumente zur Bekämpfung unfairer Handelspraktiken zu schaffen", sagte der Berichterstatter Edward Czesak (EKR, PL).

Fairer Handel sollte auch dazu beitragen, Überproduktion und Verschwendung von Lebensmitteln zu verhindern, so der Entschließungstext, in dem die Abgeordneten verlangen, dringend gegen die großen Unterschiede bei den Einkommen und beim Einfluss der Akteure der Lebensmittelversorgungskette vorzugehen, um die Verhandlungsposition der Landwirte zu verbessern.

In der Entschließung stellte das Parlament fest, dass der Verkauf zu einem nicht kostendeckenden Preis und der Umstand, dass landwirtschaftlich erzeugte Grundnahrungsmittel wie Milchprodukte, Obst und Gemüse von großen Einzelhändlern massiv als Lockangebote missbraucht werden, auf lange Sicht die Nachhaltigkeit der Erzeugung dieser Nahrungsmittel in Europa bedrohen.

Landwirte und KMU leiden unter unlauteren Praktiken besonders stark. Manchmal sind sie dazu gezwungen, nach für sie ungünstig verlaufenen Verhandlungen mit anderen – stärkeren – Akteuren der Lebensmittelversorgungskette mit Verlust zu verkaufen, beispielsweise infolge von Preissenkungen und -nachlässen in den Supermärkten. Auch Endverbraucher sind benachteiligt, da die Produktauswahl sowie ihr Zugang zu neuen und innovativen Erzeugnissen eingeschränkt werden, so die Abgeordneten.

"Angstfaktor" der Produzenten überwinden: Robuste Durchsetzung erforderlich

Freiwillige Maßnahmen und Selbstregulierungsmaßnahmen haben aufgrund ihrer unzureichenden Durchsetzung, der unzulänglichen Beteiligung von Landwirten, Interessenskonflikten zwischen den betroffenen Parteien, Mechanismen zur Streitbeilegung, die den „Angstfaktor“ auf Seite der Produzenten nicht berücksichtigen, und die Tatsache, dass sie sich nicht auf die gesamte Lebensmittelversorgungskette beziehen, bislang nur zu bescheidenen Ergebnissen geführt, unterstreicht das Parlament.

Es vertritt die Auffassung, dass nur mit einem Rechtsrahmen auf EU-Ebene unlautere Handelspraktiken bekämpft werden können und sichergestellt wird, dass Landwirte und Verbraucher in der EU von fairen Verkaufs- und Einkaufsbedingungen profitieren können.

Es ist zudem der Ansicht, dass die "Supply Chain Initiative" und andere freiwillige Systeme auf nationaler Ebene und EU-Ebene weiterentwickelt und gefördert werden sollten, und zwar "als Ergänzung wirkungsvoller und starker Durchsetzungsmechanismen auf der Ebene der Mitgliedstaaten – wobei insbesondere darauf zu achten ist, dass Beschwerden anonym eingereicht werden können und abschreckende Sanktionen eingeführt werden – und in Verbindung mit einer Koordinierung auf EU-Ebene." Die Abgeordneten ermutigen Produktions- und Handelsunternehmen, wozu auch Bauernverbände zählen, sich an diesen Initiativen zu beteiligen.

Sie begrüßen außerdem Aktivitäten wie zum Beispiel die „Initiative Tierwohl“ in Deutschland, mit denen Landwirten dabei geholfen werden soll, bei der Vermarktung ihrer Erzeugnisse deren Vorzüge in den Vordergrund zu stellen.

Zum Hintergrund
Unlautere Handelspraktiken umfassen unter anderem verspätete Zahlungen, einen beschränkten Zugang zum Markt, einseitige oder rückwirkende Änderungen von Vertragsbedingungen, die plötzliche und unbegründete Auflösung von Verträgen, die unlautere Übertragung des kommerziellen Risikos oder die Abwälzung der Transport- und Lagerhaltungskosten auf die Lieferanten.

Es gibt bereits EU-Rechtsvorschriften zur Bekämpfung unlauterer Handelspraktiken in den Beziehungen zwischen Unternehmen und Verbrauchern (Richtlinie 2005/29/EG), aber keine EU-Rechtsvorschriften zur Bekämpfung unlauterer Praktiken in den Beziehungen zwischen den verschiedenen Akteuren entlang der Lebensmittelversorgungskette. Unlautere Handelspraktiken fallen nur zum Teil unter das Wettbewerbsrecht.

"Die österreichische Bauernzeitung über Fairness im Lebensmittelsektor"

"Europäisches Parlament fordert mehr Fairness in der Lebensmittelkette"

29.03.2018 09:53
Greenwashing: Betrug an Bürgern, Umwelt und Arbeitern
"Der Film „The green lie“ entlarvt das Greenwashing der Konzerne und zeigt dem Konsumenten die Wahrheit hinter angeblich nachhaltigen Produkten. Der Film ist seit 22. März in den Kinos.
Ein Interview der Zeitschrift Enorm mit der Frau hinter dem und im Film: Kathrin Hartmann.

Kathrin Hartmann, geboren 1972, lebt und arbeitet als Journalistin und Autorin in München. Seit vielen Jahren schreibt sie Bücher über Greenwashing und den industriellen Raubbau an der Natur – und seit Gründung von enorm 2010 auch immer wieder Interviews und Texte für unser Magazin. Im Blessing-Verlag ist im Februar Kathrin Hartmanns jüngstes Buch erschienen, „Die Grüne Lüge“ – das Buch zum Film „The Green lie“, den sie gemeinsam mit dem Wiener Dokumentarfilmer Werner Boote gedreht hat.

Kathrin, seit Jahren schreibst du über Greenwashing. Warum jetzt ein Kinofilm?

Hartmann: Das war die Idee von Werner Boote, dem Regisseur des Dokumentarfilms „Plastic Planet“. Wir hatten uns in einer Talkshow des ORF kennen gelernt, es ging um das Thema Nachhaltiger Konsum. Werner mochte wohl, wie ich in der Sendung gegen die Konzerne anging, in jedem Fall schlug er mir danach vor, gemeinsam einen Film über Greenwashing zu machen. Ich bin sehr froh darüber. Schreibend lässt sich das Thema manchmal schwer erklären – und im Film können wir einfach Bilder zeigen und alles wird damit völlig klar. Zum Beispiel in der Szene, in der Werner und ich auf einer riesigen, gespenstisch stillen Fläche abgebrannten Urwalds stehen. Das hat eine ganz andere Kraft, als wenn ich es in Worten beschreiben würde.

Überall auf der Welt versuchen Unternehmen, ihre umweltschädlichen und unfair hergestellten Produkte als grün zu verkaufen. Ihr habt euch aus der Masse an Beispielen in erster Linie das Palmöl herausgesucht. Warum?

Hartmann: Wir haben lange überlegt, ob wir nicht möglichst viele Branchen, Unternehmen oder Länder nennen wollen. Aber das hätte wie eine Auflistung von Einzelfällen und schwarzen Schafen gewirkt. Wir möchten die Strategie von Greenwashing zeigen, die ist ja überall gleich. Wir sind also erst einmal dem Palmöl nach Indonesien hinterhergereist. Damit hat jeder zu tun, es steckt in jedem zweiten Supermarktprodukt – und im Biodiesel. Mit dem Thema Palmöl sind viele große Firmen verbunden, vor allem in der Lebensmittel- und der Konsumgüterindustrie. Die Zerstörungen durch den Anbau in Monokultur sind offensichtlich. Und trotzdem passiert nichts, trotz des Runden Tischs für Nachhaltiges Palmöl und großer Versprechen von Unternehmen. Es gibt einen Haufen von Belegen, dass sich in den vergangenen Jahren gar nichts verbessert hat, obwohl viele Firmen behaupten, nachhaltiges Palmöl zu verwenden. Aber es gibt überhaupt kein nachhaltiges Palmöl.

Eine Schlüsselszene des Films ist diese: Auf einer Messe in Indonesien stellt euch ein Verkäufer ein Herbizid vor, das als grün beworben wird. „Ist es biologisch?“, fragst du ihn. „Nein, nein“, sagt der Mann, „Es ist einfach ein weniger giftig.“ Ist das für dich der Kern von Greenwashing?

Hartmann (lacht): Genau! Natürlich ist nicht alles erfunden und erlogen, was Unternehmen uns als nachhaltiger verkaufen. Aber das, was sie als Verbesserung anpreisen, betrifft nie das Kerngeschäft. Produktion und Gewinn bauen auf der Ausbeutung von Menschen und der Natur auf. Und diese Strategie wird nicht grundsätzlich angefasst.

The Green Lie ist dialogisch angelegt, Werner Boote spielt den Konsumentenvertreter, der gerne den grünen Siegeln vertrauen will, du bist die Expertin, die alles kritisch hinterfragt. Warum habt ihr diese Form gewählt?

Hartmann: Wir führen im Film eine Art Streit in good cop, bad cop-Manier. Werner steht auf der Seite des Zuschauers und sagt: Ich will es richtig machen und nachhaltig einkaufen, aber mich auch nicht verarschen lassen. Und ich bin die, die warnend auf die leeren Versprechen zeigt. Werner macht das ja immer so in seinen Filmen – er stellt sich eine Frage, und fährt dann los, um nach der Antwort zu suchen. Bei „Population Boom“ zum Beispiel war seine Ausgangsfrage: Alle sagen das, aber gibt es wirklich zu viele Menschen auf der Erde? Beim Thema Greenwashing funktioniert dieses Prinzip auch sehr gut. Die Strategien der Unternehmen sind inzwischen so ausgefuchst, dass es sehr schwer ist, als Einzelner dahinter zu blicken. Wir haben im Alltag nicht die Zeit, uns in all diesen Themen zu Experten zu machen, um dann die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Diesen Konflikt zeigen wir im Film.

Der Konsument soll richtig konsumieren, dann wird alles besser – gegen diese klammheimliche Verschiebung der Verantwortung vom Verursacher zum Verbraucher wehrt ihr euch.

Hartmann: Ja, klar! Die Frage ist doch: Wie kann es sein, dass solche Produkte überhaupt im Supermarkt stehen? Warum muss ich mich aktiv dagegen entscheiden, jemanden auszubeuten? Warum werden Produkte nicht einfach so hergestellt, dass sie keinem schaden? Warum kann ich mich darauf nicht verlassen? Und da sind wir dann beim Thema Recht und Gesetz, bei den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Die EU hat ihre Mitgliedstaaten dazu aufgerufen, nationale Aktionspläne vorzulegen, um die Prinzipien umzusetzen. Das würde bedeuten, dass Unternehmen verbindlich verpflichtet werden, Menschenrechtsverletzung und Umweltzerstörung zu vermeiden _ sie könnten bei Verstößen sogar dafür bestraft werden. Würde das geschehen, hörten so manche Dinge einfach auf. Palmöl ist nur so billig, weil seine Herstellung Rechte verletzt. Aber die Bundesregierung setzt weiter auf das freiwillige Engagement von Unternehmen.

Zu den Bildern zerstörter Landschaften blendet Ihr Zitate von Konzernchefs ein, die den grünen Wandel ihrer Unternehmen preisen. Was für ein Gefühl soll das beim Zuschauer hinterlassen?

Hartmann: Um Greenwashing als solches zu entlarven, braucht man eine gewisse Distanz. Es ist gar nicht schlecht, auch einmal darüber zu lachen, dass der Coca Cola-Vorstand vor einer Wand voller Plastikflaschen die Nachhaltigkeit zum Herzensthema erhebt. Lachen ist gemeinsam mit ein bisschen Wut eine gute Mischung, um zu beschließen: Wir lassen uns das nicht länger gefallen, ihr spinnt ja wohl! Ihr seid die Verbrecher – nicht wir, weil wir anscheinend die falschen Sachen kaufen. Die ganz hinterfotzige Folge von Greenwashing ist ja, das uns suggeriert wird: Ihr seid schuld, Ihr kauft das Zeug doch! Deshalb haben wir ein dauerschlechtes Gewissen und fühlen uns machtlos.

Gegen Ende des Films wirkt Werner Boote erschöpft. Das sei alles so kompliziert, klagt er. Und man wisse gar nicht mehr, was man eigentlich tun solle. Du hältst dagegen …

Hartmann: Wir sollten uns nicht mehr als reine Konsumenten und Verbraucher betrachten, die können nur konsumieren und verbrauchen. Wir sind Bürger. Und haben demokratische Rechte. Die im Übrigen alle von anderen Bürgern vor uns erkämpft wurden. Es hilft nur, zu protestieren. Auf ganz unterschiedliche Weise: Der eine ist gut in einer Partei aufgehoben, der andere engagiert sich lieber in einer NGO, der dritte unterstützt auf lokaler Ebene den Kampf für eine autofreie Innenstadt. Andere werden Mitglieder eines solidarischen Bauernhofs. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Aber das Wichtigste ist: Das Engagement muss sichtbar sein. Einkaufen ist nicht sichtbar. Außerdem vereinzelt es. Ich merke immer wieder, dass sich Viele als absolut wirkungslos empfinden, ihnen fehlt die Gemeinschaftserfahrung. Dass man gemeinsam leichter etwas erreicht. Der erste Schritt kann die nächste Demo sein. Wo man mal wieder spürt: Da sind ja noch Tausende andere, die wollen es auch ganz anders haben!"

"Das Enorm-Interview mit Kathrin Kartmann zur 'grünen Lüge'

14.03.2018 16:58
Wie Adidas Arbeitnehmerrechte missachtet
Das SÜDWIND-Institut wirft Adidas vor, im Fall der gesetzwidrigen Entlassung von mehr als 300 ehemaligen Beschäftigten ihres indonesischen Zulieferers Panarub im Jahr 2012 seinen unternehmerischen Sorgfaltspflichten nicht nachgekommen zu sein.

Damit hat Adidas gegen die Leitsätze der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) für multinationale Unternehmen verstoßen. SÜDWIND, Mitglied der Kampagne für Saubere Kleidung, wird daher gegen den Adidas-Konzern eine Beschwerde bei der OECD einlegen.

Im Juli 2012 streikten rund 2.000 Beschäftigte der Firma PT Panarub Dwikarya, Teil des zentralen Adidas-Zulieferers Panarub-Gruppe in Indonesien. Sie forderten die Zahlung des seit Januar 2012 geltenden Mindestlohnes sowie ihr Recht auf Vereinigungsfreiheit. Vorausgegangen war im Februar 2012 die Entlassung von mehreren Beschäftigten, die versucht hatten, eine Betriebsgewerkschaft zu gründen. Am 23. Juli 2012 wurden 1.300 Beschäftigte, die sich an dem Streik beteiligt hatten, entlassen. Bis heute haben mehr als 300 der Entlassenen (überwiegend Frauen) keine Abfindung erhalten, obwohl diese gesetzlich verpflichtend ist. Laut indonesischem Arbeitsrecht steht jedem Entlassenen eine Abfindung zu, deren Höhe in Relation zur Dauer ihrer Beschäftigung steht.

Mit der Beschwerde soll Adidas dazu bewegt werden, seinen Einfluss auf Panarub wahrzunehmen und dazu beizutragen, dass die Beschäftigten die ihnen zustehende Abfindung erhalten: Adidas-Schuhe wurden nachweislich in den ersten Monaten des Jahres 2012 in der besagten Fabrik produziert. Adidas ist bis heute (neben einem asiatischen Auftraggeber) einer der größten Kunden von Panarub. „Adidas trägt für die Verletzung von Arbeitsrechten bei der Panarub-Gruppe damit eine Mitverantwortung“ meint Dr. Sabine Ferenschild von SÜDWIND. Mehr noch: Adidas hat sogar aktiv zu dieser Verletzung beigetragen, da das Unternehmen versäumt hat, den Beschäftigten von PT Panarub Dwikarya Zugang zu Abhilfe zu verschaffen. Genau hier setzen die Leitsätze der OECD an: Sie formulieren Empfehlungen für verantwortungsvolles Unternehmenshandeln in einem globalen Kontext.

Die Beschwerde stützt sich auch auf die Beurteilung des Falls durch die Aufsichtsgremien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO): Diese besagt eindeutig, dass die Entlassung der Panarub-Beschäftigten nicht gerechtfertigt war und eine Verletzung des fundamentalen Rechtes der Beschäftigten auf Vereinigungsfreiheit darstellte. „Es gibt bisher kein rechtliches Instrument, mit dem multinationale Unternehmen bei Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten zur Verantwortung gezogen werden können“, so Ferenschild weiter. „Das Beschwerdeverfahren der OECD, das wir nun gemeinsam mit indonesischen und europäischen PartnerInnen anstrengen, kann aber zumindest dazu genutzt werden, dass Adidas zu den Vorwürfen offiziell Stellung nehmen muss.“

"Südwind-Institut"

21.02.2018 13:26
H&M, C&A, 3M - vorher Takko: Billigproduktion mit chinesischen Gefangenen
Ob das stimmt? Der Spiegel berichtet in seiner Ausgabe vom 21.2.2018:
"Fast zwei Jahre verbrachte der Brite Peter Humphrey in einem chinesischen Gefängnis. Nun berichtet er, die Gefangenen dort hätten auch an Produkten bekannter Marken wie H&M oder C&A gearbeitet. Die Firmen reagieren zurückhaltend.

Immer wieder haben westliche Modeketten Probleme mit den Arbeitsstandards ihrer Zulieferfirmen in asiatischen Billiglohnländern. Nun kommt ein weiterer Vorwurf hinzu: Der britische Privatdetektiv Peter Humphrey, der 23 Monate lang im Qingpu Gefängnis in der Nähe von Schanghai eingesperrt war, berichtet in der "Financial Times" von den Haftbedingungen - und belastet dabei auch Modeketten wie H&M und C&A.

"Das Gefängnis war ein Unternehmen, das Industriearbeit verrichtete", schreibt Humphrey. "Vormittags, nachmittags und oft während des Mittagsschlafs 'arbeiteten' die Häftlinge im Gemeinschaftsraum. Unsere Männer haben Verpackungsteile hergestellt. Ich erkannte bekannte Marken - 3M, C&A, H&M. So viel zur sozialen Verantwortung von Unternehmen, obwohl die Unternehmen möglicherweise nicht wussten, dass die Gefängnisarbeit Teil ihrer Lieferkette war."

Gefangene aus chinesischen Zellblöcken hätten Textilien und Komponenten hergestellt, berichtet Humphrey. "Sie marschierten wie Soldaten vor unserem Frühstück und kamen spät am Abend zurück. Die Ausländer, die in meinem Zellenblock arbeiteten, waren Afrikaner und Asiaten, die kein Geld von der Familie hatten und keine andere Möglichkeit, Toilettenartikel und Snacks zu kaufen."

Der Artikel in der ? "Financial Times" erschien bereits vor einigen Tagen. Nun hat das US-Onlineportal ? "Quartz" die Schilderungen aufgegriffen und die genannten Konzerne mit den Vorwürfen konfrontiert.

Demnach verlangt H&M von seinen Zulieferern eine Zusicherung, auf Zwangsarbeit, Gefängnisarbeit und illegale Beschäftigung zu verzichten. "Soweit wir wissen, wurde das nicht verletzt", zitiert "Quartz" einen Konzernsprecher. Man nehme die Informationen aber sehr ernst. Bereits in der Vergangenheit habe das Unternehmen seine chinesischen Zulieferbetriebe daran erinnert, dass der Verzicht auf Gefängnisarbeit nicht verhandelbar sei und Verstöße zu einem Ende der Geschäftsbeziehungen führten.

Auch der Verhaltenskodex für die Zulieferer von C&A ist eigentlich eindeutig und verbietet Gefängnisarbeit ausdrücklich. "Wir überprüfen alle unsere 273 Fabriken unserer Zulieferer in China mindestens jährlich", zitiert "Quartz" einen Sprecher, "und wir haben dabei weder Gefängnisarbeit in unserer chinesischen Lieferkette beobachtet noch sind wir darauf aufmerksam gemacht worden."

Auch die US-Firma 3M, die unter anderem Klebeprodukte herstellt, reagierte auf die Anschuldigungen. Man beteilige sich nicht an ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und habe keine Hinweise darauf, dass Zulieferbetriebe in China Gefängnisarbeit nutzten".

2012 hatte der Spiegel über die Textilkette Takko berichtet, dass das Unternehmen, das europaweit 1247 Filialen (davon 813 in Deutschland) betreibt, in Gefängnissen in China produzieren ließ. Mehr als 50.000 Jacken und Tops habe Takko im vergangenen Jahr bei der Global Fashion Support (GFS), einem Vermittler von Produktionsmöglichkeiten in Asien, bestellt. GFS wiederum habe den Auftrag an Subunternehmer weitergereicht, die die Kleider in Haftanstalten nähen ließen. GFS ist ein Ableger der Hamburger Holding Dr. Rehfeld Fashion AG, Dachgesellschaft mehrerer Modeunternehmen der Marke Broadway NYC.

Mit Spannung werden die begründeten Stellungnahmen der betreffenden Unternehmen erwartet.

16.11.2017 18:15
So klappt’s auch mit dem unfairen Führen: 12 unfaire Führungstipps
Führungskräfte an die Macht – Fairness ist nur was für Weicheier!

Unsere 12 unfairen Führungstipps garantieren 100% Erfolg!

1. Vermeiden Sie grundsätzlich jede Form von Höflichkeit. Ein netter Umgangston, ein freundliches Miteinander wird prinzipiell überbewertet. Meiden Sie Augenkontakt und grüßen Sie nur Personen, die in der Hierarchie über Ihnen stehen. Mitarbeiter, die Sie zu einem Small-Talk nötigen, haben sowieso zu viel Zeit, ignorieren Sie diese.
2. Bedanken Sie sich niemals! Ihre Mitarbeiter verdienen Geld und kein Dankeschön. Wenn Sie unbedingt loben müssen, dann sparen Sie nicht an gleichzeitiger Kritik.
3. Melden Sie Kritik stets sofort zurück. Geben Sie stets und in jeder Situation Feedback. Werden Sie laut und sprechen Sie eine deutliche Sprache. Kritisieren Sie Mitarbeiter stets vor Kollegen und Geschäftspartnern, so geben Sie auch anderen die Gelegenheit von Ihnen zu profitieren.
4. Vermeiden Sie alles was Ihre Mitarbeiter ablenken und als persönlich ansehen könnten. Ignorieren Sie Geburtstage, Jubiläen und Hochzeiten und verzichten Sie auf Weihnachtsgrüße, schließlich sind Sie keine Freunde.
5. Lassen Sie Ihrer Stimmung stets freien Lauf, nur so können andere darauf Rücksicht nehmen.
6. Zeigen Sie durch Ihre Körperhaltung in Mitarbeitergesprächen aktiv und eindeutig was Sie empfinden. Unterbrechen Sie den Mitarbeiter, wenn dieser etwas Falsches sagt und machen Sie ihm deutlich, dass Sie für Gespräche keine Zeit haben. Gehen Sie bei Teambesprechungen ähnlich vor. Stellen Sie am von Ihnen gesetzten Ende die Frage „Es gibt doch sicherlich keine Fragen?“ und verlassen Sie daraufhin unmittelbar und zügig den Raum.
7. Vermeiden Sie quälende Diskussionen und treffen Sie eine Entscheidung. Zeigen Sie Ihren Mitarbeitern, dass Sie und nur Sie der Entscheider sind, es immer waren und auch immer sein werden.
8. Zeigen Sie Ihren Mitarbeitern stets deutlich, dass Sie länger arbeiten als diese. Weisen Sie montags darauf hin, dass Sie am Wochenende gearbeitet haben und fragen Sie Ihre Mitarbeiter, sollten diese pünktlich zum Feierabend das Gebäude verlassen, ob diese nur noch halbtags bei Ihnen beschäftigt sind.
9. Fordern Sie Mitarbeiter auch im Urlaub oder nach Feierabend! Regelmäßige E-Mails mit Handlungsaufforderungen lassen Rückschlüsse auf die Motivation Ihrer Mitarbeiter zu.
10. Mischen Sie sich stets in Kundengespräche und Telefonate Ihrer Mitarbeiter ein. Schließlich sind Sie am erfahrensten und wissen es am besten.
11. Das schönste Zimmer, die besten Arbeitsmaterialien gebühren Ihnen. Begründen Sie dies stets mit Ihrer Wichtigkeit oder am besten überhaupt nicht. Zeigen Sie was Sie haben und davon möglichst reichlich. Ihre Mitarbeiter sehen dies als Ansporn.
12. Flexible Arbeitszeiten? Arbeiten im Homeoffice? Mütter im Unternehmen? Nicht mit Ihnen! Zeigen Sie deutlich, dass Sie für Sentimentalitäten nichts übrig haben, schließlich können Sie nicht auf alles Rücksicht nehmen.

Fazit: mit diesen Tipps werden Sie definitiv die Auszeichnung erhalten:
„Unfairste Führungskraft des Monats“.

Dr. Ulrich Wiek

"Auf Dr. Wieks Fairnessblog am 9.10.2017 - mit freundlicher Genehmigung hier zitiert"

05.10.2017 11:10
Landgrabbing auch durch deutsche Unternehmen
Wer von Landgrabbing spricht, denkt meist an Investoren aus den USA und China. Tatsächlich sitzen wird von dort sowie von Malaysia, Singapur, Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten Landgrabbing im großen Stil gesteuert. Dazu wird in Schwellen- und Entwicklungsländer Land aufgekauft, um dort Getreide, Spritpflanzen oder Plantagenholz zu produzieren. Oder um zu spekulieren.

Dass auch europäische Akteure an diesen Deals beteiligt sind, belegt die Menschenrechtsorganisation FIAN in einer Studie über Landkonflikte in den Ländern des globalen Südens. Demnach kontrollieren britische Firmen 1,9 Millionen Hektar Land im Ausland, deutsche Unternehmen folgen mit 300?000 Hektar – nach Ländern wie Frankreich, Italien oder Finnland – auf Platz sieben. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Akteure aus Europa oftmals an Landgrabbing beteiligt sind und dass die Politik auf die hiermit verbundenen menschenrechtlichen Probleme bislang kaum angemessene Antworten gefunden hat.

Roman Herre, Agrar-Referent von FIAN Deutschland: „Vor genau zehn Jahren berichteten die Medien erstmals über moderne Landnahmen, auch Landgrabbing genannt. Private und staatliche Investoren sind seitdem ständig auf der Suche nach riesigen Landflächen, um Agrartreibstoffe anzubauen, Nahrungsmittel zu exportieren oder um damit schlicht zu spekulieren. Oftmals werden hierdurch örtliche Gemeinden von ihrem Land vertrieben. Die jüngste Absage von Bundeskanzlerin Merkel an die „klassische Entwicklungshilfe“ und die Ankündigung einer verstärkten Zusammenarbeit mit Konzernen und Finanzinvestoren lassen für die Landwirtschaft wenig Gutes erwarten“.

Die Fallbeispiele von Landgrabbing in Sambia, Uganda, Kongo und Mosambik zeigen, dass großflächige Agrar-Investitionen menschenrechtlich hochsensibel sind. In vielen Ländern sind 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tätig. Durch den Flächenhunger von Agrarinvestoren verlieren Millionen von Menschen ihre Existenzgrundlage.

Die deutschsprachige Zusammenfassung der Studie „Land Grabbing and Human Rights: The Involvement of European Corporate and Financial Entities in Land Grabbing outside the European Union“ beschreibt eine Vielzahl bislang ausgebliebener Handlungsmöglichkeiten der EU und ihrer Mitgliedstaaten, um das weltweite Landgrabbing zu reduzieren. „Bis heute fehlen viele Grundlagen wie konkrete Handlungsanleitungen für Botschaftspersonal, um Fällen von Landgrabbing aktiv nachzugehen, diese zu dokumentieren und an Regierungen und Parlamente zu übermitteln“, erklärt Brigitte Reisenberger, Geschäftsleiterin von FIAN Österreich. Auch die Arbeit des EU-Sonderbeauftragten für Menschenrechte müsste laut Reisenberger sehr viel konkreter werden, beispielsweise durch eine systematische Auswertung der zahlreichen Berichte über Landkonflikte sowie die engere Zusammenarbeit mit den Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen.

Wie wenig internationale Finanzinvestoren sich für die sozialen Auswirkungen ihrer Aktivitäten interessieren, zeigt das vielgelobte Beispiel der „UN-Prinzipien für verantwortungsvolle Investitionen“. Eine aktuelle Untersuchung des think tanks E3G kommt zu dem Ergebnis, dass bei knapp 1000 dort beigetretenen Konzernen und Investoren im Schnitt eine Person pro 14 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen angestellt wird, die sich um ökologische und soziale Auswirkungen der Investments kümmert. „Es ist absurd anzunehmen, dass auf diese Weise ein relevanter Beitrag gegen Umweltschäden oder Menschenrechtsverstöße geleistet wird“, so Roman Herre weiter. „Die Zahlen belegen die Notwendigkeit einer internationalen Regulierung anstelle freiwilliger Selbstverpflichtungen.“

Internationale Organisationen beklagen, dass das finanzielle Engagement häufig auf Kosten der Bevölkerung geht, denn durch den Flächenhunger der Investoren verlieren Millionen von Menschen ihre Existenzgrundlage. Die in der Studie genannten Beispiele, in denen auch Konsortien aus Deutschland genannt werden, belegen zudem, dass die betroffenen Menschen kaum eine Chance haben, ihre Ansprüche vor Gericht durchzusetzen. FIAN-Agrarreferent Roman Herre beklagt überdies, dass die Absage von Bundeskanzlerin Angela Merkel an die „klassische Entwicklungshilfe“ und die Ankündigung einer verstärkten Zusammenarbeit mit Konzernen und Finanzinvestoren „wenig Gutes erwarten lassen“.

Seit 2000 dokumentiert eine internationale Gruppe, an der auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beteiligt ist, größere Landkäufe und benennt die damit verknüpften Absichten der Käufer. Land Matrix heißt das Projekt, und es beziffert (Stand Ende August) den Kauf durch ortsfremde Investoren weltweit auf 49 Millionen Hektar. Das entspricht fast der dreifachen landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands.

"FIAN-Studie zu Landgrabbing - deutsch"

"Was ist Landgrabbing? Definition und Situation"

22.09.2017 17:01
Fairer Handel handelt unfair
Die Branche "Fairer Handel" und "Faire Trade" achtet auf gute Bedingungen in der Produktion, aber nicht beim Transport, sagt der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Hermannus Pfeiffer. Er zeigt den Zusammenhang zwischen fairem Handel und unfairen Transporten:

Zu den Fans des fairen Handels gehört auch Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller. »Als Verbraucherinnen und Verbraucher können Sie sich jeden Tag für eine gerechtere Welt einsetzen«: beim Kauf von fairer Schokolade im Supermarkt, beim Genuss von fairem Kaffee oder beim Einkauf in einem der 800 Weltläden, schreibt der CSU-Politiker in seinem Grußwort für die »Faire Woche«. Ab diesen Freitag wollen das Forum Fairer Handel, Transfair und der Weltladen-Dachverband zwei Wochen lang bundesweit auf etwa 2000 Veranstaltungen über ihre Anliegen informieren.

Aus fairen Produktionsbedingungen kann aber schnell »ein unfaires Produkt« werden, warnt die Gewerkschaft ver.di, »wenn die Transportbedingungen entlang der globalen Lieferkette nicht anständig sind«. Und das sei der Normalfall, sagt der Bundesfachgruppenleiter Maritime Wirtschaft, Torben Seebold.

Ob Kaffee oder Bananen - Bauern, Erntehelfer und Produktionsgenossenschaften erhalten im fairen Handel eine mehr oder weniger angemessene Bezahlung für ihre Arbeit. Doch wer ein Gütesiegel im »fairen Handel« erwirbt, ist entgegen der Bezeichnung üblicherweise nicht verpflichtet, eine entsprechend fair arbeitende Transportkette zu nutzen. Schon die Beförderung vor Ort ist häufig bestenfalls eine Blackbox, ebenso wie die Logistik im Empfängerland. So vertrauen sich faire Kaffeeröster in Deutschland und Österreich bei der Lagerung, Reinigung und Mischung der Rohware gerne dem weltweit führenden Kaffeedienstleister, der Hamburger Neumann Gruppe NKG, an.

Den größten Teil der Strecke zwischen den Bauern im globalen Süden und den Konsumenten im Norden legen Rohstoffe, Halbfertig- und Fertigprodukte per Schiff zurück. Das ist preiswert und günstig. Aber was Schiffstransporte nur selten sind: fair! Zwar gibt es eine Art weltweiten Tarifvertrag zwischen Reedern und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf. Doch die Heuer der Seeleute ist dennoch knapp bemessen und die Arbeitsstandards sind niedrig. Außerdem fahren viele »Totenschiffe« auf den Weltmeeren, die sich um solche Normen überhaupt nicht scheren“. Hinzu kommt, dass die meisten Schiffe mit dreckigem Schweröl angetrieben werden, das gemischt mit Dieselöl als Kraftstoff für Großdieselmotoren dient. Die Nutzung von Schweröl als Betriebsstoff von Schiffsmotoren wird von Umweltverbänden wie dem NABU angeprangert. Die Kritik richtet sich gegen die Verklappung von Sludge und auch gegen den hohen Schadstoffausstoß im Normalbetrieb. Kritisiert werden der hohe Rußausstoß und der Schwefelanteil des Schweröls.

Pfeiffer weiter: „Die in London ansässige Gewerkschaft Nautilus International und ihre schwedische Partnerorganisation SEKO haben daher als Speerspitze der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) die Kampagne »Fairer Transport« gestartet. Alle Seeleute sollen wenigstens in den Genuss des ILO-Tarifvertrages kommen. Dem Fairtrade-Dachverband in London haben die Gewerkschaften vorgeschlagen, einen fairen Schiffstransport in ihre Bedingungen für die Vergabe von Fair-Trade-Siegeln aufzunehmen.

Faire Händler in Deutschland sind skeptisch. Die Missstände im Schiffstransport seien zwar ein heißes Thema. Aber man könne jene alleine nicht ändern. Die GEPA, der wohl größte europäische Importeur fair eingekaufter Lebensmittel und Handwerksprodukte, verschifft laut Firmenangaben lediglich rund 500 Container pro Jahr. »Unsere Einflussmöglichkeit ist schon deswegen sehr begrenzt«, sagt eine Sprecherin. Weiterhelfen, heißt es bei Fairtrade Deutschland, könnten nur veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen.

Solche Argumente greifen aus Sicht von Gewerkschafter Seebold zu kurz. Händler, die Container nach Europa verschiffen, können sich eine Reederei aussuchen. Und eine Unterscheidung in gute und schlechte Transporteure sei in der Praxis machbar.

So gilt Hapag-Lloyd unter Schifffahrtsexperten als »weißes Schaf«: Viele Frachter fahren unter teurer deutscher Flagge, es gibt einen Betriebsrat und die überwiegend philippinischen Seeleute werden qualifiziert. Seebold schlägt wie die ITF ein Siegel »Fairer Transport« vor. Dies sei ein Thema, das eigentlich jeden Verbraucher angeht - nicht allein in der Fairen Woche“.

Nicht fair gehandelte Ware zu kaufen ist allerdings keine wirklich Alternative, denn diese wird nicht nur unfair transportiert, sondern von fairen Produktions- und Arbeitsbedingungen kann da erst recht keine Rede sein.

"Wie und wo der faire Handel unfair wird"

"Ein Schiffsweg, der zu Unfairness führt

16.08.2017 17:21
Im Textilbündnis hakt es mit der Fairness
"Für Fairness und Umweltschutz in der Textilindustrie“ – das Motto des Bundesentwicklungsministers Müller für das von ihm ins Leben gerufene Textilbündnis klang richtig gut. Und machte Hoffnung auf echten Fortschritt. Doch wie schreibt Timot Szent-Ivanyi vom Kölner Stadtanzeiger zu Recht:

„Der Anspruch ist hoch, doch in den Niederungen der Praxis hat sich gezeigt, dass er wohl zu hoch ist: Unter dem Eindruck der Katastrophe von Rana Plaza, bei dem mehr als 1.100 bangladeschische Textilarbeiter starben, rief Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) vor drei Jahren ein „Bündnis für nachhaltige Textilien“ ins Leben. „Wir wollen keine Kleidung auf unserer Haut tragen, für die andernorts Menschenrechte mit Füßen getreten, Menschen ausgebeutet oder vergiftet werden“ sagte der Minister damals und rief Unternehmen und Organisationen auf, gemeinsam an einer Verbesserung der Bedingungen in der Branche zu arbeiten. Nach einigen Startproblemen gewann das Textilbündnis an Fahrt. Doch mittlerweile steckt das Projekt wieder in Schwierigkeiten.

Industrie verweigerte sich fast komplett
Schon am Anfang sah es so aus, als komme der Plan von Müller nicht über schöne Worte hinaus. Das Ministerium startete mit der Idee, die Textilunternehmen zu einer Einhaltung bestimmter sozialer und ökologischer Standards verpflichten zu können. Doch die Industrie verweigerte sich fast komplett. Daraufhin wurden die Anforderungen stark heruntergeschraubt: Jedes teilnehmende Unternehmen darf selbst festlegen, wie und in welchen Schritten es die Arbeitsbedingungen verbessern, die Transparenz erhöhen oder den Einsatz giftiger Chemikalien reduzieren will.

Damit das Bündnis aber nicht vollends zur Farce gerät, prüft ein unabhängiges Institut, ob die jährlich vorzulegenden Maßnahmenpläne hinreichend ambitioniert sind, wobei die Grenzen auch hier fließend sind. Nach dieser Aufweichung erklärte sich die Textilwirtschaft bereit, das Bündnis zu unterstützen. Auf dem Höhepunkt hatte der Zusammenschluss zum Jahreswechsel 2016/17 fast 190 Mitglieder, darunter auch Gewerkschaften, Verbände und nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen. Die beteiligten Unternehmen deckten fast 60 Prozent des deutschen Textilmarktes ab“. Allerdings sind es inzwischen tatsächlich nur 81 Unternehmen der Textilwirtschaft. Und nur 17 haben ihre Roadmap veröffentlicht oder hinterlegt, die eine Fortschritt auch überprüfbar machen.

Denn – so Szent-Ivanyi - als es ernst wurde und die Unternehmen Anfang 2017 erstmals konkrete Maßnahmenpläne („Roadmaps“) vorlegen sollten, kamen dem mehrere Dutzend Firmen nicht nach. Sie stiegen aus oder wurden wegen der Verletzung der Bündnis-Regeln ausgeschlossen. Nicht mehr dabei sind Größen der Branche, wie etwa Ernsting's Family, Real, Trigema und Walbusch. „Das Bündnis jetzt zu verlassen, wo die Unternehmen über ein Lippenbekenntnis hinausgehen müssen, zeigt, dass ihr Engagement für Sozial- und Umweltstandards in ihren Lieferketten wohl doch nicht so ernst gemeint war“ sagt Berndt Hinzmann von der Entwicklungsorganisation INKOTA-netzwerk. (…)

Zudem hat sich jetzt herausgestellt, dass nur etwa zwei Drittel der von den Unternehmen für 2017 Jahre eingereichten Maßnahmenpläne vom Prüfinstitut als „plausibel“, also als hinreichend ambitioniert, beurteilt wurden. Die durchgefallenen rund 40 Firmen müssen nun nacharbeiten oder das Bündnis verlassen.

Unternehmen vermindern mit Umweltschutz ihre Wettbewerbsfähigkeit
Im Entwicklungsministerium ist man über die Entwicklung nicht glücklich, doch man spricht von einer wohl notwendigen „Reinigungsphase“, bei der sich die Spreu vom Weizen trenne. Trittbrettfahrer könne man sich jedenfalls nicht leisten, heißt es. Und es wird darauf verwiesen, dass weiterhin große und einflussreiche Unternehmen dabei seien, wie etwa Aldi, Lidl, Tchibo, Adidas, C&A oder H&M.

Doch wie lange sie die Treue halten, ist unklar. Denn die geringe Marktdurchdringung ist für die Unternehmen ein Problem. Wer sich um soziale und ökologische Standards kümmert, produziert teurer und nimmt damit Wettbewerbsnachteile in Kauf. „Warum soll ich das tun, wenn ich dadurch das Geschäft der Konkurrenz fördere“, fragt man sich in den Chefetagen. Fair ist ein Bündnis nach Ansicht von Wirtschaftsvertretern erst, wenn die beteiligten Firmen etwa 75 Prozent des Marktes abdecken.

Funktioniert nationales Bündnis in globalisiertem Handel?
Es gibt aber noch weitere Probleme. Langsam dämmert den Zuständigen, dass die Kritiker vielleicht doch mit ihrem Argument Recht haben, ein nationales Bündnis passe einfach nicht in die globalisierte Welt. Eines der wichtigsten Ziele des Bündnisses, die Bezahlung existenzsichernder Löhne, entpuppt sich nämlich als extrem schwierig. „Hier müssen wir die dicksten Bretter bohren“, sagt einer der Verantwortlichen.

Das überrascht wenig. Nur ein Beispiel: Selbst wenn ein deutsches Unternehmen bereit ist, an den Zulieferer in Pakistan mehr zu zahlen, kommt davon eher nichts bei einer Näherin an. Denn vielleicht hat diese deutsche Firma an der gesamten Produktion der fraglichen Fabrik nur einen Anteil von fünf Prozent, der große Rest geht hingegen an den US-Giganten Wal Mart. Dann kann ein rein deutsches Bündnis hier wenig ausrichten.

Man müsse die „Internationalisierung“ des Bündnisses vorantreiben, ist man bei den Koordinatoren des Vorhabens mittlerweile überzeugt. Ob man dafür aber noch genug Zeit hat, ist höchst unsicher. Es ist schließlich offen, ob der nächste Entwicklungsminister das Projekt, das eng mit Müller verbunden ist, noch weiter betreibt. Die notwendige koordinierende Arbeit der Bündnis-Geschäftsstelle ist jedenfalls bisher nur bis Ende 2018 finanziert“.

Fazit: In ihrer Breite und Vielfalt ist die Textilwirtschaft nicht wirklich willens, für Fairness, Umweltschutz und damit soziale und ökologische Nachhaltigkeit einzutreten. Konkurrenz wird hier zum Hebel und Motiv, der Unfairness und Ökodestruktivität weiter das Tor offen zu halten. Ohne staatliche Rahmensetzung wird es keinen Fortschritt geben. Wie so oft entpuppt sich die Selbstverpflichtung als Maske der Unverbindlichkeit.

"Was das Textilbündnis über seinen Stand der Dinge schreibt"

"Was der Kölner Stadtanzeiger zu den Problemen des Textilbündnisses schreibt"

"Wie FEMNET aktuell das Textilbündnis seht"

"Was Fashion United aktuell zum Textilbündnis kommentiert"

21.07.2017 10:14
Mehr Investitionen in ärmere Länder: nur fair für Menschen und Natur
Die Bundesregierung wirbt für mehr Investitionen von Privatbanken und Unternehmen aus Deutschland in arme Entwicklungsländer – vor allem in Afrika. Doch zahlreiche Beispiele belegen, welch negative Auswirkungen das Streben der Privatwirtschaft nach andauernder Profitsteigerung verursachen kann: Kakaobauern und Kakaobäuerinnen in Westafrika, die von dem Erlös ihres angebauten Kakaos nicht leben können, Waldrodungen für Palmölplantagen in Indonesien oder unmenschliche Arbeitsbedingungen auf den Bananenplantagen in Lateinamerika. Ein privatwirtschaftliches Engagement muss aber menschenrechtlichen und ökologischen Standards genügen, wie sie auch in Deutschland gelten. Das zeigt die Studie „Profit mit Nachhaltigkeit?“ des SÜDWIND-Instituts, in der auf die Chancen und Risiken einer Kooperation mit der Privatwirtschaft zur Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDG) der Agenda 2030 hingewiesen wird.

Es könne nicht sein, dass europäische oder internationale Konzerne in Afrika Standards missachten, die weltweit Gültigkeit haben, beteuerte der deutsche Entwicklungshilfeminister Müller bei einem Treffen mit afrikanischen Partnern drei Wochen vor dem G20-Gipfel in Berlin. Das sagte er vor dem Hintergrund, dass Investitionen von Konzernen und Unternehmen in Entwicklungsländern von der öffentlichen Hand immer mehr gefördert werden. Offen bleibt aber, wie unter der Zielsetzung von Profit- und Umsatzsteigerung garantiert werden kann, dass auch die ärmere Bevölkerung von Kooperationen zwischen Privatwirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit profitiert. „Ein stärkeres Engagement des Privatsektors ist angesichts der knappen Ressourcen für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit wichtig und notwendig“ meint auch Dr. Pedro Morazán, Verfasser der Studie. „Die Entwicklungspolitik sollte allerdings dieses Engagement nicht um jeden Preis erkaufen. Die Förderung von Privatinvestitionen darf nicht auf Kosten sozialer und ökologischer Zielsetzungen stattfinden.“

Der Privatsektor ist einer der Gewinner neoliberaler Globalisierung. Daraus erwächst eine strukturelle Verantwortung. Gerade in einer Zeit, in der globale Krisen Ungleichheiten zwischen reichen und armen Ländern verschärfen und die Kluft zwischen Arm und Reich auch in wohlhabenderen Ländern steigt, muss die Politik als regulierende Kraft gestärkt werden. Daher nimmt die SÜDWIND-Studie bestehende Instrumente kritisch unter die Lupe und formuliert Empfehlungen, wie die Privatwirtschaft eine konstruktive Rolle bei der Erreichung der SDG spielen kann. Die Studie untersucht zunächst, wie groß der Bedarf an zusätzlichen Finanzressourcen ist und welche SDG für eine privatwirtschaftliche Beteiligung von besonderer Relevanz sind. Darüber hinaus sollen aber auch Entwicklungspotenziale in den armen Ländern selbst identifiziert werden. Um diese zu stärken braucht es oft andere Rezepte als allein die Mobilisierung ausländischen Kapitals für Investitionen in den Entwicklungsländern.

Privatwirtschaftliches Kapital, das schließlich nicht nur in ärmeren Ländern höheren Profit erzielt als in westlichen Ländern plus staatliche Förderung ohne Ansehen ihrer sozialen und ökologischen Vorteile: Das ist der falsche Weg. Profit darf sein, wenn er nicht zu einer wie immer gearteten Ausnutzung und Benachteiligung ärmerer Länder und Menschen führt. Sondern wenn es einen deutlichen Profit für die Länder und Menschen gibt im Zuwachs an Entwicklung, Bildung, Versorgung und Lebensperspektiven gibt – verbunden mit menschenrechtlichen und ökologischen Standards. Nur das ist fair.

Die Studie wurde von Engagement Global im Auftrag des BMZ und von der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen gefördert. Sie steht hier zum Download bereit und kann hier oder über info@suedwind-institut.de bestellt werden.

"Die Studie zum Download"

"Zum Portal des Südwind-Instituts"

21.06.2017 13:50
Menschenrechte sind deutschen Firmen im Ausland nichts wert
Ob in Mexiko, Kolumbien oder Kenia: Wenn deutsche Konzerne im Ausland Geschäfte machen, missachten sie häufig die Menschenrechte. Das zeigt eine neue Studie von Germanwatch und Misereor, die Claus Hecking vom Spiegel zusammenfasst:

Germanwatch und Misereor werfen deutschen Konzernen und der staatseigenen KfW-Bankengruppe vor, sich bei ihren Auslandsgeschäften nicht genug um die Einhaltung von Menschenrechten zu kümmern. Dies geht aus der Studie "Globale Energiewirtschaft und Menschenrechte - Deutsche Unternehmen und Politik auf dem Prüfstand" hervor, die die Umweltschutzorganisation und das kirchliche Hilfswerk am Mittwoch vorstellen.

Demnach sollen Unternehmen wie Siemens, EnBW und Voith sowie die KfW-Bankengruppe und ihre Töchter in insgesamt elf Fällen in Geschäfte verwickelt sein, bei denen Menschenrechte verletzt oder gefährdet werden.

Laut den 2011 verabschiedeten Leitprinzipien der Uno für Wirtschaft und Menschenrechte sollen Staaten darauf hinwirken, dass alle ihnen unterstehenden Wirtschaftsunternehmen bei ihrer gesamten Geschäftstätigkeit die Menschenrechte achten.

"Die deutschen Unternehmen begehen oft nicht selbst die Menschenrechtsverletzungen", sagt Armin Paasch von Misereor, einer der Autoren der Studie. "Aber ihre Verantwortung reicht weiter. Sie müssen achtgeben, mit welchen Unternehmen sie Geschäfte machen und wie ihre Partner mit Menschenrechten umgehen. Da gibt es große Defizite."

Germanwatch und Miseor bezichtigen insgesamt acht deutsche Unternehmen und drei Banken aus der staatlichen KfW-Gruppe einer "Missachtung ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht". Alle genannten Institutionen weisen diesen Vorwurf auf Anfrage zurück.

Die Autoren der Studie nennen unter anderem folgende Fälle:

A. In Honduras lieferte Voith Hydro (ein Joint Venture von Siemens mit dem Maschinenbauer Voith) Turbinen, Generatoren und Steuerungsanlagen an das Wasserkraftprojekt Agua Zarca. Dieses steht seit Jahren in der Kritik, unter anderem wegen Repressalien gegen seine Widersacher. Laut der Studie schüchtern Polizei und Militär Gegner des Projektes ein und unterdrücken sie gewaltsam. Seit 2013 wurden sechs Umweltaktivisten ermordet. Zudem gefährdet das Kraftwerk den Zugang zu einem Fluss, der lokale indigene Völker mit Wasser und Nahrung versorgt. Die honduranische Regierung habe vorab keine rechtmäßige Zustimmung der Menschen vor Ort eingeholt, schreiben die Autoren. Die deutschen Partner verweisen darauf, bei Agua Zarca hätten "zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung alle damals notwendigen Bewertungen und behördlichen Genehmigungen" vorgelegen. Im Übrigen seien die Lieferungen nach Honduras im Frühjahr 2016 gestoppt worden.

B. In Kolumbien verkaufte Siemens dem umstrittenen Staudammprojekt Hidrosogamoso Schaltanlagen und Transformatoren. Beim Dammbau wurden laut Studie Hunderte Menschen und ganze Gemeinden umgesiedelt, teils aber nur unzureichend oder gar nicht entschädigt. Zudem hätten hohe Schwefelwasserstoffwerte im Gewässer die Gesundheit der Anwohner beeinträchtigt. Siemens macht geltend, dass die Vorteile bei dem Projekt letztlich überwögen.

C. In Mexiko versorgte Siemens Windparks mit Transformatoren und einer Schaltanlage. Diese Windparks hätten Hunderte Quadratkilometer Agrarland für eine landwirtschaftliche Nutzung unbrauchbar gemacht; die betroffene indigene Bevölkerung sei im Vorfeld der Vorhaben teils nicht oder nicht zureichend angehört worden. Zudem könne sie den Strom nicht selbst nutzen. Die Polizei und die Betreiber unterdrückten Widerstand mit Repression und Gewalt, heißt es. Siemens weist die Verantwortung von sich, da es selbst nicht am Genehmigungsverfahren für das Projekt beteiligt gewesen sei.

D. Dem Stromversorger EnBW werfen Misereor und Germanwatch vor, dass er rund ein Fünftel seiner Kraftwerkskohle in Kolumbien vom Unternehmen Drummond einkauft. Die Autoren der Studie behaupten, dass Drummond unter anderem jahrelang eine paramilitärische kolumbianische Einheit unterstützt habe, die mehr als 3000 Menschen umbrachte. Dies hätten frühere Täter unter Eid ausgesagt. Während Wettbewerber wie die Essener STEAG, der dänische Energiekonzern Dong oder ENEL aus Italien angesichts dieser Vorwürfe nicht mehr bei Drummond einkauften, mache EnBW weiter. Ein Unternehmenssprecher verweist auf eine positive Entwicklung bei den großen kolumbianischen Kohleproduzenten: "Ein Stopp der Kohlelieferungen wäre unseres Erachtens weder für die Mitarbeiter vor Ort noch für das Land hilfreich."

E. Die KfW und ihre Tochter IPEX prangern die Autoren der Studie vor allem wegen ihrer Finanzierungshilfe von Energieprojekten in Afrika an. So habe die IPEX-Bank Exportkredite für Kessellieferungen zum Bau zweier Kohlekraftwerke in Südafrika bereitgestellt. Die Abgase zumindest eines dieser Kraftwerke bedrohten wegen extrem hoher Schwefeldioxidwerte die Gesundheit der Menschen vor Ort. Dennoch wolle der Betreiber erst fünf Jahre nach der Inbetriebnahme auchgasentschwefelungsanlagen einbauen. Zudem bedrohe der enorme Wasserverbrauch der Meiler die Versorgung der ohnehin schon von Dürren geplagten Region. Beim Bau seien traditionelle Grabstätten zerstört worden. Die betroffene Bevölkerung sei unzureichend konsultiert worden.

F. In Kenia hat die KfW-Bank 60 Millionen Euro Kredit für ein Geothermiekraftwerk bereitgestellt. Laut Studie und einer Untersuchung der Universität Bielefeld wurden dabei vier Massai-Dörfer umgesiedelt und die Betroffenen weder umfassend konsultiert noch ausreichend entschädigt, sodass "die Rechte indigener Völker missachtet" worden seien. Ein KfW-Sprecher erklärt, man halte sich an international anerkannte Maßstäbe. Die KfW nehme die geäußerte Kritik aber sehr ernst und beziehe die Bewertung in die Entscheidungsgrundlagen ein.

Weitere Fälle drehen sich um die KfW-Tochter DEG sowie die Unternehmen RWE, Lahmeyer, Nordex, Andritz und Wintershall. Hier finden Sie die komplette Studie
"Studie Kurzfassung 18 Seiten mit Übersichtskarte zu den Einsatzorten der Firmen"

Eine Übersichtskarte mit den Einsatzorten der Firmen
"Nur die Übersichtkarte"
"Studie Langfassung 160 Seiten"

"Pressefotos und Grafiken"

19.06.2017 11:17
Strittige Weisungen mitunter nicht verbindlich
Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass Arbeitnehmer strittige Anweisungen des Arbeitgebers nicht befolgen müssen, solange kein entsprechendes Urteil vorliegt. Die Entscheidung hat womöglich weitreichende Folgen für alle Arbeitgeber in Deutschland.

Ob es um Sonntags- oder Nachtarbeit, den Umzug in eine Stadt am anderen Ende Deutschlands oder um Vorschriften bei der Garderobe geht: Bisher mussten Arbeitnehmer solche Anweisungen so lange befolgen - auch wenn sie nicht damit einverstanden sind - bis ein Gericht entschieden hat, ob die Forderungen zulässig sind. Ansonsten droht die Kündigung. Nach dem neuen Urteil kann es künftig umgekehrt sein: Erst muss ein Gericht den Weisungen stattgegeben haben, damit sie von Arbeitnehmern verbindlich zu befolgen sind. Arbeitgeber müssen die Zulässigkeit ihrer Weisungen nachweisen, ehe sie wirksam werden.

In dem aktuellen Fall geht es um einen Immobilienkaufmann, der in Dortmund arbeitete. Seine Vorgesetzte entschied jedoch 2015, ihn nach Berlin zu versetzen. Er wollte allerdings nicht umziehen. Auch der Betriebsrat verweigerte die Zustimmung für den Wechsel des Arbeitsorts und argumentierte, die Firma könne den Angestellten ebenso gut weiter in Dortmund beschäftigen. Die Arbeitgeberin hielt trotzdem an der Entscheidung fest. Als der Immobilienkaufmann seine neue Stelle in Berlin nicht antrat, mahnte sie ihn ab. Im Mai 2015 folgte dann die Kündigung. Der Angestellte klagte dagegen. Er gewann den Prozess in zwei Vorinstanzen.

Das Landesarbeitsgericht Hamm entschied, der Arbeitnehmer sei nicht verpflichtet gewesen, die Stelle in Berlin anzutreten. Die Arbeitgeberin wurde verurteilt, ihm mehr als 20.000 Euro zu zahlen. So viel hätte er zwischen März und September 2015 verdient. Die Beklagte ging in Revision. Deshalb landete der Fall vor dem Bundesarbeitsgericht.

Die Richter bestätigten nun die bisherigen Urteile. Zugleich ziehen sie damit bisherige Entscheidungen des Bundesarbeitsgerichts in Zweifel. Der Fünfte Senat des Bundesarbeitsgerichts hatte 2012 entschieden, Arbeitnehmer müssten Anweisungen so lange folgen, bis ein Gericht festgestellt hat, dass diese unzulässig sind. Die Richter des Fünften Senats müssen nun entscheiden, ob sie an dieser Rechtsprechung festhalten wollen.

Falls nicht, müssten künftig Arbeitgeber nachweisen, dass ihre Weisungen zulässig sind. So lange bräuchten die Angestellten den Forderungen nicht nachzukommen. Sollten sich die Richter jedoch nicht auf eine Rechtsprechung einigen, muss der Große Senat des Bundesarbeitsgerichts entscheiden. Ein endgültiges Urteil ist dann erst in mehreren Monaten zu erwarten.

BAG Az. 10 AZR 330/16

12.06.2017 18:48
Was spricht für eine Arbeit, die zufrieden stellt? 6 Faktoren
Sechs Faktoren bestimmen, ob jemand am Arbeitsplatz glücklich ist oder wird. So der globale Personaldienstleister Robert Half in seiner Studie „Die Zeit ist reif: Glücklich arbeiten“ zur Mitarbeiterzufriedenheit. Immerhin 23.000 Arbeitnehmer aus acht Ländern beantworteten Fragen zum Thema Glück im Job und welche Faktoren dafür eine Rolle spielen. Verglichen mit anderen Positionen seien demnach leitende Angestellte am glücklichsten mit ihrem Job. Insgesamt erreichte die Mehrheit aller Befragten auf einer Skala von 0 bis 100 ein Glücks-Niveau von 70, lediglich ein Drittel möchte in den nächsten sechs Monaten den Job wechseln.

Das Ergebnis: Sechs Faktoren für Glück am Arbeitsplatz

Eine allgemeine Glücksformel gibt es nicht, denn jeder Angestellte hat andere Bedürfnisse, Ziele und Vorlieben. Die Verantwortung für die Zufriedenheit liegt sowohl beim Vorgesetzten als auch bei den Mitarbeitern selbst. Dennoch haben sich in der Robert Half-Studie sechs Faktoren herauskristallisiert, die für Arbeitnehmer die Zufriedenheit direkt beeinflussen:
1) Der richtige Job: Die Mitarbeiter sollten zum Unternehmen passen und wissen, was sie erwartet. Deshalb sind eine detaillierte Stellenbeschreibung, gut durchdachte Einstellungsprozesse und gründliche Bewerbungsgespräche wichtig. Die Unternehmensführung solle für die richtigen Anreize sorgen und kontinuierlich nachbessern.
2) Mehr Verantwortung: Die Hälfte der Befragten (51 Prozent) wünscht sich, mehr Einfluss bei der Arbeit auszuüben sowie mehr Raum für Gestaltungsfreiheit (55 Prozent).
3) Ehrliche Wertschätzung: Mitarbeiter wünschen sich regelmäßig konstruktives Feedback und ehrliche Anerkennung der Leistungen. Dies würde lang anhaltende Glücksmomente im Job erzeugen.
4) Sinn: Angestellte sind glücklicher, wenn ihre Arbeit sinnvoll ist und sie dadurch etwas verändern oder sichtlich weiterbringen. Zudem wollen sie stolz auf ihr Unternehmen sein können, dann seien sie dreimal zufriedener, besagt die Studie.
5) Fairness und Respekt: Der faire und respektvolle Umgang miteinander steht laut Studie weit oben auf der Liste der wichtigsten Glücksfaktoren im Unternehmen. Nur sieben Prozent aller Befragten, die ein hohes Maß an Fairness und Respekt erfahren, planen ihren Job in den kommenden Monaten zu wechseln.
5) Ein positives Arbeitsklima: Gute Beziehungen am Arbeitsplatz sorgen auch außerhalb von Teamgrenzen für mehr Spaß, Innovation und bessere Zusammenarbeit. Vorgesetzte, denen es gelingt, eine gute Atmosphäre und ein achtsames und freundliches Klima zu etablieren, können auf motivierte und produktive Mitarbeiter zählen.

Unmerklich ändert sich im Verlauf der Studie das Thema Glück in Zufriedenheit. In der Regel arbeiten Menschen nicht, um dabei glücklich zu sein, sondern um ihr Leben finanzieren zu können. Wenn dann noch Aspekte hinzukommen, die in der Arbeit für Erfüllung, Sinnhaftigkeit und Zufriedenheit sorgen: umso besser. Nur was ist mit der Arbeit, auf die das nicht zutrifft, die aber für die Gesellschaft und jeden Einzelnen gebraucht wird? Wenn die Menschen, die diese Arbeit erledigen (müssen), Wertschätzung und Respekt erfahren würden und in ihrer Arbeit nicht noch durch schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, Befristung und schlechte Führungskräfte bedrängt werden würden, könnten auch sie zufriedener, wenn auch selten zufrieden, ihre Arbeit machen.

18.05.2017 16:32
Deutsche Kleidungskonzerne mauern und verbergen ihre unfaire Produktion
Die deutschen Unternehmen KiK und Hugo Boss sind der Aufforderung einer internationalen Koalition von neun Menschenrechtsorganisationen und Gewerk-schaften nicht gefolgt, sich zu Transparenz in ihren Lieferketten zu verpflichten. Das geht aus einer aktuellen Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hervor.

Adidas und Esprit haben sich als einzige deutsche Unternehmen bisher darauf festgelegt, den sogenannten Transparency Pledge bis Ende 2017 umzusetzen. Lidl, Aldi und Tchibo haben erste Schritte eingeleitet und wollen nun zumindest Namen und Adressen ihrer Zulieferfabriken weltweit veröffentlichen. Am 24. April jährt sich der Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes in Bangladesch zum vierten Mal. Bei dem Unglück in der Textilfabrik kamen 2013 über 1100 Arbeiter und Arbeiterinnen ums Leben und mehr als 2.000 wurden verletzt. 2012 waren bei Fabrikbränden 350 Menschen in Pakistan und Bangladesch ums Leben gekommen.

03.04.2017 09:52
Korrekte Angabe der Stromquellen erforderlich - Firmen täuschen Verbraucher beim Stromeinkauf
Als Verbraucher will man möglichst sauberen Strom nutzen, um der Umweltzerstörung entgegen zu wirken. Doch das ist nicht so einfach wie es scheint. Denn viele Versorger stellen ihre Stromlieferung sauberer dar, als sie ist. Die Anbieter behaupten in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, der von ihnen gelieferte Strom enthalte einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien als der bundesweite Durchschnitt. Das ist jedoch nicht der Fall. Das belegt eine Untersuchung, die ein Bündnis aus Deutscher Umwelthilfe, Robin Wood, Greenpeace Energy, EWS Schönau, NATURSTROM und LichtBlick vorgelegt hat.

Wie das Handelsblatt in seiner Ausgabe am 1.4.2017 berichtete, haben Verbraucherschützer bereits Energieversorger wegen "Irreführung der Kunden" abgemahnt. „Verbraucher werden getäuscht, um das angeblich grüne Image der Versorger aufzupolieren“, sagt Gero Lücking, Geschäftsführer Energiewirtschaft von LichtBlick. Für den „Faktencheck Strommix“ wurden 40 von 1.100 Anbietern in Deutschland unter die Lupe genommen. Jeder vierte untersuchte Versorger erweckt den Eindruck, er beschaffe mehr Grünstrom für seine Kunden, als er es tatsächlich tut. „Wir sehen hier nur die Spitze des Eisberges“, so Lücking.

So schreiben zum Beispiel die Stadtwerke Kiel auf ihrer Website zu ihrem Strommix 2015: „Über 47 Prozent unseres Stromes stammte aus regenerativen Quellen“. Zudem „nutzten“ die Stadtwerke angeblich mehr Ökostrom als der Bundesdurchschnitt, der bei 32 Prozent liegt. Tatsächlich kaufen die Kieler nach den Berechnungen in der Untersuchung jedoch nur etwa sechs Prozent grünen Strom für Ihre Kunden ein.

Auch die Stadtwerke Schweinfurt behaupten in einer Pressemitteilung, sie lägen „in Bezug auf den Grünstrom über dem bundesweiten Durchschnitt“. Tatsächlich kauften die Stadtwerke jedoch weniger als 5 Prozent erneuerbare Energie ein. Vergleichbare Darstellungen fanden sich zum Zeitpunkt der Untersuchung auch bei den Stadtwerken Bochum, Düsseldorf, Leipzig, Unna, Dortmund (DEW 21), Fulda (Rhön Energie) und Frankfurt (Mainova) sowie beim Anbieter Energiegut.

Hintergrund ist die gesetzliche Stromkennzeichnung. Sie verpflichtet Versorger dazu, in ihrem Strommix einen Pflichtanteil von bis zu 46 Prozent EEG-Strom auszuweisen. Das Problem: Dieser EEG-Strom wird nicht von den Versorgern eingekauft. Der Strommix der Versorger erscheint also umweltfreundlicher, als er ist. Im Gegenzug wird der Anteil von Kohle- und Atomstrom in den Stromtarifen künstlich kleingerechnet.

„Der Gesetzgeber nimmt bewusst in Kauf, dass die Kennzeichnung von Stromtarifen nicht die Strom-Einkaufspolitik der Anbieter abbildet. Sie können sich auf diese Weise umweltfreundlicher darstellen, als sie sind. Das ist unseriös“, erläutert Dr. Peter Ahmels, Bereichsleiter Energie und Klimaschutz der Deutschen Umwelthilfe.

Um dem Missbrauch einen Riegel vorzuschieben, fordert das Bündnis eine Reform der Stromkennzeichnung. Sie müsse künftig wieder zu 100 Prozent den Stromeinkauf der Versorger abbilden. „Auch für Strom muss gelten: Es darf nur das draufstehen, was drin ist“, so Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy. Zusätzlich sollen Stromkunden künftig genauer darüber informiert werden, wie sie unabhängig von der Stromlieferung ihres Versorgers durch die Zahlung der EEG-Umlage den Ausbau der erneuerbaren Energie fördern.

"Ausführliche Dokumentation der Untersuchung mit Faktencheck"

01.08.2016 13:40
Firmen-Fairness im Ausland: Fehlleistung
Wenn Firmen im Ausland engagiert sind, hört ausgerechnet bei Menschenrechten für viele die Fairness auf. Es gab zahlreiche Schadensereignisse in den letzten Jahren, bei denen Zulieferer deutscher Unternehmen in der Verantwortung stehen. Und damit die deutschen Firmen selbst. Mit deren Achtung der Menschenrechte im Auslandsgeschäft ist es nicht weit her. Im Gegenteil: Die Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen spielen dabei eine geringe Rolle.

Nur 31 Prozent der Firmen, die sich an der Umfrage "Human rights at work 2016" beteiligten, setzen die UN-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte um. Das zeigt eine globale Studie der Wirtschaftskanzlei Eversheds International. 43 Prozent der Befragten attestierten den Führungskräften in ihren Firmen ein mangelndes Engagement in Sachen Menschenrechten.

Für die Studie hatte Eversheds weltweit etwa 5000 Unternehmen angeschrieben – adressiert an Vorstandsmitglieder, Personalchefs und Justiziare aus allen Industriebranchen. Gerade mal fünf Prozent der Befragten antworteten überhaupt, was laut Eversheds im Bereich üblicher Rücklaufquoten bei ähnlichen Umfragen liegt.

Für Frank Achilles, Arbeitsrechtler und Partner bei Eversheds Deutschland, belegen die Ergebnisse der Studie, wie „schwach noch die Auseinandersetzung der Unternehmen mit Menschenrechtsthemen ist“. Obwohl doch Katastrophen in Textilfabriken und Verstöße gegen internationale Kernarbeitsnormen seit Jahren Schlagzeilen machten.

Immerhin gaben 47 Prozent der antwortenden Studienteilnehmer an, schon Druck auf ihre Zulieferer ausgeübt zu haben, um die Einhaltung der Menschenrechte zu erreichen. Bei der Umsetzung der UN-Leitlinien sehen dabei 76 Prozent die Rechtsabteilungen der Unternehmen in der Pflicht. Dort sollten die ethischen Risiken gemanagt werden.

Das sieht der Eversheds-Experte Achilles kritisch als Abschieben von Verantwortung. „Anwälte Dinge in Verträge reinschreiben zu lassen und bei Verstößen Strafen anzudrohen“ reiche nicht aus. Vielmehr müssten sich die Unternehmen vor Ort bei den Zulieferern konsequent um die Verbesserung der Produktionsbedingungen kümmern. Achilles: „Es muss Schluss sein mit der Haltung: Solange es den Regeln und Gesetzen in Ländern wie Bangladesch entspricht, ist es uns recht“.

Die Bundesregierung arbeitet zurzeit an einem nationalen Aktionsplan (NAP) zur Umsetzung der Leitlinien. Ein Entwurf, auf den sich mehrere Ministerien geeinigt haben, sorgt für heftige Diskussionen. Während Menschenrechtsorganisationen und Entwicklungshilfswerke fordern, alle Firmen gesetzlich zur menschenrechtlichen Sorgfalt zu verpflichten, setzt der NAP-Entwurf für die Privatwirtschaft nur auf „Erwartungen“ und „Empfehlungen“. Gesetzliche Regelungen werden nur für den Fall angedroht, dass bis zum Jahr 2020 nicht 50 Prozent der Unternehmen ein menschenrechtliches Risikomanagement eingeführt haben. Lediglich bundeseigene Unternehmen sollen laut NAP-Entwurf sofort auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet werden. Das lehnt allerdings das Bundesfinanzministerium ab, wie die FR berichtete.

Deutschland sehe sich beim Thema Menschenrechte zwar gerne in der Vorreiterrolle, werde dabei aber den eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht, sagte Arbeitsrechtsexperte Achilles. „Die Politik lässt ihren Worten keine Taten folgen.“ Andere Länder seien da vorbildlicher.

„Auch Deutschland braucht klare gesetzliche Vorgaben, damit alle wissen, woran sie sind“, sagte Achilles. Freiwillige Verpflichtungen seien oft nur „Papiertiger“. Menschenrechtsorganisationen und Entwicklungshilfswerken käme in der Debatte eine besondere Rolle zu. „Sie sind das soziale Gewissen und halten uns den Spiegel vor.“

Da Deutschland ein rohstoffarmes Industrieland ist, müssen Steinkohle für die Stromerzeugung sowie Metalle wie Kupfer, Eisenerz, Stahl und Kobalt für die Elektro- und Automobilindustrie importiert werden. Auch Textilien, Kaffee und Obst zählen dazu. Konflikte deutscher Unternehmen mit den Menschenrechten sind dabei vorprogrammiert, denn sie interessieren sich kaum für deren Einhaltung. Diesen Vorwurf haben die Nichtregierungsorganisationen Misereor und Germanwatch in ihrer Studie "Globales Wirtschaften und Menschenrechte" schon 2014 erhoben.

Mit dem Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte will die Regierung internationale Sozial- und Umweltstandards in Deutschland umsetzen. Dazu gehören beispielsweise die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte. Alle international tätigen Unternehmen sollen künftig Rechenschaft darüber ablegen, wie sie „nachteilige menschenrechtliche Auswirkungen verhüten und mildern“.

Konkret sind die Firmen gehalten, öffentlich zu berichten. Sie sollen aber auch Maßnahmen ergreifen, um die menschenrechtliche Situation zu verbessern. Dabei geht es nicht nur um Arbeitsbedingungen wie Löhne und Arbeitszeiten in ausländischen Fabriken, die im Auftrag deutscher Händler fertigen. Auch Auswirkungen für AnwohnerInnen und Umwelt müssen berücksichtigt werden – etwa wenn eine deutsche Firma am Bau eines Staudamms im Sudan oder in Brasilien beteiligt ist.

Den Aktionsplan hat das Auswärtige Amt nach anderthalbjährigen Konsultationen mit Ministerien, Firmen, deren Verbänden, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen erarbeitet. In Kürze wird er öffentlich zur Diskussion gestellt. Dann soll ihn das Bundeskabinett verabschieden.

Wichtige Schritte bis 2020

Einige der im Plan genannten Berichtspflichten werden für die Unternehmen verbindlich sein, weil Deutschland eine entsprechende EU-Richtlinie umsetzen muss. Bei anderen Regeln spricht das Auswärtige Amt von „prozesshafter Verbindlichkeit“. So sollen die Firmen Managementverfahren einführen, um Verstöße gegen Menschenrechte zu vermeiden.

Ab 2018 will das Auswärtige Amt die Einhaltung regelmäßig überprüfen lassen. Bis 2020 sollen 60 Prozent der deutschen Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten die Vorgaben befolgen. Für den Fall, dass das nicht klappt, werden „weitergehende Schritte bis hin zu gesetzlichen Maßnahmen“ in Aussicht gestellt. Für Unternehmen im Besitz des Bundes will die Regierung schon vorher verbindliche Regeln vorschreiben.

Warum ist es so mühsam, alle deutsche Unternehmen dazu zu bringen, Menschenrechte und Fairness im eigenen Land und anderswo zu beachten und zu fördern? Weil viele ihr Geld auch ohnedies machen, weil noch zu wenig Konsumenten darauf Wert legen, weil Firmen zwar Produktionsqualitäten und –geschwindigkeiten bis in den letzten Winkel der Erde verfolgen und sicherstellen können, denn sie wollen es. Reicht der Wille nicht zur Förderung von Menschenrechten und Fairness weltweit? Nein, leider nicht. Oftmals nicht mal hierzulande.

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Dokumentation zum Thema aus der Bundespressekonferenz der Bundesregierung vom letzten Mittwoch, den 27.7.2016

>> Frage: Ich würde das Bundesfinanzministerium gerne zum sogenannten Nationalen Aktionsplan „Wirtschaft und Menschenrechte“ fragen, der ab morgen durch die Staatssekretäre beraten wird. Was sagen Sie zu dem Vorwurf von Entwicklungshilfeorganisationen, dass das BMF angeblich bezüglich eines konkreten Datums bremsen würde, ab dem Firmen, die im Ausland produzieren, Menschenrechte einhalten müssen?

von Tiesenhausen-Cave: Ich sage dazu, dass derzeit eine regierungsinterne Ressortabstimmung zu diesem Nationalen Aktionsplan „Wirtschaft und Menschenrechte“ läuft. Es ist gute Praxis, dass das regierungsintern ist und dass ich jetzt auch nicht zu einzelnen Themen inhaltlich Stellung nehme. Es ist ein ganz normaler Prozess der Ressortabstimmung. Dazu gibt es jetzt auch nichts Besonderes zu kommentieren.

Zusatzfrage: Wie wichtig ist es aus Sicht von AA und BMZ, dass so ein Datum festgelegt wird?

Schäfer: Ich finde, Frau von Tiesenhausen hat das schon ganz richtig beschrieben. Ich glaube, es ist wenig hilfreich, dass in einer Phase, in der es überhaupt noch keine Regierungsposition gibt, diese bereits kritisiert wird. Ich glaube, es wäre ganz vernünftig, wenn wir jetzt alle einmal abwarten, was zum Beispiel bei der von Ihnen angesprochenen Runde der Staatssekretäre herauskommt und wir uns dann vielleicht nach der Sommerpause im Lichte der Ergebnisse der regierungsinternen Beratung - natürlich auch der öffentlichen Debatte, einschließlich der mit den NGOs und anderen interessierten beteiligten Stellen - (dazu äußern). Das scheint mir ganz vernünftig zu sein. Dies jetzt schon vor dem eigentlichen Fakt einer Regierungsposition auseinandernehmen zu wollen, ist, glaube ich, ein kleines bisschen früh, vielleicht auch sogar ein bisschen unfair.

Franke: Vielleicht nur eine kurze Ergänzung: Der Entwurf ist, wie eben schon gesagt, in der Ressortabstimmung. Insofern ergänze ich das nicht weiter. Ich schließe mich den Kollegen an.

Frage: Frau von Tiesenhausen, eine Lernfrage: Was sind die bestehenden Auflagen für Unternehmen? Müssen deutsche Unternehmen Menschenrechte einhalten?

von Tiesenhausen-Cave: Ich kann Ihnen etwas zum allgemeinen Schutzstandard für öffentliche Unternehmen sagen. Dieser ist im Bereich Menschenrechte bereits sehr gut ausgeprägt, denn von der öffentlichen Hand beherrschte Unternehmen in Privatrechtsform als auch Unternehmen, die im Alleineigentum des Staates stehen, unterliegen einer unmittelbaren Grundrechtsbindung.

Zusatzfrage: Was ist mit normalen Unternehmen wie Siemens oder Heckler & Koch?

von Tiesenhausen-Cave: Ich würde an das Wirtschaftsministerium für den nicht öffentlichen Bereich verweisen.

Alemany: Deutsche Unternehmen unterliegen der deutschen Gesetzgebung und somit allen Menschenrechtsregeln, die wir auch haben: Arbeitsnormen, soziale Standards, Mindestlohn etc.

Zusatzfrage: Das heißt, wenn Siemens in Afrika irgendetwas macht, dann müssen die sich immer an die deutsche Gesetzgebung halten, als ob sie in Deutschland ein Geschäft machen und dürfen keine Menschenrechte brechen?

Alemany: Wie Sie vielleicht wissen, gibt es verschiedene internationale VN-Regelungen; die kann ich hier gar nicht alle aufzählen. Es gibt zum Beispiel die Nationale Kontaktstelle, die in unserem Ministerium angesiedelt ist. Sollte also irgendwo ein anderes Land oder ein Mitbewerber Grund haben, sich vielleicht wegen der Nicht-Einhaltung von Sozialstandards zu beschweren, kann man das bei der Nationalen Kontaktstelle, die bei uns angesiedelt ist, anmelden und dann findet ein Verfahren mit Hilfe von Mediation statt, wo versucht wird, eine Lösung zu finden. Das finden Sie alles auf unserer Homepage. Es gab schon viele Fälle - ich will jetzt keine einzelnen Firmen nennen -, die mit Hilfe von Mediation gut gelöst werden konnten. Das sind solche internationalen Streitschlichtungen.

Zusatzfrage: Frau von Tiesenhausen, versteht das Bundesfinanzministerium die Auflagen für Unternehmen, sich an Menschenrechte zu halten, als Belastung für die Unternehmen?

von Tiesenhausen-Cave: Ich habe jetzt dem, was wir gerade hier, glaube ich, zusammen mit mehreren Kollegen gesagt haben, nämlich dass es eine Ressortabstimmung zu diesem beabsichtigten Nationalen Aktionsplan gibt, nichts hinzuzufügen. Die inhaltlichen Abstimmungen laufen innerhalb der Regierung.

Schäfer: Da das Thema großes Interesse findet, was uns sehr freut, vielleicht einfach nur zur Einordnung: Dass diese Bundesregierung Bedarf und Anlass gesehen hat, bei dem Thema des Verhaltens von Unternehmen im Ausland - in diesem Fall auch deutschen Unternehmen - Regelungen zu erarbeiten, mögen Sie daran ermessen, dass diese Bundesregierung sich zum ersten Mal überhaupt einem solchen Nationalen Aktionsplan „Wirtschaft und Menschenrechte“ zugewandt hat. Das ist Teil der Koalitionsvereinbarung gewesen und wird jetzt abgearbeitet.
Das Auswärtige Amt hat wegen seiner Federführung für das Thema „Menschenrechte“ auch die Federführung für dieses Thema. Das heißt, die Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amtes betreibt das zusammen mit den Ressorts - unter anderem mit denen, die gerade hier auch von Ihnen angesprochen waren, Herr Jung - sehr engagiert. Das gemeinsame Ziel der Bundesregierung ist tatsächlich, bis zum Ende dieser Legislaturperiode zum ersten Mal überhaupt - vielleicht nicht zum allerersten Mal, aber jedenfalls beispielsetzend für die Praxis in der Welt - Standards zu etablieren, nach denen wir uns wünschen würden, dass sich deutsche Unternehmen im Ausland verhalten.
Das ist ein wichtiges Anliegen dieser Bundesregierung. Das ist auch ein wichtiges Anliegen des Auswärtigen Amtes. Deshalb werden wir das genauso, wie wir vier Kollegen Ihnen das jetzt geschildert haben, nämlich zunächst regierungsintern und dann auch mit der interessierten Öffentlichkeit, diskutieren. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in den nächsten Monaten - nicht mehr bis zur Sommerpause, die jetzt schon bald kommt, sondern danach - ganz vernünftige Ergebnisse präsentieren werden, über die Sie sich dann selbstverständlich beugen können. Die können Sie dann gut finden oder kritisieren. Das ist in einem demokratischen Rechtsstaat völlig selbstverständlich. Aber noch haben wir das nicht. Deshalb macht es, glaube ich, keinen Sinn, über Dinge zu diskutieren und schlecht zu finden, die noch gar nicht existieren.

Zusatzfrage: Nur zum Verständnis, Herr Schäfer: Aktionsplan heißt kein Gesetz? Ich verstehe Sie richtig, dass das eher eine Verhaltensempfehlung für Unternehmen wird?

Schäfer: Wir kommen da jetzt schon wieder ganz schnell auf Inhalte. Ich weiß nicht, ob Sie bereits den heutigen Artikel in der „Frankfurter Rundschau“ und auch einige andere dazu in den vergangenen Wochen gelesen haben. Eine der Fragen, mit denen sich die Bundesregierung beschäftigt und die auch zu Recht die Nichtregierungsorganisationen und andere interessierte Öffentlichkeit bewegt, ist die Frage: Welche Art von Durchsetzungskraft bekommen Regelungen, von denen sich die Bundesregierung vorstellen kann, dass sie das Licht der Welt erblicken? Auch da reden wir über ungelegte Eier oder ungeborene Kinder - wie auch immer Sie das bezeichnen wollen. Deshalb bringt es nichts, so lange es diese Position nicht gibt, die, wie ganz viele andere Fragen sehr konstruktiv innerhalb der Ressorts miteinander besprochen werden - manchmal wird da auch vielleicht gestritten; aber das machen wir hinter den Kulissen und nicht vor den Kulissen, wie sich das gehört -, (sich dazu konkret zu äußern.)

Zusatz: Sie müssen doch wissen, ob Sie ein Gesetz anstreben oder nur Empfehlungen aussprechen wollen.

Schäfer: Zunächst ist es ja ein Nationaler Aktionsplan. Ein Nationaler Aktionsplan ist erst einmal kein Gesetz. Aber dass sich als Folge aus der Verabschiedung eines Nationalen Aktionsplans vielleicht irgendwann auch der Bedarf für ein Gesetz ergeben könnte, ist Gegenstand der Gespräche und Beratungen. <<

05.07.2016 14:21
Ist Lidl krass unfair und unsozial?
Laut Oxfam zählt Lidl zu den vier Supermarktgiganten in Deutschland. Doch in puncto Verantwortung beim Anbau von Bananen und Ananas habe Lidl großen Nachholbedarf. Oxfam: "Lidl behauptet, alle Bananen und Ananas in seiner Obstabteilung seien „nachhaltig“.

Doch der Alltag auf den Plantagen sieht oft anders aus:
• Plantagenarbeiter/innen und ihre Familien sind giftigen Pestiziden schutzlos ausgeliefert. Sie leiden unter Atemwegsbeschwerden, Übelkeit und Schwindel.
• Das Einkommen von Kleinbäuerinnen und Arbeitern ist so gering, dass sich Familien z.B. Arztbesuche nicht leisten können.
• Plantagenarbeiter/innen, die sich in Gewerkschaften organisieren, werden häufig diskriminiert und sogar entlassen.
• Durch den Einsatz chemischer Substanzen leiden Böden und Wasserqualität. Monokulturen und Pestizide zerstören die biologische Vielfalt".

Im Fairness-Check gibt's für Lidl daher die rote Karte. Und mit einer Kampagne will Oxfam Lidl anstoßen, fairer zu werden. Hier können Sie mitmachen:
"Fit für fair mit Oxfam bei Lidl"

"Lidl im Fairness- Check"

"Und hier gibt's ein ganzes Aktionspaket für 'Fit für fair'"

29.04.2016 12:42
Deichmanns Fairness fragwürdig
Fair ist Deichmann nicht wirklich. Was die Produktion angeht und bisweilen die Qualität. Das ergab der „Deichmann-Check“ in der ARD (Das Erste). Irgendwie muss ja das Massengeschäft profitabel sein. Und das wird es offenbar durch Qualitätsmängel und durch unfaire Produktionsbedingungen für die Arbeiter z.B. in Rumänen und Mazedonien, wo Deichmann produzieren lässt.

Das Reporter-Team der ARD (WDR) stellt dazu fest: „Wir machen uns selbst ein Bild und fahren nach Rumänien. Wir finden eine Fabrik, die für Deichmann produziert. Von den Arbeiterinnen hören wir, dass sie zwar mehr als den Mindestlohn verdienen, aber selbst mit Überstunden kaum über die Runden kämen. Wir stellen fest, ein Einkauf im Discounter ist in unserer Stichprobe sogar teurer als in Deutschland und auch Benzin kostet so viel wie in Deutschland. Doch Deichmann erklärt uns gegenüber, der Lohn sei existenzsichernd. Ein ähnliches Bild in Mazedonien: Auch hier treffen wir Arbeiterinnen, die für Deichmann Schuhe herstellen. Während uns Deichmann versichert, die Arbeiterinnen bekämen einen existenzsichernden Lohn mit einem gewissen frei verfügbaren Einkommen, versteht kein Arbeiter, den wir gesprochen haben, wie Deichmann darauf kommt“.

Im Deichmann Verhaltenskodex heißt es dazu: "Die gezahlten Löhne und Gehälter müssen ausreichend sein, um die grundlegenden Bedürfnisse des Personals zu befriedigen (…) und ein gewisses frei verfügbares Einkommen gewährleisten."

Deichmann hat Marktgewicht und –einfluss. Er ist Europas größter Schuhhändler. Das Familienunternehmen hat Filialen in 24 Ländern und verkaufte letztes Jahr 172 Millionen Paar Schuhe.

Deichmann unterstützt – wie es viele Firmen machen, um ihre Schattenseiten zu überblenden - mit seinem Hilfswerk „Wort und Tat“ viele Bedürftige in der ganzen Welt. Auch in der aktuellen Flüchtlingskrise engagiert sich das Familienunternehmen. Das ist ehrenhaft und sozial.

Doch erst einmal die Arbeiterinnen und Arbeiter so zu entlohnen, dass sie vom Lohn nicht nur ihre Existenz bestreiten, sondern auch für ihr Alter vorsorgen können, wäre der erste soziale Schritt vor dem zweiten. Was in den Produktionsländern immer noch nicht zu Löhnen führt, die Deichmann auch nur geringfügig gefährden würden. Und 80 Cent bis 1,50 Euro mehr pro Schuhpaar bringen weder Konsumenten noch der Firma Probleme. Doch das wäre fair.

"Der ARD-Deichmann-Check in Video und Text"

16.02.2016 15:01
Faire Versöhnung zwischen Alnatura und dm?
Der Streit zwischen dm-Gründer Götz Werner sowie Alnatura-Gründer und Geschäftsführer Götz Rehn, über den in diesem Blog berichtet wurde, soll beigelegt sein. Beigelegt heißt, beide haben sich durch Vermittlung eines Dritten darauf geeinigt, ihre Anwälte anzuweisen, den Streit gütlich beizulegen. Das bestätigte jedenfalls Götz Werner auf Nachfragen der WirtschaftsWoche.

Der Streit war ausgebrochen, weil dm fast die Hälfte der Alnatura-Produkte ausgelistet hatte und Götz Werner die Markenrechte von Alnatura gerichtlich erstreiten wollte. Er war der Auffassung, dass Alnatura erst durch Götz Werner und dm groß und erfolgreich geworden ist.

Die Mitteilung zur Streitbeilegung, über die das Anthroposophie-Zeitschrift „Info3“ berichtet, kam handschriftlich und umfasst nur drei Sätze. „Auf Initiative und Vermittlung von Sekem-Gründer Dr. Ibrahim Abouleish haben sich die Gründer von dm und Alnatura Götz Werner und Götz Rehn versöhnt. Auf dieser Grundlage werden die Anwälte beauftragt, die Auseinandersetzungen vergleichsweise beizulegen“, heißt es laut „Info3“ in dem Papier vom 15. Februar.

Götz Werner ließ die Meldung gegenüber der WirtschaftsWoche und dem Fachblatt "Lebensmittel-Zeitung" bestätigen. Details zu der Einigung seien allerdings noch nicht bekannt, sagte der dm-Sprecher. Ob damit ein Großkonflikt endet, der die Bio-Branche seit Monaten in Atem hält, ist nicht absehbar. Bekanntlich schläft der Teufel im Detail. Da die beiden Unternehmer verschwägert sind, dürfte er Konflikt nicht nur sachliche, finanzielle und strategische Aspekte haben.

"Zu Geschichte und Hintergrund des Streits zwischen dm-Gründer Werner und Alnatura-Geschäftsführer Rehn"

"WirtschaftsWoche zur Streitbeilegung"

"Spiegel zur Streitbeilegung von dm und Alnatura"

"dm im Fairness-Check"

"Alnatura im Fairness-Check"

04.02.2016 11:50
Streit zwischen Rewe, Edeka und Minister Gabriel: was wäre fair?
Rewe klagt. Geht Kaiser’s Tengelmann an Edeka? Nicht, wenn eine Klage von Rewe dagegen vor dem OLG Düsseldorf im Beschwerdeverfahren Erfolg hätte. Denn Rewe findet die Situation krass unfair. Mit einer Ministererlaubnis hatte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel Edeka die Übernahme von 16.000 Kaiser's-Tengelmann-Supermärkten erlaubt, nachdem sie das Kartellamt untersagt hatte. Aber nur unter Bedingungen: Edeka müsse garantieren, dass die rund 16.000 Arbeitsplätze – viele davon Teilzeit - bei Kaiser's Tengelmann mindestens für fünf Jahre überwiegend sicher seien und dass die Mitarbeiter tariflich bezahlt werden. Das solle durch verbindliche Tarifverträge abgesichert werden. Edeka ist dazu bereit. Rewe war mit seinem Angebot beim Minister abgeblitzt.

Spielt das Gemeinwohl überhaupt eine Rolle?

Eine Ministererlaubnis kann laut Gesetz erteilt werden, wenn es so starke Gemeinwohlgründe gibt, dass diese schwerer wiegen als die negativen Wettbewerbseffekte, die durch eine Fusion zu erwarten wären. Allerdings hat die Monopolkommission erklärt, dass das Arbeitsplatzargument nicht zieht. Denn die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland nach wie vor sehr niedrig.

Außerdem würde es nicht zu einer regionalen Ballung von Entlassungen kommen. Schließlich würden die Konsumenten anderswo ihre Lebensmittel einkaufen, so dass dort zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigt würden. Die Arbeitsplatzverluste wären also relativ gering, sollten die Filialen von Kaiser's Tengelmann nicht an Edeka gehen. Der ohnehin schon der größte Supermarktbetreiber in Deutschland ist.

Konzentrationsprozess schreitet voran

Es ist in Zukunft ohnehin damit zu rechnen, dass es zu weiterer Konzentration und Fusion im Lebensmittelhandel kommen wird. Der wesentliche Wettbewerbsdruck kommt von Discountern wie Lidl und Aldi. Er verstärkt sich noch, weil sie immer mehr Markenartikel ins Sortiment aufnehmen, was vor allem preissensible Kunden anlockt. Hinzu kommt in Großstädten ein zunehmender Wettbewerbsdruck durch Bio-Supermärkte, die sich stark entwickeln und qualitätsbewusste Verbraucher anziehen.

Überlegenes Genossenschaftsmodell

Die Filialen von Kaiser's Tengelmann sind im Lebensmittelhandel ohnehin wenig bedeutend. Die Angebote sind meist teurer als bei der Konkurrenz bei Edeka und Rewe; die Märkte machen keinen attraktiven Eindruck und wohl aus deshalb schrumpften seit einiger Zeit die Marktanteile von Kaiser's Tengelmann. Die Kette ist seit Jahren defizitär. Das Genossenschaftsmodell von Edeka und Rewe ist einer zentralen Steuerung der Supermärkte wie bei Kaiser's Tengelmann deutlich überlegen.

Rewe befürchtet, dass Edeka die Supermärkte von Kaiser's Tengelmann deutlich aufpeppt und mit dem größeren Spielraum für die genossenschaftlichen Filialleiter ähnlich wie bei Rewe mehr Flächenabdeckung gewinnt. Dadurch dürfte Rewe unter erheblichen Konkurrenzdruck geraten. Das würde allerdings auch passieren, wenn Rewe die Märkte übernehmen könnte.

Was wäre fair und gemeinwohlorientiert?

Was wäre in dieser Situation eine faire Ministerentscheidung gewesen? Eine, die wirklich am Gemeinwohl orientiert ist, also von den Bürgern und Verbrauchern her denken. Das heißt: Die Supermärkte von Kaiser's Tengelmann werden orts- und stadtteilspezifisch aufgeteilt zwischen Edeka und Rewe, ggf. kommen auch noch andere Ketten zum Zug. Dabei gelten als Prinzipien: Vermeidung von Supermarkt-Ballung (keine Supermarkt- und Discounter-Ghettos), Konkurrenz der großen Anbieter bei in etwa gleichgroßem Einkommensvolumen der Bürger vor Ort, gute Erreichbarkeit der Märkte für die Verbraucher zu Fuß und mit dem Rad, weniger LKW- und PKW-Verkehr in der Umgebung. Das Verfahren hätte von einer Kommission überwacht werden können, die auch befugt wäre, ein Schiedsurteil zu sprechen. Und nicht zu vergessen: einer Monopolisierung im Lebensmittelhandel vorbeugen.

"Edeka im Fairness-Check"

"Rewe im Fairness-Check"

"Kaiser's im Fairness-Check"

"Ex-Vorsitzender der Monopolkommission Prof. Justus Haucap zur Ministererlaubnis"

"Rewe will gegen Fusion klagen"

01.02.2016 12:33
Trauer um Fairness-Vorbild Graf von Faber-Castell
Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell ist am 21.1.2016 in Houston (USA) nach längerem Krebsleiden gestorben. Der 1941 in Bamberg geborene Vorstandsvorsitzende des internationalen Unternehmens Faber-Castell und Träger des Deutschen Fairness Preises 2007 war eine überzeugende Unternehmerpersönlichkeit in achter Generation des Familienunternehmens von 1761. Mit einer Produktion von ca. zwei Milliarden holzgefassten Stiften pro Jahr ist Faber-Castell der weltgrößte Hersteller von Bunt- und Bleistiften. Das Unternehmen beschäftigt rund 7000 Mitarbeiter in 14 Fertigungsstätten und 23 Vertriebsgesellschaften und hat in über 120 Ländern Handelsvertretungen. Dazu gehört die Faber-Castell-Gesellschaft im brasilianischen São Carlos, die mit einer Produktion von 1,5 Milliarden Stiften pro Jahr die größte Farbstiftfabrik der Welt ist. Anfang der 1990er Jahre entwickelte Faber-Castell die umweltfreundliche Wasserlacktechnologie für Blei- und Farbstifte. 1992 wurde die weltweit erste Produktionsanlage für umweltfreundliche Blei- und Farbstifte in Betrieb genommen. Seit 2000 verpflichtet sich das Unternehmen freiwillig mit einer eigenen Charta, in allen Niederlassungen weltweit die empfohlenen Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen der ILO einzuhalten.

Wie Geschäftserfolg, Nachhaltigkeit und Fairness zusammen gehören

Auf der Firmenwebsite schrieb Graf von Faber-Castell: „Ich halte nichts von kurzfristigem Profitstreben. Die Fähigkeit, nachhaltig ertragreich zu sein, ist für ein Unternehmen, das langfristig erfolgreich sein will, lebensnotwendig. Für mich ist es selbstverständlich, als Unternehmer im doppelten Wortsinn mit Anstand „anständig“ Geld zu verdienen. Der Anstand, der auf Werten wie sozialer und ökologischer Verantwortung, Vertrauen, Ehrlichkeit und fairem Umgang miteinander basiert, ist durchaus mit einem gesunden Streben nach Ertragskraft vereinbar, denn nur ertragreiche Unternehmen können sich soziale und ökologische Leistungen auch erlauben. Unsere gesunde wirtschaftliche Lage und die Anerkennung durch unsere Geschäftspartner sagen mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Umweltaspekte treten auch mit einem einzigartigen Forstprojekt für Holzstift-Brettchen in Brasilien sowie einer Produktionsstätte für Brettchen und Stifte aus ökologisch zertifizierten Holzressourcen in Costa Rica zunehmend in den Vordergrund unternehmerischen Denkens.

Warum Graf von Faber-Castell den Deutschen Fairness Preis bekam

Zu Verleihung des Deutschen Fairness Preises an Graf von Faber-Castell erklärt die Fairness-Stiftung in der Preisurkunde: „Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell unternimmt enorme Anstrengungen, um in einem partizipativen Prozess Mitarbeiter in aller Welt mit Kompetenz, mit Marken- und Kundenbewusstsein sowie mit kommunikativen Fähigkeiten auszustatten. Wer wie die Faber-Castell AG weltweit eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen und der Marke, starke Kundenorientierung und permanente Innovationsfreude bei den Mitarbeitern auslösen und erhalten will, kommt gar nicht darum herum, für eine faire Unternehmens- und Personalführung zu sorgen. Graf von Faber-Castell steht persönlich selbst ein für eine solche Orientierung und Vorgehensweise. Dabei bindet er sich nach wie vor in alle wesentlichen Prozesse selbst ein, interessiert sich für Details und die großen Linien und ist selbst durch nahezu ständiges weltweites Reisen die verkörperte Verbindlichkeit in seinem Unternehmen zwischen allen Stakeholdern. Wer sich so menschenzugewandt und zukunftsorientiert über eine lange Zeit einsetzt, das vorbildliche Sozialengagement seiner Vorfahren in moderne faire und nachhaltige Wertsetzungen für sein Unternehmen übersetzt und lebt, den geschäftlichen Erfolg und die eigene Marke an eine faire, soziale und ökologische Prägung des Unternehmens knüpft, der hat den Deutschen Fairness Preis verdient. Daher ist Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell der würdige Träger des Deutschen Fairness Preises.“

Die Fairness-Stiftung trauert um eine große Unternehmer- und Führungspersönlichkeit, für die Fairness von zentraler und umfassender Bedeutung in der alltäglichen und langfristigen Praxis war. Und verneigt sich in Respekt vor seinem Lebenswerk.

Eine Gedenk- und Traueranzeige der Fairness-Stiftung erschien in Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine und Frankfurter Neue Presse.

"Reportage zur Verleihung des Deutschen Fairness Preises an Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell"

"Faber-Castell"

"Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell zur Nachhaltigkeit und Fairness"

22.01.2016 12:38
Fairness-Fall: dm und Alnatura befehden sich
Neue Runde im Rechtsstreit: dm-Gründer Götz Werner gegen den Alnatura-Chef Götz Rehn. Wie das Landgericht Frankfurt bestätigte, klagt dm-Gründer Götz Werner erneut gegen den Alnatura-Chef Götz Rehn. In erster Instanz war die Klage abgewiesen worden (AZ: 2-06 O 44/15). Das Landgericht Frankfurt bestätigte am Donnerstag einen Bericht des "Handelsblatts", das zuerst darüber berichtet hatte. Werner hat Berufung eingelegt und will nun vor dem Oberlandesgericht Frankfurt klagen. Die einstigen engen Partner scheinen sich gründlich zerstritten zu haben.

Die beiden Manager waren nicht nur 30 Jahre lang erfolgreiche Geschäftspartner. Rehn ist auch Werners Schwager. Werner verlangt von Rehn die Markenrechte an Alnatura. Er argumentiert damit, dass Alnatura erst durch dm erfolgreich geworden sei. Vor einiger Zeit hat dm indes eine eigene Bio-Linie gestartet. Durch die Eigenmarke verspricht sich dm offenbar höhere Margen, meinen Branchenkenner. Das Unternehmen dm kommentiert dies nicht. Der dm-Geschäftsführer Erich Harsch spricht lieber von Kundennutzenmaximierung durch mehr Vielfalt in den Regalen statt von Gewinnmaximierung. Intelligentes Wording war schon immer die Kunst von dm.

Laut „Handelsblatt“ verklagt außerdem das Unternehmen dm auch noch Alnatura vor dem Landgericht Darmstadt: Alnatura will sich nicht mehr an einen Kooperationsvertrag mit dm halten, nachdem die Drogeriekette etwa 200 Produkte des langjährigen Lieferanten aus den Regalen genommen hatte. Die Sprecher von dm und Alnatura bestätigten den Inhalt der Klagen.

Alnatura hat indes den Online-Handel intensiviert und ist eine Vertriebspartnerschaft mit dem größten deutschen Lebensmittelhändler Edeka eingegangen. „Die Alnatura-Produkte werden von den Edeka-Kunden sehr stark nachgefragt. Wir bekommen sehr positive Rückmeldungen“, sagte die Sprecherin. „Auch unser Online-Shop ist gut angelaufen.“

Das Unternehmen Alnatura zeigt sich offen enttäuscht. Ihm zufolge werden bis April 70 Prozent der Alnatura-Produkte bei dm ausgelistet. „Es ist sehr schade, wir haben 30 Jahre sehr eng und erfolgreich zusammengearbeitet“, sagte eine Alnatura-Sprecherin am Donnerstag.
Das Verhältnis zwischen dm und Alnatura sowie zwischen Götz W. Werner und Götz Rehn ist wohl endgültig zerrüttet. Es sei denn, beide bekennende Anthroposophen besinnen sich und ergreifen die Möglichkeit einer fairen Mediation. Im Moment sieht es nicht danach aus.

Vielleicht ruft Götz Werner mal bei der Fairness-Stiftung an. Immerhin hat er 2003 den Deutschen Fairness Preis erhalten. Hat er seine Orientierung vergessen?

"Zoff zwischen dm und Alnatura"

"Werner und Rehn zoffen sich"

"Warum dm Alnatura aus den Regalen wirft"

"dm im Fairness-Check"

"Alnatura im Fairness-Check"

"Deutscher Fairness Ehrenpreis 2003 an Götz Werner"

"Edeka im Fairness-Check"

19.06.2015 11:08
Amazon brutalisiert den Wettbewerb
Amazon unterläuft Gehaltsstrukturen in Deutschland. Baut beziehungsweise unterhält Vertriebszentren in Polen und Tschechien für Lieferungen in das westliche Europa, in denen mitunter 3 € Stundenlohn gezahlt werden.
Amazon bezahlt in Deutschland Mitarbeiter nach dem Tarif von Speditions- und Lagerunternehmen, weil es billiger für Amazon ist. Und streitet sich seit Jahren mit den Gewerkschaften, weil diese darauf bestehen, dass Amazon nach dem höheren Tarif des Einzelhandels bezahlen soll. Wie es dies in den USA macht, wo der Tarif für Einzelhandel niedriger ist als für die Speditions- und Lagerbranche.
Amazon ist Preisbrecher und bedroht kleine Händler. „Heute wird etwa ein Viertel des gesamten deutschen Onlinehandels von Amazon organisiert. Auch kaum ein Verkäufer kommt am US-Konzern vorbei. Der Grund: Amazon fährt eine Niedrigpreisstrategie, ist Preisbrecher für den Verbraucher. Doch was die Kunden freut, ist für Verkäufer bitter.
Für sie bleibt kaum noch etwas übrig. „Handel über Amazon ist Cyberkrieg, in dem nur die Großen überleben“, klagen sie. Das schreibt Christian Bock zu seiner ZDF-Dokumentation zu diesem Thema.
"2014 hat der US-Konzern in Deutschland einen Umsatz von 11,9 Milliarden Dollar erzielt – 1,5 Milliarden mehr als im Vorjahr. Und praktisch jeder kann über die Amazon-Plattform verkaufen: Anmelden, Ware einstellen, fertig – so verspricht es der US-Konzern. Genial einfach – und genial durchdacht. Und auch Amazon hat viel davon, wenn Händler auf dem so genannten "Marketplace" anbieten: Kundendaten, Gratis-Marktforschung, Zugriff auf Waren aller Art.
ZDFzoom-Autor Christian Bock trifft Händler, die sich von Amazon im Stich gelassen fühlen. Etwa, weil der Konzern mit Sperrung droht, wenn der Händler nicht spurt. Oder weil Händler, die ihre Ware allzu billig einstellen, regelmäßig von der Konkurrenz oder sogar von Amazon selbst unterboten werden – Preisroboter, so genannte "Repricer", lassen gerade Anfängern oder kleinen Shops kaum eine Chance“.

Amazon brutalisiert den Wettbewerb und den Konsum. Noch erfreuen sich die Verbraucher an der bequemen Bestell- und Retourenmöglichkeit und den oft günstigen Preisen. Doch wenn die kleinen Händler verschwunden, die Läden in kleinen und mittelgroßen Orten verwaist und die Einkommen der Amazon-Mitarbeiter nicht zum Leben und Konsumieren reichen, dann gibt es ein böses Aufwachen. Denn dann ist mehr als jetzt ein Monopolist entstanden, der Kaufbedingungen und Preise diktieren kann. Das kann niemand wollen.

"ZDF Doku über Amazons brutalen Umgang mit Händlern und Mitarbeitern"

"Amazon im Fairness-Check"

23.03.2015 11:29
Giftfreie Mode – Nur der Anfang ist gemacht!
Beharrlichkeit und öffentlicher Druck zahlen sich aus - dies gilt für die Detox-Kampagne von Greenpeace, wonach sich Modefirmen zum Verzicht auf giftige Chemikalien in der Produktion und Lieferkette bis zum 1.1.2020 verpflichtet haben. Allerdings ist der Weg noch weit.

Greenpeace veröffentlichte am 20. März 2015 den neuesten Stand zum Detox-Catwalk und gibt damit eine kleine Empfehlung für bewussten Einkauf von (giftfreier) Mode.

18 Modefirmen haben sich der Entgiftung-Kampagne angeschlossen und sich zu einer giftfreien Produktion bis zum Jahr 2020 verpflichtet. 16 davon zeigen laut Greenpeace eine glaubwürdige erste Umsetzung ihres Vorhabens. Dies geht von der kompletten Verbannung bestimmter gefährlicher Chemikalien aus der gesamten oder teilweisen Produktion und /oder der transparenten Offenlegung aller Abwasserdaten und der Verpflichtung Verfahren zu nutzen, die laut aktuellen Stand am besten dafür geeignet sind Chemikalien nachzuweisen.
Von diesen 18 Modefirmen haben sich 16 laut Greenpeace als Detox-Trendsetter herausgestellt. Diese sind: Adidas, Benetton, Burberry, C&A, Esprit, G-Star, H&M, Inditex (Zara), Levi Strauss & Co., Limited Brands, Mango, Marks & Spencer, Primark, Puma, Fast Retailing, Valentino.

Nur LiNing und Nike hatten sich zwar auch Detox-Kampagne angeschlossen, denen wirft allerdings Greenpeace Greenwashing vor, da sie bislang noch keine Anzeichen für eine Umsetzung ihrer Verpflichtung vorweisen können. Greenpeace Fazit zu Nike lautet beispielsweise: „Nike nutzt die Branchengruppierung “Zero Discharge of Hazardous Chemicals” (ZDHC) als Deckmantel für die Verschleierung der mangelnden eigenen Bestrebungen zur Entgiftung unserer Kleidung“.

Es gibt allerdings auch einige Schlusslichter in der Modebranche. Diese Firmen weigern sich hartnäckig ihre Kleidung zu entgiften und die Belastung für Mensch und Natur durch ihre Produktion einzuschränken bzw. zu beseitigen. Es handelt sich hierbei um: Giorgio Armani, Bestseller, Only the Brave, Dolce & Gabbana, Gap Inc., Hermès, Vuitton/ Christian Dior, Metersbonwe, PVH (Calvin Klein, Tommy Hilfiger), Vancl und Versace.

Diese haben es offenbar nicht nötig, sich dem Kamgapgne anzuschließen, da ihre Kundschaft auf diese Marken sehr fixiert ist, für manche wie ein Fetisch wirkt, und sich für Preis, Herstellung, soziale und ökologische Aspekte so gut wie gar nicht interessiert. Unfair gegenüber Natur, Mitarbeitern und Bekleidete? Das interessiert diese Kundschaft und ihre Markenfirmen nicht.

Einige der Detox-Trendsetter haben wir im Portal Fairness-Check aufgeführt. Lesen Sie dort welche weiteren positiven Aspekte in Bezug auf Fairness die diese Unternehmen auszeichnen.

Jolanda Humml-Butera

Was Greenpeace und Fairness-Check zu Giften in der Kleiderproduktion bestimmter Firmen sagen:

"Greenpeace über Firmen, die auf Giftstoffe in der Kleiderproduktion verzichten oder nicht verzichten"

"Über Gifte bei Adidas"

"Über Gifte bei C&A"

"Über Gifte bei Esprit"

"Über Gifte bei H&M"

"Über Gifte bei Primarkt"

"Über Gifte bei Nike"

16.01.2015 14:54
Zur Fashion Week Berlin: Primark - das Gegenteil von fairer Mode
Am Montag den 19.1. startet in Berlin parallel zur Modemesse Fashion Week (bis 23.1.) auch die Ethical Fashion Show. Ökologische und soziale Kriterien bei der Produktion soll die dort gezeigte Mode erfüllen. Dieses Ziel verfolgt hat auch das Textilbündnis von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Doch der große Durchbruch blieb ihm bisher versagt. Wer sich im Fairness-Check bei Primark, H&M, C&A, Esprit, KiK und Adidas dazu kundig macht, erkennt schnell warum.

Und Renate Künast, Vorsitzende des Verbraucherschutz-Ausschusses im Bundestag, hält Müllers Vorgehen für falsch. Sie meint: „Ein Textilbündnis nur für Deutschland ist nicht sinnvoll“: Die EU könnte bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie durchsetzen, sagt die Grünen-Politikerin Renate Künast im Interview mit Timot Szent-Ivanyi von der Berliner Zeitung:

„Frau Künast, warum kommt das Textilbündnis des Entwicklungsministers nicht voran?

Um etwas Nettes über Herrn Müller zu sagen: Er hat das richtige Thema adressiert. Ein Großteil der Rohstoffe für die Textilien, die wir hierzulande kaufen können, kommt aus Ländern, in denen es keine demokratischen Prozesse gibt und Menschenrechte nicht beachtet werden. Kinderarbeit, Sklaverei ähnliche Arbeitsbedingungen und ökologische Verwüstungen sind an der Tagesordnung. Möglichkeiten zur Rückverfolgung vom Handel bis zur Rohstoffproduktion bestehen nicht, Herstellerangaben sind kaum zu kontrollieren. Die weitere Verarbeitung, das Färben, Stricken und Nähen, geschieht in Ländern, in denen die Eliten oft kein Interesse am Arbeits- und Umweltschutz und an fairen Mindestlöhnen haben. Es ist also überfällig, sich für die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards einzusetzen.

Nur Lob für Müller?
Natürlich nicht. Obwohl ich schon sagen muss, dass Müller geschickt vorgeht. Er grenzt sich deutlich von seinem Vorgänger Dirk Niebel ab, der die Entwicklungsorganisationen nur noch verprellt hatte. Müller spricht dagegen mit ihnen und gibt vor, sie ernst zu nehmen. Aber mehr als warme Worte kommen da nicht. Viel Aktionismus, wenig Substanz.

Ihre Kritik am Textilbündnis?
Müller hat keinen Weg gefunden, wie man die Probleme löst. Es reicht eben nicht, wohlklingende Papiere zu verfassen, auf denen zugegebenermaßen viele richtige Dinge stehen. Das Ganze muss auch umsetzbar sein. Daran hapert es gewaltig.

Warum?
Ein Textilbündnis oder ein Siegel nur für Deutschland macht doch überhaupt keinen Sinn. Wir haben einen europäischen Binnenmarkt! Was bringt es, wenn sich Hersteller auf irgendwelche Bedingungen allein für Deutschland einlassen, sich aber in den restlichen am Produktionsprozess beteiligten Ländern nicht daran halten müssen? Das funktioniert genauso wenig wie Müllers Plan, das Ganze nur auf freiwilliger Basis einzuführen.

Aber wie verpflichtet man die Unternehmen zur Einhaltung von Standards?
Gute Arbeitsbedingungen sind ein Menschenrecht. Das rechtfertigt, Unternehmen zu zwingen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Über den EU-Binnenmarkt kann zunächst einmal durch eine Transparenzrichtlinie erreicht werden, dass die Firmen die gesamte Lieferkette offen legen müssen. So etwas gibt es bereits, etwa bei den sogenannten Blutdiamanten. Aber auch die Politik muss dann ihre Hausaufgaben machen.

Inwiefern?
Die einzelnen Unternehmen, gerade Mittelständler, sind doch allein gar nicht in der Lage, bestimmte Anforderungen an ihre Zulieferer durchzusetzen und in jedem Einzelfall alles zu kontrollieren. Vielmehr muss die EU ihren gesamten Außenhandel so gestalten, dass von der Baumwollproduktion bis zur Endfertigung die Einhaltung von Standards stets die Grundlage von Entwicklungshilfeprojekten, Krediten oder Handelsabkommen ist. Denn klar ist doch: Die dortigen Regierungen und Parlamente sind in der Verantwortung, dass in ihren Ländern die Menschenrechte eingehalten werden.

Welche Druckmittel gibt es?
Länder wie Bangladesch oder Kambodscha können zollfrei in die EU exportieren, weil sie als ärmste Länder der Welt Steuerprivilegien genießen. Diese Vorteile kann Europa beispielsweise an die Einhaltung der sogenannten Kernarbeitsnormen der internationalen Arbeitsorganisation ILO knüpfen: Keine Kinderarbeit, keine Sklaverei, Gesundheitsschutz, faire Löhne und die Zulassung von Gewerkschaften.

Bis ein derart umfassender Ansatz wirkt, vergeht einige Zeit. Ist Müllers Idee nicht sinnvoller, erst einmal mit einem Textilsiegel für bestimmte Produkte anzufangen?
So einfach ist das eben nicht. Was soll denn erreicht werden: Geht es darum, die gesamte Textilproduktion auf höhere Standards zu heben oder darum, nur kleine Teile der Produktion zu verbessern und dadurch quasi Premiumprodukte zu produzieren? Ersteres muss im Vordergrund stehen und kann wie gesagt nur auf globaler Ebene gelöst werden. Und für den kleineren Bereich der Öko-Textilien gibt es bereits das strenge GOTS-Siegel, das eine umweltschonende und sozial verantwortliche Herstellung bis hin zu den Rohmaterialien vorschreibt. Dies sollte jetzt als europäisches Siegel für ökologische Produkte anerkannt werden. Ein neues deutsches Siegel ist unsinnig“.

Ergo: Bis zu fairer Kleidung ist es noch ein weiter Weg. Kleine Anbieter jedoch kämpfen sich auf diesem Weg tapfer voran. Für uns alle – und die Mitmenschen.

"Primark im Fairness-Check"

"Tchibo Textil im Fairness-Check"

"H&M im Fairness-Check"

"KiK im Fairness-Check"

"Die Ethical Fashion Show"

mit vielen Anbietern in diesem Segment "Anbieter von fairer Mode"

"Renate Künast zu fairer Mode und zum Schlingern des Textilbündnisses"

09.01.2015 10:34
Trauer um Preisträger Günther Cramer
Die Fairness-Stiftung trauert um Günther Cramer, den Unternehmensgründer, langjähriger Vorstandssprecher und Vorsitzenden des Aufsichtsrats der SMA. Er erhielt zusammen mit seinen Vorstandskollegen Peter Drews, Reiner Wettlaufer und Pierre-Pascal Urbon 2008 den Deutschen Fairness Preis. In der Urkunde, die Kuratoriumsvorsitzender Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck verlas, heißt es: „Der wirtschaftliche Erfolg der SMA ist eng verbunden mit einer fairen, kooperativen und transparenten Unternehmens- und Führungskultur und ohne diese faire Kultur gar nicht denkbar. Die Mitarbeiter werden aktiv in Entscheidungs- und Strategieprozesse eingebunden. Es gibt – verbunden mit der Entwicklung des Unternehmens – Raum und Förderung für eigene Ideen sowie für die fachliche und persönliche Entwicklung. Es gibt eine permanente aktive Anstrengung, Fragen und Probleme im gemeinsamen Gespräch zu lösen und nicht durch Anweisung. Fehler werden nicht zum Anlass genommen, Jagd auf Schuldige zu machen, sondern analysiert und für eine Verbesserung genutzt. Es zählt das Argument und nicht die Machtposition. Der Vorstand der SMA Solar Technology AG beweist mit seiner fairen und kooperativen Unternehmensführung nicht nur, dass wirtschaftlicher Erfolg und faires Führungshandeln zusammen passen, sondern dass sie zusammen gehören, weil Verstand und Herz der Mitarbeiter die wichtigsten Erfolgsfaktoren eines Unternehmens sind. Die SMA, die auf die selbständige Mitarbeit und Eigeninitiative der Beschäftigten angewiesen ist, realisiert Klugheit und Weitsicht, wenn sie sich an Fairness, Transparenz und Kooperation orientiert“.

Dr. h.c. Günther Cramer war der wesentliche Kopf dieser Unternehmenskultur, die auch in schwierigen Zeiten durchzuhalten die Firma bestrebt ist und war. 2010 diskutierte er anlässlich des 10jährigen Jubiläums der Fairness-Stiftung vor über 300 Gästen mit Prof. Götz W. Werner, Prof. Dr. Gertrud Höhler, Prof. Dr. Ernst Fehr, Prof. Dr. Tania Singer und Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier die Fairness als Grundwert im sozialen Rechtsstaat. Er legte ein beredtes Zeugnis für eine starke Rolle der Fairness in der Unternehmens- und Führungskultur ab.

Günther Cramer war eine charismatische Führungspersönlichkeit, die mit ansteckender Begeisterung und Pioniergeist den weltweiten Erfolg der Solarenergie mit vorantrieb. Er war Präsident des Bundesverbandes Solarwirtschaft, Ehrenbürger der Stadt Kassel und Mitgründer des cdw Stiftungsverbundes, Vorsitzender des Vorstands des Kompetenznetzwerk Dezentrale Energietechnologien, Mitgründer des Kasseler Instituts für dezentrale Energietechnologien (ide), Mitglied des Hochschulrats der Universität Kassel, die ihm 2013 die Ehrendoktorwürde verlieh, sowie Preisträger des Umweltpreises der Deutschen Bundesstiftung Umwelt im Jahr 2012.

Günther Cramer starb nach schwerer Krankheit nur drei Wochen nach seinem 62. Geburtstag.

Wir trauern um eine große Unternehmer- und Führungspersönlichkeit, für die Fairness von zentraler Bedeutung in der alltäglichen und langfristigen Praxis war.

Und verneigen uns in Respekt vor seinem Lebenswerk.

Für die Fairness-Stiftung
Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck, Vorsitzender des Kuratoriums der Fairness-Stiftung
Dr. Norbert Copray, geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung
Frankfurt am Main, den 9.1.2015

"Der Deutsche Fairness Preis 2008 an Günther Cramer"

18.07.2014 15:18
Unfair eher Karriere machen?
Muss man ein Schwein sein für die Karriere? Aggressionsexperte Jens Weidner glaubt das. Und das Manager Magazin titelt: „Wer immer nur nett ist, kommt mit der Karriere selten voran, sagt. Sein Rat für alle Aufsteiger: Einfach mal ein Schwein sein. Vor allem die Frauen“.

Der Fachhochschulprofessor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie hat ein Buch geschrieben: „Hart, aber unfair. Ein gemeiner Ratgeber für Arbeitnehmer“ (Campus. 270 Seiten).
Dazu hat Weidner dem Manager Magazin auch ein Interview gegeben. Darin heißt es: „Ich habe knapp tausend Interviews mit Führungskräften und Menschen im Aufstieg geführt. Kein Karriere-Mann sagt, er sei gegen Gleichberechtigung. Aber wenn ich frage, was sie mit Konkurrentinnen tun, antworten sie: "Wir locken sie in die Frauen-Aggressivitätsfalle." Die geht so: Alles, was bei Männern hoch gelobt wird - Durchsetzungsstärke, Zielorientiertheit, Coolness - wird umgedeutet. Bei einer Frau heißt das dann plötzlich, sie sei hysterisch, verkrampft, habe einen krankhaften Ehrgeiz entwickelt, vielleicht ist der private Kontext ja auch allzu schwierig, wer weiß. Ihr Ruf wird dadurch angekratzt, ihr Status geschwächt“.

Auf die Frage, was dagegen hilft, antwortet Weidner: „Im Berufsleben kann man gern zu 80 Prozent ein feiner Mensch sein. Die übrigen 20 Prozent sollten wir aber durchsetzungsstark, strategisch und bereit sein, pessimistisch anthropologisch zu denken. Den Menschen als des Menschen Wolf zu sehen. Wenn Sie im Berufsleben jedem unterstellen, er meine es gut mit Ihnen, werden Sie permanent enttäuscht und ein Opfer von Machtspielen“. Soll das hart und unfair sein?

Nun wissen wir mittlerweile, dass der Wolf gar kein Wolf ist, wie das in der Metapher gemeint ist. Aber sei’s drum. Schauen wir in das Buch von Weidner.

Da berichtet er unter anderem von einer Lektorin, die von ihrem Lektoratskollegen lächerlich gemacht wird. Als sie deshalb zu heulen beginnt, macht sich der Kollege auch darüber lustig. Jens Weidner beschreibt diese Lektorin als übertrieben dünnhäutig. So demonstriert Weidner seine Denke. Er will Arbeitnehmer konfrontationskompetenter machen und bietet mit seinem Buch eine Art Crash-Kurs für Weicheier, so dass sie die Schattenseiten beruflicher Kommunikation nicht mehr so leicht umhauen können. Er analysiert Kommunikations- und Verhaltensfallen im Job, plädiert für den Abschied vom Duckmäusertum, leitet zu Abwehrstrategien gegenüber unfairen Akteuren an und will so aktiven Opferschutz anbieten.

Vieles, was das Buch enthält, findet sich auch in anderen Büchern zum Thema, ist hier nur sprachlich zugespitzter. Bisweilen schießt er sprachlich über sein Ziel hinaus, pflegt aggressive Bilder und schlägt vor, eine ‚unkaputtbare Kakerlake‘ zu werden. Für das politisch inkorrekte Buch ist Widerstandsfähigkeit alles. Statt „Hart, aber unfair“ wäre „Hart, aber fair“ besser, weil nur faire Akteure den Krieg im Büro deeskalieren. Fairness kann hart sein, couragiert und kompetent. Gegen Unfairness muss niemand unfair werden. Vielleicht meint es Weidner nicht so, wenn er schreibt: „Ethik und Durchsetzungsstärke mit Augenmaß sind kein Widerspruch! Beruflichen Gegenspielern sollten Sie daher mit Respekt, Fairness, aber auch klarer Grenzziehung begegnen“. Also für die Zuspitzung und Vermarktung haut Weidner kräftig auf die Pauke. Empfehlenswert ist die Losung „hart, aber unfair“ trotzdem nicht.

"Das Interview"

"Der Wolf ist dem Wolf kein Wolf"

21.05.2014 10:59
Das Palmöl-Desaster: unfair zu Mensch, Tier und Umwelt
Es steckt in Keksen und süßen Aufstrichen, es steckt in Tiefkühlpizzen und in Waschmitteln, es steckt in Kerzen und im Biosprit: Palmöl. Wegen der rasant ansteigenden Nachfrage, wird in Asien nach wie vor massiv Regenwald gerodet, um neue Palmöl-Monokulturen aufzuziehen. Den Preis zahlen das Klima, die indigene Bevölkerung und bedrohte Tierarten.

Der Versuch, den Palmölanbau und damit Umweltzerstörung einzudämmen sowie Palmöl nachhaltig produzieren bzw. zertifizieren zu lassen, ist bisher weitgehend gescheitert. Entsprechende Angaben sind wenig verlässlich. Das offenbart eine aktuelle Studie „Nachhaltiges Palmöl – Wunsch und Wirklichkeit“ von Brot für die Welt und der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), wie die Frankfurter Rundschau heute berichtet: „Experten des Südwind-Instituts haben im Auftrag der beiden kirchlichen Organisationen das RSPO-Siegel unter die Lupe genommen. RSPO steht für „Roundtable on Sustainable Palm Oil“ (Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl), die weltweit größte freiwillige Initiative von Industrie und Zivilgesellschaft. 1439 Mitglieder zählt der RSPO – Erzeuger, Weiterverarbeiter und Händler ebenso wie Banken, Investoren und Nichtregierungsorganisationen.

Fazit der Studie, die der Frankfurter Rundschau vorliegt: Das RSPO-Siegel hält nicht, was es verspricht. Die Südwind-Experten haben für ihre Untersuchung internationale Studien ausgewertet und Interviews mit zahlreichen Akteuren des Palmölmarktes geführt. Demnach werden die RSPO-Prinzipien von Plantagenbetreibern immer wieder gezielt verletzt.

„Die Mitbestimmungsrechte der Bauern, eines der zentralen RSPO-Kriterien, werden am häufigsten verletzt“, bilanziert Carolin Callenius, Ernährungsexpertin von Brot für die Welt, die Ergebnisse der Studie. Darüber hinaus seien RSPO-zertifzierte Plantagen auch in Menschenhandel, Zwangs- und Kinderarbeit verstrickt, heißt es in der Untersuchung mit Verweis auf Erkenntnisse des International Labour Rights Forum in Washington“.

Wie FR-Redakteur Tobias Schwab folgert, ist dem RSPO-Label nicht zu trauen. Die beteiligten Unternehmen und der WWF haben ein Glaubwürdigkeitsproblem: „Sie sollten nun alles tun, um die RSPO-Kriterien zu verschärfen und ihre Einhaltung strikt zu überprüfen. Verstöße müssen umgehend mit dem Ausschluss von Unternehmen sanktioniert werden“. Und für die Verbraucher gilt: „Kritisch nachfragen, Rechenschaft fordern und Alternativen prüfen – nur so sind die Unternehmen zu bewegen“. Anders ist Fairness-Fortschritt in diesem Fall nicht auf die Sprünge zu verhelfen.

Mehr Hintergrund:
Palmöl auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt"

Nachhaltiger Konsum durch Information:
"Ohne Palmöl leben und ernähren"

http://www.fairness-check.de/default.aspx" class="FSLinkorText">"Fairness-Check für nachhaltigen Kaufen"

Noch mehr Hintergrund:
"Was Palmöl anrichtet"


23.09.2013 12:22
Dreckige Wäsche
Textilfirmen mauern gegen kritische Fragen. Kaum eine, die nicht in Bangladesh billigst produzieren lässt. Als im April mehr als 1.000 Frauen und Männer unter den Trümmern einer zusammengebrochenen Firma begraben werden, sind alle entsetzt. In den TV-Nachrichten sagt ein Sprecher: „Die meisten Opfer sind Frauen, die in Textilfabriken arbeiteten“. Mehr als 5000 davon gibt es in Bangladesh. „Bei acht von zehn der meistverkauften Modemarken im Land steht Made in Bangladesch in den T-Shirts, den Hemden, den Hosen“, schreibt die ZEIT.

Auch deutsche Unternehmer lassen in Bangladesh nähen, etwa der „Discounter KiK oder der Massenmodenhersteller NKD aus Oberfranken. Die Chefs dieser Firmen kannten das Risiko. Sie haben die Bilder von Rana Plaza gesehen. Fünf Monate ist das jetzt her. Es gibt in Bangladesch und den Billiglohnländern Asiens noch Tausende unsichere, überfüllte Fabriken wie Rana Plaza. Wie lässt sich das nach dem Unglück rechtfertigen? Wie haben die Bilder des Einsturzes das Denken und Handeln der Textilmanager verändert?“. So konstatiert die ZEIT und will herausfinden, ob von den vollmundigen Ankündigungen etwas umgesetzt wurde. Fünf Monate später recherchiert sie nach:

„Interviewanfrage bei C&A. Das Unternehmen bittet um Verständnis, „dass wir Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt leider kein Interview anbieten können.“ Karl Rieker, ein Textilfabrikant aus Süddeutschland, möchte sich nicht äußern. Esprit lehnt ein Interview ab. H&M stimmt erst einem Gesprächstermin zu, sagt dann aber aus Termingründen ab. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt.

Modemarken leben von ihrem Image. Dieses Image soll in den Köpfen erhalten bleiben, es soll nicht beeinträchtigt werden durch Gedanken an marode Fabriken und Dumpinglöhne. Deshalb gibt es keine Antwort auf die Frage, was sich verändert hat in der Textilindustrie. Und auf die noch wichtigere Frage, ob alles unternommen wurde, damit kein“ zweites Trümmerfeld entsteht mit Hunderten oder Tausenden toten Textilarbeiterinnen, die sich zu Hungerlöhnen verdingen müssen. Interessiert das noch jemand? Spielt es eine Rolle beim Kleiderkauf?

C&A, H&M, KiK, Esprit – das sind auch Unternehmen, die im Fairness-Check gelistet sind. Mit markanten Ergebnissen in Sachen Fairness-Qualität. Lesen Sie selbst:
"Der Fairness-Check"

"Die ZEIT-Reportage"

27.03.2013 11:24
Was ist eindeutig schikanös?
900.000 Euro erstreiten wollte eine städtische Angestellte als Schmerzensgeld wegen jahrelangen Mobbings vor Gericht. Vor dem Landesarbeitsgericht Düsseldorf scheiterte sie. Aus Mangel an Beweisen, wie das Gericht urteilte. Es entschied, dass das Verhalten des Arbeitgebers nicht als systematisches Mobbing zu werten sei (Aktenzeichen 17 Sa 602/12). Die Frau könne jahrelanges systematisches Anfeinden, Schikanieren oder Diskriminieren durch Vorgesetzte bei der Stadt nicht nachweisen können.

Die 52-Jährige Diplomökonomin wollte mit der geforderten Summe ein Zeichen setzen und Wiederholungstäter abschrecken wollen. „Mir geht es darum, dass Mobbing auch mal aufhört hier in Deutschland“, sagte sie vor Gericht. Bislang wurde Mobbing-Opfern in Deutschland in der Regel zwischen 2000 und 5000 Euro zugesprochen. Der Anwalt der Klägerin, Michael Hiesgen, hatte schon im Januar vor Gericht kommentiert: „Diese Summen stellen keine abschreckende Wirkung für Unternehmen dar - noch eher für die Opfer, die für diese Summen jahrelang prozessieren müssen“.

Die Klägerin begründete ihre Klage damit, durch ihre Vorgesetzten jahrelang schikaniert worden zu sein. Sie hätten sie beschimpft und die Ergebnisse ihrer Arbeit als „Null“ bezeichnet, ihr Schulungen verweigert und sie mit einem Sonderauftrag an eine neun Kilometer entfernte Einsatzstelle „entsorgt“.

Angeblich hatte die Klägerin unrichtige Angaben über ihre Arbeitszeit gemacht, weswegen ihr die Stadt gekündigt hatte. Die Kündigung wurde jedoch vom Arbeitsgericht Solingen aufgehoben, weil die Stadt Solingen die Vorwürfe nicht beweisen konnte. Als sie ihren Dienst wieder aufnahm, wurde die Frau mit Prüfungen im Städtischen Klinikum Solingen beauftragt.

Das Landesarbeitsgericht erklärte in seinem Urteil auf eigenwillige Weise, dass länger dauernde Konfliktsituationen zum Arbeitsleben gehören können. „Nicht jede berechtigte oder überzogene Kritik durch den Arbeitgeber stellt eine Persönlichkeitsverletzung dar, zumal die Klägerin selbst Kritik in heftiger Form übte“, so die Düsseldorfer Richter. Mobbing liege erst vor, wenn sich „eindeutig eine schikanöse Tendenz erkennen lässt“. Außerdem habe die Klägerin selbst keinen ausreichenden Beitrag geleistet, um die verhärtete Auseinandersetzung zu entschärfen. Ein Mediationsverfahren hatte sie abgelehnt. Das Gericht hingegen gab bislang keine Hinweise, was eine schikanöse von einer nichtschikanösen Konfliktchronik unterscheide. Es gibt jedoch nach Auffassung der Fairness-Stiftung auch kurzzeitige unfaire Attacken sowie auch getarnte Schikanen, die sich einem Gericht nicht unbedingt erschließen, weil sie sehr administrativ und scheinbar rational daher kommen.

Nach der Urteilsverkündung zeigte sich die Diplomökonomin entsetzt. „Ich kann dieses Urteil nicht nachvollziehen. Mobbing-Opfer haben keine Lobby“, sagte sie. „Es ist ein bedrückendes Gefühl, morgen wieder zur Arbeit zu gehen“. Sie ist nun weiterhin als Rechnungsprüferin für die Stadt Solingen tätig. Mit dem aktuellen Urteil ist sie nun auch in zweiter Instanz gescheitert. Im vergangenen Jahr war sie vor dem Solinger Arbeitsgericht unterlegen. Eine Revision ließ das Düsseldorfer Gericht nicht zu.
http://www.fairness-stiftung.de/Schikanen.htm

07.03.2013 16:25
Die unfairen Steuertricks der Konzerne
Sie machen Milliarden-Gewinne, sie agieren auf der ganzen Welt, doch sie zahlen immer weniger Steuern. Nicht nur Apple, IKEA oder Starbucks – auch deutsche Konzerne wie Eon, Henkel, Axel Springer, Air Berlin, Lufthansa, Bosch, BMW und VW haben ein weitverzweigtes Netz an Finanztöchtern in Steueroasen. Der Schaden für die Gesellschaft ist gigantisch. ZDF-Reporter und -Autor Jo Schück recherchiert dazu konsequent und informativ.

„Bis zu eine Billion Euro im Jahr gehe den EU-Mitgliedsstaaten durch Steuerflucht und – hinterziehung im Jahr verloren“, schätzt der zuständige EU-Kommissar Algirdas Semeta: „Das ist nicht nur ein skandalöser Verlust dringend benötigter Einnahmen, sondern auch eine Gefahr für ein gerechtes Steuersystem.“ Dass internationale Konzerne ihre Gewinne mittels Briefkastenfirmen in Niedrigsteuer-Länder verschieben, dafür hat Bundesfinanzminister Schäuble sogar Verständnis: „Jedes Unternehmen muss versuchen, die steuerlich günstigsten Möglichkeiten herauszukriegen. Wer multinational tätig ist, wird seine Steuerbelastung durch Verlagerung reduzieren. Das ist nicht illegal, sondern legal.“

„Legal? Warum hindert sie niemand daran? ZDFzoom-Reporter Jo Schück folgt der Spur der Steuervermeider. Die Spur führt ihn in die Niederlande. Kaum jemand ahnt, dass unser Nachbar im Westen eine der größten Steueroasen der Welt ist – weil Beteiligungserträge, Lizenzgebühren und Zinseinnahmen für Holdings meist steuerfrei sind. Eine Chance zum Geld sparen, die sich kaum ein Unternehmen entgehen lässt“. 12 Billionen Euro werden jährlich in die Niederlande zu Töchtern der deutschen und weltweiten Unternehmen eingesammelt und verlassen sie mit geringem Abschlag wieder Richtung anderer Steueroasen. Die Niederlande als eine der weltweit größten Durchgangssteueroasen.

„Und das ist nur der Anfang: Briefkastenfirmen in Delaware/USA, Niederlassungen in der Karibik, Steuer-Anwälte in New York – mit diesem Geflecht werden Gewinne niedrig gerechnet und damit Steuern gespart. Auf dem G20-Gipfel in Moskau erfährt ZDFzoom-Reporter Jo Schück von geplanten Gegenmaßnahmen der Politik: Die Finanzminister von Deutschland, Frankreich und England wollen gemeinsam mit der OECD neue Spielregeln für die internationalen Finanzströme entwickeln. Es gehe nur gemeinsam, erklärt OECD-Generalsekretär Ángel Gurría gegenüber ZDFzoom, und sei dennoch unerlässlich: „Heutzutage will jeder Staat sein Haushaltsdefizit reduzieren, jeder will Schulden abbauen, alle bemühen sich. Aber wenn die Basis der Steuereinkommen sehr klein ist, weil die großen Konzerne nicht zahlen, dann hast Du ein Problem, dann musst du den Rest der Bevölkerung besteuern.“

Die legalen, aber unfairen Steuertricks der Konzerne sind eine gewaltige Ursache für die Unfairness der Gesellschaften. Der kleine Mittelstand und die normalen Arbeitnehmer zahlen die Zeche. Und die Politik schaut zu. Wie lange noch?

ZDF Film: Flucht in die Karibik



26.02.2013 12:29
Fairness Opinion: was sie und wann unfair ist
Unfaire Fairness Opinion beim Mappus-Deal zu EnBw? Eine Affäre erlaubt einen Durchblick auf unfaires Finanzgebaren. Wie Eric Schreyer in CFOWorld schreibt:

"Seit Montag dieser Woche ist Stefan Mappus (CDU) wieder in den Schlagzeilen: Peter Hauk, CDU-Fraktionschef in Baden-Württemberg, rät dem ehemaligen Ministerpräsidenten, aus seiner Partei auszutreten. Es geht um die EnBW-Affäre. Im Jahr 2010 hatte das Land Baden-Württemberg 45 Prozent der Aktien des heimischen Stromversorgers EnBW vom französischen Energieversorger EdF zurückgekauft - möglicherweise zu einem überhöhten Preis.

In diesem Zusammenhang wurde eine Fairness Opinion erstellt; ausgerechnet durch Morgan Stanley unter ihrem Deutschlandchef Dirk Notheis, einem engen Freund von Stefan Mappus. Mappus hatte ihm damals gemailt, er habe „gute Lust, aus dem Scheißverein auszutreten“. Abseits des Politischen lohnt sich ein Blick auf die Funktion der Fairness Opinion sowie vor allem auf die Art und Weise, wie sie seinerzeit gehandhabt worden ist.

Fairness Opinion bezeichnet die „ehrliche Meinung“ eines unabhängigen und sachverständigen Dritten zur finanziellen Angemessenheit einer Angebotsleistung. Bei Abschluss des EnBW-Deals gab es keinen allgemein anerkannten Standards für Fairness Opinions. Im September 2007 hatte die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) zwar Grundsätze für Fairness Opinions beschlossen. Aber die DVFA ist nicht unabhängig, weil es in der Regel ihre Mitgliedsunternehmen sind, die mit Fairness Opinions beauftragt werden.

Muss es überhaupt einen Standard geben? Eine sachgerechte Angemessenheitsprüfung ist mithilfe einer investitionstheoretisch fundierten Ermittlung des Grenzpreises aus Sicht des Käufers oder Verkäufers genauso gut möglich.

Aus der öffentlichen Berichterstattung ist zu entnehmen, dass Mappus mit der Verhandlung und Vereinbarung des Rückkaufpreises für die EnBW-Aktien schneller war als Morgan Stanley mit der Erstellung der Fairness Opinion. Dies zeugt von einem falschen Verständnis. Eine Fairness Opinion ist nötig, um eine sachgerechte Entscheidung treffen zu können; sie dient keinesfalls der nachträglichen Rechtfertigung eines irgendwie zustande gekommenen Transaktionspreises.

Möglicherweise war der von Mappus vereinbarte Kaufpreis höher als angemessen. Die von Morgan Stanley nach den DVFA-Grundsätzen erstellte Fairness Opinion bedient sich laut den Erkenntnissen des Rechnungshofs vergleichsbasierter Bewertungsmethoden (hauptsächlich vier verschiedene EBITDA-Vielfache) und basiert auf „unreflektierten Ertragserwartungen“. Dagegen wäre eine investitionstheoretisch fundierte Entscheidungswertermittlung sachgerecht gewesen, in deren Rahmen das Zielsystem des Landes, wesentliche wirtschaftliche Risiken, vertragsrechtliche Konsequenzen und weitere Kaufpreisindikatoren berücksichtigt worden wären (vgl. Gutachten des Rechnungshofs, S. 14, S. 57ff., S. 62f.).

Wie geht es mit diesem als „modern“ deklarierten Kapitalmarktinstrument der Fairness Opinions weiter? Gegenwärtig haben sie eher den Charakter von Gefälligkeitsgutachten, um das auftraggebende Management von seiner Haftung freizustellen. Die Kosten für diese „Haftungsfreistellung“ trägt das auftraggebende Unternehmen selbst, also letztendlich der Aktionär.

Aber auch bei der Einschaltung eines formal unabhängigen Sachverständigen darf dessen Stellungnahme nicht unreflektiert übernommen werden. Das Management hat die Pflicht, sich von der Unabhängigkeit und der Sachkunde des Gutachters zu überzeugen. Die Fairness Opinion ist kritisch zu hinterfragen und kann nur einer von mehreren Beiträgen zur Entscheidungsfindung sein. Wer eine Kapitalmarkttransaktion plant, ist nicht davon frei, sich ein eigenes Urteil über die Angemessenheit der Transaktion zu bilden".
http://www.cfoworld.de/fairness-opinion-richtig-handhaben

Weitere Quelle: Brösel, Gerrit und Zimmermann, Mario: Projekt „Olympia“ – Mappus „Fair Play“?, in: DER BETRIEB vom 10.08.2012, Heft 32, S. 1-2.

19.02.2013 12:57
Unfaire Gehälter für Manager
Jakob Schlandt, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau, hält die hohen Gehälter für Manager unfair. Er schreibt in seinem heutigen Kommentar zu Recht: „Viel Geld für viel Leistung - das ist nur ein Mythos. Es ist an den Aktionären, Managergehälter wieder auf ein maßvolles Niveau zu reduzieren. Natürlich kann man die Debatte über hohe Managergehälter moralisch führen, man sollte sogar. Ethische Debatten bleiben aber zwangsläufig schwammig. Interessanter wird es, an die Gehälter die Maßstäbe der Manager selbst anzulegen: Erhalten sie ein Gehalt, das mit ihrer Leistung übereinstimmt? Anders: Schaffen hoch bezahlte Bosse auch höhere Werte?

Vermutlich nicht. Es gibt Studien, die argumentieren, dass der Einfluss des Vorstands – im Guten wie im Schlechten – überschätzt wird. Der Auf- oder Abstieg eines Unternehmens ist auch vom Top-Management in den meisten Fällen nur schwer zu beeinflussen. Das mag man anekdotisch widerlegen mit Erfolgstypen. Doch gibt es auch viele Nieten auf den Chefsesseln, die hoch bezahlt werden.

Noch stärker in Bedrängnis kommen die Spitzenverdiener durch Untersuchungen, die sich mit der Höhe der Bezahlung und dem Resultat beschäftigt haben. Zum Teil ist sogar herausgekommen, dass die Unternehmen im Vergleich umso schlechter abschneiden, je höher die Bezahlung der Spitzenmanager ist.

Viel Geld für hohe Leistung: Das ist nichts weiter als ein Mythos, den sich die Manager-Kaste hoch bezahlen lässt. Besser gesagt, selbst zuspricht. Manager genehmigen Managern das Gehalt. Das ist unfair für alle anderen: die Mitarbeiter, die Gesellschaft, die Aktionäre. Wenigstens die Anteilseigner könnten daran etwas ändern. Dazu müssten sie aber an einem Strang ziehen“.
http://www.fr-online.de/wirtschaft/kommentar-zu-managergehaeltern-der-mythos,1472780,21872034.html

24.01.2013 11:09
Exzellenter TV-Film "Mobbing" auf ARTE
Freitag, 25.01., 20:15 Uhr auf ARTE: sehenswerter TV-Film „Mobbing“ mit u.a. den Darstellern Susanne Wolff, Tobias Moretti. Ein typischer Fall von Mobbing: Was passiert in einer Beziehung, wenn der Ehemann und Familienvater plötzlich freigestellt wird, einfach zu Hause ist und langsam resigniert? Wer hat Schuld und woran? Das Mobbing-Opfer zieht vor Gericht und die Richter geben ihm schließlich sogar Recht, aber Arbeit und Leben haben sich in der Zwischenzeit grundlegend verändert.

Ein wohnliches Heim, ein sicheres Einkommen, zwei prächtige Kinder, ein großer Freundeskreis: Anja liebt ihr Leben mit Jo, in dem Glück und Zufriedenheit regieren. Der charismatische Jo ist im Kulturreferat der kleinen Stadt für die großen Projekte zuständig und wegen seiner engagierten und zupackenden Art beliebt. Nur die neue Vorgesetzte scheint etwas gegen ihn zu haben.
Anja bemerkt, wie Jos Stimmung von Tag zu Tag gereizter wird. Dann werden ihm sukzessive seine Kompetenzen entzogen und schließlich wird er zum Handlanger degradiert. Die Kollegen wenden sich ab. Der Druck bei der Arbeit überträgt sich auf das Familienleben und beginnt, Jo und Anja zu verändern. Nach einer Intrige seiner Kollegen wird Jo schließlich fristlos entlassen. Er verschweigt Anja jedoch zunächst den Grund dafür.

Angst, aber auch gegenseitiges Misstrauen machen sich in ihrer Partnerschaft breit. Jo reicht beim Arbeitsgericht Einspruch gegen die Kündigung ein, doch der Prozess dauert und dauert. Anjas Umgang mit der belastenden Situation schwankt zwischen Empathie und Hilflosigkeit, Pragmatismus und ohnmächtiger Wut. Denn Jo verschließt sich, ist neuen Ideen gegenüber resistent. Er setzt alles auf eine Karte - das Urteil am Arbeitsgericht.

Ein Fall im Film, der Ähnlichkeiten mit realen Fällen hat. Für Fortbildung, Gespräche und eigenes Nachdenken sehr nützlich.

Kostenlose Fairness-Hotline für Verantwortliche, die sich unfair attackiert fühlen: http://www.fairness-stiftung.de/Hotline.htm
Tel. 01 80 5 - 44 58 85 (14 ct/min aus dt. Festnetz / Mobil max. 0,42/Min.); Montag von 18 bis 19:30 Uhr.
Außerhalb dieser Zeiten in der gebührenpflichtigen Coaching-Line http://www.fairness-stiftung.de/Coachingline.htm

04.09.2012 00:02
Sarah Wiener erhält Deutschen Fairness Preis 2012
Den Deutschen Fairness Preis 2012 hat die Fairness-Stiftung Sarah Wiener zugesprochen. Wie das Kuratorium in Frankfurt am Main bekannt gab, erhält Sarah Wiener die Auszeichnung, weil sie in einer hart umkämpften Branche wie der Gastronomie zeigt: Fairness gegenüber Mitarbeitern, Kunden, Natur, Tier und Umwelt zugleich ist möglich. Diese umfassende Fairness und ihr striktes Engagement haben die Jury der Fairness-Stiftung überzeugt.

Durch ihre Auftritte in den Medien als TV-Köchin und Interviewpartnerin ist Sarah Wiener eine mitreißende Botschafterin für ein neues Verhältnis zwischen Mensch, Tier, Umwelt und Ernährung. Durch ihr ehrenamtlichen Engagement für und mit Kindern sowie für gesunde Ernährung streitet sie für etwas, das hat unsere Gesellschaft dringend nötig hat.

1999 machte Sarah Wiener ihr erstes Restaurant „Das Speisezimmer“ in Berlin-Mitte auf. Bis heute kamen weitere biozertifizierte Restaurants in Berlin, Bremen und Stuttgart hinzu. 2004 wurde die Sarah Wiener GmbH gegründet. Sie betreibt die oben genannten Restaurants sowie einen Event-Catering-Service mit derzeit insgesamt über 160 Mitarbeitern. Seit 2004 ist Sarah Wiener regelmäßig im Fernsehen zu sehen; seit 2007 in ihrer ARTE-Serie: „Kulinarische Abenteuer der Sarah Wiener“.

Seit 2006 ist Sarah Wiener Schirmherrin des Tierzuchtfonds für artgemäße Tierzucht; seit 2007 ist Sarah Wiener Schirmherrin der Aktion „Haushalt ohne Genfood“. 2007 wurde die „Sarah Wiener Stiftung – Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen“ ins Leben gerufen. Zu ihren Gründungsmitgliedern zählen außer Wiener unter anderen Alfred Biolek. Seit November 2011 ist Sarah Wiener eine der deutschen Botschafterinnen der UN-Dekade Biologische Vielfalt.

Angesichts einer anhaltenden öffentlichen Debatte um Landwirtschaft, Ernährung, Umgang mit Tieren und Menschen ist diese Preisvergabe ein Signal, den von Sarah Wiener beschrittenen Weg konsequent weiterzugehen und nachzuahmen. Denn in Gastronomie und Ernährungsindustrie sind ist das immer noch ein viel zu selten beschrittener Weg.

Der Deutsche Fairness Preis wird alljährlich von der Fairness-Stiftung vergeben. Er würdigt besonders den Einsatz für Fairness in Wirtschaft und Gesellschaft. Bisherige Preisträger sind unter anderen Prof. Dr. Horst-Eberhard Richter (2011 verstorben), Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, die Unternehmerfamilie Leibinger (Trumpf Group), Günther Cramer (SMA Technology AG) sowie Thomas Jorberg (GLS Bank). Der Preis wird am 27.10. im Rahmen eines Festaktes in Frankfurt überreicht. Die Laudatio hält Eva Luise Köhler von der „Eva Luise und Horst Köhler Stiftung“.

Wer an der Preisfeier teilnehmen möchte, melde sich bei der Fairness-Stiftung per Kontaktformular: https://www.fairness-stiftung.de/EMailKontaktanfrage.asp

31.05.2012 11:57
Faire Führung stärkt Engagement
Die Führungskräfte sind für die Motivation und das Engagement der Mitarbeiter entscheidend. Doch es gelingt ihnen nur mäßig, ihre Mitarbeiter emotional zu binden und für den Arbeitseinsatz zu begeistern. Das ist die Erkenntnis der aktuellen Gallup-Studie, die Gallup veröffentlicht hat.

23 Prozent der Beschäftigten haben der Umfrage zufolge innerlich bereits gekündigt. 63 Prozent der Arbeitnehmer leisten Dienst nach Vorschrift und spulen lediglich das Pflichtprogramm ab. Nur 14 Prozent der Angestellten verfügen über eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber und sind bereit, sich freiwillig für dessen Ziele einzusetzen.

Dabei sind neun von zehn Angestellten in Deutschland (92 Prozent) mit der Arbeit zufrieden, die sie ausführen. Für die Mehrheit der Beschäftigten (58 Prozent) steht auch die Vergütung in einem adäquaten Verhältnis zu ihrer Leistung. Dazu Marco Nink, Strategic Consultant bei Gallup: „Diese Zahlen zeigen ganz eindeutig, dass die Gründe für eine mangelnde emotionale Bindung nicht in den Rahmenbedingungen des Arbeitsverhältnisses liegen. Führungskräfte sind diejenigen, die in der Verantwortung stehen, da sie es sind, die das Arbeitsumfeld durch ihr Führungsverhalten prägen und gestalten“.

Seit Jahren bewegt sich die emotionale Mitarbeiterbindung auf niedrigem Niveau. „Die Folgen, sowohl für die Leistungsfähigkeit der einzelnen Unternehmen als auch für die gesamte Volkswirtschaft, sind erheblich“, so Marco Nink. Denn wer sich nicht emotional an sein Unternehmen gebunden fühlt, zeigt weniger Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein und Leistungsbereitschaft. So verbuchten im vergangen Jahr Beschäftigte ohne emotionale
Bindung im Schnitt 3,5 Fehltage mehr als emotional hoch gebundene Mitarbeiter. Diese Fehltage kosten die deutsche Wirtschaft 10,5 Milliarden Euro im Jahr. Der aufgrund von innerer Kündigung entstehende gesamtvolkswirtschaftliche Schaden ist erheblich. Er beläuft nach Berechnungen von Gallup jährlich auf eine Summe zwischen 122,3 und 124,0 Milliarden Euro.

Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt, dass äußere Faktoren, wie eine Verschlechterung oder Verbesserung der Konjunktur, nicht zu nennenswerten Verschiebungen zwischen den drei Bindungsgruppen führten. Marco Nink: „Vielmehr sind die Ursachen für den relativ geringen Anteil emotional hoch gebundener Arbeitnehmer in Deutschland hausgemacht und gehen auf Defizite in der Personalführung zurück.“
Der Aussage „Ich habe in den letzten sieben Tagen für gute Arbeit Anerkennung und Lob bekommen“ stimmten nur vier Prozent der Mitarbeiter ohne emotionale Bindung uneingeschränkt zu. Bei den emotional hoch gebundenen Arbeitnehmern lag dieser Wert bei 79 Prozent. Ähnlich verhält es sich, wenn es um konstruktives Feedback geht (2 Prozent zu 75 Prozent).

Des Weiteren gaben nur fünf Prozent der Beschäftigten ohne emotionale Bindung an, dass sich jemand bei der Arbeit für sie als Mensch interessiert (emotional hoch Gebundene: 93 Prozent). Nur ein Prozent der Mitarbeiter ohne emotionale Bindung erklärt, dass es jemandem im Unternehmen gibt, der die persönliche Entwicklung fördert (emotional hoch Gebundene: 87 Prozent). Nur drei Prozent der emotional nicht gebundenen Mitarbeiter mochten der Aussage uneingeschränkt zustimmen, ihre Meinungen und Ansichten hätten im Unternehmen Gewicht. In der Gruppe der emotional hoch Gebundenen stimmten 93 Prozent ohne Wenn und Aber zu.

Für Marco Nink wird deutlich, „welchen Einfluss das Führungsverhalten, also die Erfüllung der elementaren Bedürfnisse und Erwartungen am Arbeitsplatz, auf die Verbundenheit der Mitarbeiter hat. Gute Führung orientiert sich am Menschen. In jedem Unternehmen lassen sich durch geeignete Maßnahmen Verbesserungen erzielen, denn der Grad der emotionalen Bindung ist unabhängig vom Ausgangsniveau veränderbar. Unternehmen dürfen ihr Humankapital nicht vernachlässigen und müssen dem Führungsverhalten größere Bedeutung beimessen. Der Erfolg eines Unternehmens hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dabei wird ein Aspekt oft übersehen: Die Mitarbeiter.“

Die Frage ist, was sollen Führungskräfte tun, um die Motivation, das Engagement und die emotionale Bindung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu stärken oder zu heben? Dazu die Fairness-Stiftung: Anerkennung der Mitarbeiter, ihrer Persönlichkeit, ihrer Zuverlässigkeit, ihrer Leistung, ihre Ergebnisqualität ist der entscheidende Schlüssel dazu. Das ist bereits der erste Schritt auf dem Weg zu hoher Fairness-Qualität der Führungspraxis. Der zweite Schritt ist Transparenz, der dritte Partizipation, der vierte Sinnhaftigkeit der Aufgaben und der fünfte, aber nicht der letzte, ausgeprägte Fairness im Umgang mit Dissensen, Problemen und Konflikten. Führungskräfte, die das praktizieren, werden die 14 Prozent der Angestellten in ihrem Umfeld haben, die über eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber verfügen und bereit sind, sich freiwillig für dessen Ziele einzusetzen.

Seit dem Jahr 2001 erstellt Gallup jährlich, anhand von zwölf Fragen zum Arbeitsplatz und - umfeld, den sogenannten Q12®, den Engagement Index für Deutschland. Die Studie gibt Auskunft darüber, wie hoch der Grad der emotionalen Bindung von Mitarbeitern und damit das Engagement und die Motivation bei der Arbeit ist. Für die jüngste Untersuchung wurden 1.323 zufällig ausgewählte Arbeitnehmer ab 18 Jahren von Oktober bis Dezember 2011 telefonisch interviewt. Damit sind die Ergebnisse repräsentativ für die Arbeitnehmerschaft in Deutschland. Gallup Deutschland ist ein forschungsbasiertes Beratungsunternehmen und Spezialist für die Schnittstelle zwischen Ökonomie und Psychologie.

Detaillierte Informationen zum Gallup Engagement Index 2011 unter: http://eu.gallup.com/Berlin/153299/Praesentation-Gallup-Engagement-Index-2011.aspx

30.03.2012 11:02
Apple will Fairness verbessern
Missstände in der Apple-Produktion bei der Herstellerfirma Foxconn haben sich bestätigt, wie eine Untersuchung ergeben hat und wie die Presseagentur AFP heute meldet. Tatbestände sind: zu lange Arbeitszeiten, zu wenig Geld und viele Zwischenfälle. Das ist das Ergebnis einer unabhängigen Inspektion durch die von Apple beauftragte Fair Labor Association (FLA). Foxconn habe zugesagt, die Mängel zu beheben, hieß es. Diese Zusage hat das Unternehmen jedoch schon öfter gemacht, ohne dass entscheidend etwas verändert wurde. Das Unternehmen produziert in seinen riesigen chinesischen Werken unter anderem iPhones und iPad-Tablets.

Schon 2010 hat Apple die Absicht bekannt gegeben, der FLA beizutreten; im Januar diesen Jahres wurde Apple in die FLA aufgenommen. Jetzt sind ernsthafte Prüfungen erfolgt und über 35.000 Arbeiter in drei Foxconn-Fabriken befragt worden. In allen drei sei die FLA-Obergrenze von 60 Arbeitsstunden pro Woche überschritten worden, ebenso wie die in China maximal erlaubte 40-stündige Arbeitswoche plus bis zu 36 Überstunden im Monat. Mehr noch: In heißen Produktionsphasen habe sogar die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit pro Kopf über 60 Stunden gelegen, wie AFP auf der Basis des FLA-Berichts feststellt. Foxconn habe zugesagt, die Arbeitszeiten bis Juli 2013 auf die gesetzlichen Vorgaben zu bringen. "Apple und Foxconn haben sich mit unseren Empfehlungen einverstanden erklärt. Wir werden die Fortschritte prüfen und öffentlich berichten", sagte FLA-Chef Auret van Heerden. Die zugesagten Veränderungen würden das Leben der 1,2 Millionen Foxconn-Beschäftigten erheblich verbessern und einen neuen Standard für chinesische Fabriken setzen, betonte er.

Die FLA berichtet, ein Problem sei allerdings, dass viele Foxconn-Beschäftigte selber länger arbeiten wollen, um mehr Geld zu verdienen. Denn die Gehälter sind sehr niedrig. Fast zwei Drittel der Foxconn-Arbeiter (64 Prozent) sagten in der FLA-Umfrage, sie könnten mit dem Gehalt nicht ihre Grundbedürfnisse finanzieren. Dabei gelten die Einkommen bei Foxconn bereits als überdurchschnittlich in China, was die Jobs sehr begehrt macht. Die FLA werde die Lebenshaltungskosten in den Städten Shenzhen und Chengdu untersuchen, um zu prüfen, ob die Gehälter ausreichend seien. Foxconn versprach deswegen laut FLA, die entgangenen Arbeitsstunden auszugleichen. Zudem sollen erheblich mehr Mitarbeiter eingestellt werden, es würden zusätzliche Wohn- und Kantinenkapazitäten aufgebaut.

Der US-Konzern hatte seit mehreren Jahren bereits eigene Kontrollen bei Zulieferern gemacht, die ebenfalls viele Mängel aufdeckten. Die Arbeitsbedingungen bei Foxconn waren immer wieder scharf kritisiert worden. Doch die Änderungen ließen auf sich warten. Auch an den unfairen Überstunden-Regelung hat sich bislang nichts geändert. Denn nur abgeschlossene 30-Minuten-Blöcke würden vergütet, erklärte FLA. Wer nach diesen Bestimmungen 28 Minuten arbeite bekomme gar keine Überstunden bezahlt, bei 58 Minuten gebe es nur zusätzliches Geld für eine halbe Stunde.

Von mehr als 43 Prozent der Befragten haben Zwischenfälle selbst erlebt oder beobachtet: von Handverletzungen bis hin zu Unfällen mit Fabrikfahrzeugen. Bei Foxconn seien bisher nur Zwischenfälle registriert worden, die zu einer Unterbrechung der Produktion führten. Das werde sich ab sofort ändern: Jetzt soll jede Verletzung notiert werden. Zugleich bescheinigte die FLA Foxconn Fortschritte bei der Prävention von Aluminiumstaub-Explosionen. Im vergangenen Jahr waren bei zwei solcher Detonationen in der iPad-Produktion 4 Menschen getötet und 77 verletzt worden.

Vor allem in den USA wurde zuletzt angesichts des Apple-Geldbergs von rund 100 Milliarden Dollar heftig über die "menschlichen Kosten" von iPhone und iPad diskutiert. Apple-Chef Tim Cook hatte diese Woche auf seiner China-Reise auch ein iPhone-Werk von Foxconn besucht. Cook kennt die Fabriken gut: Er war lange für das Tagesgeschäft zuständig und hatte auch die Zuliefererkette neu aufgebaut. Neben Apple gehören auch bekannte Anbieter wie Amazon, Dell, Nintendo, Hewlett-Packard, Samsung, IBM, Lenovo, Motorola, Sony und Toshiba zu den Foxconn-Kunden.

Im Fairness-Blog wurde bereits Anfang Februar 2012 über die Missstände bei Apple bzw. Foxconn berichtet: http://www.fairness-stiftung.de/FSBlogEintrag.aspx?EID=145. Die Fairness-Stiftung bleibt dran am Thema.
Der Druck zur Änderung kommt vor allem aus dem drohenden Imageverlust bei Kunden und eigenen Mitarbeitern, der das Apple-Image macht mindestens die Hälfte der Motivation für Kauf und Mitarbeit aus.

Ein User, der bereits in China war, kommentiert im Netz: „Ich habe eher den Eindruck, dieser Bericht stellt das Ganze sehr positiv dar. Ich kenne natürlich nicht alle Hintergründe, aber das, was da beschrieben wird, ist eher die Ausnahme. Wenn alle Betriebe so arbeiten würden, könnte man China schon fast mit Europa gleich setzen. So ist es aber nicht. Bei den meisten Zulieferern von Foxconn dürfte es noch weitaus schlimmer aussehen. Als ich das erste Mal in unserer Fabrik und bei unseren lokalen Zulieferern war, hatte ich auch eine Gänsehaut“.
http://www.fairlabor.org/
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/fla-untersuchung-unter-welchen-bedingungen-chinesen-bei-foxconn-arbeiten/6456126.html
http://www.apfeltalk.de/forum/content/3171-apple-fair-labor.html
http://www.apfeltalk.de/forum/content/3350-fla-bericht-foxconn.html


01.03.2012 16:16
Innovative Unfairness für Billiglohn
Das Schlupfloch zu Billigstlöhnen: Werkverträge und Subunternehmen. Auf diesen unfairen Trick verfallen immer mehr Firmen, vor allem Einzelhändler. Die Billigstlöhne werden durch immer mehr Mindestlöhne erschwert und verhindert, die die Tarifparteien untereinander aushandeln und die vom Staat sanktioniert wird. Das Schlupfloch für die Unternehmen sind Werkverträge und Subunternehmen.

Insbesondere Einzelhändler haben in den vergangenen Jahren systematisch Werkverträge als Mittel für Niedrigstlöhne und zur Umgehung von Mindestlöhnen missbraucht. Früher räumten Leiharbeiter billig die Regale ein. Nachdem für sie ein Mindestlohn eingeführt wurde, war die ‚Methode Leiharbeiter‘ weitgehend hinfällig.

Nun fanden die Arbeitgeber mit den Werkverträgen ein neues Schlupfloch. Im Ergebnis erhalten die Berufstätigen dann einen Lohn von 3 bis 7 € pro Stunde. Davon kann niemand leben. Und da viele Tätigkeiten in die Rand- und Nachtstunden fallen sowie zu Überstunden führen und die Beschäftigung wegen der Befristung meistens prekär ist, kommt der gesundheitliche Ruin noch hinzu.

So etwa die Firma SIG Instore Logistics. Der Dienstleister bezahlt seine Beschäftigten nach dem Tarifvertrag des 2010 gegründeten Verbandes Instore und Logistik Services (ILS). Dessen 16 Unternehmen mit 50.000 Beschäftigten decken nach eigenen Angaben rund die Hälfte des Marktes ab, auf dem insgesamt an die 120 Dienstleister tätig sind. Da der Subunternehmer die Verantwortung für einen ganzen Betriebsbereich übernimmt und seinen Mitarbeitern gegenüber allein weisungsbefugt ist, gelten diese nicht als Leiharbeiter. So kann der Leiharbeit-Mindestlohn umgangen werden.

In ihrer Werbung heißt das bei der Firma „Warenverräumung ohne SIG RETAIL Prozess-Analyse. Erfahrene und umsetzungsstarke Teams verräumen auf Stundenbasis Neu- und Bestandsware“. Und weiter: „Um den Vermarktungserfolg von Produkten und Dienstleistungen nachhaltig zu steigern, bieten wir unseren Kunden als eines der führenden Dienstleistungsunternehmen in Europa maßgeschneiderte und branchenunabhängige Outsourcinglösungen an. Dabei reicht unser Produktportfolio von innovativen Vertriebsdienstleistungen für Markenunternehmen bis hin zu optimierten Instore-Logistik-Prozessen für den Handel“.

Kein Anzeigenblättchen, keine Jobbörse ohne Stellenausschreibungen der Firma. Gesucht vor allem: Praktikanten, Studenten, Mini-Jobber, Teilzeitkräfte auf Abruf.

Jedoch sind Werkverträge verboten, wo Beschäftige nach Weisung arbeiten und in die Arbeitsprozesse einer Firma eingebunden sind. Damit dieser Nachweis nicht möglich ist, begründen viele Firmen Schein-Werkverträge.
Damit es so nicht kommt, gibt es Nachhilfe für die Unternehmen. Da lernen Unternehmer wie sie Gehälter drücken können trotz Mindestlohn und Tarifvertrag. Da werden sogar Gebäudereiniger zu Künstlern - aus dem geputzten Fenster wird ein Werk, das per Werkvertrag bezahlt wird.

Zu diesem Zweck hatte sich die Spitze der deutschen Wirtschaft am 9. September 2011 im Holiday Inn (Düsseldorf) versammelte: Die Deutsche Bahn, Bosch und BMW, Metro, Porsche, Siemens und BASF, die Zeitarbeitsunternehmen Manpower und Randstad sowie die Unternehmensberatung KPMG. Auf dem Programm standen neue Tricks wie: „Freie Industriedienstleistungen als Alternative zur regulierten Zeitarbeit.“ 130 Topmanager folgten der Anleitung zum Lohndumping mit neuen Mitteln. Inzwischen werden mit (Schein-)Werkverträgen komplette Arbeitsschichten bei Subunternehmern eingekauft.

Rechtliche Bestimmungen scheinen kein Hindernis zu sein. Die vorgeschriebenen sogenannten getrennten Arbeitsbereiche werden durch gestrichelte Linien in der Werkhalle markiert. Maschinen stundenweise an den Subunternehmer vermietet. Damit wird angeblich den gesetzlichen Auflagen entsprochen, die für Werkverträge mit Subunternehmern gelten. Selbst Edelkaufhäuser wie das Berliner KaDeWe beschäftigten an ihren Kassen nicht mehr Stamm- oder Leiharbeiter, sondern sogenannte Werkvertragler.

Im BMW-Werk Regensburg wurden in den vergangenen vier Jahren Leiharbeiter mit knapp zwölf Euro pro Stunde entlohnt. Am Fließband aber standen ebenso Werkvertragler mit einem Stundenlohn von 7,81 Euro. Unter den 12 000 Mitarbeitern des Bosch-Werks in Stuttgart befinden sich laut Gewerkschaft nur 60 Leiharbeiter, dafür aber 2 000 Kollegen von Subunternehmen, die über Werkverträge dort tätig sind.

Auch Real, Rewe, Edeka und Rossmann nutzen das Modell Werkvertrag.
Bei Rossmann heißt es in der Internetwerbung: „Wir sind und bleiben flexibel und das verbindet. Teamgeist, Wertschätzung und Mitarbeiterorientierung stehen in unserem Fokus und sind für uns selbstverständlich. Das beste Beispiel für unsere Unternehmenskultur ist das Vorbild des Unternehmers Dirk Roßmann. Jeden Tag aufs Neue profitieren wir von der aktiven Unternehmensführung des Dirk Roßmann. Sein soziales Engagement ist aufrichtig und macht ihn zu einem vorbildlichen, anerkannten und hoch geschätzten Unternehmer“. Leider kommen etliche Mitarbeiter bei Subunternehmen und Werkvertraglicher nicht in den Genuss der so schön beschriebenen Firmenkultur.

Bei Real können sich die schlecht entlohnten Werkvertragler und Subunternehmensmitarbeiter gleich bei den Tafeln fast kostenlos mit Lebensmitteln eindecken, die sie nächtens bei Real ein- und ausgeräumt haben: „Die Förderung der lokal engagierten „Tafeln“ gehört für real,- zu den wichtigsten sozialen Kooperationen des Unternehmens“. Leider sind auch bei Real viele Rowdies von der positiv beschriebenen Unternehmenskultur ausgeschlossen: „Unternehmensverantwortung ist nicht nur nach außen gerichtet, sondern schließt auch die Mitarbeiter und kulturelle Veränderungen mit ein. Im Bereich der Aus- und Weiterbildung kann real,- bereits viel vorweisen. Mitarbeiter werden durch E-Learning und Fachseminare weiter qualifiziert und bis in Führungspositionen gefördert. Und die Personalpolitik soll familien- und frauenfreundlicher werden“. Schönes Image. Es mangelt an Glaubwürdigkeit.

Wer Billigpersonal einsetzt, riskiert seinen Ruf. Billigpersonal und Umgehungstricks zur Vermeidung von Mindestlöhnen gelten zu Recht als unfaire Aktionen. Wie sagte Stefan Genth (FR 25.2.2012), Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE, so schön: „Ein großer Discounter macht die Anlieferung inzwischen wieder in Eigenregie, weil er mit der Qualität nicht zufrieden war. Hinzu kommt: Vor dem Hintergrund der Berichterstattung über Werkverträge werden auch die anderen Unternehmen überlegen, ob sie dieses Instrument zurückführen“.

Dabei können die Verbraucher mithelfen. Und um die Unternehmen einen Bogen machen, deren unfaires und moralwidriges Handeln ruchbar ist und wird.

Aktualisierung: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1709180/Ausbeutung-mit-Werkvertraegen#/beitrag/video/1709180/Ausbeutung-mit-Werkvertraegen vom 14.8.2012
http://www.fr-online.de/arbeit---soziales/billige-arbeitskraefte-regale-einraeumen-fuer-5-70-euro,1473632,11621792.html
http://www.fr-online.de/arbeit---soziales/unternehmer-nutzen-werkvertraege-manager-lernen-lohndumping,1473632,11621040.html
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-08/lohndumping-leiharbeit
http://www.derwesten.de/nachrichten/nrw-startet-bundesratsinitiative-gegen-schein-werkvertraege-id6350863.html
http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.einzelhandel-razzia-bei-handelskonzernen-wegen-scheinwerkvertraegen.8cca0abd-25b2-42c1-b041-d90ae614d9e6.html
http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/10/0,3672,8467882,00.html
http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/074/1707482.pdf

04.02.2012 13:04
Apple verbreitet grausige Unfairness
Apple ist hipp. iPhone, iPod, iPad, iMac – glänzende Produkte mit grausiger Vorgeschichte. Design hui – Produktion pfui. So der Erkenntnisstand kritischer Beobachter, Journalisten, ehemaliger Führungskräfte und von Organisationen.

Für Apple produziert Foxconn. Zu seinen Lebzeiten fand Steve Jobs die „Arbeitsbedingungen beim weltgrößten Elektronikhersteller Foxconn“ als „ziemlich nett“ bezeichnet, als durch eine Selbstmordserie der Arbeiter dort ein Fanal durch die Weltpresse ging. Foxconn selbst erhöhte die Löhne um etwa 30 %, doch an den Arbeitsbedingungen hat sich nichts Nennenswert geändert. Zudem wurde im Juni 2010 bekannt, dass Foxconn entweder alle oder einige der Werke in China schließen wolle, da man ausschließlich wegen der geringen Löhne nach China gegangen sei und dieser Standortvorteil im Falle der Umsetzung der angekündigten Lohnerhöhungen nun entfalle. Die taiwanische Firma Foxconn arbeitet vornehmlich auf dem chinesischen Festland und ist einer der größten Hersteller von Elektronik- und Computerteilen weltweit. Es produziert unter anderen auch für HP und Dell, ist Haupthersteller für Intel. Außerdem stellt es im Auftrag auch die Spielekonsolen Nintendo DS, Wii, Xbox 360 und die PlayStation her.

Aufgrund der „unethischen bis illegalen“ Arbeitsbedingungen war Foxconn 2011 für den Public Eye Award nominiert, mit welchem Konzerne ausgezeichnet werden, welche sich laut den Initianten besonders verantwortungslos gegenüber Mensch und Umwelt verhalten. Die von Greenpeace unterstütze Preisverleihung kam 2011 zu dem Schluss, dass der psychische und physische Druck auf junge chinesische Wanderarbeiter und Studentinnen weiter bestehe.

In einem Untersuchungsbericht von mehreren Universitäten aus Taiwan und China auf Basis von Gesprächen mit 1.800 Arbeitern bei Foxconn kamen die Wissenschaftler unter anderem zu dem Schluss, dass die Arbeiter bei Foxconn gezwungen werden, 80 bis 100 Überstunden pro Monat zu leisten (gesetzliche Grenze wäre bei 36) und eine erhebliche Zahl von Arbeitsunfällen nicht behandelt werde.
Apple soll für die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und eine Serie von tödlichen Arbeitsunfällen bei seinen Auftragsherstellern in China mitverantwortlich sein. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf den früheren Foxconn-Manager Li Mingqi, der bis April 2011 bei dem Unternehmen tätig war. Li, der Foxconn wegen seiner Entlassung verklagt, war in der Leitung einer Foxconn-Fabrik in Chengdu, wo bei einer Explosion im Mai 2011 drei Menschen starben und 15 verletzt wurden. Auch ehemalige Apple-Manager haben sich entsprechend geäußert, so die Zeitung.

Li sagte: "Apple kümmerte sich um nichts anderes als die Erhöhung der Produktqualität und sinkende Herstellungskosten. Das Wohl der Arbeiter hat nichts mit ihren Interessen zu tun", sagte er. "Wir wissen seit über vier Jahren von missbräuchlichen Arbeitsbedingungen in einigen Fabriken, und sie laufen weiter", sagte ein ehemaliger Apple-Manager der New York Times, der wegen einer Vertraulichkeitsvereinbarung anonym bleiben wollte. "Warum? Weil sich dieses System für uns lohnt. Die Auftragshersteller würden schon morgen alles ändern, wenn Apple es ihnen sagen würde, dann hätten sie keine andere Wahl." Wenn die Produktqualität infrage gestellt sei, würde Apple dagegen sofort handeln, sagte der Manager. "Wäre die Hälfte der iPhones defekt, glauben sie, Apple würde das über vier Jahre laufen lassen?"

Die empfindlichste und verletzbarste, aber auch wertvollste Seite von Apple ist das Image, ist der Mythos von Apple. Das haben auch die Manager gespürt. Und deswegen ist Apple der Fair Labor Association gegen Kinderarbeit beigetreten. Außerdem wurde eine Zuliefererliste veröffentlicht. Weil viele Familienmitglieder von Angestellten bei Apple das gehört hatten, kamen die Mitarbeiter in Erklärungsnot. Niemand will sich für seine Firma schämen müssen. Niemand will gigantische Gewinne mit gigantischen Menschenrechtsverletzungen erzeugen. Der Druck bei Apple nahm und nimmt zu, die Dinge zu ändern. Aber die Veränderungen sind im Vergleich mit den Missständen noch im Mikrobereich.

Jetzt müssen die Kunden und iFans reagieren: Nachkauf eines Apple-Geräts deutlich aufschieben, Apples Verantwortung in Blogs, im Chat und auf Facebook mehr zum Thema machen, eine Liste in Facebook aufmachen „Wir kaufen ein Apple-Produkt, wenn Apple alle Missstände bei der Produktion seiner Geräte abgestellt hat“.
http://www.manager-magazin.de/unternehmen/it/0,2828,815552,00.html
http://www.chip.de/news/Apple-Ausbeutung-bei-Foxconn-als-Standortvorteil_54010781.html
http://www.golem.de/1201/89340.html
http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,698214,00.html
http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/firmen/firmenliste/apple
http://www.zdnet.de/news/41533231/foxconn-erwaegt-angeblich-abzug-aus-china.htm
http://news.flanders-china.be/research-report-describes-foxconn-as-%E2%80%9Clabor-camp%E2%80%9D
http://de.wikipedia.org/wiki/Foxconn


05.12.2011 17:56
Geschwindelte Nachhaltigkeit
Die Deutsche Bank zählt neben der Commerzbank, UniCredit/HVB und den Landesbanken WestLB und LBBW zu den weltweit sechs Banken, die am stärksten Milliardensummen in die klimaschädliche Kohle investieren. Auch die Allianz ist mit dabei. Dies geht aus der Studie „Bankrolling Climate Change“ hervor.

Kern der Studie ist ein Ranking von 93 Banken, die weltweit mit den größten Beträgen an der Finanzierung von Kohleprojekten beteiligt sind. Mit einem Kohleportfolio von 16,5 Milliarden Euro führt die US-Bank JP Morgan Chase das Ranking an. Die Deutsche Bank folgt mit einem Engagement von 11,5 Milliarden Euro an weltweit sechster Stelle. Betrachtet man nur das Engagement im Kohlebergbau, steht die Deutsche Bank weltweit sogar an zweiter Stelle. Insgesamt fallen in dem Ranking 20 deutsche Banken als Klimasünder auf.

Heffa Schücking von urgewald, Hauptautorin der Studie, sagt dazu: „Wir haben die Kohlefinanzierung untersucht, weil Kohlekraftwerke die größte Quelle für CO2-Emissionen sind, Erschreckenderweise zeigt unsere Untersuchung, dass sich die Kohlefinanzierung seit Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls fast verdoppelt hat, obwohl die katastrophalen Folgen des Klimawandels immer offensichtlicher werden“.

Mehr als peinlich und gar nicht gemeinwohlorientiert: die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau sowie zahlreiche Kreditinstitute aus dem Sparkassen- und Genossenschaftssektor gehören mit dazu.
Dem Nachhaltigkeitsschwindel auf der Spur: „Wir haben ganz bewusst die Investitionstätigkeit der Banken seit dem Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls im Jahr 2005 untersucht: Seitdem kann es keinerlei Entschuldigung mehr geben, noch weiter in Kohle zu investieren. Unsere Zahlen belegen, dass die Nachhaltigkeitserklärungen deutscher Banken zum Thema Klima nur heiße Luft sind“, sagte Schücking. So bezeichnet sich die Deutsche Bank als „Klimabotschafter“, die Unicredit/HVB „bekräftigt ihr Engagement zur Erreichung der im Kyoto-Protokoll erreichten Ziele“, und die Commerzbank schreibt auf ihrer Webpage: „Klimawandel erfordert entschlossenes Handeln.“

Besonders absurd erscheint das Geschäftsgebaren der KfW. Die staatliche Bank, die aus Klimaschutzgründen beispielsweise Solaranlagen oder Wärmedämmungen fördert, ist mit insgesamt rund 540 Millionen Euro im Kohlesektor engagiert. Dabei heißt es auf der Webpage der KfW: „Dem Klimawandel nichts entgegenzusetzen und weiterzumachen wie bisher (...) würde fundamental gegen Menschheitsinteressen verstoßen. Nur grundlegendes, schnelles und gemeinsames Umsteuern kann die schlimmsten Folgen verhindern.“

Die KfW und andere staatliche Förderbanken verteidigen ihr Engagement im Kohlesektor häufig mit der Begründung, sie investierten in Kraftwerke mit besonders hohem Wirkungsgrad. Unterschlagen wird dabei jedoch, dass es sich häufig um gigantisch dimensionierte Kraftwerke handelt und dass selbst das modernste Kohlekraftwerk in seinem Lebenszyklus Hunderte Millionen Tonnen CO2 freisetzt. So wird allein das von der KfW unterstützte 4.800 MW Kohlekraftwerk Kusile in Südafrika, den CO2 Ausstoß des südafrikanischen Energiesektors um fast 13 Prozent steigern.

Mit der Studie liegt erstmals eine umfassende Untersuchung darüber vor, wie international führende Banken zum Klimaproblem beitragen. „Nun können sich die Banken nicht mehr hinter schönen Klimaworten verstecken, sondern ihre Kohle-Portfolios sind erstmals vergleichbar“, so Schücking. Die Studie wurde gemeinsam von der deutschen NGO urgewald, den beiden NGOs groundWork und Earthlife Africa aus Südafrika und dem internationalen NGO-Netzwerk BankTrack mit Sitz in Nijmegen veröffentlicht.

Mit der Studie wollen die Organisationen nun Druck auf die Banken ausüben. „Pläne für neue Kohlekraftwerke und Kohleminen treffen weltweit auf entschlossenen Widerstand. Dieser Widerstand richtet sich zunehmend auch gegen Banken. Wer also neue Kohlekraftwerke finanziert, holt sich den Protest vor die eigene Bankzentrale“, erläutert Mona Bricke von der Anti-Kohlekampagne der klima-allianz deutschland, einem Netzwerk von mehr als 110 deutschen Verbänden, Kirchen und NGOs. „Wenn Banken verantwortliche Klimaakteure werden wollen, müssen sie aufhören, Kohle zu finanzieren und ihr Portfolio hin zu Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz ändern“, so Bricke.
http://urgewald.org/sites/default/files/media/_pages/bankrollingcchintergrund.pdf

14.11.2011 00:47
BP: Ein korrupter, krimineller, skrupelloser Akteur?

Der Ölkonzern BP (Marken Aral und Castrol) zieht über die Erde und beutet alles aus, was sich ausbeuten lässt. Boden, Wasser, Luft und - Gesellschaften. Er kennt keine Grenzen. Und wo welche sind, werden Betrug, Korruption, Lügen und Extremlobbyismus eingesetzt, um sie zu überwinden. Nicht nur moralfrei, sondern moralfeindlich wird hier gewirtschaftet, skrupellos.

Das sind Erkenntnisse, die sich im Anschluss einer aufwändigen und umfassenden Dokumentation aufdrängen. Die Dokumentation des Journalisten Greg Palast betrifft zwei Jahrzehnte Recherche bis in die Gegenwart, bis in die Zeit nach der Explosion der Öhlplattform "Deepwater Horizon" vor Mexiko. Alle Maßnahmen und Versprechen, solchem Treiben Einhalt zu gebieten, sind bereits wieder aufgehoben und der BP-Konzern geht vor, wie zuvor und wie es ihm beliebt.

Bereits ein Jahr nach der Explosion der Ölbohrplattform erklärte BP: "Das meiste Öl sei verschwunden. Die Gefahr sei gebannt. Doch die Realität sieht anders aus".
So der Greg Palast. Und die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko war und ist nicht die einzige ist, für die BP die Verantwortung trägt. BP sorgt permanent für Umwelt- und Sozialkatastropen weltweit, die auch politische Missstände zur Voraussetzung und zur Folge haben.

Doch sehen Sie selbst: http://www.youtube.com/watch?v=tgtoIZi6Pjw

Ein krasser unfairer Weltakteur bei der Arbeit. In Deutschland ist das Unternehmen mit den Marken Aral, BP und Castrol vertreten.

Und er ist das größte Unternehmen, das in der Nordsee und Anrainerstaaten die Ölproduktion betreibt und weiter vorantreibt: http://www.deutschebp.de/genericarticle.do?categoryId=2010149&contentId=7071813

Erdölsuche und Erdölförderung haben auch ein grundsätzliches Problem: "Im Dezember 2009 wurde der Öffentlichkeit bekannt, dass bei der Erdöl- und Erdgasförderung jährlich Millionen Tonnen radioaktiv verseuchter Rückstände anfallen, für dessen Entsorgung größtenteils der Nachweis fehlt.[10] Im Rahmen der Förderung an die Erdoberfläche gepumpte Schlämme und Abwässer enthalten NORM-Stoffe (Naturally occurring radioactive material), u. a. das hochgiftige und extrem langlebige Radium 226 sowie Polonium 210. Die spezifische Aktivität der Abfälle beträgt zwischen 0,1 und 15.000 Becquerel (Bq) pro Gramm. In Deutschland, wo etwa 1000 bis 2000 Tonnen Trockenmasse im Jahr anfallen, ist das Material laut der Strahlenschutzverordnung von 2001 bereits ab einem Bq pro Gramm überwachungsbedürftig und müsste gesondert entsorgt werden. Die Umsetzung dieser Verordnung wurde der Eigenverantwortung der Industrie überlassen, wodurch die Abfälle letztlich über Jahrzehnte hinweg sorglos und unsachgemäß beseitigt wurden. Es sind Fälle dokumentiert, in welchen Abfälle mit durchschnittlich 40 Bq/g ohne jede Kennzeichnung auf einem Betriebsgelände gelagert wurden und auch nicht für den Transport besonders gekennzeichnet werden sollten.[11]

In Ländern mit größeren geförderten Mengen von Öl oder Gas entstehen deutlich mehr Abfälle als in Deutschland, jedoch existiert in keinem Land eine unabhängige, kontinuierliche und lückenlose Erfassung und Überwachung der kontaminierten Rückstände aus der Öl- und Gasproduktion. Die Industrie geht mit dem Material unterschiedlich um: In Kasachstan sind weite Landstriche durch diese Abfälle verseucht, in Großbritannien werden die radioaktiven Rückstände in die Nordsee geleitet.[10][11] In den Vereinigten Staaten gibt es in fast allen Bundesstaaten aufgrund der radioaktiven Altlasten aus der Erdölförderung zunehmend Probleme. In Martha, einer Gemeinde in Kentucky, hat das Unternehmen Ashland Inc. tausende kontaminierte Förderrohre an Farmer, Kindergärten und Schulen verkauft, ohne diese über die Kontamination zu informieren. Es wurden bis zu 1100 Mikroröntgen pro Stunde gemessen, so dass die Grundschule und einige Wohnhäuser nach Entdeckung der Strahlung sofort geräumt werden mussten.[12]"
http://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6l#Radioaktiver_Abfall


01.09.2011 12:46
Der Deutsche Fairness Preis 2011 geht an Thomas Jorberg von der GLS-Bank
Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, erhält den diesjährigen Deutschen Fairness Preis. Das gab die Fairness-Stiftung in Frankfurt am Main bekannt. Das Kuratorium der Fairness-Stiftung hat ihm den Preis wegen seiner Verdienste um die faire Führung der GLS Bank gegenüber den Kunden, den Mitgliedern, den Mitarbeitern, der Umwelt und der Gesellschaft zugesprochen.

Thomas Jorberg ist nach Bankausbildung und Tätigkeit bei der GLS Bank und einer Volksbank sowie nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften mit Abschluss "Diplom-Ökonom" seit 1986 bei der GLS Bank tätig. Seit 1993 ist er deren Vorstandsmitglied und seit 2003 deren Vorstandssprecher. Seit 2005 ist er zudem Aufsichtsratsvorsitzender der Elektrizitätswerke Schönau Verwaltungs GmbH sowie seit 2009 Aufsichtsratsmitglied der Hannoverschen Kassen. Jorberg ist Gründungsmitglied und gehört zum Steering Committee der 2009 ins Leben gerufenen G.A.B.V. (Global Alliance for Banking on Values), einem internationalen Bündnis sozial-ökologisch orientierter Banken für Nachhaltigkeit im Finanzmarkt.

"Gerade angesichts der Turbulenzen und der Verwerfungen im Finanzmarkt, in dem die meisten Akteure wenig Lernfortschritt erkennen lassen, ist diese Preisvergabe auch ein politisches Signal", sagt Norbert Copray, Direktor der Fairness-Stiftung. Es sei immer noch ungewöhnlich, dass eine Bank in allen Geschäftsfeldern für Fairness engagiert ist. Und dass dies durch den Vorstandssprecher repräsentiert und engagiert betrieben wird, was auch zum Erfolg der Bank beitrage, sei beispielgebend für die ganze Branche.

Der Deutsche Fairness Preis wird alljährlich von der Fairness-Stiftung vergeben. Er würdigt besonders den Einsatz für Fairness in Wirtschaft und Gesellschaft. Bisherige Preisträger sind unter anderen Prof. Dr. Horst-Eberhard Richter, Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, die Unternehmerfamilie Leibinger (Trumpf Group) und Günther Cramer (SMA Technology AG). Thomas Jorberg wird der Preis am 29.10. im Rahmen eines Festaktes in Frankfurt überreicht. Die Laudatio hält Gabriele Fischer, Verlegerin und Chefredakteurin der Zeitschrift brand eins.

www.gls-bank.de

www.brandeins.de

08.02.2011 11:02
Wirklich kein faires Geschäft
Fair ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Von Anfang an. Das ist die Forderung sozialkritischer Menschen. Aber nicht nur. Das ist auch eine der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation, kurz ILO genannt. Da heißt es im Abkommen 100 vom 23. Mai 1953 in Art. 1b: „Der Ausdruck „Gleichheit des Entgelts männlicher und weiblicher Arbeitskräfte für gleichwertige Arbeit" bezieht sich auf Entgeltsätze, die ohne Rücksicht auf den Unterschied des Geschlechts festgesetzt sind“. So formuliert vor über 55 Jahren. Auch diesem Abkommen ist die Bundesrepublik Deutschland mit seiner Wiederaufnahme in die ILO 1951 beigetreten. Und nach mehr als 55 Jahren gibt es hinsichtlich Männern und Frauen immer noch nicht flächendeckend gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Die Entlohnung von Männern und Frauen liegt im Schnitt zwischen 10 und 30 % zu Lasten der Frauen.

Doch seit 15 Jahren wurde selbst diese Situation durch die Leih- und Zeitarbeit übertroffen. Häufig verdienen Leih- und Zeitarbeiter nur halb so viel oder etwas mehr als halb so viel wie die Mitarbeiter der Stammbelegschaft. 15 % weniger Geld als die Stammmitarbeiter bei gleicher Arbeit ist die Regel. Und das, obwohl die Zeitarbeiter, wie der Begriff schon sagt, ein deutlich höheres Risiko tragen. Weniger als die Hälfte von ihnen arbeitet länger als 6 Monate, viele nur 3 Monate am selben Arbeitsplatz. Lange Anfahrten sind die Regel. Mobilität und Flexibilität sind extrem ausgeprägte Anforderungen.

Das Geschäft mit der Leiharbeit ist für die Zeitarbeitsfirmen lukrativ. Denn sie verdienen ordentlich, zumal, wenn größere Kontingente von Leiharbeitern vermittelt werden. Die Firmen wiederum können mit der Zeitarbeit die Löhne der Stammbelegschaft drücken oder mit deren angedrohter Ausweitung Zugeständnisse der Stammmitarbeiter erpressen.

Die Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Rundschau, Eva Roth, schreibt richtigerweise: „Die Arbeitgeberverbände warnen eindringlich vor einer Equal-Pay-Regelung. Dadurch würden Leiharbeiter teurer als Festangestellte, weil die Zeitarbeitsfirma ja auch was verdienen will, lautet ein Argument. Das stimmt. Doch zurzeit liegt die doppelte Last bei den Beschäftigten: Sie erhalten weniger Geld und haben einen unsicheren Job. Die Unternehmen haben dagegen den doppelten Vorteil: billige Arbeitskräfte und Flexibilität. Das ist kein faires Geschäft.“

Wirklich kein faires Geschäft! SEPP58 kommentiert dazu aus eigener Erfahrung: „Bei Tarifverhandlungen werden Leiharbeiter als Druckmittel eingesetzt! (…) Unter jedem Leiharbeitstarifvertrag, der Equal pay verhindert, stehen die Namen der Gewerkschaften VERDI, IGM usw.. Sie, die Gewerkschaften, haben aus Rücksicht auf die SPD die Leiharbeitnehmer den Seelenverkäufern zum Fraß vorgeworfen“.

Ein fairer Vertrag sieht anders aus. Der verteilt Vor- und Nachteile ausgewogen auf die Vertragspartner, um gemeinsam Vorteile für beide gleichermaßen zu sichern. Den Unternehmen die Flexibilität und Mobilität der Leiharbeiter, den Stammmitarbeitern die Unterstützung durch Zeitarbeiter in Spitzenzeiten der Auftragslage, den Leiharbeitern die Beschäftigung zu menschenwürdigem und gleichem Lohn jenseits der Arbeitslosigkeit und der Sozialbedürftigkeit, den Zeitarbeitsfirmen Verdienste aus Vermittlungs- und Betreuungsarbeit. Wer hier einen der Partner übervorteilt, sägt nicht nur an der Sozialpartnerschaft, sondern auch am inneren Frieden. Zur sozialen Gerechtigkeit gehört gleicher Lohn für gleiche Arbeit – gleich.
http://www.ilo.org/ilolex/german/docs/gc100.htm http://www.fr-online.de/politik/meinung/kein-faires-geschaeft/-/1472602/7165140/-/index.html


05.10.2010 15:20
Warum Arbeitnehmer im Herbst krank sein wollen
1,7 Millionen Arbeitnehmer erwägen, sich im Herbst 2010 krank schreiben zu lassen. Etliche von ihnen wollen so auf Unfairness reagieren und ihren Unmut abreagieren. Andere rechnen mit psychischen Problemen oder haben sie schon und wollen durch Krankschreibung einer Erholungs- und Karenzphase erreichen. Und schließlich will ein beträchtlicher Teil der Arbeitsnehmer auf diese Weise Konflikten aus dem Wege gehen, die sich vor allem mit Blick auf das Jahresende zuspitzen und schlecht auszuhalten sind. Das sind Erkenntnisse einer repräsentativen Studie von tns emnid. Experten bewerten die Aussagen als erschütternd.

Erschütternd ist jedoch: Die Arbeitnehmer dokumentieren in der Umfrage, wie schlecht es um das Betriebsklima und die Fairness-Qualität in den Unternehmen steht. Denn mit der beabsichtigten Krankschreibung reagieren sie auf Unfairness, schlechte Arbeitsbedingungen, psychisch unerträgliche Belastung und Konflikte. Das zeigt
1. vielen Mitarbeitern fehlt es an Mut, Kompetenz und Übung, selbst für die Änderung der Umstände einzutreten, in denen sie arbeiten. Krankschreibung ist Ausdruck von empfundener Ohnmacht, die als letztes Mittel der Machtausübung und des Machtausgleichs eingesetzt wird.
2. vielen Unternehmen fehlt es an Kompetenz und Ernsthaftigkeit, für faire und zuträgliche Arbeitsplätze zu sorgen. Sie investieren in Technik, in Prozesse, in Innovationen, in Werbung, aber nur wenig in ihre eigene Kompetenz, Konflikte am Arbeitsplatz fair und motivierend zu bewältigen, Belastungen auszugleichen und Mitarbeiter fairnesskompetener zu machen.

Solche Verbesserungen sind auch nicht mal eben im Vorübergehen zu erreichen oder mit der Ernennung eines Antimobbingbeauftragten. Vielmehr braucht es entschiedenen, klaren und dauerhaften Willen der oberen Führungsebene, um unter Einbezug ihrer selbst mehr Fairness-Kompetenz in das Unternehmen zu bringen. Wie man sieht, spart das Kosten, Demotivation und Ansehensverluste. In einem fairen Unternehmen mit fairer Führungs- und Mitarbeiterkultur gibt es im Herbst keine Krankheitsplanung der Mitarbeiter.


12.08.2010 11:49
Wenn Arbeit krank macht
Dauerdruck, Hektik und geringe Ressourcen: Deutsche Arbeitnehmer reagieren mit psychischen Beschwerden und Erkrankungen auf den kaum noch zu bewältigenden Stress in den Unternehmen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes betrugen die Krankheitskosten durch psychische und Verhaltensstörungen im Jahr 2008 knapp 28,7 Milliarden Euro. Für gut die Hälfte dieser Kosten waren nur zwei Diagnosen verantwortlich: 9,4 Milliarden Euro wurden für Demenzerkrankungen und 5,2 Milliarden Euro für Depressionen ausgegeben. Vor allem für die Behandlung von Frauen fiel ein Großteil der Kosten an, da Frauen häufiger als Männer unter einer dieser beiden Erkrankungen leiden.

Die Ergebnisse der Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Kosten durch psychische Erkrankungen von 2002 bis 2008 besonders stark gestiegen sind: Bei den Behandlungskosten von Frauen machte sich eine Plus von rund drei Milliarden Euro bemerkbar, bei Männern ein Plus von zwei Milliarden. Das entspricht einem Zuwachs von 20 beziehungsweise 26 Prozent. Insgesamt sind die Krankheitskosten seit 2002 um 16 Prozent gestiegen.

Deutschlands Arbeitnehmer nehmen immer mehr Antidepressiva ein. So eine Sonderauswertung des TK-Gesundheitsreports. Demnach hat sich das Volumen der verschriebenen Antidepressiva unter Deutschlands Beschäftigten in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Statistisch erhielt 2009 jeder Berufstätige durchschnittlich für acht Tage Medikamente zur Behandlung von Depressionen. Das bedeutet einen Anstieg von 113 Prozent im Vergleich zum Jahr 2000.

Seelische Erkrankungen bedeuten längere Fehlzeiten als bei physischen Erkrankungen. Und für die Firmen kommt es dadurch zu 4,1 Milliarden Euro Kosten bzw. nicht realisierten Umsätzen. Doch das scheint kein Grund für die Unternehmen zu sein, für gesundheitsförderliche und damit faire Arbeitsumstände zu sorgen. Viele haben den Zusammenhang zwischen psychischen Arbeitsbedingungen, Leistungsfähigkeit und psychischen Beeinträchtigungen auch noch nicht erkannt. Krankenkassen versuchen mit Gesundheitsförderung dem Trend entgegen zu wirken. Mit geringem Erfolg. An der extremen Arbeitsverdichtung, hohen Beschleunigung und unmittelbaren Dauerverfügbarkeit hat sich nichts geändert. Die Firmenleitungen müssten erkennen, dass sie mit einer gesundheitsförderlichen Arbeitskultur nicht nur an Fairness-Qualität, sondern auch an Performance gewinnen. Aber dafür wird nur selten und wenig Geld in die Hand genommen.

Und dann soll die nächste „Gesundheitsreform“ der schwarz-gelben Regierung auch noch die Unternehmen aus der weiteren Zunahme von Krankenkassenkosten entlassen und sie einseitig den Versicherten aufbürden. Als würden Arbeitsumstände, ehrgeizige Ziele und eine verbesserungsbedürftige Führungs- und Unternehmenskultur nicht selbst zu steigenden Krankheitskosten beitragen.


02.06.2010 11:51
Unfairness im Bekleidungshandel
Ist Textildiscounthändler KiK unfair, sogar krass unfair? Eine Sendung von Panorama (ARD/NDR) zeigte unlängst "Innenansichten" einer Billigkette, die wie kaum ein anderes Unternehmen expandiert. In mehr als 2.800 Ladengeschäften werden Klamotten zu Schleuderpreisen angeboten. Für 30 € kann man sich komplett einkleiden. Der Film zeigte, wie die Billigpreise zustande kommen - und wie Menschen dafür teuer bezahlen müssen. Das gilt für die Verkäuferinnen, Regalräumer und Putzleute hierzulande, das gilt für Näherinnen und Näher in Bangladesh. In einer ausführlichen Studie hat die Aktion Saubere Kleidung die Einzelheiten untersucht und dokumentiert, die auch in den Film eingegangen sind.

Im Blog zum Film schreibt Gudrun:
„Ich bin erschüttert. Ich arbeite seit fast 2 Jahren bei Tedi, die Arbeitsbedingungen sind fast das gleiche. Ich habe 4,91 € netto und Herr Heinig ist nun auch bei uns der Chef. Ich bin auch dafür das die Missstände aufgedeckt werden müssen, und bin auch bereit da mitzuwirken. Mein Vertrag läuft in Kürze aus, ich werde Ihn nicht verlängern! Durch die ganze Zustände und Machschaften komme ich nicht mehr zur Ruhe. Kaum eine Nacht kann ich mal durchschlafen. Das ganze Unternehmen besteht nur aus Lügen und Intrigen.“

Stefan Heinig ist zusammen mit Familie Haub (Tengelmann Group) Gesellschafter der HH Holding, die wiederum KiK und andere Geschäfte betreibt. Unter dieses Dach wurden jetzt auch die Woolworth-Geschäfte geholt und werden vermutlich im Laufe der Zeit mit KiK verschmolzen.

Stefan Heinig sieht die Vorwürfe und Kritik als haltlos an und verteidigt die niedrigen Löhne bei KiK: http://www.welt.de/wirtschaft/article3425870/Der-KiK-Chef-sagt-warum-weniger-Lohn-besser-ist.html.
Auf die Idee, seinen Mitarbeitern Gehälter zu zahlen, die ihnen ein menschenwürdiges Dasein durch eigene Arbeit ermöglichen, scheint er nicht zu kommen. Die Schuld liegt beim Staat, der Steuern und Abgaben benötigt, nicht beim Unternehmen, das mit der Arbeit anderer Geld verdient.

Gleichzeitig sponsert KiK mit Milliarden Fußballvereine (Arminia Bielefeld 2002-2004; Werder Bremen 2005/06; Hansa Rostock 2007/08 sowie zeitgleich VfL Bochum), die Handball-Nationalmannschaft 2009, die österreichischen Fußballschiedsrichter, den Boxsport und den Eishockeyclub EHC Dortmund mit Millionensummen. Könnten stattdessen nicht Mitarbeiterinnen hierzulande und Näherinnen in Bangladesh besser bezahlt werden? Und auch Werbe-Ikone Verono Pooth kostet Millionen Euro.
http://www3.ndr.de/sendungen/panorama_die_reporter/panorama430.html
http://panorama.blog.ndr.de/2010/04/07/die-kik-methoden/
http://www.saubere-kleidung.de/
http://www.saubere-kleidung.de/downloads/publikationen/2008-01_Brosch-Lidl-KiK_de.pdf

Stefan Heinig von KiK bestreit die Kritik. Besser wäre es, er macht KiK transparenter und die Unternehmenskultur fairer. Und die Käufer und Käuferinnen werden kritischer, was die niedrigen Preise auf Kosten von Menschen angeht. Von vierzig Stunden Arbeit muss ein Mensch leben können; Teilzeitarbeit braucht eine analoge Gehaltsstruktur. Niemand würde leiden müssen, wenn man sich erst ab 50 € komplett neu einkleiden könnte.

27.04.2010 12:40
Unsinn über Soft Skills
Soft Skills hätten keinen positiven Effekt auf den Start am Arbeitsmarkt. Verbreitet die FAZ vom 24.4.2010 auf Seite C4. Dabei stützt sich die Autorin Anne Theiss auf eine Diplomarbeit, diedie Diplomsozialwissenschaftlerin Judith Offerhaus zum Abschluss ihres Studiums an der LMU München eingereicht und wofür diese den Preis der „Gesellschaft für Hochschulforschung“ bekommen hat. Zeitungsbeitrag und die Schlussfolgerung der Diplomantin aus ihrer Umfrage lassen tief blicken. Sie wirken wie die Erfüllung bestellter Erkenntnis von interessierter Seite.

Judith Offerhaus hatte festgestellt, dass Hochschulabsolventen, die ein höheres Niveau an Schlüsselqualifikationen z.B. durch entsprechende Trainings, Seminare und Praktika aufwiesen, keinen günstigeren Start am Arbeitsmarkt hatten. Und zwar unabhängig vom Fach. Daraus folgert Offerhaus kurzschlüssig und überheblich: „Die allgemeine Rhetorik geht dahin, die Schlüsselqualifikationen über alles zu loben. Ich halte diese aufgeblähte Diskussion für wenig zielführend“. Richtigerweise stellt sie allerdings fest, dass man Soft Skills am besten nach dem Prinzip „learning by donig“ erwirbt und nicht anhand von Alltagspraxis abgekoppelter Seminare.

Richtigerweise bedeutet das Ergebnis von Offerhaus: Firmen und Manager, die Mitarbeiter einstellen, messen den Soft Skills nach wie vor eine geringe Bedeutung bei. Sie haben noch nicht begriffen, dass ohne Kooperations-, Team-, Kommunikations- und Fairness-Kompetenz eine noch so ausgezeichnete Fachkompetenz nicht wirklich ihr Potenzial entfalten wird, auch wenn der Augenschein das vortäuscht. Das zeigt sich auch bei Beförderungen: Passgenaue Soft Skills-Praxis und eine exzellente Führungsqualität von Mitarbeitern zählen nach wie vor weniger als Erfolge, die sich in Zahlen, Umsätzen und Renditen ausdrücken lassen. Das Ergebnis: In der Kundenorientierung hängt Deutschland meilenweit hinter Japan hinter her. Bei den Innovationen sind die Ergebnisse mäßig, dafür die Marketingausgaben erheblich. Die Kooperationsdichte und die Fairnessqualität ist in den Firmen nur sehr spärlich ausgeprägt und daher die Motivation der Mitarbeiter niedriger als in anderen Gesellschaften.

Schlüsselqualifikationen erwirbt man am besten durch vertiefte Reflexion von Erfahrungen im Umgang mit Kollegen, Kunden, Lieferanten, Partnern und Dienstleistern. Dazu braucht es jedoch Wissensimpulse, sonst köchelt man im eigenen Saft. Dazu braucht es Provokationen, sonst bleibt man in seiner Komfortzone und bei einem sehr selbstzufriedenen Selbstbild. Dazu braucht es Training und Übung, sonst ist jeder Versuch, seine Soft Skills auszubauen, eine Operation am offenen Herzen. Das gelingt im Coaching, im Training, im Workshop. Also: „learning by doing“, aber nicht: das lernt sich nebenher von selbst. Der Überzeugung sind etliche Führungskräfte; mitunter zum Entsetzen der Mitarbeiter. Niemand sollte sich durch das Fazit von Offerhaus abschrecken lassen, so früh und so kontinuierlich wie möglich Schlüsselqualifikationen fundiert zu entwickeln. Wenn es die anstellenden Rekruting-Manager der Unternehmen den Bewerbern nicht hoch anrechnen, werden es spätere Mitarbeiter auf jeden Fall danken, wenn jemand eine Führungsposition erreicht oder hat.

04.02.2010 15:12
Wo Fairness keine Chance hat
Macht Macht heuchlerisch? Das jedenfalls belegen Beobachtungen, Analysen und Experimente in der Wirtschaftsforschung, auf die sich Adam Galinsky, Ökonomie-Professor an der Kolleg School of Management der Northwestern-Universität in Evanston/Illinois bezieht. Seine These: Wer das Gefühl hat, seine Machtposition zu Recht innezuhaben, neigt eher zum Heucheln. So fordern beispielsweise Manager für ihren Mitarbeitern in Krisenzeiten Gehaltskürzungen, bestehen aber selbst trotz Krise auf Boniauszahlungen in voller Höhe. Je mehr Macht Menschen haben und spüren, desto stärker fühlen sie sich im Recht, ohne Rücksicht auf moralische Standards eigene Bedürfnisse auszuleben.

Der Ex-Präsident des Schweizer Art Directors Club und heutige Bestsellerautor Martin Suter sieht im Wohlergehen eines Unternehmens nur das Abfallprodukt des Karrierestrebens von Managern. Die Fixierung auf den Shareholder Value hat Manager auf reine Kostenreduktion geprägt, denn damit sind Erträge am leichtesten zu steigern. Und Kostenreduktion heißt, Mitarbeiter entlasten, Ressourcen verknappen, Arbeit verdichten. So sind laut Suter Leute in Führungspositionen gekommen und reich geworden ohne jegliche soziale Kompetenz. Spezialisten der Geldvermehrung, die den sozialen, menschlichen und kulturellen Anforderungen nicht wirklich gewachsen scheinen.

Wenn Manager macht- und geldfixiert sind, ist für Fairness kein Platz. Denn alles andere wird dem eigenen Machterhalt, der eigenen Bedürfnisverwirklichung und der eigenen Geldvermehrung mit kostenreduzierender Renditesteigerung untergeordnet. In solchen Kontexten verkommt Fairness zur reinen Marketingmasche, wenn sie überhaupt Erwähnung findet. Was meist nicht der Fall ist.

11.01.2010 14:59
Wenn Transparenz Fairness ist
Transparenz ist in Zeiten der Wirtschaftskrise für die meisten Arbeitnehmer entscheidend. Diese erwarten über 66 Prozent von 1.000 Befragten von ihrer Führung. Vor allem die nicht leitenden Angestellten erwarten zu über 71 Prozent von ihrer Führungskräften vordringlich Transparenz.

An zweiter Stelle steht für die Mitarbeiter, bei der Suche von Problemlösungen einbezogen zu werden. Über 55 Prozent der befragten Arbeitnehmer halten dies für besonders wichtig. Weil Facharbeiter sehr skeptisch, was ihre Zukunftsaussichten betrifft, erwarten sie, dass das Führungspersonal frühzeitig und klar notwendigen Personalabbau kommuniziert.

Immerhin ein Drittel (32,8%) votieren dafür, dass ihr Chef in schwierigen Zeiten selbst durch Mehrarbeit oder Lohnverzicht mit gutem Beispiel vorangeht. Vergleichsweise wenig punkten Vorgesetzte dagegen mit Ruhe und Gelassenheit (18,7%), persönlicher Zuwendung (17,8%) sowie Lob oder Durchhalteparolen (13,2%).

Die aktuelle repräsentative Umfrage von Rundstedt HR Partners GmbH zeigt, dass in schwierigen Zeiten unter Fairness vor allem Transparenz verstanden wird. Und dass sie den Mitarbeitern wichtiger ist als alles andere. Denn nur sie versetzt sie in die Lage, emotional und strategisch rechtzeitig für sich zu sorgen beziehungsweise sich mit Vorschlägen und Leistungen einzubringen. Wenn alles andere dem untergeordnet wird – wie beispielsweise Gelassenheit, Zuwendung, Lob – dann gilt: Transparenz wird als Fairness angesehen. Das Gegenteil wie Taktieren, Undurchsichtigkeit und Beschwichtigungen gelten als unfair und zermürben, was in kritischen Zeiten besonders wichtig ist: Vertrauen und Motivation.

13.11.2009 10:44
Mit Fairness nach vorn
Ein höheres Leistungsniveau entwickelt sich, wo Führungskräfte ihren Mitarbeitern Fairness und Vertrauen entgegenbringen. Das ist ein Ergebnis der Experimente von Armin Falk, Professor an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn. Er widerlegte mit einem einfachen Rollenspiel diejenigen, die unterstellen, dass man Engagement am besten erzwingt, indem man den Mitarbeiter nur streng genug kontrolliert.
Dabei wurden zwei Vergleichsgruppen mit Chefs und Mitarbeitern eingesetzt. In der ersten Gruppe legte der Chef einen Lohn fest und stellte es seinen Mitarbeitern frei, wie viel sie dafür arbeiten. In der zweiten Gruppe gab es für die Entlohnung detaillierte Arbeitsvorgaben und rigide Anwesenheitsbestimmungen. Am Ende des Experiments war das Leistungsniveau bei den Mitarbeitern höher, die Mitarbeiter nicht eingeschränkt wurden. Die befragten Mitarbeiter gaben an, dass sie die Einschränkung als Misstrauen empfanden und darauf mit Leistungszurückhaltung reagierten.

Armin Falk geht jedoch nicht davon aus, dass sich diese Erkenntnis bei Managern schnell durchsetzt. Gegenüber spiegel online sagte Falk: "Es kling paradox, aber das Experiment liefert sowohl den liberalen als auch den kontrollorientierten Managern eine absolut einleuchtende Erklärung dafür, ihren Führungsstil beizubehalten". Denn die liberalen Manager registrieren eine höhere Motivation, weil ihre Mitarbeiter das ihnen entgegengebrachte Vertrauen rechtfertigen wollten. Die autoritären Manager allerdings sehen sich in ihrem Misstrauen bestätigt, weil die Mitarbeiter auf Vorgaben mit Leistungsreduktion reagierten. Falk: "Auf Grund der persönlichen Erfahrungen wird deshalb jeder seinen Führungsstil beibehalten. Die Wenigsten dagegen werden sich auf ein neues, für sie unbekanntes Terrain begeben."

Das ist der entscheidende Punkt. Die Forschung kann helfen zu erkennen , dass sich Fairness und Vertrauen für das Unternehmen auszahlen. Mitarbeiter mit Respekt zu behandeln, ist nicht nur moralisch wünschbar, sondern ökonomisch sinnvoll. Aber damit sich in dieser Perspektive Führungshandeln entwickelt, bedarf es der Unterstützung der Manager, um Unsicherheiten mit ungewohnten Vorgehensweisen und mit eigenen inneren Kontrollbedürfnissen zu bewältigen. Außerdem bringt es nichts, Fairness und Vertrauen in naiver Form zu praktizieren, um sich dann im Nachhinein selbst das Scheitern damit zu bestätigen und zum stark kontrollierenden Führungsstil zurück zu kehren. Fairnesskompetenz als Führungskompetenz ist indessen lernbar und kann der Ausgangspunkt für Leistungsverbesserung, gutes Betriebsklima und demzufolge reibungslosere Kooperation sein.
http://www.fairness-stiftung.de/Fairnesskompetenz.htm


16.10.2009 13:12
Fairness heißt: Zweite Chance
Ist juristische Härte fair? Pfandbons von 1,30 €, eine Frikadelle nebst zwei Brötchenhälften und jetzt sechs Maultaschen: Unternehmen und Gerichte machen von sich reden, weil sie einfach Beschäftigten kündigen oder Kündigungen bestätigen, wenn mit geringfügigen Sachen vermeintlich betrügerisch umgegangen wurde.

Jetzt wurde einer 58-jährige Konstanzer Altenpflegerin vom Arbeitsgericht bestätigt, dass sie zu Recht gekündigt worden sei – nach 17 Jahren Betriebszugehörigkeit. Es handelte sich um Essensreste, von denen sich die Mitarbeiterin etwas mitgenommen hatte, die sonst vorschriftsmäßig im Müll gelandet wären. Die städtische Konstanzer Spitalstiftung betrachtet die Mitnahme der Maultaschen als Diebstahl. Das Vertrauensverhältnis sei zerstört, eine Weiterbeschäftigung nicht möglich, heißt es seitens des Arbeitsgebers. Das Gericht argumentierte, die Klägerin habe gegen eine ausdrückliche Anweisung des Arbeitgebers verstoßen. Der habe untersagt, sich vom Essen der Heimbewohner zu bedienen. Reste müssten in die Küche zurückgehen. Für das Personal werde täglich eine Extra-Verpflegung zum Preis von 3,35 Euro angeboten. Eine Abmahnung kam für die Spitalstiftung nicht in Frage. Sie hatte allerdings der Pflegerin eine Abfindung von 25 000 Euro angeboten, wenn sie die Kündigung akzeptiert. Das lehnte die Frau jedoch ab. Sie wollte ihren Teilzeitjob behalten.

Gewerkschaftsvertreter vermuten, dass man aus anderen Gründen die Frau auf jeden Fall loswerden wolle und daher keinen anderen Weg gewählt hat.

Tatsächlich sind dieser und ähnliche Fälle auffällig, weil es jenseits der Kündigung offenbar keinen anderen Weg gibt, mit einem Vertrauensbruch umzugehen. Doch wer viele Jahre in einem Unternehmen gearbeitet hat, muss in jedem Fall mindestens eine vertrauenswürdige Person gewesen sein, sonst hätte man nicht jahrelang miteinander gearbeitet. Und wenn in einem Vertrauensverhältnis ein Fehlverhalten passiert, dann gehört es zur Fairness, den Schaden im Vertrauensverhältnis zu reparieren und nicht gleich das ganze Verhältnis für gescheitert zu erklären. Das machen Menschen in der Regel auch nicht in Partnerschaften oder Geschäftsleute in langfristigen Geschäftsbeziehungen.

Was die Arbeitnehmer getan haben, liegt im Bagatellbereich und wird zu einem Elefanten im Vertrauensladen aufgeblasen. Hier geht es also darum, Exempel zu statuieren, Recht vor Vertrauen und Fairness walten zu lassen. Denn einem Arbeitgeber steht es sehr gut zu Gesicht, wenn er nach einem langen Beschäftigungsverhältnis im Fall eines Vertrauensbruchs das Gespräch sucht, dem Mitarbeiter Regeln und nächste Schritte zur erneuten Vertrauensbildung und damit ihm Orientierung und eine zweite Chance gibt. Jeder und jede hat eine zweite Chance verdient. Existenzgefährdende Konsequenzen sind nicht fair, wenn es nicht eine zweite Chance zur Heilung des Vertrauensbruchs und zur Bewährung gibt.

31.07.2009 14:57
Fairness ist Stabilitätsfaktor in Krisenzeiten
In Krisenzeiten stabil zu sein: das ist für Unternehmen entscheidend wichtig. Überdurchschnittlich stabil sind Firmen mit einer ethisch anspruchsvollen Verantwortungs- und Führungskultur. Das ist keine Sonntagsrede und kein frommer Wunsch: das ist das empirische Ergebnis einer Studie von Jens Rowold und Lars Borgmann (Universität Münster).

Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Sorge um die Mitarbeiter und faires Entscheidungsverhalten steigern die Arbeitszufriedenheit und das Commitment der Mitarbeiter signifikant, so Erkenntnisse der Studie.

Drei Ergebnisse haben die Wissenschaftler selbst überrascht: Ethische Mitarbeiterführung ist
- in Profit-Unternehmen häufiger anzutreffen als in Nonprofit-Organisationen
- auf allen Hierarchieebenen ähnlich häufig
- in größeren Abteilungen stärker ausgeprägt als in kleineren.

Die Erkenntnisse sind insofern wichtig, als dass viele Führungskräfte und auch Mitarbeiter mit den Vorurteilen hausieren gehen, in Krisenzeiten gewinnt ein Unternehmen vor allem durch Härte, Kommandostil und Ignoranz von Fairness und Ethik. Das ist mitnichten der Fall. Ebenso wenig sind nichtkommerzielle Organisationen ethischer ausgerichtet als Unternehmen, obwohl dieser Eindruck in den Medien gern verbreitet.

Eine faire und ethisch fundierte Unternehmens- und Führungskultur ist in Krisenzeiten ein maßgeblicher Stabilitätsfaktor. Und Ausreden, dafür sei eine Firma, eine Organisation, eine Abteilung zu groß oder zu differenziert, sind grundlos. Mit professionellem Vorgehen lässt sich in jeder Organisation Fairnesskompetenz etablieren und entfalten. Zum Wohl der Firma und der Mitarbeiter gleichermaßen.


Details der Studie in: Harald A. Mieg (Hrsg.): Verantwortung in/durch Unternehmen.
Wirtschaftspsychologie Nr. 2/2009, Pabst Science Publishers

04.06.2009 11:04
Fairness im Bewerbungsverfahren
In Bewerbungsverfahren wird häufig versucht, Bewerber unter Druck zu setzen. Man glaubt, man könne dann beobachten, wie ein Bewerber unter Stress reagiert und auf diese Weise Erkenntnisse über sein Verhalten in einem stressigen Berufsalltag gewinnen. Doch diese Annahme ist durch nichts belegt und bewiesen, wie Prof. Dr. Karl Westhoff und sein Team erklären. Sie befassen sich mit Eignungsinterviews und den häufigsten Fehlern, die dabei gemacht werden.

So seien die üblichen Bewerbungsgespräche sehr mangelhaft:
- meist spricht der Interviewer mehr als der Kandidat und erfährt daher weniger.
- persönliche Ambitionen des Interviewers, Attraktivität, subjektive Ähnlichkeit, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit des Bewerbers können das Urteil verzerren.
- der Interviewer bildet häufig ein Stereotyp des guten Bewerbers, generalisiert ungerechtfertigt Eindrücke oder konzentriert sich einseitig auf die Informationen, die das eigene Bild bestätigen.
- Interviewer beachten negative Informationen oft stärker als positive. Dies kann in der Einstellung begründet sein, dass es gefährlicher ist, negative Informationen über einen Kandidaten unbeachtet zu lassen.
- Interviewer neigen dazu, ihre Entscheidung bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt des Gesprächs zu treffen.

Daher empfehlen Westhoff und sein Team strukturierte entscheidungsorientierte Gespräche, die solche Fehler vermeiden helfen. Die Regelhaftigkeit der Interviews soll gleichzeitig sicherstellen, dass in der Auswertung die einzelnen Kandidaten vergleichbar werden.

Kandidaten im Bewerbungsgespräch unter Druck zu setzen, kann auch kontraproduktiv sein, da sich das Unternehmen zugleich so präsentiert, als sähe es in Mitarbeitern Versuchskaninchen und wisse selbst nicht, wie Stress von der Unternehmensführung her gut zu managen sei. Überdies kommt auf diese Weise unfaires Verhalten ins Spiel, wenn das Vorhaben, künstlich im Gespräch Stress zu erzeugen, der Person des Kandidaten unangemessen ist oder Techniken eingesetzt werden, die die Grenze des Respekts überschreiten. Mit dem Bewerbungsgespräch gibt ein Unternehmen seine lebendige und spürbare Visitenkarte ab. Wer sich als faires Unternehmen versteht, muss hier faires Verhalten praktizieren, und bekommt dann auch eher zur Fairness tendierende Mitarbeiter.

Lesehinweis: Karl Westhoff (Hrsg.): Das Entscheidungsorientierte Gespräch als Eignungsinterview. Mit Beiträgen von Oliver Brust, Hagen Flehmig, Carmen Hagemeister, Marie-Luise Kluck, Anna Koch, Claudia Liebert, Anne Schurz, Michael B. Steinborn, Anja Strobel, Karl Westhoff. Pabst Science Publishers 2009, 160 Seiten.


05.03.2009 10:10
Faire Unternehmen stärken Stresskompetenz
Eine gute Verbindung zwischen Firma und Arbeitnehmern ist bares Geld wert. Für beide Seiten. Denn wenn sich Arbeitnehmer mit ihrer Firma auch emotional verbunden fühlen, nimmt die Lebensqualität messbar zu. Hohe Belastungen werden dann als weniger stressig erlebt. Die Gesundheit wird weniger in Mitleidenschaft gezogen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Professoren Dr. Klaus-Helmut Schmidt (Dortmund) und Dr. Jürgen Wegge (Dresden) bei Verwaltungsangestellten, Call-Center Agenten und Altenpflegekräften.

Was trägt zu einer guten emotionalen Verbindung zwischen einem Unternehmen und Beschäftigten bei, die stressige Situationen besser bestehen lässt? Die Untersuchung nennt:
• größere Autonomie für den Einzelnen
• damit verbunden größere Handlungsspielräume
• ganzheitliche, weniger fragmentierte Tätigkeiten
• soziale Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte
• Loyalität und Rückendeckung aus der Unternehmensführung
• faire Bezahlung.

Führungskräfte bzw. Unternehmen können also von sich aus eine ganze Menge dazu beitragen, die emotionale Beziehung zwischen der Firma und den Beschäftigten zu stärken und damit die Stresskompetenz der Mitarbeiter deutlich erhöhen. Im Umkehrschluss: Sie können auch entscheidend dazu beitragen, kaum oder gar keine positive Beziehung zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen entstehen zu lassen und dadurch Beschäftigte krank zu machen und zu verschleißen sowie die Firma zu schwächen. Nur eine bewusste Entscheidung für eine faire und unterstützende Unternehmenskultur, die systematisch und professionell umgesetzt wird, stärkt die Mitarbeiterschaft und damit die Firma.

Die Studie: Elke Rohmann, Michael Jürgen Herner, Detlef Fetchenhauer (Hg.): Sozialpsychologische Beiträge zur Positiven Psychologie. Pabst, Lengerich/Berlin 2009. 380 Seiten.

30.09.2008 16:29
Mehr Fairness im Mittelstand?
Mehr Verlässlichkeit, Weitsicht, Fairness und Veränderungsbereitschaft sind nach Ansicht der Mittelständler in Deutschland bei den Unternehmerpersönlichkeiten von Nöten. So eines der Ergebnisse einer exklusiven Studie „Unternehmerische Verantwortung“ der Commerzbank AG zur Sicht der mittelständigen Wirtschaft, bei der 4.000 Unternehmen Mitte 2008 durch TNS Infratest befragt wurden. Auch gebe es Defizite bei der Risikobereitschaft und Bescheidenheit, wobei diese Werte nach Ansicht der befragten Mittelständler weniger wichtig seien. Der Charakter der mittelständischen Firmen verändert sich der Studie zu Folge immer dann, wenn die Unternehmensführung wechselt (69 %), es wirtschaftliche Engpässe und Krisen gibt (67 %), eine Beteiligungsfinanzierung eingefädelt wird (60 %) oder sich die Absatzmärkte verändern (60 %). 40 % der Firmen müssen in den nächsten zehn Jahren eine Nachfolge stemmen. Damit in der Gesellschaft unternehmerische Tugenden stärker verankert werden, wünschen sich die Mittelständler, dass diese Werte in der Erziehung eine größere Rolle spielen (95 %). Sie fordern: In der Bildung müsse Wirtschaft und Unternehmertum wichtiger werden (93 %), die Medien müssten ein attraktiveres Bild vom Unternehmertum zeigen (78 %) und die Unternehmer müssten sich selbst gesellschaftlich mehr engagieren und zeigen (75 %). Um die Reputation der mittelständischen Wirtschaft zu erhöhen, wollen die Befragten künftig in den Medien präsenter sein (75 %).
Was aber sind unternehmerische Tugenden? Mehr als die Hälfte der Mittelständler (56 %) sagt, dass die Firmen im Geschäftsalltag stärker als bisher auf ethisches Handeln achten müssten, und immerhin 46 % fordern, der Mittelstand müsse sich stärker als bisher sozial oder kulturell engagieren. Sind damit die unternehmerischen Tugenden angesprochen? Risikobereitschaft gepaart mit Verantwortungsfähigkeit, Fairness gepaart mit Entscheidungskompetenz, Innovationsfreue gepaart mit Verlässlichkeit – das sind unternehmerische Tugenden, die allerdings jedem Bürger und jeder Bürgerin gut zu Gesicht stehen. Sind die Mittelständler denn bereit, sich für eine Steigerung von Fairness, Verlässlichkeit und Veränderungsbereitschaft bei sich und in ihrem Unternehmen mehr als bisher zu engagieren? Sind sie dazu auch bereit, wenn es Geld und Engagement kostet?
http://www.fairness-stiftung.de/FS-SiegelFairePartner.htm

10.06.2008 17:01
Fairness-Abkommen versinkt im Kampf
Neues von der Fairness-Front. Vor einigen Wochen startete die IG Metall ihre Kampagne "Leiharbeit fair gestalten" gestartet (unser Blog berichtetet darüber unter "Fairness-Abkommen"). Der IG Metall-Bezirk Frankfurt hat mit den Zeitarbeitsverbänden IGZ und BZA ein "Fairness-Abkommen" geschlossen, mit dem Mindestbedingungen für Zeitarbeits-Beschäftigte festgeschrieben werden sollen.

Der Versuch, auch andere Zeitarbeitsunternehmen auf dieses Abkommen zu verpflichten, stieß bald auf den Widerstand des Arbeitgeberverbands Mittelständischer Personaldienstleister (AMP), der beim Landgericht Frankfurt eine Einstweilige Verfügung erwirkte, mit der der IG Metall untersagt werden soll, Zeitarbeitsfirmen unter Androhung von Aktionen gegen sie zur Unterzeichnung dieses Abkommens aufzufordern (AZ: 2-06 O 253/08).

Die Fairness-Stiftung sah es kritisch, mit der notwendigen Zustimmung von Betriebsräten zum Einsatz von Zeitarbeitsfirmen in den Unternehmen ein Fairness-Abkommen zu erzwingen. Zwang passt nicht zu fairer Partnerschaft.

Nun hat der Leiter des IG Metall-Bezirks Frankfurt, Armin Schild, sich wegen der Einstweiligen Verfügung kämpferisch gezeigt: "Es freut uns, dass der getroffene Hund bellt und die Kampagne der IG Metall Wirkung zeigt", sagte Schild. "Es bleibt dabei, wir reichen den Arbeitgebern der Branche, die zur Fairness bereit sind, die Hand. Das gilt auch für AMP-Mitglieder. Aber wir werden auf keinen Fall unfaire Zeitarbeit akzeptieren", erklärte Schild.

Das ist die andere Seite: Mit unfairen Bedingungen für Zeitarbeiter, die wiederum die Gehaltsstruktur und das Arbeitspensum der Festangestellten drücken, zwingen die Unternehmen die Mitarbeiter in schlechtere Arbeitsverhältnisse. Auch das schafft keine faire Partnerschaft zwischen Arbeitsgeber und -nehmern, sondern Kampf und Misstrauen.

Ein Fairness-Abkommen, das seinen Namen verdient, entsteht aus der Einsicht in die wechselseitige Abhängigkeit zu Gunsten einer erfolgreichen Zukunftsstrategie. So weit sind die Partner nicht. Noch stehen die Signale auf Kampf, nicht auf Fairness.



01.06.2008 15:54
Fairness-Abkommen auf der Kippe
Fairness lässt sich nicht erpressen. Das ist widersinnig. So sah es die Fairness-Stiftung schon am 11.4.08 in Bezug auf das Fairness-Abkommen der Gewerkschaften mit den Zeitarbeitsfirmen. So sah es nun auch der Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) und erwirkte
beim Landgericht Frankfurt/Main gegen die IG Metall eine mit 250.000 € strafbewehrte einstweilige Verfügung. Die IG Metall hatte im April dieses Jahres Zeitarbeitsunternehmen mit der Androhung, dem Einsatz von Zeitarbeitsfirmen in den Unternehmen seitens der Betriebsräte nicht mehr zuzustimmen, die Zeitarbeitsfirmen zu Fairness-Abkommen veranlasst. In einer einstweiligen Verfügung vom 21. Mai 2008 hat das Landgericht Frankfurt der IG Metall mit einem Ordnungsgeld von 250.000 € untersagt, weiterhin in dieser Form an Zeitarbeitsunternehmen heranzutreten. Der Präsident des Arbeitsgeberverbandes Peter Mumme, sagte: „Wir haben uns als einziger Zeitarbeitsverband erfolgreich gegen die Zumutung zur Wehr gesetzt, dass die IG Metall mehr als 8.000 Unternehmern und Unternehmerinnen mit nach meinem Empfinden erpresserischen Methoden die Bedingungen diktieren will, mit denen Vertragsbeziehungen zu Mitarbeitern und Kunden geregelt werden."
Die Fairness-Stiftung fragte am 11.4.08: „Ob das fair ist: zu einem Abkommen genötigt werden und mit einem Abkommen Wettbewerbsvorteile sichern?“ Und war zugleich skeptisch, dass das Fairness-Abkommen wirklich Fairness bedeutet. Und empfahl: „auf lange Sicht kommen Unternehmen und Gewerkschaften nur kooperativ, aber weniger konfrontativ weiter. Da kann man sich das teure Hick-Hack gleich sparen und mit fairem Vorgehen Zeit, Geld und Ansehen sparen.“

Nun wäre es Sache des AMP, auf die Gewerkschaften zuzugehen, um eine kooperative Vorgehensweise zu finden. Denn der Kerngedanke „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist Fairness-Abkommen gilt nach wie vor, denn die Zeitarbeitnehmer tragen schon größere Risiken als andere Arbeitnehmer. Und die Arbeitgeber haben die Vorteile der Flexibilität, Mobilität und reduzierter Kosten auf ihrer Seite.


23.11.2007 12:13
Kennen Sie das BOHICA-Syndrom?
Kennen Sie das BOHICA-Syndrom? Es ist ein Akronym für "Bend Over, Here It Comes Again" (Da kommt's schon wieder, geht in Deckung). Und meint, wenn sich Mitarbeiter in mental gebückter Haltung einem neuen Reorganisationsprozess oder Change Management entziehen. Unter dem Motto: Das ist die 3. Welle in 2 Jahren und werden wir auch überleben. Wie lange läuft der Vertrag vom Vorstand noch?

Restrukturierungen, Fusionen, Zukäufe, harte Strategiewechsel: da macht sich bei den Führungskräften und Mitarbeitern Changezynismus breit, der auch die wohlfeilen Formulierungen von Synergieeffekten, Neuausrichtung und optimierter Performance nur noch sarkastisch kommentiert.

Eine Studie der UNI Mainz hat festgestellt, dass Veränderungsprozessen ausgewichen und abwehrender Zynismus aufbaut wird, wenn
1. vorhergehende Veränderungen als nicht erfolgreich erlebt wurden,
2. der Grund für das Scheitern in Kompetenzmängeln oder zu geringem Engagement der Verantwortlichen gesehen wurde.

Entscheidend ist das Vertrauen, dass das Top-Management im Vorfeld einer Veränderung erworben hat und durch die Herangehensweise unter Beweis stellt. Wenn Veränderungen mit einer schicksalhaften Automatik einhergehen, dass Budgets verkleinert, Teams auseinander gerissen, Stellen abgebaut, Positionen neu ausgewürfelt und Leistungsanforderungen um ein Mehrfaches gesteigert werden, dann ist der Zynismus nicht aufzuhalten. Denn die Angst von Menschen vor Arbeits-, Ansehens-, Einkommens- und Zugehörigkeitsverlust ist stärker als alle Versprechen, die keiner prüfen kann. Daher ist Fairness der maßgebliche Faktor, der Vertrauen in das Spitzenführungsteam und Erfolg der Veränderung garantiert. Nur wird dafür meistens weder ausreichend Zeit noch Geld investiert. Was sehr kurzsichtig ist!

14.08.2007 19:49
Fairness fördert Fusionserfolg
In einer von der Körber-Stiftung prämierten Studie kommt Ilka Gleibs zu dem Ergebnis, dass es für die Identifikation mit einem neuen Unternehmen wichtig ist, ob der Fusionsprozess als fair wahrgenommen wurde.

"Fusionen sind mittlerweile ja ein alltägliches Phänomen", beobachtet die Psychologin Ilka Gleibs von der Friedrich- Schiller-Universität Jena. Kaum vergehe ein Tag, an dem nicht von einer Fusion in der Wirtschaft berichtet wird. "Doch aus finanzieller Sicht scheitert mehr als die Hälfte dieser Fusionen", weiß die Doktorandin.

Die Gründe dafür, so vermutet Ilka Gleibs, liegen zumindest teilweise im mangelnden Integrationsmanagement. "Bei Fusionen werden Menschen zusammengeführt, die statt - wie bisher - in Konkurrenz zu stehen, plötzlich ein gemeinsames Ziel verfolgen."

Ausschlaggebend für die Identifikation mit der neuen Organisation sei unter anderem die im Fusionsprozess wahrgenommene Fairness. "Je mehr die Betroffenen das Gefühl haben, dass ihre alte Organisation fair behandelt wurde, desto eher sind sie auch bereit, sich mit der neuen Organisation zu identifizieren", so die Jenaer Psychologin.

Für die Praxis bedeute dies, dass Beteiligte von Fusionen immer wieder die Möglichkeit haben sollten, ihre Vorstellungen und negative emotionale Reaktionen zu artikulieren. "Nur so lässt sich Problemen, Ängsten und Widerständen, die während des gesamten Veränderungsprozesses auftreten, entgegenwirken."

21.03.2007 14:40
Durch Praktika unfair behandelt
Unternehmerverbände trommeln wieder: Es gibt einen extremen Kapazitzätsengpass in etlichen Unternehmen angesichts der stark anziehenden Auftragslage. Es fehlt an Ingenieuren, Vertrieblern usw, aber auch an einfach Beschäftigten. Die Unternehmen wollen am liebsten qualifzierte Fachkräfte aus dem Ausland einstellen dürfen. Auf diese Weise umgehen sie ihre Investitionen in die Ausbildung und Beschäftigung junger Leute und in die Fortbildung der älteren Arbeitnehmer.

Denn was bestritten wird, ist Fakt: Seit Sommer 2006 arbeitete Serpil S. donnerstags in der Filiale von Douglas in Frankfurt am Main. In einem Praktikum im Rahmen der Hauptschulkooperation mit Unternehmen erwies sich die Jugendliche als passable Mitarbeiterin; sie wurde sogar zu Sonderschichten in der Weihnachtszeit angeworben. Jetzt hat sie sich als Azubi beworben und bekam eine Absage. Douglas stelle nur Realschüler mit mindestens 2,0 Notendurchschnitt ein, meint das Unternehmen. Serpil: "Die nutzen uns nur aus".

Das ist kein Einzelfall. Auch Hochschulabsolventen schlagen sich trotz guter Noten und Auszeichnungen jahrelang mit Billigpraktika durch, ausgenutzt von Firmen als Billigkräfte. Wer so mit den jungen Menschen in unserer Gesellschaft umgeht, wer so das Potenzial junger Leute behandelt, verdient keine Erlaubnis, Fachkräfte aus dem Ausland einzustellen.

Ein Vorschlag zur organisierten Fairness: Pro ausländischer Fachkraft, die eigens aus dem Ausland angeworben wurde, muss jedes Unternehmen zwei Auszubildende oder Trainees oder einen älteren Arbeitsnehmer über 49 Jahren einstellen. Wer das nicht kann oder will, zahlt eine Abgabe in einen Fond, aus dem staatliche Weiterbildung für junge oder ältere Menschen finanziert wird. Oder gibt es bessere Vorschläge?
http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/lokalnachrichten/frankfurt/?em_cnt=1099305&

22.02.2007 10:40
Süße Verführung zum Gen-Food?
Imker und Honigliebhaber sind in Aufruhr. Durch die Aussaat gentechnisch veränderter Maissaat – Maislinie Mon 810 der Firma Monsanto – kommt es zur Verunreinigung des Honigs.

Da Bienen in einem Radius von bis zu 3 km die Pollen abfliegen, kann es dazu kommen, dass Pollen gentechnisch veränderter Maispflanzen in den Honig gelangen, wenn der Mais nicht vor dem Blühen geerntet wird. Imker haben daher im Eilverfahren eine Unterlassungsklage gegen die Überwachungsbehörden der Länder eingereicht, zumal es nach ihrer Auffassung keine Zulassung für Mon 810 in Deutschland gebe.

In Ungarn und Österreich ist der Anbau sogar ausdrücklich untersagt. Forschungen in Ungarn hatten ergeben, dass die Pollen des Gen-Maises zu ungewöhnlich hohem Raupensterben geführt haben. Untersuchungen in den USA ergaben, dass Tiere wie der Monarchfalter, der gar nicht von der genmanipulierten Pflanze betroffen sein sollte, schwer geschädigt werden. Erst die Tiere, dann der Mensch?
http://www.bienen-gentechnik.de/ http://www.keine-gentechnik.de/bibliothek/zulassung/dossier-mon-810-mais.html http://www.transgen.de/zulassung/gvo/15.doku.html

19.02.2007 19:18
Atomindustrie ohne Vertrauenskapitel
Wie wirken die Erklärungen der Atomindustrie auf Sie? Die Atomindustrie hat eine gigantische Glaubwürdigkeitslücke. Zäh sind die Erklärungen von Vattenfall Europe, die nach zwei Atommeilern in Forsmark (Schweden) – davon schrammte einer haarscharf an einer Katastrophe vorbei - nun auch einen seiner Reaktoren im Kernkraftwerk Ringhals aus Sicherheitsgründen heruntergefahren hat. Auch Oskarshamn meldet Probleme. Das dritte schwedische Atomkraftwerk Oskarshamn, das der Tochtergesellschaft OKG von E.ON gehört, meldete Probleme mit Lecks im Kühlwassersystem. Die Zeitung "Göteborgs-Posten" am selben Tag berichtete, die Atomaufsichtsbehörde SKI habe Vattenfall offiziell wegen Vernachlässigung der Sicherheit in Ringhals kritisiert. So habe man den ältesten der vier Reaktoren im Januar 14 Tage weiterlaufen lassen, obwohl Probleme am Kühlsystem für Reaktor 1 bekannt gewesen seien. Und seit 154 Tagen ist Biblis wegen Sicherheitsmängeln vom Netz, ohne dass dies das Stromangebot wesentlich beeinflusst hätten, wie stets von der Atomindustrie behauptet.

Am Wochenende ist die Atomindustrie mit einer Anzeige als Sonderbeilage in vielen Zeitungen mal wieder in die Öffentlichkeit gegangen. Die Stromerzeugung durch Atomkraft sei frei von Kohlendioxid heißt es da. Das stimmt, aber was ist danach und davor?

Die Brennelemente müssen hergestellt werden. Und wenn sie abgebrannt sind, muss man den Abfall aufwändig behandeln. Der ganze Prozess benötigt soviel zusätzliche Energie aus fossilen Quellen, dass für jede Kilowattstunde Atomstrom über 50 Gramm des Treibhausgases Kohlendioxid an die Atmosphäre abgegeben werden. Bei 167,4 Terawattstunden, die im Jahr 2006 in deutschen AKW erzeugt wurden, sind das immerhin über acht Millionen Tonnen. Und um den plutoniumhaltigen Abfall sicher entsorgen und lagern zu können, braucht man einen langen Atem: 24.000 Jahre beträgt die Halbwertzeit von Plutonium, vom dem schon Promille eines Gramms in der Atemluft eines Menschen genügen, um ihn für immer krank zu machen. 24.000 Jahre hat noch kein einziger Staat jemals auf der Erde existiert. Und schließlich: die Begrenztheit der Uranvorräte. Es gibt weltweit 435 AKW. Für die würden die bekannten Lagerstätten 40 Jahre reichen.

Die Strategie der Atomindustrie, nicht immer alle Karten auf den Tisch zu legen, Störungen zu beschönigen oder so lange es geht zu verheimlichen, sich im Energiemix von Biomasse, Wasser-, Wind- und Solarenergie zu verstecken und ein Märchen von der Treibhausgas-Einsparung durch Atomstrom aufzutischen, versetzt dem kaum vorhandenen Vertrauenskapital in der Bevölkerung den Todesstoß. Das haben sie sich verdient.

13.02.2007 16:35
Gen-Food: Aus Landwirtschaft wird Agrochemie
Wollen Sie Gen-Food essen? Gen-Kartoffeln oder Gen-Mais in Soßen, Pudding und Gebäck? Ich nicht! Gegen das althergebrachte Kreuzen von Pflanzen habe ich nichts. Da haben die Menschen eine langgeprüfte und ausgereifte Erfahrung, und wenn auf diese Weise bestimmte Merkmale einer Pflanze mit der einer anderen kombiniert oder ausgeglichen werden können, dann vollzieht der Mensch oftmals nur systematisch und absichtlich, was die Natur kennt, seit sie existiert.

Doch der Eingriff in die DNA, in die Gen-Struktur zum Zweck der Manipulation, damit beispielsweise eine Pflanze gegen hochgiftiges Pflanzengift immun ist, das dann nur die unerwünschten Pflanzen trifft, ist ein extremes, weltweites Experiment an der Menschheit mit offenem Ausgang. Die Freisetzung von Plutonium, von Quecksilber, von Asbest oder DDT in den siebziger Jahren - in Vietnam, Kambodscha, Indien usw. immer noch hier und da im Einsatz - ist dazu eine Analogie.

Gen-Technik dieser Art ist völlig überflüssig, macht die Bauern von Pharma- und Agrokonzernen abhängig - z.B. kann gentechnisch veränderter Mais nicht einfach durch Bauern selbst vermehrt, sondern muss neu angekauft werden und ist die falsche Richtung. Mit der Natur arbeiten, naturnah wirtschaften, gegen den Fortschritt von der Industriealisierung zur Chemisierung der Lebensmittel: das ist die Zukunft für Natur und Mensch. Daher: Ich will genfrei, was ich esse. Und Sie?
http://www.greenpeace.de/themen/gentechnik/anbau_genpflanzen/gen_mais_anbau_in_deutschland/


02.02.2007 10:26
Kinderarbeit bei OTTO trotz Ethik-Kontrollen
Große Aufregung beim Otto-Konzern, seiner Tochtergesellschaft Heine und schwerer Imageschaden bei sozial- und ethikbewussten Konsumenten. Der Stern hat in seiner neuesten Ausgabe aufgedeckt, dass Blusen im Angebot des Heine-Versandkatalogs von Kindern in Indien unter elendigen Bedingungen bestickt werden. Die Kinder leben in slumartigen Behausungen in Kellerwerkstätten, bekommen kein Geld, sondern lediglich das Wohn- und Aufenthaltsrecht an diesen Orten, an denen sie gleichzeitig auch die Blusen besticken. Manche waren von ihren Eltern in die Zwangsarbeit verkauft worden und mussten 14 Stunden am Tag arbeiten.

Der Otto-Versand ist mehrfach für sozial- und ethikorientierte Orientierung ausgezeichnet worden, und zwar bis an den Anfang der Lieferantenketten. Dass trotz scharfer Kontrollen und großer Anstrengungen Kinderarbeit - und dann unter diesen Bedingungen - möglich ist, zeigt, wie schwer es ist, mit Kontrollsystemen eine faire Unternehmenskultur zu implementieren und zu behaupten.

Die Otto-Gruppe hat mittlerweile die Kinder aus den Kellern geholt und an einen Ort gebracht, wo sie eine ordentliche Ausbildung erhalten. Die Blusen aus dem Heine-Katalog sind derzeit nicht lieferbar. Die Geschäftsbeziehung zum Lieferanten, der den Auftrag vergeben hatte, wurde beendet.

Wenn man schon durch Kontrolle und Leitlinien Misständen nicht völlig verhindern kann, so ehrt die rasche und radikale Maßnahme den OTTO-Versand. Noch mehr ehren würde ihn, wenn er in die ethische Bildung investieren und zur ethischen Urteilsfähigkeit weltweit beitragen würde.
http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/581567.html?q=Otto

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