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05.11.2019 12:39
Gibt's das: Fairplay in der Fußball-Bundesliga?
„Nürnbergs Benedikt Willert wurde nach einem Fehler von Bochums Fans verhöhnt. Deren Keeper verteidigte den 18 Jahre alten Debütanten.

Bochums Torwart Manuel Riemann ist seinem unglücklichen Nürnberger Kollegen Benedikt Willert zur Seite gesprungen. Der 31-Jährige ging beim 3:1-Sieg des VfL im Zweitliga-Duell mit dem FCN am Montagabend in der Halbzeit zur Bochumer Fan-Tribüne in der Ostkurve und signalisierte dem Anhang mit dem vor den Mund gehaltenen Zeigefinger, mit den Schmähgesängen gegen den jungen Keeper aufzuhören.

"Ich fand es einfach nicht angebracht, den gegnerischen Torwart runterzumachen, weil er das nicht verdient hat", sagte Riemann später. Der 18 Jahre alte Profidebütant Willert war wegen eines Patzers beim 0:2 durch Simon Lorenz (40. Minute) mit Sprechchören wie "Fünfter Torwart, jeder weiß warum" verhöhnt worden. Willert kam zu seiner Liga-Premiere, weil die anderen vier Keeper des FCN wegen Verletzung oder Krankheit nicht zur Verfügung standen.

Riemann fand, sein Gegenüber habe "ein richtig gutes Spiel gemacht. Für mich war das kein Fehler von ihm. Es war kein einfacher Ball, der kam mit viel Schnitt zum Tor, ist vorher aufgesprungen und auch die Mauer ist auseinandergegangen". Riemann sagte zu seiner Fairplay-Geste: "Deswegen war es mir ein Anliegen, den Fans mitzuteilen, dass sie die Rufe doch bitte unterlassen sollen."“

dpa

23.10.2019 12:04
Was ist ein faires Gehalt? New Pay im Trend
New Pay heißt ein neuer Trend in Unternehmen. Mit New Work stehen heute die herkömmlichen Anreizsysteme und Vergütungsprinzipien zur Diskussion. Wann ist ein Gehalt „fair“? Warum sind Boni keine gute Idee? Wer soll Leistung bewerten? Gehalt ist ein sensibles Thema. Kaum ein Unternehmen traute sich bisher daran, die eigenen Vergütungsstrukturen auf den Prüfstand zu stellen.
Jetzt stellen sich so manche Unternehmen die Fragen, wofür sie ihre Beschäftigten bezahlen, in welcher Form vergütet und wie verteilt werden soll.

Das Autorenteam Sven Franke, Stefanie Hornung, Autorin und Journalistin, und Nadine Nobile hatte mit dem Buch „New Pay – Alternative Arbeits- und Entlohnungsmodelle“ diese Diskussion mit Argumenten und Praxisbeispielen befeuert. Und einen neuen Begriff geschaffen: „New Pay“. Grund genug für Helge Weinberg, um ein Gespräch mit Stefanie Hornung zu führen:

„Wenn ich den Austausch auf Twitter und in anderen sozialen Netzwerken betrachte, dann ist das Interesse an New Pay groß. Frage: Was ist eigentlich „New Pay“ genau?

Stefanie Hornung: Wir als Autorenteam haben diesen Begriff schon 2017 verwendet. Damals hatten wir uns Unternehmen angeschaut, die sich mit New Work befassen und uns gefragt, woran es oft hakt und welcher Aspekt zu kurz kommt. Da sind wir schnell beim Gehalt gelandet. Deshalb haben wir eine Blogparade ausgerufen und durch den zugehörigen Hashtag kam New Pay in die Welt. „New Worker“ und Vergütungsberater haben den Begriff sehr schnell aufgegriffen. Für uns ist New Pay kein fertiges Gehaltsmodell von der Stange, sondern ein Veränderungsprozess: Es geht darum, ein Vergütungssystem zu schaffen, das zur Form der Zusammenarbeit in einer Organisation passt.

Warum sollten Unternehmen sich der Mühe unterziehen, neue Gehaltsstrukturen einzuführen?
Weil dies zu größerer Fairness führen kann – ein Aspekt, der für Mitarbeiterbindung eine große Rolle spielt. Wir empfehlen neue Gehaltsstrukturen vor allem dann, wenn Unternehmen vermehrte Unzufriedenheit bei den Beschäftigten wahrnehmen. Die Arbeitswelt und der Wertewandel der Menschen hat sich tendenziell schneller verändert als die Vergütungssysteme, die sehr zementiert sind und teilweise jahrelang nicht angefasst wurden. Wenn mehr Selbstverantwortung und Entscheidungskompetenz von Mitarbeitern gefragt sind, widerspricht das hierarchischen und intransparenten Vergütungsentscheidungen.
Starke Störgefühle haben wir häufig in kleinen und mittleren Unternehmen beobachtet, vor allem, wenn sie Softwareentwickler beschäftigen und sich Arbeitsstrukturen stark wandeln. Da sehen wir heute schon Ansätze von New Pay. In großen Unternehmen hingegen geht die Diskussion jetzt erst richtig los. Dabei gibt es leider keine Blaupause. Vergütung ist ein sehr komplexes Thema.

Welche Werte kennzeichnen das Konzept New Pay?
Bei der Analyse verschiedener Unternehmen für unser Buch sind sieben Prinzipien, die eng mit Ideen von New Work verknüpft sind, immer wieder aufgetaucht: Fairness, Transparenz, Selbstverantwortung, Partizipation, Flexibilität, Wir-Denken und Permanent Beta. Natürlich sind diese Dimensionen nicht in jedem Unternehmen gleich ausgeprägt. Sie können aber als Hilfskonstrukt dienen, um herauszufinden, wo die Organisation steht und welcher Ansatz am besten dazu passt.
Wir sehen das Thema „Fairness“ als zentral an. Im Endeffekt geht es bei einem Vergütungssystem immer darum, dass die Mitarbeiter die Entlohnung als möglichst gerecht empfinden. Da die Transparenz in Unternehmen insgesamt zunimmt, auch getrieben durch soziale Netzwerke und verschiedene Plattformen, kommt es häufiger zu internen Aushandlungsprozessen. Dabei gilt es, sich auf bestimmte Werte zu einigen, die sich dann auch im Vergütungssystem widerspiegeln.

Was ist denn ein faires Gehalt?
Das ist sehr individuell verschieden, aber generell gilt: Wenn es nachvollziehbar und konsistent ist –wenn man also das Verfahren und die Verteilung der Gehaltsfindung einleuchtend erklären kann. Die Gerechtigkeitsforschung zeigt, dass selbst ungleiche Gehälter als gerecht empfunden werden, wenn dies der Fall ist. Ein System, bei dem der beste Verhandlungskünstler am meisten verdient, erfüllt diese Voraussetzung selten. Nachvollziehbarer sind Faktoren wie Ausbildung oder Berufserfahrung. Der Grad an Transparenz kann dabei unterschiedlich sein. Oft genügt es, das Verfahren transparent zu machen. Es hängt allerdings stark von der Unternehmenskultur und dem gewählten Vergütungsansatz ab. Bei Fairness geht es ja um gefühlte Gerechtigkeit: Und da sollten Unternehmen stärker nachfragen, was sich ihre Mitarbeiter darunter vorstellen.

Ich habe in Eurem Buch drei „Zusatzprinzipien“ gefunden, von denen ich zumindest eines als relevanter in Sachen Gehaltsfindung empfunden hätte: „Leistungsorientierung“. Bei vielen Unternehmen steht sie im Vordergrund. Wie sollten diese damit umgehen, etwa im Vertrieb?
Die Leistung der Mitarbeiter ist für Unternehmen natürlich ein wichtiger Aspekt, aber sie lässt sich nur sehr schwer messen. Die Frage dabei ist außerdem, welche Art von Leistung Organisationen priorisieren – Einzelkämpfertum oder Teamleistung. Letzteres spiegelt sich in der Dimension Wir-Denken und damit ist schon klar, dass „New Pay“ mit individuellen Boni schwer vereinbar ist. Die Forschung kommt inzwischen auch zu dem Schluss, dass extrinsische Faktoren wie Boni nur kurzfristig wirken und eher für standardisierte Tätigkeiten geeignet sind.
Es gibt einige Unternehmen, die individuelle Boni zugunsten von Team- und Unternehmensboni abgeschafft haben. Infineon und Bosch waren da die Vorreiter. Es spricht viel dafür: Beispielsweise, dass die Belohnung von sogenannten Leistungsträgern den Rest eines Teams demotiviert. Das gilt auch im Vertrieb. Bosch hat die individuellen Boni im Vertrieb abgeschafft und das hatte keine negativen Auswirkungen auf das Unternehmensergebnis. Vertriebler sind allerdings häufig anders konditioniert, weil sich Leistung da vermeintlich so leicht an den Verkaufszahlen ablesen lässt. Da gilt es, alte Denkmuster aufzubrechen und neue Formen der Anerkennung zu finden. Denn auch das Berufsbild Vertrieb ändert sich: Häufig geht es nicht mehr nur um den Verkauf, sondern auch um Beratung oder gar Co-Creation mit dem Kunden.

Ihr nennt als einen Ansatz von New Pay auch die Leistungsbewertung über Teamfeedback. Ist das wirklich besser als die Einschätzung durch den Vorgesetzten?
Häufig ist es zumindest besser, als allein das jährliche Mitarbeitergespräch dafür heranzuziehen. Feedback durch die Führungskraft ist wichtig, aber sollte es über das Gehalt bestimmen? Es gibt unterschiedliche Ansätze, Leistung zu bewerten – neben der Einschätzung des Chefs eben die der Kollegen oder auch eine Selbsteinschätzung des Mitarbeiters, der vermutlich am besten weiß, was er geleistet hat. Bei manchen Vergütungsansätzen im New-Pay-Umfeld spielt individuelle Leistung gar keine Rolle mehr. Das hat den Nachteil, dass manche Fachkräfte, die am Arbeitsmarkt sehr gesucht sind, möglicherweise schwer zu halten sind. Es ist immer ein Abwägen: Jeder Ansatz hat Vor- und Nachteile. Unternehmen müssen sich entscheiden, welcher Aspekt für sie wichtiger ist.

Wie sollten Unternehmen bei der Einführung neuer Gehaltsstrukturen vorgehen?
Es macht Sinn, erst einmal mit einer Gruppe von Mitarbeitern eine Statusanalyse zu machen. Es geht um Fragen wie: „Was sind die Vorstellungen der Mitarbeiter?“, „Wie passt ein bestimmtes Modell zur Kultur im Team oder im Unternehmen?“ oder „Wo soll sich die Organisation in Sachen Zusammenarbeit in den nächsten Jahren hin entwickeln?“. Man sollte sich überlegen, welche positiven und negativen Effekte zu erwarten sind, wenn man an bestimmten Stellschrauben im Vergütungssystem dreht. Uns sind rund 100 Unternehmen bekannt, die sich auf den Weg zu neuen Gehaltsstrukturen gemacht haben – und es werden immer mehr. Es ist sinnvoll, sich mit denen auszutauschen, die schon ihre Erfahrungen gemacht haben.

Interviewpartnerin:
Die freie Journalistin Stefanie Hornung ist auf die Themen Personalmanagement, New Work und Diversity spezialisiert. Sie beschäftigt sich zudem mit der Zukunft von Journalismus und Corporate Publishing. Stefanie Hornung gehörte viele Jahre als Pressesprecherin zum Team der größten deutschen Personalfachmessen, der Zukunft Personal (heute: Zukunft Personal Europe) sowie der Personal Nord und Süd (heute: Zukunft Personal Nord und Zukunft Personal Süd) und war Chefredakteurin des Online-Portals HRM.de.

Buch:
Sven Franke, Stefanie Hornung und Nadine Nobile; New Pay – Alternative Arbeits- und Entlohnungsmodelle; Haufe-Lexware GmbH & Co. KG; Freiburg; 1. Auflage 2019; 285 Seiten; Print: ISBN 978-3-648-11725-5; Preis: 39,95 Euro“

"New Pay auf Human Resources Manager"

23.09.2019 12:11
Rupert Lay im Hörbuch und als Podcast
Das „Rupert Lay Lesebuch“ mit dem Titel „Was dem Leben dient“ (Hamburg 2019) gibt es nun auch als Hörbuch und als Podcast.

Aus den 49 Büchern von Prof. Dr. Rupert Lay SJ gibt es in 8 Themenfeldern meist kurze, gut verständliche Schlüsselpassagen, die seine vielfältige biophile Philosophie und Ethik spiegeln. Sie zentrieren sich in der Maxime Lays: „Handle stets so, dass Du das personale Leben in Deiner Person als auch in der Person des anderen eher mehrst denn minderst“. Ein Glossar erschließt zentrale Begriffe der Ethik der Biophilie (= Liebe zum Leben).

Hörbuch:
Die Ethik der Biophilie für Entscheiden und Handeln - Das Rupert Lay Lesebuch

Das Buch "Was dem Leben dient" können Sie auch als Hörbuch streamen oder kaufen. Das Hörbuch ist in folgenden Stores erhältlich:
"bei Google Play"
"Bei Spotify"
"Bei Deezer"
"Bei YouTube Music"
"Bei Napster"
"Bei Tidal"

Sprecher: "Erich Ruhl-Bady"

Podcast:
Die Ethik der Biophilie für Entscheiden und Handeln - Das Rupert Lay Lesebuch können Sie auch als Podcast abonnieren. Jeden Tag erscheint eine neue Folge. Sie können den Podcast mit folgender URL direkt zu Ihrem Podcatcher hinzufügen:
"services.fairness-stiftung.de/LayPodcast.aspx"

Der Podcast ist in folgenden Podcastverzeichnissen verfügbar:
"bei iTunes"
"bei Spotify"
"bei Deezer"
"Bei Podcast"
"bei fyyd"

Sprecher: "Erich Ruhl-Bady"

Nutzen Sie die Möglichkeiten:
• Das komplette Hörbuch kaufen und downloaden
• oder das Hörbuch im Internet hören
• oder den Podcasts im Internet
• oder mit Download nutzen.

Sie sind frei und finden unter den angegebenen Links die entsprechenden Schritte. Wenn Sie bei einem der Anbieter schon Kunde sind, ist es für Sie einfach und leicht zugänglich.

Wir wünschen Ihnen gutes Zuhören und gute Anregungen.

Zum 90. Geburtstag Rupert Lays ehrt das Buch einen Philosophen, der auch nach dem Entzug der Lehrerlaubnis, dem Verweis aus der Ordensniederlassung St. Georgen (Frankfurt am Main) und dem Interviewverbot zu theologischen Fragen wegen seines Buches „Nachkirchliches Christentum“ weiter für eine biophile Ethik eintritt. Sein letztes Buch „Über die Liebe zum Leben“ (Tredition 2018) gilt als Spitze seiner Publikationen. Rupert Lay war 1967 bis 1997 Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie. Ab 1967 auch psychotherapeutische Praxis sowie Coaching für Führungskräfte. 2000 Gründungsmitglied und Vorsitzender, inzwischen Ehrenvorsitzender, des Kuratoriums der gemeinnützigen Fairness-Stiftung. Ein „Leitstern ethischer Orientierung“ (managerseminare).

Das gebundene Buch finden Sie unter:

"Was dem leben dient. Rupert Lay Lesebuch"

26.08.2019 09:20
Fairness - damit die Seele wieder Tritt fasst
Wir möchten Sie auf den diesjährigen Fairness-Thementag am 21.9.2019 im Haus am Dom in Frankfurt am Main aufmerksam machen und dazu einladen:

Fairness - damit die Seele wieder Tritt fasst

Wie gibt es Hoffnung für psychisch belastete und erkrankte Menschen? Wozu Genesung Teilhabe braucht

Fast jeder dritte Deutsche zwischen 18 und 65 Jahren leidet mindestens einmal pro Jahr unter einer psychischen Störung. Psychische Belastung ist für viele Menschen Alltag geworden. Doch Gesellschaft und Wirtschaft tun sich schwer, für psychisch belastete und erkrankte Menschen Wege zu bahnen und zu begleiten, die sie dabei unterstützen, die Situation zu überwinden.

Für die gesellschaftliche und arbeitsmäßige Integration und Inklusion fehlt es vor allem an Fairness. Fairness durch Überwinden der Vorurteile gegenüber psychisch erkrankten Menschen, Fairness durch menschenwürdige Ansprache und Begleitung, Fairness durch stärkende und ermutigende Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch, durch Information und Reflexion die Angst vor psychisch erkrankten Menschen zu nehmen und zu Begegnung und Kommunikation zu motivieren.

Drei Fachfrauen werden vor dem Hintergrund ihrer eigenen Psychiatrieerfahrung dazu sprechen und am Nachmittag in Workshops anleiten.

Vormittag 9 Uhr
In einer Gesprächsrunde auf dem Podium wird das Thema entfaltet von
•Margret Osterfeld, Psychiaterin, Psychotherapeutin, derzeit mit einem Mandat bei den Vereinten Nationen in Bezug auf Psychiatrie und Menschenrechte tätig, psychiatrieerfahren
•Claudia Mönius, Kulturwirtin M.A., Coach, psychiatrieerfahren
•Christiana Wirtz, Historikerin, Journalistin, Redakteurin, psychiatrieerfahren
Moderation: Dr. Norbert Copray, Fairness-Stiftung

Nachmittag: Workshops (WS) 14 Uhr
WS 1: „Selbstbefähigung fördern. Wie man psychisch erkrankten Menschen helfen kann, wieder in der Gesellschaft Tritt zu fassen“
WS 2: „Der Pfad der Emotionen. Wie man zum Mut kommt“
WS 3. „Was es braucht, selbst wieder Tritt zu fassen. Das postkritische Leben“
WS 4: „Tritt fassen jenseits von Worten. Kunsttherapeutische Annäherungen“

Kooperation von Haus am Dom, Rhabanus Maurus-Akademie Bistum Limburg, Fairness-Stiftung und Leserinitiative Publik-Forum e.V.

"Anmeldung über das Ticket-System vom Haus am Dom www.hausamdom-frankfurt.de"




20.08.2019 17:56
Ernst gemeint oder Fake: Absage an Shareholder Value durch Konzernbosse
Kommt jetzt Fairness für Kunden, Beschäftigte, Lieferanten und Bürgern – ausgerechnet durch globale Player im Business? Kaum zu glauben. Doch Ines Zöttl, Korrespondentin des SPIEGEL in Washington meldet: „Eine ganze Managergeneration fühlte sich der Gewinnmaximierung verpflichtet. Doch nun lassen Amerikas mächtigste Konzernchefs von dem Ziel ab, vorrangig die Aktionäre zu beglücken. Ihre Kritiker wird das kaum besänftigen.

Diese Revolution hat einer angezettelt, der mitten im Herzen des Establishments sitzt: Jamie Dimon ist sozusagen an der Wall Street aufgewachsen. Vater und Großvater waren Aktienhändler, er selbst hat seine ganze Karriere in der New Yorker Finanzbranche verbracht. Heute führt der 63-Jährige Amerikas größte Bank JPMorgan Chase und verdient jährlich rund 30 Millionen Dollar. Doch seit einiger Zeit scheinen Dimon Zweifel am System befallen zu haben. "Der amerikanische Traum lebt - aber für viele erodiert er", schrieb der Sohn griechischer Einwanderer kürzlich besorgt an die "lieben Mitaktionäre", während der beiliegende Geschäftsbericht einen Rekordgewinn der Bank für 2018 auswies.

Nun haben die Miteigner erneut Post von Dimon bekommen - diesmal als eine zweiseitige Anzeige im Wirtschaftsblatt "Wall Street Journal". Darin verabschiedet sich Amerikas Konzernelite vom Vorrang des "Shareholder Value", dem Konzept, das die Steigerung des Firmenwerts und Aktienkurses zur wichtigsten Aufgabe jeden CEOs erklärt. 181 Topmanager haben die "Erklärung zum Zweck eines Unternehmens" der Vereinigung Business Roundtable unterzeichnet, der Dimon vorsitzt. Mit dabei sind alle, die in der America Inc. Rang und Namen verkörpern.
Amazon-Gründer Jeff Bezos hat genauso unterschrieben wie Tim Cook von Apple oder GM-Chefin Mary Barra. Auch Ford, Coca-Cola, Walmart, Bayer, Siemens, Exxon, SAP, Goldman Sachs und der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock sind mit von der Partie.

"Die Amerikaner verdienen eine Wirtschaft, die allen Menschen ermöglicht, mit harter Arbeit und Kreativität Erfolg zu haben und ein erfülltes und würdevolles Leben zu führen", schreiben sie. Dann geloben die Unterzeichner allen ihren Stakeholdern Fairness: den Kunden, den Beschäftigten, den Lieferanten und den Bürgern. Ach so, und dann wären da ja noch die Aktionäre, denen der letzte Spiegelstrich der Aufzählung gewidmet ist. Für sie will man immerhin einen "langfristigen Wert" ihrer Geldanlage schaffen.

Amerikas Wirtschaft wirft damit ein Mantra auf den Müllhaufen der Geschichte, das eine ganze Managergeneration geprägt hat. 1997 hatten sich die im Roundtable organisierten Unternehmen darauf verpflichtet, künftig "in erster Linie" den Anteilseignern zu dienen. Dabei blieb es zwei Jahrzehnte lang. Die Belange der sonstigen Interessengruppen spielten nach dieser Lesart nur "als Ableitung" der Verpflichtung gegenüber dem Aktionär eine Rolle, ganz so, wie es der Chicagoer Ökonom Milton Friedman empfohlen hatte. Nach dem Konzept des Wirtschaftsnobelpreisträgers beschränkt sich die Aufgabe der Unternehmen darauf, die Gewinne zu maximieren. Dabei müssen sie Gesetze und fundamentale Regeln einhalten, mehr aber auch nicht. Alle anderen gesellschaftlichen oder ethischen Zielsetzungen seien nicht Sache der Firmen, sondern des einzelnen Bürgers und des Staates.

Mehr Haltung zeigen

Die Idee, dass die unternehmerische Gier am Ende zum optimalen Ergebnis für die Volkswirtschaft führt, überzeugt jedoch immer weniger Amerikaner. Mit ihrer Abkehr von der Shareholder-Priorisierung reagierten die Unternehmen "auf den Zeitgeist", glaubt die Historikerin Nancy Koehn von der Harvard Business School. "Sie nehmen wahr, dass Business as usual nicht länger akzeptiert wird", sagte sie der "New York Times".
In einer Studie von 2018 forderten 78 Prozent der Befragten, dass die Unternehmen positiv auf die Gesellschaft wirken sollten. Die Vorstände stehen zunehmend unter Druck, sich zu Fragen wie Einwanderungspolitik oder Rassismus zu positionieren. Viele Millennials verlangen von ihrem Arbeitgeber Haltung. So zirkulierten Google-Mitarbeiter jüngst intern eine Petition, die sich gegen Geschäfte des Cloud-Anbieters mit den US-Einwanderungsbehörden wandte.
Die nun vorgelegten neuen Prinzipien der Unternehmensführung spiegelten besser, "wie Konzerne heute arbeiten können und sollen", sagt der Chef des Konsumgüterherstellers Johnson & Johnson, Alex Gorsky, der ebenfalls unterschrieben hat. "Es unterstreicht die zentrale Rolle, die Unternehmen darin spielen können, unsere Gesellschaft zu verbessern."

Gezielte Kampagne

Allerdings dürfte der Wirtschaft auch daran gelegen sein, sich auf diese Weise aus dem Schussfeld der Wahlkampfschlacht zu bringen. Denn die aussichtsreichen demokratischen Präsidentschaftsbewerber Elizabeth Warren und Bernie Sanders profilieren sich bei ihrer linken Basis mit Kritik an der vermeintlichen Übermacht der Konzerne. Die "rhetorische Umarmung" aller Stakeholder ziele mutmaßlich auch darauf ab, mögliche Reformen bei der Besteuerung und Regulierung der Unternehmen abzuwehren, mutmaßte der frühere Finanzminister Larry Summers in der "Financial Times".

Nicht nur er bezweifelt, dass es den Managern wirklich ernst ist. "Wir brauchen mehr als eine PR-Aktion", erklärt der linke Senator Sanders zu dem Vorstoß. "Wir brauchen einen konkreten Plan." Die Unternehmen müssten Jobs zurück nach Amerika holen, auskömmliche Löhne zahlen, ihre Angriffe gegen Gewerkschaften einstellen und höhere Steuern zahlen.

"Ich bin neugierig, ob irgendein CEO mir ein einziges greifbares Beispiel von etwas schickt, was man aufgrund dieser vermeintlich bahnbrechenden Erklärung stoppen wird", ätzt auch Anand Giridharadas, Autor des elitenkritischen Bestsellers "Winners Take All". Und auch Historikerin Koehn hält es für offen, ob sich die Geschäftspolitik wirklich verändert.

Kritik kommt allerdings auch aus dem anderen Lager. Wer vielen verantwortlich sei, sei am Ende keinem wirklich verpflichtet, warnte der Corporate-Governance-Experte Charles Elson von der University of Delaware in der "Washington Post". Er sieht zwischen dem Ziel des langfristigen Shareholder Value und der Zufriedenheit der Beschäftigten und Kunden keinen Widerspruch.

Tatsächlich haben nicht alle Roundtable-Mitglieder die Erklärung unterschrieben. So fehlen - aus ungenannten Gründen - unter anderem die Chefs der Investmentgesellschaft Blackstone und GE. Vielleicht spielt auch Angst vor dem Zorn der Aktionäre mit. Einige Firmenjuristen seien beim Lesen des Dokuments "zurückgeschreckt", berichtet das Nachrichtenportal Axios, und hätten protestiert. Denn Firmenchefs, die sich nicht nur den Eigentümern, sondern hehren Zielen verschrieben, riskierten eine Verletzung der Treuepflicht gegenüber den Aktionären.

Am Ende setzten sich trotzdem die Reformer durch. Jamie Dimon scheint zu wissen, was er tut. 80 Prozent seines Jahresgehaltes wurden ihm in Aktien seines Unternehmens ausgezahlt“.

Das wird ein spannender Prozess. Mit ihm käme die Fairness praktisch in der Mitte der Geschäftswelt, der globalen Wirtschaft, an.

"Der unglaubliche Bericht aus Washington bei Spiegel Online"

09.08.2019 09:13
Wenn Anwälte Presse bedrohen
Medienunternehmen und -redaktionen in Deutschland werden immer wieder von auf Presserecht spezialisierten Anwält*innen unter Druck gesetzt. Seit einigen Jahren versuchen vor allem Prominente und Unternehmen mithilfe von Anwält*innen, die Berichterstattung bereits im Vorfeld, also schon während der Recherche, zu verhindern - beispielsweise durch Drohschreiben, in denen vor den rechtlichen Konsequenzen einer Berichterstattung gewarnt wird.

Diesem Wandel und der Frage, inwiefern die neuen strategischen Ansätze erfolgreich sind, sind Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der TU Dortmund, und Daniel Moßbrucker, freier Journalist und Doktorand, in der Studie „Wenn Sie das schreiben, verklage ich Sie!“ nachgegangen. Für die empirische Pionierarbeit wurden zahlreiche Quellen ausgewertet und intensive Gespräche mit Journalist*innen und Anwält*innen geführt.

Die 96-seitige Studie wurde von der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) und der Otto Brenner Stiftung (OBS) unterstützt. Das gemeinsame Fazit von Autoren und Förderern: Das Unterlassen juristischer Gegenwehr durch Medienunternehmen schwächt die Meinungs- und Pressefreiheit.

„Zwar führen anwaltliche Drohschreiben bei den meisten Journalistinnen und Journalisten nicht zur Einschüchterung oder gar Selbstzensur“, sagte Tobias Gostomzyk am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie in Berlin. „Doch vor allem bei Medienunternehmen, deren finanzielle Lage angespannt ist, sinkt seit einigen Jahren die Bereitschaft, kostenintensive Gerichtsprozesse zu führen.“

Neben der Analyse skizziert die Studie auch Lösungsansätze und stellt Handlungsempfehlungen zur Diskussion. Autor Daniel Moßbrucker schlägt vor, dass „Medien sich selbst verpflichten sollten, Verfahren von grundsätzlicher Bedeutung höchstrichterlich gerichtlich klären zu lassen – und sich so gemeinsam für die Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen.“

„Wenn Verlage kleinbeigeben, anstatt presserechtliche Streitigkeiten vor Gericht auszufechten, ist das in zweierlei Hinsicht fatal. Vorschnelle Unterlassungserklärungen gefährden nicht nur eine kontinuierliche kritische Berichterstattung, sondern führen auf lange Sicht auch zu einer Verschiebung des Presserechts zulasten der Pressefreiheit“, fasst die Juristin Sarah Lincoln von der GFF ihre Schlussfolgerung aus Sicht der Förderer der Studie zusammen.

Für die Studie wurden unter anderem über 40 Journalist*innen, 20 führende Presserechtler*innen, Justitiare von über 20 Medienunternehmen sowie zahlreiche Fachanwa¨lt*innen für Urheber- und Medienrecht befragt. „Mit der Studie liegen erstmals aussagekräftige und überprüfbare Daten darüber vor, welche Folgen die Drohschreiben von Anwält*innen gegenüber Medien haben“, hebt Jupp Legrand von der Otto Brenner Stiftung hervor.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse fordert die OBS eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen: „Redaktionen und freie Journalist*innen müssen auch in Zukunft“, so OBS-Geschäftsführer Legrand, „ohne Sorge vor rechtlichen Risiken recherchieren und ihren Job machen können.“

Tobias Gostomzyk/ Daniel Moßbrucker: „Wenn Sie das schreiben, verklage ich Sie!“ Studie zu präventiven Anwaltsstrategien gegenüber Medien, OBS-Arbeitsheft 99, Frankfurt am Main, August 2019

"Das Arbeitsheft der Otto Brenner Stiftung zur Studie"

07.08.2019 12:47
Rechts braucht Aufklärung und Gegenargumente
Hier gibt es Argumentationshilfen gegen rechte Vorurteile und Behauptungen.

"Immer die anderen?
Ob im Betrieb, in der Kneipe oder bei Familienfeiern: Es wird gelästert, beleidigt, gemobbt und gelegentlich sogar geschlagen. Menschen anderer Religion, Hautfarbe, Nationalität, sexueller Orientierung oder anderen Geschlechts werden diskriminiert. Doch oft sind wir sprachlos. Wissen nicht, wie wir antworten sollen. Vor allem wenn der Fußballfreund oder die nette Tante ihre diskriminierenden Einstellungen zeigen.

Entgegnen – überall
Rassismus beschränkt sich nicht auf die rechte Szene. Er begegnet uns überall. Auch in Schule und Beruf. Und wir können überall etwas dagegen tun. Indem wir etwas dagegen sagen. Indem wir uns der Auseinandersetzung stellen. Überzeugte Rassist_innen oder Nazis werden ihre Meinung vielleicht nicht durch ein Gespräch ändern. Aber sie spüren den Gegenwind. Und du kannst Zuhörer gewinnen und begeistern. Für Solidarität und Gleichheit.

Das Schweigen brechen
Hier findest du einige weit verbreitete diskriminierende und rassistische Vorurteile. Und Fakten und Argumente, mit denen du sie entkräften kannst. So kannst du diskriminierenden und fremdenfeindlichen Äußerungen den Boden entziehen:

Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.
Diese Einstellung ist leider weit verbreitet. Nicht nur bei Parteien wie der NPD. Auch im bürgerlichen Spektrum. Doch hier treffen sich Vorurteil und Unkenntnis.

Arbeitslose Ausländer sind selbst schuld, weil sie schlecht qualifiziert sind.Der faule, dumme Ausländer hält sich hartnäckig als Vorurteil. Die Sachlage scheint einfach. Ist sie das?
Viele Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, sind überdurchschnittlich gut ausgebildet. So stellte das Institut der deutschen Wirtschaft bspw. fest, dass 25 Prozent der eingewanderten Personen aus Rumänien und Bulgarien ein Studium abgeschlossen haben. Nur 19 Prozent der Deutschen können das von sich behaupten.
Die Bundesagentur für Arbeit übergeht bei Weiterbildungsmaßnahmen viele Ausländer_innen, weil ihnen Bildungsferne und andere Vermittlungshemmnisse unterstellt werden. Dabei sind beispielsweise überdurchschnittlich viele Schüler_innen an Abendschulen Ausländer_innen.

Ausländer sind krimineller als Deutsche. —
Verweise auf die Kriminalstatistik werden gerne angeführt. Sie scheint Sicherheit zu geben. Zur Rechtfertigung ausländerfeindlicher Einstellungen und Bemerkungen. Die Statistik lügt schließlich nicht. Oder?

Homosexualität finde ich krank. Den Menschen muss man doch helfen können. —
Solchen Bemerkungen sind vermutlich schon einige von uns begegnet. Oft genug bleibt es nicht dabei: Häufig werden Menschen gleichgeschlechtlicher oder bisexueller Orientierung Opfer von Beleidigungen oder tätlicher Gewalt.

In der Demokratie haben alle das Recht, zu demonstrieren.
Immer wieder versuchen Nazis mit solchen Sätzen, ihre Demonstrationen juristisch zu rechtfertigen. Aber auch engagierte Demokrat_innen kann eine mögliche Einschränkung der Meinungsfreiheit verunsichern. Das muss nicht sein.

Ausländer kommen nur nach Deutschland, um den Sozialstaat auszunutzen. —
Es ist alarmierend: Fast 30 Prozent der Bevölkerung stimmen dieser Aussage zu. Das hat eine Studie der Friedrich-Ebert Stiftung aus 2014 ergeben.

Wenn man etwas gegen Rechtsextremismus tun will, muss man auch etwas gegen den Linksextremismus machen.
Nicht nur geschulte Nazikader wollen mit diesen Worten bei Diskussionen Kritik von sich ablenken. Auch das konservative politische Lager verfällt auf ähnliche Argumente. Auch, um antifaschistische Initiativen zu diskreditieren.

Es muss auch einmal Schluss sein mit der ewigen Schuld Deutschlands an den Verbrechen des Nationalsozialismus.
Nazis schweigen die Verbrechen des Nationalsozialismus tot. Oder leugnen sie. Aber auch die Mitte der Gesellschaft konfrontiert uns mit diesem Standpunkt. Oft begleitet von sehr emotionalen Diskussionen. Wichtig ist hier ein klarer Kopf. Durch offensives Nachfragen kannst du aus dieser großen These mehrere kleine herauskitzeln. Und die sind wesentlich leichter zu widerlegen. Also:

Deutschland und seine Kultur werden durch die vielen Ausländer in gefährlichem Maße überfremdet!
Über 29 Prozent der Deutschen stimmen dieser Aussage laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2014 zu. Aber wer ist mit „den Ausländern“ gemeint?
Eine Frauenquote kann auch nicht die Lösung sein.

Frauen in Führungspositionen erhitzen schnell die Gemüter. Geschlechtergerechtigkeit wollen viele, doch bei der Frage nach dem Mittel zum Zweck scheiden sich die Geiste."

Ausführlicher zu den Vorurteilen, Thesen und Behauptungen, die auch von Teilen der AFD, der CSU und anderer Parteien geteilt werden, finden sich unter:
https://www.aktiv-gegen-diskriminierung.info/argumentationshilfen

Auf dem Portal der Verdi-Jugend.

05.07.2019 15:59
25 Jahre Amazon: Ein Händler ohne Gewissen
Warum kaufen eigentlich Menschen bei Amazon?, fragt sich Svenja-Bergt von der taz. Und fragt weiter: " Vor allem im Prime-Programm, wo Kund:innen, vereinfacht gesagt, bezahlen, um einzukaufen?

Stellen wir die unbeantworteten Fragen einen Moment zurück und kümmern uns um wasserdichte Fahrradtaschen. Solche Taschen verkauft der Outdoor-Hersteller Ortlieb, und zwar unter keinen Umständen über Amazon – auch wenn sich nicht ganz verhindern lässt, dass Drittanbieter die Produkte dort anbieten. „Graumarktprodukte“, erläutert das Unternehmen, und dass sich so etwas höchstens verhindern ließe, wenn man jedes Teil umständlich mit elektronischen Trackern ausstattete. Jedenfalls: Amazon wirbt quasi über Ortlieb für sich selbst. Denn wer bei Google etwa nach Fahrradtaschen der Firma sucht, bekommt eine Anzeige von Amazon ausgespielt. Dahinter: Graumarktprodukte. Und solche der Konkurrenz.

Und deshalb bekam Amazon, einen Tag vor dem 25. Firmenjubiläum am Freitag, eine Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof. Dabei geht es nur vordergründig um einen Streit um Markenrechte. Dahinter steht eine viel größere Frage: Was darf sich ein Unternehmen, bei dessen marktbeherrschender Stellung es ein Wunder ist, dass sich nicht das Wort „amazonen“ für „online bestellen“ durchgesetzt hat, eigentlich so erlauben? Also abgesehen von zweifelhaften Steuerpraktiken, ausgebeuteten Mitarbeiter:innen und einer riesigen Datensammlung über die Nutzer:innen? Und 25 Jahre nach der Firmengründung ist das eine der Fragen, die tatsächlich dringend eine Antwort braucht.

Gäbe es irgendwo im Amazon-Firmenuniversum so etwas wie eine Unwichtigkeitsliste, auf der all diejenigen stehen, auf die der Konzern so überhaupt nicht gedenkt Rücksicht zu nehmen, dann stünde Ortlieb wohl ziemlich weit oben. Gemeinsam mit allen anderen Herstellern, die ihre Waren unter keinen Umständen über Amazon selbst oder den Amazon Marketplace – ein Unterschied, der für die meisten Käufer:innen kaum zu erkennen ist – verkauft sehen wollen. Weil sie sich eine besondere Beratung für ihre Kund:innen wünschen, weil ihnen die eigenen Verkaufskanäle ausreichen oder weil sie fürchten, dass ihre Produkte zu Ramschpreisen verkauft werden.

Gesundheitsdaten könnten die Zukunft sein

Auf Platz zwei: Unternehmen, die über Amazon ihre Waren verkaufen. Kooperation führt nicht zu Wohlwollen. Denn läuft etwas gut, ist es für Amazon ganz einfach: das Produkt selbst ins Sortiment nehmen, es vom Algorithmus ordentlich nach oben pushen lassen und dann die Marge einstreichen. Es gibt Berichte von Händlern, deren Amazon-Präsenz unter merkwürdigen Umständen gesperrt wurde. Und die dann, als sie aus dem Chaos aus Entsetzen, Begreifen, Schadensbegrenzung und den Tiefen der Beschwerdekommunikation mit Amazon wieder auftauchten, feststellen mussten: Aha. Die verkaufen die Produkte aus meinem Sortiment jetzt also selbst. Sogar das Bundeskartellamt prüft seit vergangenem Jahr, ob Amazon seine Marktposition gegenüber den Händlern ausnutzt. Und seit diesem Jahr ermitteln auch die österreichischen Behörden.

Es gibt auch noch einen dritten Platz, und da landen die Menschen, die in den Lagerhallen Kopfhörer, Topf-Sets oder Unterwäsche aus den Regalen fischen müssen, die Picker:innen. Gewerkschaften beklagen einen fehlenden Tarifvertrag, schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne, die nicht zur Existenzsicherung reichen. Amazon stellt Vergleiche über die marktübliche Bezahlung und Bilder von lachenden Mitarbei­ter:innen beim gemeinsamen Hüpfen im Logistikzentrum dagegen. Dabei ist die Faustregel einfach: Je unwichtiger für den Umsatz, je ersetzbarer, desto weniger achtet der Konzern auf pflegliche Behandlung, egal ob es sich um Händler oder Mitarbeitende handelt.

Doch da ist jemand, der:die nicht ersetzbar ist: die Kund:innen. Amazon hat das schon früh verstanden und unternimmt viel, um Käufer:innen zu halten. Schnelle Lieferungen gehören ebenso dazu wie großzügige Retourenregelungen und natürlich der kostenpflichtige Edel-Tarif Amazon-Prime, der unter anderem diverse Streaming-Dienste gleich mit im Paket hat. Das scheint für viele Kund:innen derart attraktiv zu sein, dass sie im Glücksrausch einfach vergessen, beim Onlinekauf andere Plattformen zu besuchen oder Preise zu vergleichen, das zeigen mehrere Untersuchungen. Eine Unternehmensstrategie, für die es schon ein gewisses Maß an Chuzpe braucht: Oder kann sich jemand einen Supermarkt vorstellen, bei dem die Kund:innen für eine bevorzugte Behandlung einen Mitgliedsbeitrag zahlen müssen, die Nudeln teurer sind als bei der Konkurrenz, aber hey, was soll’s, dafür gibt es ja Orangensaft gratis?

Nun ist es so: Wenn alle Mitarbeiter:innen in den Lagern ausgebeutet und genügend Händler und Hersteller verprellt sind, könnte Amazon auffallen, dass man alleine von Kun­d:innen eben doch nicht leben kann. Wahrscheinlicher ist aber: Sie suchen sich einfach ein neues Geschäftsfeld. Mit dem Einstieg in die Produktion von Serien hat das schon geklappt, und, praktischer Nebeneffekt: Dafür braucht es nicht mal mehr Picker:innen. Gesundheitsdaten könnten die Zukunft sein. Und wer regelmäßig Arztberichte hochlädt, bekommt jährlich einen neuen Fitnesstracker. Klingt abwegig? Fragen Sie mal Amazon".

Siehe auch: https://www.fairness-check.de/Amazon-im-Fairness-Check.aspx#kritik


01.07.2019 11:25
Im Zweifel für Diskriminierung und Unfairness
In Polen entscheiden immer mehr Gerichte im Sinne der nationalpopulistischen Regierungspartei PiS, berichtet für die taz Gabriele Lesser aus Warschau. Und sie kommentiert:

„Das „gute Gewissen“ spielt in Polen eine zunehmend politische Rolle, seit die nationalpopulistische Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an der Macht ist. Katholisch kommt das „gute Gewissen“ daher, PiS-freundlich und Frauen-, Ausländer- und LGBT-feindlich.

Seit vergangener Woche diskutiert halb Polen, wer sich auf ein „gutes Gewissen“ berufen darf. Nur Katholiken oder auch Andersgläubige? Nur Männer oder auch Frauen? Schwule und Lesben aber nicht oder doch?
Zbigniew Ziobro, Generalstaatsanwalt und Justizminister in einer Person, begrüßte ausdrücklich das Urteil des Verfassungsgerichts, mit dem einem Drucker das Recht zugestanden wurde, ein LGBT-Veranstaltungsplakat nicht herstellen zu müssen. Kurz darauf ordnete Ziobro ein Ermittlungsverfahren gegen das schwedische Möbelhaus Ikea an, das einem polnischen Mitarbeiter angeblich rechtswidrig „aufgrund seines Glaubens“ gekündigt habe. Dieser hatte gegen eine LGBT-Toleranz-Aktion ­protestiert – mit Bibelzitaten, denen zufolge Homosexuelle sich einer „Blutschuld“ schuldig machten und des Todes sterben müssten.

Zwar kennt in Polen jedes Kind den Aphorismus des polnischen Juden Stanilsaw Jerzy Lec: „Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie.“ Doch die universelle Bedeutung geht verloren. Ein „reines Gewissen“ im Sinne von „unbenutzt“ wird mehr und mehr Andersgläubigen zugeschrieben, auch Frauen, die vergewaltigt wurden und die „Pille danach“ fordern. Oder Schwulen und Lesben, die nicht dem katholischen Ideal einer Mann-Frau-Kind-Familie entsprechen.
Ein „gutes Gewissen“ hingegen schreiben sich PiS-Anhänger und bigotte Katholiken in Polen gern selbst zu. In den Genuss dieses selbstgerechten „Ich gehöre zu den Guten“-Gefühls kamen bislang vor allem Ärzte. Apotheker und Kirchenmänner. Während sich Pädophile unter den Klerikern darauf verlassen konnten, von Bischöfen in immer neue Gemeinden versetzt zu werden, wo sie weitere Kinder sexuell missbrauchen konnten, können es Gynäkologen wie Apotheker mit Berufung auf ihr „gutes Gewissen“ ablehnen, Verhütungsmittel zu verschreiben oder zu verkaufen.

Seit einiger Zeit aber landet das „polnische Gewissen“ immer öfter vor Gericht. PiS-loyale Richter sorgen dafür, wie jetzt im Verfassungsgericht, dass das Urteil im Sinne der PiS ausfällt. Angeblich sei das Diskriminierungsverbot, auf das sich die erste und zweite Instanz wie auch später das oberste Gericht beriefen, „nicht verfassungskonform“. Zbigniew Ziobro freute sich am Mittwoch unverhohlen darüber, dass seine „Argumente vom Verfassungsgericht geteilt“ würden. „Die Freiheit kommt allen zu. Niemand soll unter dem Vorwand der Toleranz den Staatsapparat einschalten, um die anderen zur Vergewaltigung ihrer Gewissens-, Glaubens- oder Wirtschaftsfreiheit zu zwingen.“ Triumphierend setzte Ziobro hinzu: „Endlich leben wir in einem freien Land!“

Jaroslaw Jagura von der Warschauer Helsinki-Stiftung für Menschenrechte wies darauf hin, dass zahlreiche Diskriminierungsprozesse neu aufgerollt werden könnten und die Diskriminierten – Rollstuhlfahrer, Blinde mit Blindenhund, Mütter mit Kinderwagen, Schwule und Lesben – den Kürzeren ziehen könnten.
Miroslaw Makuchowski von der Kampagne gegen Homophobie fragt: „Wir erinnern uns an die Zeiten, als in den Läden Schilder mit der Aufschrift hingen ‚Juden – Zutritt verboten‘. Müssen wir uns an Schilder gewöhnen wie ‚Homosexuelle bedienen wir nicht‘ oder ‚Rollstuhlfahrer – ungern gesehen‘?“.“

28.06.2019 15:08
So unfair ist das Pfandsystem: Händler platzt wegen Aldi, Lidl und Kaufland der Kragen
Ein Großgetränkehändler und seine Mitarbeiter haben über 12 Wochen PET-Einwegflaschen und -dosen gesammelt. Dabei verkauft das Unternehmen nur Mehrwegverpackungen. Das Ergebnis ist schockierend. CHIP-Online-Redakteur Konstantinos Mitsis schreibt:

„Greifen Sie bei Aldi, Lidl oder Kaufland auch zu PET-Einwegflaschen? Etwa wenn Sie Coca-Cola oder Mineralwasser kaufen? Wo geben Sie diese Flaschen ab? Hans-Peter Kastner, Chef des Großgetränkehändlers Kastner, aus dem beschaulichen Vaihingen bei Stuttgart kennt die Antwort – und lässt in einem Facebook-Beitrag Dampf ab.

In einem offenen Brief beklagt der Stuttgarter Unternehmer über die Mentalität vieler Kunden. Obwohl sein Unternehmen keine PET-Einwegflaschen verkauft. "Wir verzichten bewusst in unserem Sortiment auf Einweg-Sprudel", heißt es im Beitrag. Und das obwohl der Marktanteil von PET-Produkten bei knapp 50 Prozent liege.

Über 10.400 Flaschen und Dosen kamen in drei Monaten zusammen. 52 Säcke mit jeweils 200 PET-Einwegverpackungen kamen zusammen. Das Foto des Plastikmüllberges stellte er vergangenen Montag ins Netz. Über 21.000 Menschen (Stand 20. Juni) haben den Beitrag bereits geteilt.

Facebook-Post zeigt unfaire Pfandregel
Ein Großteil der 10.400 Flaschen und Dosen stammt aus dem Einzelhandel. Vorzugsweise von Aldi, Lidl oder Kaufland. Statt die Produkte dorthin zu bringen, geben Kunden das Pfand einfach beim Großgetränkehändler ab. Er muss das Pfandgeld vorstrecken und zahlt dann auch noch eine Pauschale für die Entsorgung des Plastikmülls.

Bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von einem Euro pro Getränkepackung hätten Kunden also 10.400 Euro bei den "Freunden von Aldi, Lidl und Co." gelassen. Bei einem Gewinn von 25 Prozent macht das einen Erlös von 2600 Euro. Nur die Entsorgung des Pfands verlagern die Discounter an den Fachhändler – mithilfe der Kunden. Diese würden sich nicht in die Schlange vor den Pfandautomaten stellen. Der Händler bleibt auf den Kosten von 500 Euro für die Entsorgung sitzen.
Obwohl Kastner das Pfandgeld "irgendwann" von der sogenannten Clearing-Stelle zurückbekomme, müsse er 5 Cent pro Dose und Flasche abgeben. Im Preis enthalten: Abholung, Zählung, Lagerung und Entsorgung.
Kastner appelliert: "Umweltbewusster einkaufen"

Der Stuttgarter Unternehmer appelliert an seine Kunden und Nicht-Kunden. Sie sollten auf PET-Einwegflaschen verzichten oder sie direkt bei Aldi, Lidl oder Kaufland zurückgeben. Es sei unklar, was mit den Einwegflaschen passiere, die bei ihm landen. Lidl, Kaufland und Aldi erklären in Werbevideos zwar, dass ihre Flaschen und Dosen komplett recycelt werden. Allerdings gilt das eben nur für die Flaschen und Dosen, die in ihren Automaten landen.Kastner erklärt, in seinem Unternehmen gebe es "unzählige Produkten in Mehrwerggebinden, Mehrwegflaschen oder Zweiweg-Pet-Flaschen".
Die Hersteller könnten garantieren, dass die Flaschen zur Herstellung von neuer Verpackung verwendet werde und somit zu 100 Prozent recycelbar sei.Am Ende wird der Unternehmer emotional. "Wenn ich betriebswirtschaftlich an den Punkt komme, dass ich Plastikmüll verkaufen muss, um zu überleben, dann schließe ich meinen Betrieb. Denn ich habe kein Problem damit, meinen Kindern zu sagen, dass ich gescheitert bin. Ich habe aber ein Problem damit, meinen Kindern zu sagen, dass ich nichts gegen die Umweltverschmutzung getan habe"."

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