Blog
Hier bloggt Dr. Norbert Copray
   


  Diese Seite weiterempfehlen
  Ihr Feedback
Blog nach Monat: Dezember 2012

07.12.2012 10:13
Fairness-Tradition stärker als Kontrolle und Zwang
Finanzielle und ökonomische Ehrlichkeit zahlt sich doch aus. Mit langen demokratischen Traditionen geht auch die Beachtung von Solidarität und Fairness einher. Eine tief verankerte Kultur der Fairness und der Demokratie ist wirksamer als Kontrollen und autoritäre Zwangsmaßnahmen.

Der neue Corruption Perceptions Index 2012 von Transparency International hat bestätigt: Alle europäischen Staaten mit hoher Korruption befinden sich in ökonomischen Schwierigkeiten. Staaten mit geringer Korruption prosperieren. "Je höher das Niveau an finanzieller Ehrlichkeit, desto stärker wächst das Bruttosozialprodukt", diagnostiziert der Wirtschaftspsychologe Professor Dr. Detlef Fetchenhauer (Universität Köln).

Bezüglich finanzieller Ehrlichkeit sieht Transparency International auf den ersten Plätzen in dieser Reihenfolge: Dänemark, Finnland, Neuseeland, Schweden, Singapur, Schweiz, Australien, Norwegen, Kanada, Niederlande, Island.

Alle positiv bewerteten Länder erfreuen sich eines wirtschaftlichen Wohlstands, und die Mehrheit von ihnen ist überwiegend protestantisch geprägt, meist verbunden mit einer demokratischen Tradition.

Alle negativ bewerteten Länder zählen zu den Krisenstaaten in Europa: Spanien liegt erst auf Platz 30 der Ehrlichkeitsskala, Slowenien auf Platz 37, Kroatien und Slowakei gemeinsam auf Platz 62, Bosnien-Herzegowina gemeinsam mit Italien auf Rang 72; mit Rang 94 hält Griechenland einen Rekord in Korruption.

Fast alle ungünstig bewerteten Länder sind katholisch geprägt bzw. ohne längere demokratische Geschichte.

Fetchenhauer belegt, dass die entscheidenden "Unterschiede in der autoritaristischen Tradition eines Landes liegen. Folglich ist die Art, wie Menschen dazu erzogen werden, die Regeln von Fairness und Solidarität zu befolgen, tief in der kulturellen Historie des Landes verwurzelt."

Daher bleiben Regulierungen und Kontrollen fragwürdige Therapiemöglichkeiten. "Eine korrupte Raubgesellschaft kann eine hermetische, perfekt rechtsstaatliche Fassade entwickeln, also ein seinerseits selbst von Korruption gesteuertes Justizwesen, das die Aufdeckung und Verfolgung einzelner Fälle aussichtslos macht und zugleich zu einer Art selbstverständlicher Öffentlichkeit der Korruption führt," kommentiert der Politologe und Psychologe Prof. Dr. Thomas Kliche (Stendal).
http://transparency.de/Corruption-Perceptions-Index-2.2193.0.html

Detlef Fetchenhauer, Thomas Goebbels: Lügen haben kleine Brieftaschen - Ökonomische Konsequenzen und Determinanten finanzieller Ehrlichkeit. In: E.H. Witte, T. Gollan (Hrsg.) Sozialpsychologie und Ökonomie.
Pabst, ISBN 978-3-89967-613-6

Thomas Kliche, Stephanie Thiel (Hrsg.): Korruption - Forschungsstand, Prävention, Probleme.
Pabst, ISBN 978-3-89967-691-4

05.12.2012 16:11
Wie Casting- und Talkshows um die Realität betrügen
Bohlen, Klum und Katzenberger spielen die Hauptrolle in "Hohle Idole“. So der Titel der Studie von Bernd Gäbler für die Otto Brenner-Stiftung. Sie zeigt, warum diese „Ikonen“ besonders bei Jugendlichen so erfolgreich sind.

"Bohlen, Klum und Katzenberger werden als Ikonen einer neuen „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ vorgestellt", heißt es in Gäblers Studie, "die allgemeine Tendenzen des Unterhaltungsfernsehens verkörpern. Während diese Fernsehformate spielerisch Ratschläge für ein erfolgreiches Leben zu geben scheinen, vermitteln sie direkt oder indirekt Normen, Werte und Haltungen, die tief in den Alltag besonders von Jugendlichen wirken. Bohlen, Klum und Katzenberger treffen zielgenau auf die soziale Unsicherheit jugendlicher Zuschauer. Das heimliche Curriculum stimmt nachdenklich: Was zählt, sind Äußerlichkeiten. Selbstvermarktung und Design treten an die Stelle von Substanz, Kompetenz und Qualifikation. Die Dramaturgie der Sendungen wird schonungslos entziffert, die Protagonisten von Casting-Shows und Doku-Soap werden als „Hohle Idole“ kritisier".

Gäbler stellt exemplarisch fest zum Stichwort Macht: „Würden wir die Konstellation der Mitwirkenden an einer Casting-Show als Machtgefüge deuten, verfügten die Kandidaten über die geringste Macht: Sie tragen vor, sie liefern sich aus, sie sind immer nur Objekt der Beurteilung.“

Zum Stichwort Sexismus: „Symptomatisch für den Umgang von 'Germany's next Topmodel' mit den Körpern ist das immer wieder gern genommene „Body-Painting“. Es erlaubt, die jungen weiblichen Körper nackt zu zeigen, aber doch
so zu tun, als seien sie bedeckt.“

Zum Stichwort Inszenierung: „Es ist das Fernsehen, das erst die Wirklichkeit ersinnt, über die es hinterher 'dokumentarisch' berichtet.“

Vo seiner Casting-Studie hat Gäbler eine beachtenswerte Talkshow-Studie verfasst. Talkshows sind allgegenwärtig. Aber sind sie menschen- und sachgerecht? Tragen sie zur Willensbildung, zur Information, zur Debatte, zum fairen Umgang miteinander bei?

Daran gibt es erhebliche und begründete Zweifel. Das belegt eine „Talkshow-Studie, die Bernd Gäbler erstellt hat. Der Journalist, ehemalige Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Institut und Medienkolumnist auf Stern online sind in den Talkshows keine wirkliche Bereicherung der Informationslage, der Bildungs- und Kulturlandschaft, des politischen Diskurses.

In seiner Studie heißt es unter anderem: „Kontroversen werden in der Regel nicht rationalisiert, sondern psychologisiert. Komplexe Entscheidungen werden gerne auf Ja/Nein-Schemata „heruntergebrochenen“. In erschütternder Penetranz diskutieren die immer wieder gleichen Gäste in sich wiederholenden Konstellationen. Nicht die Logik des Arguments zählt, sondern der sympathische Gesamteindruck.

Die Gäste müssen fernsehgerecht agieren, also beharrlich bei ihrer Meinung bleiben, die sie sicher verlautbaren. Sie müssen schlagfertig sein und auf Pointe hin sprechen können. Im Zweifelsfall ist der Show-Wert wichtiger als die Kompetenz. Die Talkshows haben Nachfrage geschaffen für den Typus des „unterhaltsamen Politikers“. Sie prägen wesentlich das Image einzelner Politiker. Sie sind - freilich nicht risikofreie -Bühnen für deren Selbstinszenierung. In der Regel verdeutlicht die Talkshow, ob ein Diskutant selbstbewusst und dominant auftritt oder unsicher ist und sich in die Enge treiben lässt. Die Kluft zwischen Politik-Darstellung und realer Verhandlungs- und Entscheidungspolitik wird
größer.

Wichtige gesellschaftliche Akteure wie Wirtschaftslenker, bedeutende Künstler oder junge Wissenschaftler, praktische Reformer und selbst Bürgermeister von Großstädten kommen nicht vor. Stattdessen sind einige alte Männer (Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel) als „Talkshow- Mobiliar“ allgegenwärtig. Andere werden reflexhaft zu bestimmten Themen eingeladen (Lauterbach – Gesundheit; Fussek – Pflege; Siggelkow - Armut; Pfeiffer – Jugendgewalt). „Meinungs-Slots“ müssen „gefüllt“ werden. Wie ein „one trick pony“ (Robert Pfaller) soll der Gast die festgelegte Rolle konsequent durchhalten und dabei „authentisch“ wirken.

Die Lebendigkeit der Talkshows resultiert im wesentlichen aus den redaktionellen Dramaturgien. Trotz unterschiedlicher Akzentsetzungen im Einzelnen – von der Arena bis zum Zirkus - verlaufen sie meist nach dem Schema von Konflikt und Konsens. Zuerst wird der Konflikt in einem Dualismus extremer Positionen verdeutlicht, dann folgt der Appell zur Versöhnung und Zusammenarbeit. Durch viele einzelne Elemente und Gimmicks – vom „Einspielfilm“ bis zum „Anklatscher“ - wird einer meist schnell redundanten Debatte immer wieder neuer Schwung verliehen. Wechselseitige Überzeugung, Nachdenklichkeit, sich verändernde Auffassungen, die Freude am Austausch der Argumente – also alles das, was einen voraussetzungslosen freien Disput ausmachen würde – spielt in der Polit-Talkshow kaum eine Rolle“.

Und erst damit kann Fairness ins Spiel kommen und die Befassung mit einem Thema menschen- und sachgerecht und damit fair sein – oder eben auch nicht. Doch bei der Anlage der Talkshows überwiegt der unfaire Umgang mit dem Publikum, mit dem Thema, mit den beteiligten Personen, die meist lediglich Rollenstereotype erfüllen müssen.

Gäbler: „In jüngster Zeit lähmt nicht mehr so sehr der Partei-Proporz die Talkshows, sondern die ständige Inszenierung einer Zwei-Welten-Lehre zwischen Politik und Lebenswirklichkeit. Häufig sind allenfalls noch zwei von fünf Positionen mit Politikern besetzt. Meist vertreten sie Regierung und Opposition. Zwischentöne interessieren weniger. Die liebste Konstellation der Talkshows im letzten Vierteljahr lautete Union vs. Grüne. Gemessen an ihrer parlamentarischen Stärke ist die FDP über- die SPD unterrepräsentiert. Sozialdemokraten interessieren vor allem noch als sozialpolitische Kontrahenten zu Neoliberalen. In Kontroverse zu den Politikern treten oft Journalisten als Anwälte der Bürger auf. „Experten“ pro und contra ergänzen das Tableau. Brav spielen auch „Betroffene“ in den Talkshows die ihnen zugewiesenen Rollen. Ihre Auftritte sind eine Art „scripted reality“ für die
gehobenen Stände.

In den Talkshow-Redaktionen arbeiten clevere Optimierer. Ihre Kriterien sind Quote und Unterhaltungswert, nicht Neugier auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen oder gar der Drang nach Aufklärung. Immer häufiger klammern sich die Talkshows als „Trittbrettfahrer“ an populäre Filme im Vorprogramm. Das Problem der Talkshows ist nicht, dass sie besser werden müssten, sondern dass sie an ihrer eigenen Routine und Orthodoxie zu ersticken drohen. (…)

Es kommt nicht darauf an, die Talkshow neu zu interpretieren oder die bestehenden
Formate noch weiter gemäß der Sehgewohnheiten zu optimieren, sondern endlich einmal
wieder zu experimentieren: mit konkreten Themen, Jugendforen, entscheidungsnahen
Diskursen, unorthodoxen Konstellationen oder sogar open-end-Debatten. Mehr Neugier, mehr
Filmkunst und neue Formen der Kombination von Reportage und Diskussion würden die
Bedeutung des Fernsehens für die politische Willensbildung unterstreichen“.

Und exemplarische Gesprächs- und Debattenkultur, die Menschen durch das Zuschauen lernen lässt, wie faire und sachgerechte Diskussionen aussehen und weiterbringen können. Es könnte die Gesprächs- und Kommunikationskultur im ganzen Land anregen und voran bringen. Und Casting-Shows, die demokratische und ethische Grundorientierungen in den Vordergrund stellen sowie zur Auseinandersetzung mit eigenen Gewohnheiten und Anforderungen eines humanen und zivilen Miteinanders thematisieren, würden junge Leute wichtige Impulse zur Entwicklung geben - anstatt lediglich auf konventionelle und modische Trends zu prägen.
http://www.otto-brenner-stiftung.de/uploads/tx_mpnews/2012_10_22_PM_Hohle_Idole.pdf
http://www.wdr5.de/sendungen/toene-texte-bilder/2012/november/hohle-idole-studie-ueber-tv-promis.html
http://kurier.at/kultur/medien/anpassung-und-gehorsam/1.296.403
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37992/1.html
http://www.otto-brenner-shop.de/publikationen/obs-arbeitshefte/shop/hohle-idole-ah72.html
http://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/shop/dokumente/obs_arbeitshefte/2011_08_12_AH68_Talkshow_Ergebnisse.pdf

Blog-Kategorien
  Bildung
  Führung
  Gesellschaft
  Kaufen & Haben
  Korruption
  Medien
  Organisationen
  Politik
  Recht
  Sport
  Unternehmen
  Wissenschaft
Blog-Archiv
  Dezember 2018
  November 2018
  Oktober 2018
  September 2018
  August 2018
  Juli 2018
  Juni 2018
  Mai 2018
  April 2018
  März 2018
  Februar 2018
  Januar 2018
  Dezember 2017
  November 2017
  Oktober 2017
  September 2017
  August 2017
  Juli 2017
  Juni 2017
  Mai 2017
  April 2017
  März 2017
  Februar 2017
  Januar 2017
  Dezember 2016
  November 2016
  Oktober 2016
  September 2016
  August 2016
  Juli 2016
  Juni 2016
  Mai 2016
  April 2016
  März 2016
  Februar 2016
  Januar 2016
  Dezember 2015
  November 2015
  Oktober 2015
  September 2015
  August 2015
  Juli 2015
  Juni 2015
  Mai 2015
  April 2015
  März 2015
  Februar 2015
  Januar 2015
  Dezember 2014
  November 2014
  Oktober 2014
  September 2014
  August 2014
  Juli 2014
  Juni 2014
  Mai 2014
  April 2014
  März 2014
  Januar 2014
  November 2013
  Oktober 2013
  September 2013
  August 2013
  Juli 2013
  Juni 2013
  Mai 2013
  April 2013
  März 2013
  Februar 2013
  Januar 2013
  Dezember 2012
  November 2012
  Oktober 2012
  September 2012
  August 2012
  Juli 2012
  Juni 2012
  Mai 2012
  April 2012
  März 2012
  Februar 2012
  Januar 2012
  Dezember 2011
  November 2011
  Oktober 2011
  September 2011
  August 2011
  Juli 2011
  Juni 2011
  Mai 2011
  April 2011
  Februar 2011
  Januar 2011
  Dezember 2010
  November 2010
  Oktober 2010
  September 2010
  August 2010
  Juli 2010
  Juni 2010
  Mai 2010
  April 2010
  März 2010
  Februar 2010
  Januar 2010
  Dezember 2009
  November 2009
  Oktober 2009
  August 2009
  Juli 2009
  Juni 2009
  Mai 2009
  März 2009
  Februar 2009
  Januar 2009
  Dezember 2008
  November 2008
  September 2008
  August 2008
  Juli 2008
  Juni 2008
  April 2008
  März 2008
  Januar 2008
  Dezember 2007
  November 2007
  Oktober 2007
  September 2007
  August 2007
  Juli 2007
  Juni 2007
  Mai 2007
  April 2007
  März 2007
  Februar 2007
  Januar 2007
RSS-Feed abonnieren
© Fairness-Stiftung. Alle Rechte vorbehalten. Design & Realisierung by gimas gmbh.