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Blog nach Kategorie: Gesellschaft

05.11.2018 11:47
Was macht Menschen böse? Die dunkle Seite der Persönlichkeit
Die dunkle Seite des Menschen hat viele Facetten. Psychologen aus Ulm, Landau und Kopenhagen haben nun gezeigt, dass Egoisten, Machiavellisten, Narzissten, Psychopathen und Sadisten mehr gemeinsam haben, als sie trennt. Den Forschern gelang es, viele dieser problematischen Persönlichkeitseigenschaften auf wenige grundlegende Prinzipien zurückzuführen: den „dark factor“ (D-Faktor) der Persönlichkeit. Veröffentlicht wurde die Studie in der international renommierten Fachzeitschrift Psychological Review.

„Kernbestandteil dieses dunklen Faktors der Persönlichkeit ist ein übertriebener Egoismus, der negative Auswirkungen auf andere oder die Gesellschaft im Allgemeinen hat. Dieser wird begleitet von Überzeugungen, die Schuldgefühle, Gewissensbisse und moralische Skrupel verhindern“, erklärt Professor Morten Moshagen. Der Leiter der Abteilung psychologische Forschungsmethoden an der Universität Ulm hat die Studie gemeinsam mit Professor Benjamin Hilbig von der Universität Koblenz-Landau und Professor Ingo Zettler von der Universität Kopenhagen durchgeführt.

Explizit sprechen die Wissenschaftler beim D-Faktor von einer extremen Form der individuellen Nutzenmaximierung, die sprichwörtlich über Leichen geht; also einen Schaden für andere bereitwillig in Kauf nimmt oder sogar absichtlich herbeiführt. Begleitet wird diese Tendenz von der Neigung, das eigene Verhalten vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen.

Bei ihren Analysen haben die drei Wissenschaftler neun Persönlichkeitseigenschaften untersucht. Dazu zählen Egoismus, Gehässigkeit, Machiavellismus, moralische Enthemmung, Narzissmus, Psychopathie, Sadismus, Selbstbezogenheit und übertriebene Ansprüchlichkeit.

Die Forscher fanden dabei heraus, dass sich praktisch alle diese Eigenschaften auf den D-Faktor als dunklen Persönlichkeitskern zurückführen lassen. Praktisch bedeutet dies, dass beispielsweise Menschen mit einer hohen Narzissmus-Tendenz mit großer Wahrscheinlichkeit auch ausgeprägte machiavellistische und psychopatische Persönlichkeitszüge zeigen. „Außerdem ist bei Menschen mit einem starken D-Faktor statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit hoch, kriminell oder gewalttätig zu werden oder anderwärtig gegen soziale Regeln zu verstoßen“, so die Forscher.

In ihrer umfassenden, von der DFG geförderten Studie, die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Psychological Review veröffentlicht wurde, haben die Psychologen mit dem D-Faktor ein Konzept etabliert, mit dessen Hilfe sich problematische Persönlichkeitszüge auf einen Nenner bringen lassen.

„Der D-Faktor ist ein guter Indikator für die Vorhersage von egoistischem und unehrlichem Verhalten und weitaus aussagekräftiger als es die spezifischeren Eigenschaften wie Narzissmus sind“, sagt der Kopenhagener Psychologe Ingo Zettler.

Für die vierteilige Untersuchung wurden insgesamt mehr als 2500 Personen befragt. Die Forscher haben dabei die Studienteilnehmer mit einem umfangreichen Fragenkatalog konfrontiert, um besondere Persönlichkeitszüge strukturiert erfassen zu können. Außerdem wurden Verhaltensexperimente durchgeführt wie das so genannte Diktatorspiel, bei dem die Teilnehmer Geld an sich selbst und unbekannte Mitspieler verteilen können. Die Ergebnisse dieses Spiels gelten als Maß für egoistisches beziehungsweise altruistisches Verhalten. In einem weiteren Verteilungsexperiment hatten die Probanden zudem die Gelegenheit, durch aktives Lügen zusätzlichen Profit zu machen. Der wissenschaftliche Sinn dieses Spiels: problematische Verhaltensweisen wie Unehrlichkeit zu erfassen.

Von besonders grundsätzlichem Interesse ist in den Augen der Forscher die Analogie zum „g Faktor“ – einem Konzept des berühmten britischen Intelligenzforschers und Psychologen Professor Charles Spearman. Dieser „general factor of intelligence“ erklärt, dass Menschen, die gute Ergebnisse in einer bestimmten Form von Intelligenztests zeigen, auch bei anderen Arten von Intelligenztests gut abschneiden. „Wie der g-Faktor ist der D-Faktor ein allgemeines Konzept, das verschiedene Ausprägungen haben kann“, erläutert Professor Benjamin Hilbig von der Universität Koblenz-Landau.

Dies heißt im Umkehrschluss, dass sich ein hoher Dark-Faktor in ganz verschiedenen problematischen Verhaltensweisen und Persönlichkeiten äußern kann. „Zugespitzt formuliert könnte man sagen, dass wenn ein Chef genüsslich seine Mitarbeiter herunterputzt, die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass er auch seine Geschäftspartner ausnutzt, Steuern hinterzieht oder seine Frau betrügt“, illustriert der Ulmer Psychologe Morten Moshagen.

Wer selbst herausfinden möchte, wie stark der eigene D-Faktor ausgeprägt ist, kann dies kostenlos über einen englischsprachigen Online-Fragebogen herausfinden, den die Wissenschaftler im Internet zur Verfügung stellen: "Der D-Faktor-Test"

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Ulm

contact for scientific information:
Prof. Dr. Morten Moshagen – Universität Ulm
E-Mail: morten.moshagen@uni-ulm.de;
Prof. Dr. Ingo Zettler – Universität Kopenhagen ingo.zettler@psy.ku.dk;
Prof. Dr. Benjamin E. Hilbig – Universität Koblenz-Landau
hilbig@uni-landau.de;

original publication:
Moshagen, M., Hilbig, B. E., Zettler, I.: The Dark Core of Personality. In: Psychological Review, Vol 125(5), Oct 2018, 656-688;
"Der Original-Beitrag"

20.09.2018 10:30
Verletzlich - und doch fair?
Viele wollen nicht wahrhaben, dass der Mensch verletzlich, verwundbar und zerbrechlich ist. Andere haben es leidvoll erfahren oder sehen die Verwundbarkeit an anderen inmitten einer Welt vermeintlicher Sieger und Gewinner.

Wie kann der verwundbare und verletzte Mensch fair bleiben? Ist das überhaupt wünschenswert oder eher selbstgefährdend? Welcher Fairness bedarf er selbst? Wie mit der eigenen und der Verwundbarkeit anderer umgehen? Was riskieren offene Menschen? Wie steht es um den Mut zur Verletzlichkeit?

Mit diesen Fragen befasste sich der diesjährige Thementag im Haus am Dom, Frankfurt am Main, am Samstag, de 22.9.2018

Am Vormittag standen Vorträge und Gesprächen im Zentrum von und mit

Dr. Jutta Czapski über
Verletzlichkeit und Verwundbarkeit
ausgehend von der Philosophie Emmanuel Levinas

Prof. Dr. Hildegund Keul über
Das Wagnis der Verwundbarkeit
theologische Aspekte

Anschließend ein Podiumsgespräch. Moderation: Dr. Norbert Copray

Am Nachmittag gab es ab 14 Uhr Workshops mit

Dr. Jutta Czapski zu: Verletzlichkeit und Verwundbarkeit in der Lyrik Paul Celans

Prof. Dr. Hildegund Keul zu: Andersmacht aus Verwundbarkeit – was das Christentum zu gesellschaftlichen Fragen beiträgt

Jutta Schmidt M.A.phil. zu: Verletzlichkeit und Mut – Fairness sensibel praktizieren

Dr. Ulrich Wiek: Zur Verwundbarkeit von Organisationen

Die Kooperationsveranstaltung der Fairness-Stiftung mit der Rabanus-Maurus-Akademie und der Leserinitiative Publik-Forum e.V. im Haus am Dom wurde von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen als sehr wertvoll und sehr gelungen bezeichnet. Anhaltender Beifall drückte das aus.

18.09.2018 12:25
Online-Dating teilweise krass unfair - Tipps zur Kündigung
Böse Überraschungen bei der Partnersuche mit Online Dating-Plattform. Parship, eDarling oder Elitepartner nutzen – zu welchem Preis? Rosemarie Ballmer, Top-Expertin für Online Partnersuche und erfolgreiche Liebesbeziehungen im deutschsprachigen Raum, kennt sich aus. Wie kommt man aus den Verträgen wieder raus, wie entgeht man der Gier der Plattformen und ihren unfairen AGBs (Allgemeine Geschäftsbedingungen)?

Ballmer schreibt: „Leider ist die Rechtslage zur Gültigkeit einer automatischen Vertragsverlängerung bei nicht rechtzeitiger Kündigung noch nicht in allen deutschsprachigen Ländern eindeutig geklärt. In der Schweiz beispielsweise wird eine automatische Verlängerung des Vertrages bei Online Partnervermittlungen in aller Regel als ungültig erachtet und es wird ein jederzeitiges Kündigungsrecht bejaht. In Deutschland ist diese Frage noch vom Bundesgerichtshof zu entscheiden, was noch einige Zeit dauern könnte.

Aber auch mit der Rechtslage in der Schweiz sind Sie noch nicht aus dem Schneider! Zwar wird, wie gesagt, von den Gerichten in der Regel eine automatische Vertragsverlängerung als ungültig erachtet und ein jederzeitiges Kündigungsrecht bei Online Partnervermittlungen geschützt. Allerdings müssen Sie dann die Leistungen, die Sie bis zur Kündigung bezogen haben, bezahlen. Es ist schon vorgekommen, dass eine Online Dating Plattform in einem solchen Fall für die automatische Auswertung des Persönlichkeitsprofils 59 Euro, für jede gesendete Nachricht 15 Euro und für jede gelesene Nachricht 35 Euro in Rechnung gestellt hat. Und das geht ins Geld! Ob das nun als eine Umgehung des Widerrufsrechts angesehen werden kann oder nicht, ist ebenfalls noch von höchster Stelle zu entscheiden.

Ich empfehle Ihnen, sich vor Vertragsschluss gut zu überlegen, für wie lange Sie sich gegenüber der Online Partnervermittlung vertraglich binden wollen. Die Durchsetzung eines jederzeitigen Kündigungsrechts kann, wie beschrieben, problematisch sein und könnte Sie einiges an Geld und Nerven kosten.

Da ich langjährige Erfahrung an einem Gericht habe, weiß ich eines mit Sicherheit: Sie wollen keinen Rechtsstreit vor Gericht ausfechten oder sich monatelang mit Anwälten auseinandersetzen! Wie Sie aus meinem Buch SIE SUCHT IHN wissen, empfehle ich Ihnen, eine 6-monatige Mitgliedschaft bei einer Online Partnervermittlung abzuschließen. Verlängern können Sie immer!

Der folgende Tipp bewahrt Sie zwar nicht davor, kurz in die AGB zu schauen, aber er schützt Sie garantiert davor, die Kündigungsfrist zu verpassen und in die Falle einer automatischen Vertragsverlängerung zu tappen: Kündigen Sie Ihre Mitgliedschaft sofort nach Vertragsschluss wieder auf Ende der vereinbarten 6-monatigen Laufzeit.

Schauen Sie sich die jeweiligen AGB zum Thema Kündigung genau an, denn sowohl Kündigungsfrist als auch Kündigungsform variieren bei den verschiedenen Anbietern. Sie finden die AGB bei Parship, eDarling und ElitePartner jeweils ganz unten auf der Startseite, bevor Sie sich einloggen. ElitePartner beispielsweise akzeptiert nur eine Kündigung per Fax oder Brief mit eigenhändiger Unterschrift. Sie kündigen bei Elite am besten mittels eingeschriebenem Brief mit Rückschein.

Halten Sie sich unbedingt an die von Ihrem Anbieter in den AGB bestimmte Kündigungsform. Wenn Sie diesen Trick anwenden, binden Sie sich nur für die von Ihnen abgeschlossene Vertragsdauer von 6 Monaten und laufen garantiert nicht in die Falle einer automatischen Vertragsverlängerung.

Wenn Ihr Vertrag bereits einige Zeit läuft, dann würde ich ihn in den nächsten Tagen sicherheitshalber auf Ende der Laufzeit kündigen. So gibt es für Sie kein böses Erwachen“, und Sie können sich unbeschwert der Suche nach einem Partner zuwenden.

"Rosemarie Ballmer zu Online Dating-Plattformen"

"Ballmers Buch "Sie such Ihn" mit Tipps"

"Kölner Stadtanzeiger zu Problemen mit Online Dating"



05.04.2018 17:04
230 € für ein Sklavenkind - Kakao und die (Un-) Fairness
"230 Euro kostet ein Kind auf dem Schwarzmarkt in der Elfenbeinküste. Diese Investition lohnt sich für viele Kakaobauern, denn der Welthandelspreis für die beliebte Bohne ist dermaßen tief, dass die Bauern mit ehrlich bezahlten Arbeitskräften kaum überleben könnten. Also schicken sie ihre Kinder zur Ernte statt zur Schule, oder kaufen sich die kleinen Arbeiter auf dem Schwarzmarkt. Seit Miki Misrati 2010 und 2012 mit versteckter Kamera in der Elfenbeinküste und in Ghana gefilmt hat, ist einiges gegangen: Lange negierten die Verantwortlichen vom Staatssekretär bis zum Großhändler alle Probleme. Heute sind sie sich der Verbrechen bewusst, die rund um den Kakaohandel geschehen. Doch das Bewusstsein ist nicht genug, auf den Plantagen selbst hat sich kaum was getan. Laut einer Studie der Tulane University (USA) von 2015 arbeiten alleine in der Elfenbeinküste und Ghana (rund zwei Drittel des weltweiten Kakaos werden hier angebaut) über zwei Millionen Kinder auf Kakaoplantagen.

Welche Schokolade dürfen wir denn noch essen?

Die Publikumsfrage scheint allen Anwesenden nach den beiden Filmen auf der Zunge zu liegen. Thomas Braunschweig, er ist Verantwortlicher für Handelspolitik bei Public Eye, erklärt: „Bisher hat mich vor allem die Schokolade von Choba Choba überzeugt.“ Die Schokolade sei zwar teurer, dafür erhalten die Bauernfamilien einen bedeutend höheren Preis für ihren Kakao. Diese Wertsteigerung der Kakaobohne sei unumgänglich. Denn mindestens viermal mehr müssten die Kakaobauern verdienen, um zu überleben und somit auch ihre Kinder zur Schule schicken zu können.

2001 unterzeichneten u.a. die betroffenen Industrien das Harkin-Engel-Protokoll, womit sie sie sich zu einem Ende der Kinderarbeit in der Kakaoindustrie verpflichteten. Misratis Filme decken jedoch auf, dass die Versprechen der Großkonzerne nicht eingehalten wurden. Es fehlt noch heute an Transparenz, die Herkunft der Kakaobohnen ist selten nachvollziehbar und Plantagen werden unzureichend kontrolliert. Die Konzernverantwortlichen reden gerne von den – vermeintlich – großen Summen, die sie in Entwicklungsprojekte steckten. Doch ob ihr Tun die gewünschten Früchte trägt, wird selten analysiert. Also geben sich Großkonzerne unwissend oder stellen sich gar als Opfer dar.

Freiwilligkeit reicht nicht

Aus dem Gesehenen und Gehörten wird klar: Großkonzerne müssen in die Verantwortung genommen werden. Menschenrechte und Umweltschutz liegen nicht nur in der Verantwortung der Staaten, sondern auch der Industrie. Den scheinheiligen Ausreden der Großkonzerne dürfen wir keinen Glauben mehr schenken, es wichtig, gesetzliche Rahmen zu schaffen. Genau dies verlangt die Konzernverantwortungsinitiative", schreib der Schweizer Aufbruch.

Gegen die Konzern-Initiative polemisiert der Präsident und Sprecher der Swissholdings Felix R. Ehrat, nicht ganz uneigennützig, ist er doch General Counsel die Rechtsabteilung des Pharmakonzerns Novartis, in einem Interview mit der NZZ:

"Herr Ehrat, die Schweiz wird in absehbarer Zukunft über die Konzernverantwortungsinitiative abstimmen. Was spricht dagegen, dass Firmen stärker zur Rechenschaft gezogen werden sollen in Bezug auf ihre Aktivitäten im Ausland?

Ich habe kein Problem mit der grundsätzlichen Zielrichtung, und es entspricht auch meiner Meinung, dass sich Schweizer Unternehmen im Ausland so verhalten sollen, wie man das vernünftigerweise von ihnen erwarten kann und muss. Sie sollen die Gesetze und anwendbaren Regelwerke befolgen und möglicherweise auch mehr als nur das, je nachdem, wie der Regulierungsstandard in den einzelnen Ländern ist.

Dennoch sind Sie gegen die Initiative?

Ja, weil die Initiative den falschen Weg beschreiten will und bereits Erreichtes gefährdet. Ich arbeite für ein global tätiges Unternehmen und bin gleichzeitig tief verwurzelt in der Schweiz. Ich habe aber allmählich das Gefühl, dass wir uns in einem endlosen Abstimmungskampf befinden, bei dem es immer wieder um standortrelevante Themen geht. Wir beschäftigen uns mit der Masseneinwanderungsinitiative, deren parlamentarische Behandlung in der Endphase ist; der Urnengang zur Unternehmenssteuerreform naht; und jetzt noch die beginnende Auseinandersetzung um die Konzernverantwortungsinitiative. So entsteht Rechtsunsicherheit.

Allgemein stimmt das Schweizervolk aber doch wirtschaftsfreundlich ab. Ist das nicht auch ein Plus? Man hat viel Verständnis für liberale und unternehmensfreundliche Rahmenbedingungen.

Das ist so. Und oft kommt es für die Wirtschaft gut heraus, das haben wir bei Abstimmungen über den Mindestlohn, über zusätzliche Ferien oder die 1:12-Initiative gesehen. Aber man muss relativieren. Die 1:12-Initiative wurde mit einem Nein-Stimmen-Anteil von fast zwei Dritteln abgelehnt. Das ist für hiesige Verhältnisse wuchtig. Allerdings sieht jemand, der mit unserem System nicht so vertraut ist – und dazu gehören viele Ausländer, die in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten von Schweizer Firmen tätig sind –, dass ein Drittel der abstimmenden Bevölkerung für einen Vorschlag votiert hat, dessen Umsetzung ein Riesenproblem gewesen wäre und zu Risiken für den Standort Schweiz geführt hätte. Es gibt, glaube ich, eine Wahrnehmung auf hoher Ebene, dass die Schweiz ein weniger berechenbares Land geworden ist. Die Konzernverantwortungsinitiative verstärkt diese schädliche Wahrnehmung.

Das Volksbegehren scheint aber doch ein Bedürfnis anzusprechen. Die Initianten haben nach eigenen Angaben 120 000 Unterschriften gesammelt.

Die Initiative ist geschickt gemacht. «Konzern» ist in der Öffentlichkeit ein eher negativ besetzter Begriff. Und wer kann schon gegen Verantwortung sein? Die Initiative ist aber eine Mogelpackung, sie betrifft nicht nur Großkonzerne, sondern alle Unternehmen, die über internationale Geschäftsbeziehungen verfügen und deren Lieferkette ins Ausland reicht. KMU sind vielleicht noch mehr betroffen als Konzerne; große Firmen haben in der Regel mehr Möglichkeiten als kleine, um den von den Initianten erzwungenen Mehraufwand bürokratie- und kostenmäßig zu bewältigen. Korrekterweise müsste man von einer «Unternehmensverantwortungsinitiative» sprechen.

Immerhin verweisen die Initianten aber auf mögliche Erleichterungen für KMU.

Das ist ein Zeichen ihres schlechten Gewissens. Was das bedeutet, weiß niemand genau. Grundsätzlich ist es aber so, dass auch kleine Firmen auf der Anklagebank sitzen werden und sich im Fall einer Klage rechtfertigen müssen.

Was bedeutet das?

Nehmen Sie das Beispiel eines Schreiners. Wenn er Tropenholz aus Brasilien bezieht, dann fällt er unter die Regelung der Konzernverantwortungsinitiative. Angenommen, er kauft seine Ware bei einem Lieferanten, für den er ein wichtiger Abnehmer ist und den er nach der unklaren Sprachregelung der Initiative «kontrolliert» beziehungsweise über den er «wirtschaftliche Macht ausübt»: Stellt sich nun heraus, dass in der Wertschöpfungskette dieses Lieferanten Kinder beschäftigt werden, dann muss der Schweizer Schreiner nachweisen, dass er alle notwendigen Sorgfaltsprüfungen vorgenommen hat, um Kinderarbeit zu verhindern. Sonst wird er belangt.

Was spricht denn dagegen, dass ein Unternehmen einen solchen Nachweis erbringen muss?

Grundsätzlich müsste eine Firma zeigen, dass sie alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen hat, um in ihrer langen Kette von Lieferanten- und Geschäftsbeziehungen Schaden zu vermeiden. Das entspricht einer Umkehr der Beweislast; für die Firma gilt nicht mehr die Unschuldsvermutung, sie ist schuldig bis zum Beweis des Gegenteils. In der Realität wird es jedoch gar nicht möglich sein, einen solchen positiven Beweis zu erbringen. Mit vielen Ländern hat die Schweiz keine Rechtshilfevereinbarungen. Und somit ließen sich Unterlagen und Beweismittel, welche die Unschuld dokumentieren könnten, nicht beibringen. Besonders ausgeprägt ist das Problem in Fällen, wo die Schweizer Firma über den ausländischen Lieferanten keine juristische Kontrolle hat. Wie sollen da Beweismittel beschafft werden? Der von den Initianten erhobene Anspruch wird nie einlösbar sein.

Die Initianten wollen bewirken, dass sich Schweizer Unternehmen auch im Ausland nach Schweizer Normen verhalten; notfalls sollen sich die Firmen deshalb auch vor einem Schweizer Richter verantworten müssen. Ist das nicht legitim?

Die Konzernverantwortungsinitiative hat vom Konzept her den eigenartigen Anspruch, dass ein Schweizer Richter einen Sachverhalt beurteilen soll, der ohne jede Verbindung zur Schweiz ist. Der einzige erforderliche Bezug zu unserem Land ist der Schweizer Sitz eines Unternehmens. Bei der Beurteilung eines Falls müsste sich der Schweizer Richter auf hiesiges Recht und auf vorläufig noch schwammige internationale Standards stützen. Das widerspricht allen Kriterien einer internationalen Rechtsanwendung.

Andere Länder haben auch schon Ähnliches getan.

Vorerst ist festzuhalten, dass kein anderer Staat so weit geht, wie die Initiative es für die Schweiz will. Wir haben hierzulande einen gesunden Abwehrreflex entwickelt, wenn wir die Leidtragenden solcher Ansprüche von Drittstaaten sind, wenn etwa die USA ihre Gesetze exterritorial anwenden. Das ist Rechtsimperialismus. Wir haben eine Wirtschaft, die primär auslandsorientiert ist. Und jetzt sagen wir, die Werte- und Moralvorstellungen, die in anderen Ländern gelten, wollen wir hierzulande beurteilen. Mich stört der Anspruch, der besagt: Wir wissen, wie es geht und was richtig ist. Für eine weltoffene Wirtschaft wie unsere ist das der falsche Weg.

Welche Auswirkungen, meinen Sie, wird die Initiative im Falle einer Annahme haben?

Sie dürfte dazu führen, dass die durchaus legitime Diskussion darüber, was die Werte- und Moralvorstellungen der Wirtschaft sein sollen, in die Gerichtssäle verlegt wird, und der konstruktive Dialog zwischen Wirtschaft und Gesellschaft leidet. Ob es zu zahlreichen Prozessen kommt, würde sich zeigen. Auf jeden Fall gerieten die Firmen im Falle einer Umsetzung der Initiative zusätzlich unter Druck. Und ihre Reputation erlitte erheblichen Schaden. Denkbar ist auch, dass sich Unternehmen aus Ländern zurückziehen, mit denen die Schweiz keine verlässlichen Rechtshilfevereinbarungen hat. Firmenverantwortliche müssen ja davon ausgehen, dass sie im Fall einer Anklage nicht an die Beweismittel gelangen, die ihre «Unschuld» belegen. Ob die betreffenden Länder und ihre Bevölkerung, die aus Sicht der Initianten ja das Schutzobjekt darstellen, einen Rückzug der Firmen begrüßen würden, bezweifle ich. So würde die Initiative kontraproduktiv wirken und jene schädigen, die sie zu schützen vorgibt.

Aus Sicht der Initianten könnte das aber immerhin dazu führen, dass die Schweiz als ein mustergültiger Standort wahrgenommen wird, wo man Firmen für Regelverstöße im Ausland vor Gericht einklagen kann.

Ich bin der Meinung, eine Umsetzung der Konzernverantwortungsinitiative würde aus rechtlichen und praktischen Erwägungen dem Standort Schweiz schaden. Die Rechtsunsicherheit nähme zu. Die Folge wäre zudem eine Verdichtung der Regulierung, die zu hohen Kosten führte. Und es gäbe mit Bestimmtheit Firmen, welche die Konsequenzen zögen und unser Land verließen. Regelungen in den wichtigen Bereichen Menschenrechte und Umweltstandards müssen international abgestimmt werden und können nicht über einen Schweizer Alleingang laufen.

Ein Argument ist auch, dass wir besser sein sollten als andere Standorte, weil wir uns so einen Vorteil sichern können.

Ein Musterschüler sein zu wollen, ist nichts Verwerfliches. Aber soll man aufgrund eines Anspruchs, der nicht einlösbar ist, wesentliche Erfolgsfaktoren am Heimmarkt aufs Spiel setzen? Das wäre nicht klug.

Was ist für Sie denn die Alternative zur Initiative? Muss man den Unternehmen einfach vertrauen, dass sie sich auch im Ausland regelkonform verhalten?

Es geht nicht nur um Vertrauen, sondern auch um Anreize. Unternehmen haben eine Reputation, und diese ist ein Vermögenswert, den sie pflegen müssen. Der gute Ruf ist ein enorm wirksames Disziplinierungsinstrument. Das ist auch gut so. Es stellt sicher, dass eine Firma alles tut, um einen Reputationsschaden zu vermeiden. Wenn etwas Negatives passiert, sorgen heutzutage Medien aller Art dafür, dass das globale Auswirkungen hat. Die Konzernverantwortungsinitiative will nun jedoch eine gesetzliche Regelung einführen, die einem Unternehmen gar keine Chance mehr lässt, die Reputation zu verteidigen; der Ruf wird zum Vornherein in Zweifel gezogen. Das ist nicht in Ordnung. Das fügt auch dem Standort Schaden zu.

Unternehmen stehen stets im Verdacht, ihre Geschäfte in Ländern zu tätigen, in denen die regulatorischen Vorschriften weniger strikt sind als am Heimmarkt.

Die Initiative unterstellt in der Tat, dass die hiesigen Unternehmen so etwas wie «regulatorische Arbitrage» betreiben. Das ist Unsinn. Heute geht es den Unternehmen nicht nur darum, als gute Corporate Citizen bürgergesellschaftliches Engagement zu zeigen; Pflege und Schutz der Reputation sind auch zu einem wesentlichen Teil des Geschäftsgebarens geworden.

Stehen börsenkotierte Firmen nicht unter Druck, zum Vorteil der Investoren die Gewinne zu erhöhen und dabei nötigenfalls auch Gesetze zu umgehen?

Das Gegenteil ist heute der Fall. Institutionelle Anleger, etwa Pensionskassen oder Versicherungen, geben mehr und mehr zu verstehen, dass ihnen nicht nur an steigenden Aktienkursen und hohen Dividenden gelegen ist. Sie wollen wissen, an welche Umweltstandards sich ein Unternehmen hält, wie es um die Compliance steht und warum eine Firma in einem bestimmten Land tätig ist. Die institutionellen Anleger haben ihrerseits ja ebenfalls Geldgeber, denen sie Rede und Antwort stehen müssen. Von den institutionellen Aktionären geht heute eine starke disziplinierende Wirkung auf die Unternehmen aus.

Wenn man Ihnen zuhört, erhält man den Eindruck, mit der Konzernverantwortungsinitiative würden offene Türen eingerannt.

Der Weg, den die Initiative beschreiten will, ist falsch. Es ist unbestritten, dass Unternehmen eine Verantwortlichkeit haben nicht nur gegenüber Aktionären und Mitarbeitern, sondern auch gegenüber der Gesellschaft. Dieser Verantwortung stellen sich die meisten Schweizer Firmen schon heute, und zwar im Rahmen von Corporate-Social-Responsibility-Programmen oder dem Global-Compact-Regelwerk der Uno. Dabei gilt das Prinzip der Selbstregulierung. Die Firmen kooperieren auch mit Nichtregierungsorganisationen, um gesellschaftliche Ansprüche länder- und fallspezifisch einlösen zu können".

Doch es geht auch anders. Und es gibt ihn: den fairen Kakao, die faire Schokolade:

"Faire Schokolade"

Berichte über die Armut von Bäuerinnen und Bauern in den Kakaoanbaugebieten Westafrikas und die weit verbreitete Kinderarbeit auf Kakaoplantagen sind nicht neu. Doch gerade angesichts des Absturzes der Kakaopreise seit September 2016 fordert das Bonner SÜDWIND-Institut, dass für Kakao endlich ein Preis gezahlt wird, der den kakaoanbauenden Familien ein menschenwürdiges Einkommen garantiert. Im Rahmen der Grünen Woche vom 19.-28. Januar in Berlin wird Friedel Hütz-Adams von SÜDWIND am kommenden Freitag mit Bundesminister Dr. Gerd Müller über die Möglichkeiten eines nachhaltigen Kakaoanbaus in der Elfenbeinküste diskutieren.

Rund 5.5 Mio. Haushalte bauen weltweit Kakao an, der größte Teil von ihnen auf wenigen Hektar Land. 70 % der Welternte und etwa 90 % der deutschen Kakaoimporte stammen aus Westafrika. Seit etwa 20 Jahren diskutiert die Kakaobranche darüber, wie die Situation der Bäuerinnen und Bauern verbessert werden kann. "Zwar haben Unternehmen, Regierungen und die Entwicklungszusammenarbeit eine Vielzahl von Projekten angestoßen, um die Situation der Betroffenen zu verbessern. Doch an der Situation der Menschen in den Kakaoanbaugebieten Westafrikas hat sich bisher wenig geändert", so Friedel Hütz Adams von SÜDWIND, Kakaoexperte und Autor mehrerer Publikationen zum Thema Nachhaltigkeit im Kakaosektor.

Häufig wurde versucht, die Produktivität auf den Plantagen zu steigern. Zwar ließe sich diese Produktivität durchaus von derzeit rund 400 Kilo pro Hektar auf das Doppelte steigern. Doch eine Erhöhung der Produktivität könnte zu einem Kakaoüberschuss führen und zu einem weiteren Sinken des Kakaopreises. Dieser ist aufgrund einer guten Ernte zwischen September und Dezember 2016 bereits von rund 3.000 US-Dollar je Tonne auf 2.000 US-Dollar je Tonne abgestürzt und verharrt auf diesem Niveau. Hinzu kommt, dass die Bäuerinnen und Bauern in den seltensten Fällen über die die nötigen finanziellen Mittel verfügen, um in verbesserte Anbaumethoden zu investieren. Die Einkommen des Kakaoanbaus reichen für viele Familien insbesondere in der Elfenbeinküste noch nicht einmal dafür aus, den Schulbesuch der Kinder finanzieren zu können.

"Existenzsichernde Einkommen sind ein Menschenrecht", so Friedel Hütz Adams. "Unternehmen der Kakao- und Schokoladenindustrie müssen daher veränderte Geschäftsmodelle aufbauen, um die Situation der Bäuerinnen und Bauern nachhaltig zu verbessern." Das SÜDWIND-Institut schlägt als einen wichtigen Baustein dafür langfristige, direkte Verbindungen zu den Bäuerinnen und Bauern vor, mit der Garantie von Preisen in einer Höhe, die eine nachhaltige Produktion erst ermöglichen. "Ohne diese tiefgreifenden Veränderungen der Geschäftsbeziehungen zwischen KakaoproduzentInnen, kakaoverarbeitenden Unternehmen und letztendlich auch dem Einzelhandel und den KonsumentInnen wird sich die Situation der Bäuerinnen und Bauern nicht verbessern," so Hütz-Adams weiter. Darüber hinaus seien die Regierungen der Anbauländer ebenfalls in der Verantwortung. Sie müssen in die Infrastruktur den Kakaoanbaugebieten
investieren und die Bäuerinnen und Bauern dabei unterstützen, Auswege aus der Armut zu finden.

"Der schweizerische Aufbruch zum aktuellen Stand der schmutzigen Schokolade"

"Felix Ehrat gegen die Konzerninitiative in der Schweiz"

"Das Portal der Konzerninitiative in der Schweiz"

"Film-Doku zum Kindersklavenhandel im Kakakoanbau und -handel"

"Der gekaufte Kindersklave schuftet für Kakao und Schokolade"


02.01.2018 11:42
Kampf gegen sexuelle Belästigung in Hollywood und weltweit
"Mehr als 300 Hollywood-Künstlerinnen wollen der Belästigung von Frauen in der Filmindustrie und im amerikanischen Berufsalltag insgesamt ein Ende bereiten. Reese Witherspoon, Alyssa Milano, Maggie Gyllenhaal und viele weitere riefen dazu auf, sich der Initiative "Time's Up" (Die Zeit ist um) anzuschließen. Sie wollen künftig auch weniger privilegierten Frauen wie Arbeiterinnen, Kellnerinnen und Zimmermädchen Schutz vor und Rechtshilfe nach sexuellen Angriffen zu bieten.

Der Initiative gehören auch Schauspielerinnen wie Meryl Streep, Emma Stone, Cate Blanchett, Goldie Hawn und Gwyneth Paltrow sowie Regisseurinnen, Produzentinnen und Drehbuchautorinnen an. Spenden unter anderem von Witherspoon, Streep, Steven Spielberg und Kate Capshaw hätten einen Fonds für Rechtsbeihilfe ermöglicht, der bereits über 13 Millionen Dollar (knapp 11 Millionen Euro) verfüge, berichtete die "New York Times".

Die Initiative will sich außerdem für mehr Gleichheit in Filmstudios und Talentagenturen einsetzen und Gesetze voranbringen, die Firmen für sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz bestrafen sollen. Mehr Informationen zu den Plänen lesen Sie auf der ? Homepage von "Time's Up".

Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der US-Unterhaltungsindustrie haben Filmstudios und Fernsehsender vor rund zwei Wochen eine Kommission gegründet. Ihre Aufgabe: für "sicherere, gerechtere und gleichberechtigtere Arbeitsplätze" sorgen - besonders für Frauen, aber auch für Randgruppen. Den Vorsitz hat die Juristin Anita Hill, die bereits vor 26 Jahren das Thema in die Öffentlichkeit gebracht hatte. 1991 hatte sie dem für das Oberste Gericht vorgesehenen Richter Clarence Thomas sexuelle Belästigung vorgeworfen.

In den vergangenen Monaten wurden im Zuge der #MeToo-Debatte weltweit zahlreiche Fälle bekannt, in denen Männern sexuelle Belästigung oder sogar Vergewaltigung vorgeworfen wird - in der Unterhaltungsbranche, aber auch in der Politik.

In Großbritannien trat Verteidigungsminister Michael Fallon zurück, nachdem eine Journalistin ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte. In Österreich entschied der Politiker Peter Pilz, sein Parlamentsmandat nicht anzutreten - er soll eine Frau sexuell bedrängt haben. In den USA ist die Rede vom Weinstein-Effekt, ausgelöst durch die Vorwürfe gegen Filmproduzent Harvey Weinstein. Die Liste der Männer, denen in Amerika Missbrauch vorgeworfen wird, ist längst auf über 50 Namen angewachsen.

Die Konsequenzen fallen allerdings sehr unterschiedlich aus. Während mehrere Beschuldigte in der Entertainmentbranche ihre Jobs verloren, blieben die meisten beschuldigten US-Politiker bisher im Amt, etwa der Republikaner Roy Moore, der zuletzt bei der Senatsnachwahl in Alabama antrat. Wähler und Parteifreunde haben sie bislang verschont. Weinstein selbst wurde von seinem Studio gefeuert und ist untergetaucht, angeblich zu therapeutischen Zwecken".

"Hollywood-Stars für mehr Konsequenzen bei sexueller Belästigung"

23.12.2017 13:50
Mögen sich Fairness, Vertrauen und Liebe zu einem dreistrahligen Leitstern formen, der Orientierung und Motivation gibt
Wir wünschen allen besinnliche Weihnachtstage und einen guten Start ins Neue Jahr mit Gesundheit, Lebensfreude, Lebensmut und erfüllenden Begegnungen.

Sowie anhaltendes Interesse an Fairness und Ideen, Fairness-Qualität und Fairness-Kompetenz in allen Lebensbereichen zu vermehren.

Jutta Schmidt & Norbert Copray

04.12.2017 15:15
Rupert Lay und die Biophilie: Das Prinzip der Verantwortung für das Leben
Wie wird Wahrheit erkannt? Was bedeutet die Freiheit zu entscheiden? Was hat es mit der Biophilie und dem Konstruktivismus auf sich?

Fünf neue Kurzinterviews mit Prof. Dr. Rupert Lay, dem Ehrenvorsitzenden des Kuratoriums der Fairness-Stiftung, aus Anlass seines neuen Buches
"Über die Liebe zum Leben. Die Ethik des Konstruktivismus als Ausdruck der Biophilie"

Rupert Lay: "Wie gehören Biophilie und Konstruktivismus zusammen?"

Rupert Lay: "Wie die Wahrheit erkannt wird"

Rupert Lay: "Die Freiheit, frei zu entscheiden"

Rupert Lay: "Wie biophil ist die Jeshuabotschaft?"

Rupert Lay: "Die Ethik des politischen Handelns und die Grundrechte"

Weitere Interviews mit Rupert Lay 2015 und 2016 auf "unserem eigenen Kanal"

07.11.2017 16:10
Schäuble: 100 % Gerechtigkeit gibt es nicht, aber Fairness ist möglich
„Die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in diesem Land will ein zivilisiertes Miteinander. In aufgewühlten Zeiten wie unseren wächst das Bedürfnis nach Formen des Verhaltens, über die man lange nicht mehr geredet hat, weil man sie als selbstverständlich ansah. Es wird wieder über Anstand gesprochen - sogar Bücher werden darüber geschrieben und kommen auf die Bestsellerlisten -, und es wird auch über die Frage gesprochen, wie wir in der Gesellschaft miteinander umgehen sollen: Respekt füreinander haben, nicht jeden persönlichen Spielraum maximal ausnutzen, ein offenes Ohr haben für die Argumente des anderen, ihn anerkennen mit seiner anderen Meinung.

Es geht um Fairness. Hundertprozentige Gerechtigkeit gibt es nicht, aber Fairness ist möglich in dem Sinne, dass sich möglichst alle angesprochen fühlen und nicht ausgeschlossen bleiben“.

Auszug aus der Antrittsrede von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble am 24.10.2017

04.09.2017 14:25
Krasse Unfairness in Europa
Die rechten Parteien geben in Europa den Ton an, treiben die regierenden Parteien mit Provokationen vor sich her und zu unsolidarischem Handeln gegenüber den Flüchtlingen. So ist eine krasse Unfairness in Europa entstanden – wider jede Vernunft und jenseits der europäischen und internationalen Verpflichtungen. Denn keinem Land wird etwas abverlangt, was es nicht zu leisten im Stande ist. Aber es wird suggeriert, das Abendland gehe unter, wenn vor Gewalt, Krieg und Terror Flüchtende für eine gewisse Zeit nach Europa kommen dürfen.

Im Interview mit FR-Redakteur Victor Funk kritisiert die Politikerin Ska Keller die misslungene Umsiedlung Geflüchteter in der Europäischen Union.

Frau Keller, woran, meinen Sie, ist das Programm gescheitert, mehr Flüchtlinge aus Griechenland und Italien aufzunehmen?

Den Mitgliedsstaaten fehlt der politische Wille zur Solidarität. Sie lassen sich von rechtspopulistischen Ressentiments statt von europäischer Verantwortung leiten. Die allermeisten Mitgliedsstaaten handeln nach dem Motto „Sollen sich doch die anderen um die Flüchtlinge kümmern“. Sie machen Abschottung statt Solidarität zum Leitprinzip der europäischen Flüchtlingspolitik. Auch die Bundesregierung führt das Wort „Solidarität“ zwar gern im Munde, aber wenn es darum geht, Flüchtlinge aus Griechenland und Italien aufzunehmen, ist sie säumig. Sie erfüllt nicht einmal ein Drittel ihrer Verpflichtungen, obwohl die Aufnahmelager in Griechenland und Italien immer noch überfüllt sind, während sie in Deutschland mittlerweile leer stehen. Das ist ein untragbarer Zustand. Trotzdem ist das Umverteilungsprogramm ein wichtiger, wenn auch kleiner Schritt in die richtige Richtung. Damit ist das Dublin-System (die Verordnung, nach der Migranten, in dem EU-Land um Asyl ersuchen müssen, in dem sie zuerst ankommen, d. Red.) erstmals aufgeweicht und durch einen verbindlichen Umverteilungsmechanismus ergänzt worden.

Welche Möglichkeiten hätte die EU-Kommission, von EU-Mitgliedern die Einhaltung der Zusagen zu erzwingen?

Wir dürfen es den EU-Mitgliedsstaaten nicht durchgehen lassen, dass sie sich vor der gemeinsamen Verantwortung für Flüchtlinge in Europa drücken. Deshalb ist es richtig, dass die EU-Kommission klare Kante gegen Mitgliedsstaaten zeigt, die die Flüchtlingsumverteilung boykottieren. Sie muss die im Juni eingeleiteten Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn, Polen und die Slowakei mit aller Konsequenz vorantreiben. Die allermeisten Mitgliedsstaaten handeln nach dem Motto „Sollen sich doch die anderen um die Flüchtlinge kümmern“.

Und wenn sie sich trotzdem weigern?

Wenn diese Mitgliedsstaaten bei der Aufnahme von Flüchtlingen weiter blockieren, sollte die EU-Kommission über weitere Schritte nachdenken. Sie sollte ihnen die EU-Zuschüsse für die Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern in deren Heimatländer streichen. Wer keine Flüchtlinge aufnehmen will, sollte auch keine EU-Unterstützung dafür bekommen, Leute wieder loszuwerden.

Hat das jetzige Umverteilungssystem eine Zukunft?

Wenn wir völlig überfüllte Flüchtlingslager und unhaltbare Zustände für Schutzsuchende in den südlichen Grenzstaaten der EU vermeiden wollen, brauchen wir in der EU einen funktionierenden Umverteilungsmechanismus. Griechenland und Italien können die Aufnahme von Asylsuchenden nicht alleine stemmen. Deshalb ist es wichtig, dass die jetzige Umverteilung so lange weiterläuft, bis wir ein permanentes solidarisches Verteilungssystem bekommen. Wir Grüne fordern seit langem, dass das Dublin-System abgeschafft und durch ein gerechtes Verteilungssystem ersetzt wird. Dabei müssen auch Anknüpfungspunkte von Asylsuchenden berücksichtigt werden. Flüchtlinge, die bereits die Sprache eines Mitgliedsstaates sprechen, dort Verwandte haben oder berufliche Anknüpfungspunkte, tun sich deutlich leichter mit der Integration“.

Schon einmal haben die Länder Europas und außereuropäische Länder versagt, als verfolgte Minderheiten vor Unterdrückung, Terror, Verfolgung und Vernichtung aus Deutschland fliehen wollten. Denn etliche europäische Mächte hatten sich mit der Gewalt der Nationalsozialisten gegen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, kritische Wissenschaftler, Journalisten und Künstler gemein gemacht. Etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche und deutschstämmige Angehörige verschiedener Staaten waren zwischen 1944/45 und 1950 von Flucht und Vertreibung betroffen. Nur in geringem Maße wurden sie in andere Staaten hineingelassen. Lässt sich aus solchem Schicksal nichts lernen?

"Ska Keller im Interview mit der Frankfurter Rundschau"

23.08.2017 11:19
Annette Frier relativiert Fake News und unterstützt Qualität im Journalismus
Annette Frier (42), Schauspielerin – TV-Serie Danni Lowinski, TV-Film Nur eine Handvoll Leben, Komikerin und Moderatorin (Doku-Serie Ach Europa), spricht über die Rolle von Fake News und Medien – auch aus eigener Erfahrung. Sie stellt sich den Fragen von Joachim Frank im Rahmen der Kampagne „Danke für Ihr Vertrauen“ des Kölner Stadtanzeigers:

"Frau Frier, sind die „Fake News“ von heute nicht die halb wahren oder häufig ganz falschen Klatsch- und Tratschgeschichten, mit denen Prominente wie Sie seit jeher leben müssen?

Stimmt, das lässt sich absolut vergleichen. Selbst jemand wie ich, die für die Revolverblätter längst nicht so interessant ist wie ein Boris Becker oder die britischen Royals, erlebt haarsträubende Geschichten. Als ich zum Beispiel 2014 mit meiner TV-Rolle als Rechtsanwältin Danni Lowinski aufhörte, stand irgendwo zu lesen: „Serienende, um Ehe zu retten“. Da war von Überlastung die Rede und von Beziehungsstress, in allen Details aufgedröselt, großformatig präsentiert. Mein Mann und ich saßen fassungslos vor dieser Doppelseite, die mir jemand vom Friseur mitgebracht hatte, und wir fragten uns, wo der ganze Blödsinn wohl hergekommen sein mochte. Quelle des Artikels? „Ein Insider verrät…“

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben herzhaft gelacht und versucht, das Ganze mit Humor zu nehmen. Zum Glück sind „Fake News“ im Bereich des Entertainments nicht immer von wirklich zerstörerischer Qualität. Nach meiner Erfahrung gibt es nämlich keine effektive Verteidigung. Sobald man mit juristischen Mitteln dagegen vorzugehen versucht, spielt man ja das Spiel mit, bei dem dann häufig Aussage gegen Aussage steht und am Ende immer etwas hängen bleibt. Statt den Rattenschwanz abzuschneiden, wird er länger und länger.

Das Problem des Laufenlassens: Das Internet vergisst nicht.

Deshalb sollte man dem Kommunikationsraum Internet generell misstrauen. Ich warte darauf, dass endlich ein Internet-Knigge für das Verhalten im Netz herauskommt. Grundregel Nummer eins müsste lauten: Anonym gibt’s nicht. Wer im Internet etwas behauptet oder seine Meinung kundtut, muss sich outen und seine Quellen nennen. Wir haben aber für das Internet noch keine verbindlichen Regeln entwickelt, gelernt und eingeübt. Deshalb ist ist die Netzwelt unser Llano Estacado, ein Wildwest-Territorium für Desperados aller Art.
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Die klassischen Medien dürfen demgegenüber als gesichertes Refugium gelten: präzise vermessen, gut beschildert und reglementiert durch eine Straßenverkehrsordnung der Kommunikation?

Auf alle Fälle. Natürlich kommen Fehler und Fehlleistungen auch in klassischen Medien vor. Das finde ich aber nicht so schlimm, solange es Redaktionskonferenzen gibt, das journalistische Arbeiten im Team mit Selbstreflexion und kritischer Diskussion. Redaktionen sind für mich Instanzen der Selbstkontrolle, Frühwarnsysteme, ein Gefüge von „Checks and Balances“. Das ist, wenn man so will, die Anwendung des Demokratie-Prinzips auf den Arbeitsalltag der Medien. Es kann sich dann eben nicht einer autokratisch hinstellen und seine persönlichen Ansichten als allein gültige Wahrheit in die Welt posaunen. Genau so entsteht übrigens, glaube ich, ein großer Teil der Fake News: durch das einsame Agieren irgendwelcher überspannter Typen oder natürlich aus unkontrollierter krimineller Energie staatlicher und nicht-staatlicher Akteure.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur Zeitung?

Das hat für mich etwas sehr Rituelles. Wenn ich meine Kinder morgens zur Schule geschickt habe, freue ich mich auf meinen Kaffee und meinen „Stadt-Anzeiger“ Ich genieße es, dazusitzen und zu lesen – am liebsten immer noch auf Papier. Ich hantiere ungern mit den Zeitungs-Apps auf dem Smartphone oder dem Tablet, sondern blättere lieber um, Seite für Seite. Wie das wohl gesamtgesellschaftlich in 20 Jahren sein wird? Ich bin gespannt. Aber ich glaube, die Beharrungs- und Durchsetzungskraft solcher Rituale ist größer, als wir es auf unserem Trip ständiger Veränderung wahrnehmen und uns selbst zugestehen.

Als Schauspielerin sind Sie selbst „Berichtsgegenstand“ und werden von Journalisten kritisch beurteilt. Hat das Ihre Einstellung verändert?

Früher habe ich mir darüber wesentlich mehr einen Kopf gemacht. Aber je besser ich auch die andere Seite kennengelernt habe, konkret durch viele Gespräche mit Journalisten, bin ich in die Haltung hineingewachsen, dass schlimmstenfalls ein anderer Mensch eben anderer Meinung ist als ich. Ich halte meinen neuen Film für gelungen, der Rezensent findet ihn daneben. Na und? So ist das im Leben. Und das Lustige ist: Es gilt auch für den Kritiker. Jeder Journalist freut sich, wenn er gesagt bekommt, „Also, Ihr jüngster Artikel war wirklich ganz toll“. Natürlich sind wir Schauspieler dem Urteil des Publikums anders ausgesetzt als der Verfasser eines Zeitungsartikels. Aber am Ende sind wir in der gleichen Situation. Diese Einsicht hat mich viel lockerer gemacht im Umgang mit der Kritik in den Medien.

Was macht für Sie guten Journalismus aus?

Überparteilichkeit. Sobald ich rieche, dass mir jemand seine Weltsicht aufschwatzen oder unterjubeln will, reagiere ich allergisch. Und ich finde die Zeitspanne sehr wichtig, die zwischen einem Geschehnis und dem Erscheinen der Zeitung liegt. Ich weiß, auch Zeitungsredaktionen müssen online „in Echtzeit“ reagieren. Auf so manchem Newsletter ist – bildlich gesprochen – die Tinte noch nicht trocken, bevor er die Leser erreicht. Aber gerade deshalb bin ich heilfroh darüber, dass es für die Zeitung noch eine Art zweite Zeitzone gibt, in der die Journalisten Fakten checken, Hintergründe recherchieren und die Geschehnisse abwägen".

"Annette Frier über Qualität im Journalismus im Kölner Stadtanzeiger"

"Die Kampagne 'Danke für Ihr Vertrauen'"

"Annette Frier - Biographie und Engagements"

24.07.2017 15:35
Entwickelt sich die Pflegesituation insgesamt weiter krass unfair?
„Gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht“, meint Journalist und Redakteur Timot Szent-Ivanyi von der DuMont-Redaktionsgemeinschaft im Berliner Hauptstadtbüro. Der sogenannte Pflege-TÜV sei der beste Beweis dafür: „Mit wenigen Klicks im Internet herausfinden, ob ein Pflegeheim oder ein ambulanter Pflegedienst seine Arbeit gut macht – das war die Idee, als 2009 die damalige große Koalition das Benotungsverfahren einführte.

Doch die Pflegenoten erwiesen sich als untauglich. Sie verschleiern, statt aufzuklären. Die Politik hat Pflegekassen und -verbände daher beauftragt, bis Ende des Jahres ein neues Bewertungssystem zu entwickeln. Doch eine Einigung ist nicht absehbar. Das zuständige Gremium hat bereits angekündigt, die Frist nicht einzuhalten. Die Bertelsmann-Stiftung hat nun eigene Vorschläge vorgelegt, um die Debatte voranzutreiben.

Problematisch ist bisher, dass Pflegeeinrichtungen auch dann eine gute Gesamtnote bekommen können, wenn sie in Kernbereichen der Pflege schlechte Qualität bieten, etwa bei der Versorgung der Pflegebedürftigen mit Flüssigkeit und Nahrung oder bei der Verhinderung des Wundliegens (Dekubitus). Das ist möglich, weil die schlechten Einzelnoten durch gute Bewertungen in weniger wichtigen Bereichen („Gibt es im Pflegeheim jahreszeitliche Feste?“) ausgeglichen werden können. Dadurch liegt der bundesweite Durchschnitt bei einem unrealistisch guten Wert von 1,2. Außerdem ist die Schwankungsbreite der Gesamtnoten nicht sehr hoch.

Das entspricht nicht der Realität, wie auch eine aktuelle repräsentative Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Danach sehen über zwei Drittel der Befragten, die schon einmal nach einem Heim gesucht haben, starke Qualitätsunterschiede zwischen den Einrichtungen. 73 Prozent dieser Befragten meinen, die Personalausstattung der Heime sei „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“. Gut die Hälfte befürchtet, im Fall der Fälle nicht das richtige Heim zu finden, weil ihnen durch die gegenwärtigen Pflegenoten wichtige Informationen zur Auswahl fehlen. Die Befragten wünschen sich vor allem Informationen zur fachlichen Qualität der Pflege (94 Prozent), zur Ausstattung und zu den Leistungen der Pflegeheime (92 Prozent) sowie zu Anzahl und Qualifikation des Pflegepersonals (88 Prozent).

Im Rahmen ihres Gesundheits-Internetportals „Weiße Liste“ hat die Bertelsmann-Stiftung ein Konzept erarbeitet, das diesen Anforderungen gerecht werden soll. „Wie bei den Pflegenoten befürchten wir, dass sich Pflegekassen und Anbieter nur auf einen aus Sicht der Verbraucher unzureichenden Kompromiss einigen können“, sagte der Gesundheitsexperte der Stiftung, Stefan Etgeton, der Frankfurter Rundschau. „Im Mittelpunkt einer Reform muss das Interesse der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen stehen.“

Das Konzept für ein Internet-Vergleichsportal sieht daher unter anderem vor, dass neben der eigentlichen Pflegequalität (Ernährung, Vorsorge gegen Stürze oder das Wundliegen) auch Informationen zur Personalausstattung veröffentlicht werden. Konkret geht es um den Pflegeschlüssel, also die Angabe, wie viele Pflegebedürftige ein Mitarbeiter betreut. Zudem soll die Qualifikation der Pfleger durch eine Skala angezeigt werden. Dabei sollen unter anderem der Anteil der Fachkräfte sowie die Spezialausbildungen der Beschäftigten (zum Beispiel für die Betreuung Demenzkranker oder für beatmete Pflegebedürftige) berücksichtigt werden.

Generell soll es keine Noten geben, sondern leicht verständliche Piktogramme, also zum Beispiel einen Haken bei unauffälligen Werten, einen grünen OK-Daumen bei überdurchschnittlichen Bewertungen und ein rotes Warndreieck bei auffälligen Befunden. „Die Ergebnisse werden am besten zusammengefasst, indem vor besonders schlechten Anbietern gewarnt wird und indem besonders gute Anbieter sichtbar gemacht werden, um zusätzlich einen Anreiz für Qualitätsverbesserungen zu geben“, so Etgeton. Dafür seien Grenz- und Schwellenwerte nötig, die entweder fachlich begründet oder statistisch ermittelt werden.

Die Bertelsmann-Stiftung plädiert zudem dafür, Erfahrungsberichte von Heimbewohnern und Angehörigen, verbunden mit einer Zufriedenheitsskala, zu veröffentlichen. Die Heime sollen im Gegenzug eine Möglichkeit bekommen, die Berichte zu kommentieren.

Um dem Wunsch der Betroffenen nach Informationen zur Ausstattung der Heime gerecht zu werden, fordert die Bertelsmann-Stiftung einen verpflichtenden „Strukturbericht“, der die Suche nach einer Einrichtung vereinfachen soll. Darin soll unter anderem festgehalten werden, welche religiösen Angebote es gibt, ob Haustiere oder eigene Möbel mitgenommen werden können, wie groß die Zimmer sind oder ob ein Garten und ein Gruppenraum existieren.

„Was für den einen egal ist, kann für den anderen ein Ausschlusskriterium bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeheim sein“, begründete Etgeton den Vorschlag“. So schreibt Szent-Ivanyi in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau.

Die Zeit drängt, denn die Anzahl der Menschen, die nach einem Heimplatz suchen oder suchen müssen, wächst. Und niemand möchte unprofessionell, sozial karg und unfair behandelt werden. Der Druck auf Politik und Pflegekassen muss zunehmen. Sonst entwickelt sich das System noch unfairer als bisher: . Dabei sind die geringen Gehälter für Pflegekräfte noch nicht einmal ausreichend einbezogen. Die vielen Pflegebedürftige, die privat zuhause gepflegt werden, bedürfen auch erhöhter Aufmerksamkeit. Hinzu kommen nicht „Sklavinnen, die uns pflegen“ (Die Zeit): „Beleidigt, geschlagen, keine Freizeit: Hunderttausende Osteuropäerinnen versorgen in deutschen Haushalten Menschen. Das ist meist verboten, wird aber selten verfolgt“. In Summe ist also die Pflegesituation in Deutschland krass unfair.

2,9 Millionen Pflegebedürftige insgesamt
zu Hause versorgt: 2,08 Millionen (73 %)
in Heimen vollstationär versorgt: 783 000 (27 %)
durch Angehörige: 1,38 Millionen
durch ambulante Pflegebedürftige
zusammen mit/durch ambulante Pflegedienste: 692 000 Pflegebedürftige
"Pflegestatistik 2017")

Was verdienen Pflegekräfte?
Der Mindestlohn für Pflegekräfte wird bis Anfang 2020 in mehreren Schritten auf 11,35 Euro pro Stunde im Westen und 10,85 Euro im Osten erhöht. Das geht aus einer Verordnung von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hervor.
Derzeit beträgt der Mindestlohn-Satz für Pflegekräfte 10,20 Euro in Westdeutschland und 9,50 Euro im Osten. Zum 1. Januar 2018 soll er auf 10,55 Euro (Westen) beziehungsweise 10,05 Euro (Osten) steigen. Die Lohnuntergrenze in der Pflege betrifft rund 908.000 Beschäftigte. In Privathaushalten gilt der allgemeine gesetzliche Mindestlohn von deutschlandweit derzeit 8,84 pro Stunde. ( laut dpa)

"Timot Szent-Ivanyi in Berliner Zeitung"

"Die ZEIT über osteuropäische Pflegekräfte"





14.02.2017 17:37
Aktiv Fake News und Gerüchte erkennen und entlarven
Es geht und wirkt, auch wenn es nicht einfach ist. Drei spezielle Webportale unterstützen, Falschmeldungen, Gerüchte und Verleumdungen zu erkennen. Und auch zu entlarven oder für die Entlarvung anzugeben.

Mimikama schreibt zu seinen Aktivitäten: „Fake-News, ein Begriff, der nun auch im deutschsprachigen Raum angekommen ist. Die Aufgabe, vor der nun die Nutzer sozialer Netzwerke stehen, liegt in der Differenzierung zwischen seriösen und echten News zu erfundenen Inhalten.

Was man machen kann
Falschmeldungen, die sich als News ausgeben, kann man grundsätzlich mit ein paar Handgriffen schon selbst enttarnen. Man muss zunächst zumindest nach erweckter Skepsis sich die richtigen Fragen stellen und ein paar Griffe anwenden.
Hier geht’s zur Schritt für Schritt-Anleitung
”Mimikama hilft gegen Fake News”

Die Hoaxmap ist aus dem Wunsch entstanden, eine Ordnung in die Vielzahl gestreuter Gerüchte zu bringen und die Dekonstruktion selbiger zu erleichtern. Sämtliche "Auflösungen" sind etablierten Medien entnommen und verlinkt. Sofern kein Datum für den jeweiligen Vorfall aufgeführt ist, wurde das Datum des Artikels übernommen. In den wenigen Fällen, in denen kein konkreter Ort angegeben war, wurde die Hauptstadt des Landkreises bzw. Bundeslandes übernommen. Der Schwerpunkt liegt auf Gerüchte und Verleumdungen über Flüchtlinge und Asylbewerber.

In der Sammlung tauchen auch einige Gerüchte auf, die sich nicht direkt auf Asylsuchende beziehen. Zum einen wurden einige Fälle mit Gerüchten über Menschen mit "südländischem Aussehen" oder "nichtdeutschem Akzent" aufgenommen. Diese Art von Beschreibungen wird aktuell häufig mit Geflüchteten in Verbindung gebracht. Zum anderen sind auch angebliche Straftaten oder Repressionsmaßnahmen gegen TeilnehmerInnen rassistischer Demonstrationen aufgeführt. Diese wurden mit aufgenommen, weil sie ebenfalls das Narrativ der Meinungsunterdrückung und das Weltbild der GerüchteerzählerInnen bestärken.

Vor wenigen Tagen hat das Team der Hoaxmap auf ein Jahr Aktivität zurück geblickt:
”1 Jahr Hoaxmap gegen Fake News”

Und hier geht’s zur Nutzung von Hoaxmap
“Hilft hilft Hoaxmap“


Gegen Hass hilft nach wie vor die Aktion „Hass hilft“, die jede gemeldete Hassmail mit 1 € vergütet. Hier geht zur Aktion
”Aktion Hass hilft”

Jetzt nutzen, weiterlinken.

27.12.2016 08:07
2017
Wir wünschen Ihnen einen guten Start ins Neue Jahr, stärkende und ermutigende Erfahrungen sowie allzeit ein Lächeln im Herzen. *****


Ihre Fairness-Stiftung ******
Dr. Norbert Copray und
Jutta Schmidt M.A. (Leitung)

11.10.2016 11:14
Aktion gegen Hass und für Fairness
Hass, Hassmails und Hassreden sind das glatte Gegenteil von Fairness. Nur den Hass zu hassen und nicht den oder die Hasser, ist gerade noch fair. Mit 1 € pro Hass-Kommentar in den Social Media trägt die Aktion "Hass hilft" mit ihrer Website www.hasshilft.de dazu bei, dass mit jeder Hassäußerung eine Spende ausgelöst wird.


Was ist ein Hass-Kommentar? Unter „Hass-Kommentar“ versteht die Aktion Äußerungen in sozialen Netzwerken, in denen Menschen erniedrigt, verunglimpft oder in ihrer Menschenwürde herabgesetzt werden bzw. Äußerungen, in denen zu Gewalt aufgerufen oder Menschen Gewalt angedroht wird. Und zwar aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteten Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe, ihrer politischen Einstellung, ihrer sozialen Zugehörigkeit oder auch aufgrund rein äußerlicher Merkmale. Dabei richtet sich die Äußerung verallgemeinernd (rassistisch, antisemitisch, fremdenfeindlich, homophob, abwertend gegenüber Behinderten oder Obdachlosen oder sexistisch) gegen die gewählte Gruppe als Ganzes. Hass-Kommentare gilt es im Einzelfall auch auf strafrechtliche Relevanz zu überprüfen.

"Hass hilft" ist so eine unfreiwillige Spenden-Aktion, die von der ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH betrieben wird, bei welcher für jeden in sozialen Netzwerken getätigten Hassaufruf mit Hilfe von Sponsoren ein Euro jeweils zur Hälfte an die Aktion Deutschland Hilft und Exit Deutschland gespendet wird, was eine komplette Umkehr der ursprünglichen Intention des Kommentars zur Folge hat. Ein Zwickmühle für Hassende in Social Media..

Auf diese Weise wird die jeweilige Hass-Mitteilung konterkariert und führt dazu, antirassistische, für Fairness, Verständigung und Demokratie engagierte Initiativen zu stärken. Bislang sind rund 17.000 Euro zusammen gekommen. Einfach auf die Site www.hasshilft.de gehen und Hasskommentare eintragen.

"Die Hass hilft-Website"

"Wikipedia über die Aktion Hass hilft"

"Gesellschaft demokratische Kultur über Hass hilft"

"Facebook-Auftritt von Hass hilft"



18.03.2016 14:34
Was die Fairness zwischen Flüchtlingen und Deutschen verlangt
Was müssen wir von Flüchtlingen erwarten dürfen, die wir in unserer Mitte aufnehmen, fragt der syrisch-deutsche Schriftsteller Erzähler Rafik Schamir. im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Und meint:

"Hier erwarte ich Hilfe von jedem, der sich Intellektueller nennen will. Solche Diskussionen müssen wir wieder an uns reißen und nicht den Populisten und Menschenhassern überlassen. Auch Helferinnen und Helfer der Flüchtlinge sollten vielleicht diese Punkte mit ihren Schützlingen diskutieren.

1. Die Zeit ist hier in Deutschland reif für sie, um in Freiheit nachzudenken, selbstkritisch und ohne Angst und Tabu, was sie zu dieser Misere geführt hat. Ich gebe ein paar Stichpunkte: die Sippe, das Erdöl, die Diktatur, die Vermischung von Religion und Politik.

2. Die Flüchtlinge sollten zur Kenntnis nehmen, dass sie im christlichen Abendland aufgenommen worden sind. Und sie werden dieses weder kurz- noch langfristig verändern. Wollen aber sie sich verändern und damit am zivilisatorischen Prozess teilnehmen, dann müssen sie die Sprache dieses Landes ernsthaft lernen.

3. In diesem Land sind Frauen und Männer gleichberechtigt.

4. Die reichen arabischen Länder haben sie im Stich gelassen. Diese Länder spielen sich auf als Hüter des Islams und handeln gegen den Koran und seinen Propheten.

5. Sie sollten wissen, ein Gast in der arabisch-islamischen Welt ist ein edler Gefangener seines Gastgebers. Die bürgerliche Gesellschaft achtet die Würde, auch die des Fremden, daher sind sie keine Gefangenen, sondern Gäste mit beschränkten Rechten. Ein Weiser wirft keinen Stein in den Brunnen, aus dem er trank.

6. Dankbarkeit besteht nicht darin, unterwürfig und schleimig gegenüber den Deutschen zu sein, um insgeheim rassistisch über sie zu denken, sondern Dankbarkeit besteht in erster Linie im Respekt den Helferinnen und Helfern gegenüber. Diese tapferen Frauen und Männer sind ein Garant für die Flüchtlinge gegen die Rassisten und Populisten.

7. Die deutsche Gesellschaft ist eine demokratische, freiheitliche Gesellschaft, die nicht selten schwächer erscheint, als sie ist. Sie ist aber wehrhaft. Die Flüchtlinge sollen sich von keinem Kriminellen zur Dummheit verführen lassen, die Abwesenheit von Militärs und Polizei auf der Straße bedeute Gesetzlosigkeit.

8. In diesem Land gilt ein einziges Gesetz: Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Alle anderen Gesetze der Sippe, der Ehre, der Scharia gelten hier nicht. Wer den Flüchtlingen etwas anderes erzählt, will ihnen nur schaden.

9. Sie sollen nicht heucheln, die Homosexualität existiere in den islamisch-arabischen Ländern nicht. Hier in Deutschland haben die Homosexuellen ihr Recht auf Gleichheit und Normalität im Umgang erkämpft. Nichts wurde ihnen geschenkt.

10. Sie sollen nicht zu gelähmten Zuschauern werden, sondern aktiv am Leben teilnehmen und mit allen demokratischen Kräften dafür kämpfen, dass die Zustände und Ursachen, die zu ihrer Vertreibung führten, verschwinden".

Rafik Schami kam 1971 nach Deutschland, promoviert in Chemie und wurde danach ein bedeutender Schriftsteller. Sein Werk wurde in 29 Sprachen übersetzt. Er stammt aus einer christlich-aramäischen Minderheit in Damaskus, besuchte ein jesuitisches Kloster-Internat im Norden Libanons und studierte in Damaskus Chemie, Mathematik und Physik. Schon mit 19 Jahren hatte er sich der Literatur verschrieben und gründete und leitete 1966 in der Altstadt von Damaskus die Wandzeitung Al-Muntalak (dt. ‚Ausgangspunkt‘), die 1969 verboten wurde.

1970 floh Rafik Schami aus seinem Heimatland Syrien zunächst in den Libanon, zum einen, um dem Militärdienst zu entgehen, zum anderen, weil er wegen der Zensur nach eigenen Angaben „zu ersticken“ drohte. 1971 wanderte er in die Bundesrepublik Deutschland aus. Neben seinem Studium nahm er verschiedene Aushilfsjobs in Fabriken und als Aushilfskraft in Kaufhäusern, Restaurants und auf Baustellen an. Er veröffentlichte zahlreiche Texte in Zeitschriften und Anthologien, zunächst in arabischer, seit 1977 auch in deutscher Sprache. 1978 erschien mit Andere Märchen sein erstes Buch in deutscher Sprache. 1980 war er Mitbegründer der Literaturgruppe „Südwind“ und des PoLiKunst-Vereins (= Polynationaler Literatur- und Kunstverein). Seit 1982 lebt er als freier Schriftsteller in der Pfalz. Von 1980 bis 1985 war Rafik Schami Mitherausgeber und Autor der Reihe „Südwind-Gastarbeiterdeutsch“ und der Reihe „Südwind-Literatur“ (insgesamt 13 Bände).

Rafik Schami gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Für sein Werk hat er zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten. Sein Erfolg gründet sich nicht zuletzt auf seine zahlreichen Lesungen, bei denen er sein Talent zum freien Fabulieren entfaltet. Der Verkauf des einmillionsten Exemplars der Taschenbücher Schamis bei dtv im Januar 2005 zeugt von seiner gleichbleibend großen Beliebtheit beim deutschen Publikum.

Rafik Schami engagiert sich seit vielen Jahren für die Aussöhnung zwischen Palästinensern und Israelis und versucht bei vielen Gelegenheiten, für diese Aufgabe zu werben, so z. B. auf Kongressen, in seinem umfangreichen essayistischen Werk und nicht zuletzt als Herausgeber der Aufsatzsammlung Angst im eigenen Land (2001), in der Araber wie Israelis zu Wort kommen und zum Israel-Palästina-Konflikt Stellung nehmen. Schami wurde während der Frankfurter Buchmesse 2004 von staatlich loyalen Autoren aus der arabischen Welt scharf kritisiert. Anlass dazu waren Schamis Aussagen über die Situation von Autoren in den arabischen Ländern in einem stern-Interview.

Schami hat die Staatsbürgerschaften von Syrien und Deutschland. 1990 lernte er die Zeichnerin und Autorin Root Leeb kennen, mit der er seit 1991 verheiratet ist und einen Sohn hat. Root Leeb illustrierte eine große Anzahl seiner Bücher, gestaltete die Titelbilder aller bei dtv erschienenen Bücher Schamis und gab ihnen so ein unverwechselbares Gesicht. Der Sohn, Emil Fadel (* 1992), wurde mit dem Gewinn des Martha-Saalfeld-Förderpreises 2014 erstmals als Schriftsteller einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

2010 erhielt Schami die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel. Seine Vorlesungen beschäftigen sich mit der Erzählkunst. Bisherige Inhaber waren unter anderen die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sowie Christoph Hein und Klaus Harprecht.

"Das FR-Interview"

"Rafik Schami in Wikipedia"

"dtv-Website von Rafik Schami"

01.03.2016 11:52
Sind Mitgefühl und Kooperation der neue Trend?
Der Egoismus hat ausgedient. Nicht flächendeckend, nicht international, nicht national, nicht individuell. Aber er hat seinen Höhepunkt und vor allem seine maximale Überzeugungskraft erreicht. Jetzt kommt der Kipp-Punkt. Die destruktiven Folgen des staatlichen, wirtschaftlichen und persönlichen Egoismus sind nicht nur zu erkennen, sondern auch zu spüren: weltweite Fluchtbewegungen, desaströse Klimawandeleffekte, extreme Vermögenssteigerung bei Reichen und verbreitete Verarmung der Armen, Missachtung und Herabwürdigung von Bedürftigen und Abgehängten. Ist gegen den Egoismus und seine Auswirkungen kein Kraut gewachsen, weil er zur menschlichen Natur gehört?

„Immer mehr Wissenschaftler stellen die pessimistische Sichtweise der menschlichen Natur infrage. Psychologen, Neurowissenschaftler und Primatenforscher haben herausgefunden, dass Altruismus und die Fähigkeit zur Kooperation durchaus grundlegende, angeborene Wesenszüge des Menschen sind“, schreibt der TV-Sender Arte in seiner Ankündigung einer Dokumentation. Sie läuft unter dem Titel „Die Revolution der Selbstlosen“ in der Mediathek von Arte und am Freitag, den 4.3., um 9:55 Uhr, 91 Minuten auf Arte.de (z.B. zum Aufzeichnen).

Die Arte-Redaktion stellt dazu fest: „Selbstbezogenheit, Materialismus und Geldgier beherrschen unsere moderne Gesellschaft. Aber gehört es nicht vielleicht doch zur menschlichen Natur, selbstlos zu sein, also uneigennützig im Interesse von anderen zu handeln? Seit rund 20 Jahren widerlegen Forschungsergebnisse - wie etwa die des Katastrophenforschungszentrums von Delaware - die These von einem universellen Egoismus. Psychologen, Neurowissenschaftler und Primatenforscher fanden heraus, dass sogenanntes prosoziales Verhalten wie Mitgefühl, Altruismus, Hilfsbereitschaft und die Fähigkeit zur Kooperation zu den fundamentalen Eigenschaften des Menschen zählen.

Sylvie Gilman und Thierry de Lestrade haben Wissenschaftler bei ihren Forschungsarbeiten begleitet: Ausgangspunkt sind entwicklungspsychologische Studien, die bereits im Babyalter ansetzen und das Bild eines Menschen zeigen, der hochgradig kooperativ ist: Nach Studien der Universität Yale verfügen Babys bereits in den ersten Lebensmonaten über ein moralisches Urteilsvermögen, eine Art Gerechtigkeitssinn und zeigen spontan altruistische Verhaltensweisen.

Angesichts der weltweiten Herausforderungen, die nach radikalen Veränderungen rufen, stellt sich die Frage, ob und wie diese positiven Charaktereigenschaften des Menschen gefördert werden können. Könnte man Selbstlosigkeit womöglich sogar üben? Unermüdlicher Botschafter dieser Überlegung ist der studierte Molekularbiologe Matthieu Ricard. Der buddhistische Mönch studiert mit Hirnforschern die Wirkung von Meditation auf das Gehirn - mit Erfolg. Zahlreiche Experimente zum Geistestraining weisen nach, dass die individuelle Wandlung möglich ist. Meditationsübungen an Schulen in Problemvierteln zeigen bereits überraschende Erfolge im Sozialverhalten und im Kampf gegen Aggressionen. Längerfristig besteht das Ziel darin, eine breitere Bewegung auch über den Bildungs- oder Gesundheitssektor hinaus anzustoßen.

Manche Ökonomen setzen große Hoffnungen in die Wandlungsfähigkeit unserer Gesellschaft. So haben sich Wirtschaftsexperten auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ein neues Thema auf die Fahne geschrieben: Achtsamkeit. Seinen Geist der Güte zu öffnen und sich in humanitären Projekten zu engagieren, ist aus ihrer Sicht eine Win-win-Situation, die auch für die moderne Wirtschaft keine Utopie bleiben soll“.

"Die Arte-Sendung zum Thema"

"Das Arte-Dossier zum Thema"

"Das Buch 'Fairness' zum Thema mit Grundlagen, Analysen und Anwendungshinweisen"

08.02.2016 16:04
Wir trauern um Roger Willemsen: Unser Unterstützer der ersten Stunde
Roger Willemsen ist gestern, am 7. Februar 2016, an Krebs gestorben. Wir verlieren einen wunderbaren Menschen und Unterstützer für die Fairness-Stiftung.

2001 moderierte Roger Willemsen unsere erste Feier der Verleihung des Deutschen Fairness Preises. Preisträger war Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter, der 2011 mit 88 Jahren starb. Und Willemsen moderierte unser erstes Internationales Fairness-Forum 2001 zum Thema „Zu welchem Preis? Licht- und Schattenseiten von Führungspositionen in Wirtschaft und Gesellschaft“. Dank seines fulminanten Horizonts, seiner herausragenden Moderationsfähigkeit und seiner brillanten Eloquenz hat Roger Willemsen zum Auftakt unserer großen Veranstaltungen beigetragen und damit 15 Jahre erfolgreiche Preisverleihungen und Fairness-Foren eröffnet.

In der Erstausgabe des Fairness-Reports 2001 gab Willemsen ein Aufsehen erregendes Interview zu „Wie die Quote die Fairness erschlägt“ (siehe Link unten). Er zeigte darin, in welcher Spannung Fairness und Erfolg in Massenmedien stehen. Was heute durch Facebook und Twitter noch deutlicher wird als seinerzeit allein durch TV und Presse. Von Spannung kann schon fast keine Rede mehr sein. Wer die Hasstiraden und Attacken in den sogenannten Social Media verfolgt, wird nicht umhin können, die Bedeutung von Fairness in den Massenmedien skeptisch zu sehen. Es wäre ein tolles Vermächtnis, mehr Fairness-Bewusstsein in solchen Medien voranzubringen und Fairness wirksam zu machen.

Dr. Roger Willemsen war in zahlreichen Hilfsorganisationen tätig, z. B. bei Amnesty International und Terre des Femmes. Zugleich arbeitete er als Botschafter der von CARE International und UN-Flüchtlingshilfe gemeinsam verwirklichten Afghanistan-Kampagne "Helfen steckt an". Seit dem Frühjahr 2006 war Roger Willemsen Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins e. V., der seinen Sitz in Deutschland hat und für den er sich persönlich sehr engagierte. 2006 erschien sein Buch „Hier spricht Guantánamo“, in dem er ehemalige Guantanamo-Häftlinge über ihre Haftumstände interviewt. Willemsen hat die Aktion „Deine Stimme gegen Armut“ unterstützt, war Pate des Kinderhospizes Bethel für sterbende Kinder und Mitglied der globalisierungskritischen Vereinigung Attac.

Wir verlieren einen vielseitig talentierten, sozial engagierten und künstlerisch-empfindsamen Menschen, der uns etwas zu sagen und der Welt Wichtiges zu deuten hatte. Er sprach uns Mut zu, die Fairness-Stiftung und das Fairness-Anliegen mit langem Atem voranzubringen. Er gehörte zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen. Roger Willemsen war am 15. August letzten Jahres 60 Jahre alt geworden. Kurz danach hatte er alle Verpflichtungen und Veranstaltungen wegen einer Krebserkrankung abgesagt und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wir drücken seinen Angehörigen unser Mitgefühl aus.

"Roger Willemsen moderiert die Verleihung des Deutschen Fairness Preises an Horst-Eberhard Richter"

"Roger Willemsen moderiert das Internationale Fairness-Forum"

"Roger Willemsen über die Quote, die die Fairness erschlägt"

"Roger Willemsen im Rundfunk-Gespräch über Gott, den Papst und soziales Engagement: „Ich würde gerne glauben“


13.01.2016 11:38
Rote Karte im Verkehr
Aggression, Egoismus und Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr: Unfairness massenhaft. Der ADAC hält aggressives Verhalten auf deutschen Straßen für Alltag. Mitgliederbefragungen des ADAC haben gezeigt: Acht von zehn Autofahrern empfinden egoistisches und rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr als besonders belastend. Ärger entsteht vor allem, weil sich Verkehrsteilnehmer – ob absichtlich, fahrlässig oder versehentlich – nicht an die Verkehrsregeln halten. Doch was der ADAC nicht erwähnt: die Rechthaberei im Straßenverkehr trägt mit dazu bei, wenn Verkehrsteilnehmer anderen wegen Fahrfehler oder unfairem Verhalten gleich Mores lehren wollen. Und: die Werbung für leistungsstarke, sportive Autos sowie die erhöhte Sitzposition in SUV schaffen Überlegenheitsgefühle und –bedürfnisse, die im Verkehr ausgelebt werden. Man sehe sich nur die TV-Autowerbung an. Werbung für faires Fahrverhalten ist etwas anderes.

Der ADAC hat einen Verhaltenskodex – einen „Knigge“ für die Straße – für ein faires Miteinander zusammengestellt:
- Blickkontakt: "Straßenverkehr findet über Kommunikation statt. Ohne Blickkontakt mit anderen Verkehrsteilnehmern kann das Miteinander nicht funktionieren. Deshalb sollte stets der Blick nach draußen die Kommunikation ermöglichen – zu anderen Autofahrern, Radfahrern, Fußgängern und vor allem zu Kindern.
- Handzeichen: Im Straßenverkehr kommen zahlreiche Gesten zum Einsatz – oft sind es jedoch nur die beleidigenden. Mit freundlichen Handzeichen hingegen lässt sich Danke sagen, entschuldigen oder loben.
- Blinken: Fahrmanöver ausführen, ohne zuvor andere Verkehrsteilnehmer darüber zu informieren, erzeugt zwangsläufig Ärger. Deswegen muss, etwa beim Abbiegen oder Spurwechseln, zwingend geblinkt werden.
- Zeit einkalkulieren: Häufig lösen Stress und Termindruck aggressives Verhalten aus. Oft genügt schon ein Stau, dass Sicherungen bei Autofahrern durchbrennen. Tipp des ADAC: Einige Minuten zusätzlich als Sicherheitsplus einkalkulieren, frühzeitig starten und entspannt ans Ziel kommen". Zu ergänzen wäre:
- Vorteil gönnen: es geht im Verkehr nicht primär um's Recht haben, sondern um heil und gesund am Ziel anzukommen. Dazu gehört auch, aggressives Fahren durch rücksichtsvolles ersetzen, auch dem anderen Verkehrsteilnehmer einen Vorteil gönnen und nicht um Biegen und Brechen streitig machen. Denn das sind oft die Ursachen für Karambolagen, wo weder Nebel noch Regen noch Schnee und Eis den Verkehr beeinträchtigen, sondern nur der Mensch allein.

Gute Tipps für mehr Fairness im Verkehr. Doch wie sieht’s mit der Fairness im ADAC-Verein aus? Es gibt eine Reihe von Personal- und Strukturentscheidungen, die ihre Bewährungsprobe noch vor sich haben. Und eine Orientierungsänderung wäre auch ratsam: Nicht die freie Fahrt für freie Bürger propagieren und den Autosport sponsern, sondern für mehr Fairness im ADAC und auf der Straße aktiver und deutlicher eintreten – auch mal mit weniger Geschwindigkeit, mehr Fußgefühl und Achtsamkeit.

"Verkehrs-Knigge"

"Reformentscheidungen im ADAC"

"Wer das Reglement im ADAC überwacht"

04.01.2016 11:57
Ist der Sinn für Fairness kulturell verschieden geprägt?
Der Sinn für Fairness ist nicht in allen Kulturen gleichermaßen ausgebildet. Am stärksten reagiert das eigene Fairness-Empfinden, wenn man selbst von Unfairness betroffen ist. Und dass scheint es in allen Kulturen zu geben. Doch ein Fairness-Gespür für die Unfairness anderen gegenüber gibt es nur in wenigen Kulturen und ist sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Studien hatten bisher schon bei Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren nachgewiesen, dass sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben und sich auch für die Opfer von Ungerechtigkeiten einsetzen. Allerdings waren die bisherigen Studien vor allem auf westliche Kulturen konzentriert und hatten andere Kulturkreise nicht genügend berücksichtigt. Unklar war deshalb bisher, ob sich der scheinbar weltweit vorhandene Sinn für gerechtes Teilen bei Kindern aller Kulturen auf dieselbe Art und in vergleichbarem Alter entwickelt.

Der Psychologe Peter Blake von der Boston University und seine Kollegen wiesen nun durch Untersuchungen mit Hilfe von Süßigkeitsverteilungen nach, dass der Gerechtigkeitssinn bei Kindern von der Kultur abhängt. Alle Kinder pochen vor allem dann auf Gerechtigkeit, wenn sie von Benachteiligung selbst betroffen sind. Nur in wenigen Kulturen protestieren sie gegen unfaire Verteilungen, die ihnen selbst einen Vorteil bringen. Ein Sinn für Gerechtigkeit existiert demnach in allen Kulturen – er entwickelt sich aber in unterschiedlichem Alter und auf unterschiedliche Weise, beschreiben die Forscher im Journal "Nature".

Die ersten Unterschiede zeigten sich je nach Alter der Kinder: Jüngere Kinder wiesen schnell Verteilungen zurück, bei denen das andere Kind mehr erhielt als sie selbst. Ab einem Alter von etwa acht Jahren verwarfen die Kinder aber auch dann die Süßigkeiten, wenn das andere Kind deutlich weniger als sie erhalten sollte. „Es war ein ziemlich überraschendes Resultat, dass Kinder ein solches Opfer eingehen“, meint Blake. „Als wir sie nach dem Grund fragten, sagten sie, es sei nicht fair“.

Die Untersuchungen fanden in der Bostoner Region statt sowie an insgesamt bei über 1.600 Kindern aus Kanada, Indien, Mexico, Peru, Senegal, Uganda und den USA. Die Experimente mit den Kindern zwischen vier und fünfzehn Jahren ergaben. Sobald das andere Kind weniger Süßigkeiten erhalten sollte, zeigten sich jedoch überraschenderweise nur Kinder aus Kanada und den USA sowie aus Uganda solidarisch und verzichteten aus Fairness-Gründen auf den eigenen Vorteil. Die Forscher nehmen daher an, dass der Sinn für diese Form der Ungerechtigkeit eher kulturell geprägt ist, als der universell vorhandene Widerstand gegen den eigenen Nachteil.

Den Forschern war es wichtig zu betonen, dass ihre Ergebnisse nicht zwangsläufig bedeuten, bestimmte Kulturen seien egoistischer als andere. „Wir behaupten nicht, dass die Abneigung gegen den eigenen Vorteil durch Ungleichheit in diesen Kulturen nicht existiert“, sagt Studienleiter Felix Warneken von der Harvard University in Massachusetts. „Es kann sein, dass Kinder in den USA und Kanada schon früh darauf gebracht werden, und dass es in anderen Kulturen erst später auftritt“. Die teilnehmenden Kinder aus Uganda waren außerdem an ihrer Schule auch von westlichen Lehrern unterrichtet worden, was sie entsprechend kulturell mitgeprägt haben könnte.

„Ein wichtiger Hinweis ist, dass wir nur eine begrenzte Zahl Kulturen überprüft haben“, fügt Erstautor Blake hinzu. „Wir haben zum Beispiel keine Jäger-und-Sammler-Kulturen untersucht. So ist es gut möglich, dass wir dieses Phänomen auch in solchen Kulturen antreffen“. Die bisherigen Ergebnisse seien jedoch ein wichtiger erster Schritt, die kulturellen Ursprünge des Gerechtigkeitssinnes besser zu begreifen. Die gefundenen Unterschiede und Prozesse sollen auch die Auswahl untersuchter Kulturen in zukünftigen Studien erleichtern.

Quelle: Nature, 2015; doi: 10.1038/nature15703; Harvard University / Boston College, 23.11.2015 - AKR

"Ist Fairness kulturabhängig?"

01.10.2015 14:24
Fair Day mit Sina Trinkwalder, Harald Welzer, den Digitalen Helden, Jürgen Stellpflug und Sabine Ferenschild
Am 31.10. wird in Frankfurt der Deutsche Fairness Preis 2015 sowie der Fairness-Initiativpreis 2015 verliehen. Außerdem wird beim Fairness-Forum in Frankfurt am gleichen Tag die Frage behandelt: Unsere Kleidung: wie unfair ist sie – wie fair kann sie sein?

Sina Trinkwalder, Gründerin und Unternehmerin von manomama, erhält den diesjährigen Deutschen Fairness Preis dafür, dass sie überzeugend und vielseitig Fairness praktiziert: im Umgang mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit ihren Lieferanten, mit Umwelt und Natur, mit der Öffentlichkeit und mit Fairness-Washing. Mit ihrem Einsatz für auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen und gegen Fairness-Washing setzt sie in ihrem Unternehmen manomama vorbildliche Signale für eine umfassend verstandene Fairness-Praxis. Prof. Dr. Harald Welzer wird die Laudatio halten.

Der Fairness-Initiativpreis geht an die Digitalen Helden: SchülerInnen der Jahrgangsstufe 8 und 9. Digitale Helden helfen jüngeren SchülerInnen (Jahrgangsstufe 5-6), Eltern und PädagogInnen gegen Mobbing und Stress im Internet und im Umgang mit dem Smartphone weiter (Peer Education). Außerschulische Fachkräfte wie PolizeijugendkoordinatorInnen, SchulpsychologInnen oder Medienanwalt/In bieten schnelle fachliche Hilfe im digitalen Notfall. 60 Schulen haben sich inzwischen dem Netzwerk angeschlossen.

Beim Fairness-Forum sprechen Sina Trinkwalder, der Chefredakteur vom Ökotest Jürgen Stellpflug und Dr. Sabine Ferenschild vom Südwind-Institut über die Art und Weise, wie wir mit unserer Kleidung umgehen und ob wir eine Chance haben – und wenn ja welche – zur Fairness auf dem Gebiet der Textilproduktion und der Kleidung beizutragen.

Wenn Sie das interessiert: Kontaktdaten mailen und wir schicken Ihnen einen Einladungsflyer zur kostenfreien Teilnahme zu (wobei die Veranstaltung schon zu 70 % ausgebucht ist).

"Preisträgerin Sina Trinkwalders manomama"

"Laudator Prof. Dr. Harald Welzer"

"Preisträger Digitalen Helden"

"Jürgen Stellpflugs Öko-Test"

"Dr. Sabine Ferenschild vom Südwind-Institut"

19.08.2015 16:54
Rücksichtnahme ist Fairness
Juli Zeh, Juristin und Schriftstellerin, die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet und auch mit ihrem kritischen, gesellschaftlich-politisches Engagement öffentlich bekannt wurde, sagte im Interview mit dem ZeitMagazin der Zeit:
Ich "habe begriffen, dass die Grundlage aller Freiheit Rücksichtnahme ist".

Das ist der Kern von Fairness, wie ihn die Fairness-Stiftung versteht. Und wie es die Bevölkerung in der repräsentativen Umfrage mit Infratest dimap für die Fairness-Stiftung herausgestellt hat und wie es im Fairness-Barometer herausgearbeitet und präsentiert wurde.

"Was Fairness ausmacht"

"Juli Zeh im ZeitMagazin 30 vom 12.8.2015

15.07.2015 11:35
Fairness durch Schlichtung und Schlichter?
Im ersten Halbjahr 2015 gab es 4133 Schlichtungsfälle allein bei Flugreisen. Das sind dreimal mehr Fälle als im Vorjahreszeitraum. Das ist von der SÖP, der „Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr e.V.“ in Berlin zu erfahren. Alle deutschen und über 30 internationale Airlines machen dabei mit. Die SÖP ist seitens der Bundesregierung für Bahn, Luftverkehr, Fernbus und Schiff anerkannt. Insgesamt sind das 250 Verkehrsunternehmen. Alle Verkehrsmittel zusammen brachten es auf 5494 Beschwerdefälle. Das ist ein Plus von 81 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Bevor Anwälte bezahlt und Gerichte angerufen werden, empfiehlt sich häufig eine Schlichtung. Bei Streitigkeiten im Privatbereich, z.B. wegen Beleidigung, Bedrohung, Verletzung des Briefgeheimnisses, können und sollten die Schiedsstellen und Schiedsämter in Anspruch genommen werden, um eine gütliche Einigung bzw. einer Kompromissbildung zu erreichen. Die Schiedspersonen sind um eine gütliche Einigung bemüht. Ein weiterer Vorteil von Schiedsverfahren gegenüber Gerichtsverfahren an Gerichten ist, dass sie kostengünstiger sind und eine zeitnahe Auseinandersetzung stattfindet. Die nachweisliche Schlichtungsquote liegt bei über 50 Prozent.

Das heißt auch: eine Schlichtung gelingt nicht immer. Beim Bahnstreik der GDL hat die Schlichtung durch Ministerpräsident Bodo Ramelow und Ministerpräsident a.D. Mathias Platzeck geklappt. Beim Streik der Kita-Mitarbeiterschaft und beim Streik der Piloten der Lufthansa bislang nicht. Denn immer müssen die Streitparteien dem Schlichtungsvorschlag zustimmen, damit er wirksam wird. Niemand muss einen Schlichtungsspruch akzeptieren, wenn er nicht will. Das Schlichtungsprinzip ist von Freiwilligkeit geprägt und zwar von Anfang bis Ende.

Der Tarifkonflikt der Kita-Mitarbeiterschaft, vertreten durch Verdi kann Mitte August wieder in Streik münden. Denn bis dahin sollen die Gewerkschaftsmitglieder über das Schlichtungsergebnis abstimmen. Das Ergebnis wird im Anschluss von einer Streikdelegierten-Konferenz beraten, die eine Empfehlung an die Verhandlungsführung unter Verdi-Chef Frank Bsirske abgeben wird. Auch der Deutsche Beamtenbund (Dbb) kündigte eine Mitgliederbefragung an. Für den 13. August haben die Tarifparteien die Fortsetzung der Verhandlungen vereinbart.

In vielen Bundesländern gibt es offizielle Schlichtungsstellen. Es gibt auch Schlichtungsstellen bei den IHK sowie in etlichen Branchen. Über den Mobbingscout sowie eine Suchmaschine wie www.Startpage.de sind die Schlichtungsstellen gut zu finden.

Schlichtung bietet in jedem Fall eine geordnete, von unabhängigen Dritten gestaltete Chance zur Fairness - für alle Seiten und Konfliktparteien.

"Schlichtungsverfahren und Schlichtungsstellen"

"Zur Beschwerdestelle der SÖP"

"Umfangreiches Beschwerdeportal des Europäischen Verbraucherzentrums Deutschland beim Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz e.V."

13.04.2015 13:15
Aufschrei über unmenschliche Zustände in Kranken- und Altenpflege
Dieser offene Brief einer seit 6 Jahren im Gesundheitsbereich und in der Kranken- und Altenpflege aktiven Fachkraft ist ein Aufschrei! weiter twittern!

AN ALLE, DIE ES ANGEHT!

Politiker, Geschäftsführungen und Träger von Altenpflegeheimen, Heimleitungen und PDLs, Heimärzte, Lehrkräfte, Pflegekräfte (Fachkräfte, Helfer, Studenten, Auszubil-dende), Betreuungskräfte, Ehrenamtliche, Angehörige und Pflegebedürftige, Menschen!

Ich bin 31 Jahre alt und seit 6 Jahren im Bereich der Gesundheits- und Kranken-pflege, sowie der Altenpflege tätig. Und ich bin wütend! Wütend als Mensch, wütend als examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, wütend als Studentin der Pflege-wissenschaft! Ich bin wütend auf ein System, wie es unmenschlicher nicht sein kann! Aber warum ist das so? Als ich heute in einem Kurs für Mitarbeiter der Pflege in an-gestrebten Leitungspositionen saß, wurde mir das Ausmaß der Katastrophe einmal mehr bewusst. Der Dozent stellte die Aufgabe, in einem Zeitrahmen von 25 Minuten selbstständig darüber nachzudenken, welche Impulse im Leben dazu geführt haben, dass sich dieses in irgendeiner Art und Weise einprägsam veränderte. Während meine Antwort in nicht mehr als 10 Sekunden feststand, dachte der Rest der Gruppe weiter angestrengt nach. Impulse zur Veränderung kamen stets aus meinem Inneren. Unzufriedenheit und letztlich Wut über ein System, welches ich nicht begreifen kann, ließen mich als Pflegekraft nicht wegschauen. Ich handelte! Die Gruppe jedoch war sich einig. Wenn sich in ihrem Leben bislang etwas verändert hat, dann weniger aus eigenem Antrieb, sondern mehr aus einer von außen vorgegebenen Notwendigkeit. Rückblickend lässt mich das erschauern, ein Teufelskreis zeichnet sich ab. Wenn sich das System der Altenpflege nicht verändert, dann wird sich die Arbeit derer, die sie tun, nicht ändern. Wer aber soll die Bedingungen verbessern, wenn keiner einen Antrieb dazu verspürt? Sind wir wirklich alle so? Ich sage NEIN! Und brauchen wir die, die einfach nichts verändern wollen? Ich sage NEIN! Wir brauchen sie nicht!

Was also müssen wir tun?

Wir müssen zu Dingen stehen, die wir sagen. Wir müssen aufhören uns in der Anonymität zu verstecken! Es darf nicht sein, dass kaschiert, gefälscht und gelogen wird, wenn Fehler passiert sind, wenn ein firmeninternes Audit stattfindet oder davon ausgegangen wird, dass wahrscheinlich bald wieder der MDK zu Besuch kommt. Und es darf nicht sein, dass man - aus Angst vor Repressalien oder gar eines Ver-lustes des Arbeitsplatzes - Missstände oder Mängel anonym zur Anzeige bringen muss. Warum wird ein firmeninternes Audit angekündigt? Die Antwort hierauf kann nur sein, dass man nicht an der Wirklichkeit interessiert ist. Bereits Wochen vorher werden die „Papiere“ in Ordnung gebracht und das Haus und die Bewohner auf Hochglanz poliert. Was das ganze Jahr gut genug war, ist auf einmal nicht mehr ausreichend? Ein solches Audit kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes sparen! Warum gibt es stattdessen kein firmeninternes Anzeigenmanagement? Eine Beschwerde bei den Aufsichtsbehörden bringt im besten Fall wirklich eine Verän-derung, meistens bleibt es jedoch bei ein bis zwei unruhigen Tagen und danach ist alles wieder vergessen. Es besteht kein Interesse, Mängel zu beheben, denn dafür müsste man sich eingestehen, dass etwas gewaltig schief läuft. Eine Notwendigkeit ist dazu jedoch nicht gegeben, denn es ist ja gerade alles nochmal gut gegangen. Untragbare Mitarbeiter, welche Bewohnern mit Respektlosigkeit, seelischer Grau-samkeit, Zwang und Folter begegnen und eine Gefahr für deren Leben und Gesund-heit darstellen, müssen des Arbeitsplatzes mit sofortiger Wirkung verwiesen werden. Solche Mitarbeiter zu melden, bedeutet nicht, einen Kollegen zu verraten, es bedeu-tet, einen Bewohner oder eine Bewohnerin zu schützen! Es ist firmenintern zu signa-lisieren, dass Meldungen jeglicher Art vertraulich behandelt und ernst genommen werden. Hierfür ist ein offener Dialog aus der obersten Leitungsebene notwendig. Der Fisch stinkt vom Kopf, das wissen wir doch nun alle!

Grenzüberschreitungen sind an der Tagesordnung, seelische und körperliche Gewalt scheinen Normalität geworden zu sein. Mitarbeiter, bei denen Hopfen und Malz noch nicht ganz verloren scheint, die sich zumindest vorstellen können, was es heißt, vier Stunden mit einer vollen Blase auf einen Toilettengang zu warten, oder, dass ein in Kaffee ertränktes Stück Kuchen erstens nicht schmeckt und zweitens nicht das richtige für eine Person mit einer ausgeprägten Schluckstörung sein kann, müssen sensibilisiert, wachgerüttelt werden. Also warum anstatt eines teuren Fort- und Weiterbildungskataloges nicht einfach Selbsterfahrungskurse für die Basis veran-stalten? Warum kein Fortbildungsgremium aus internen Pflegekräften ins Leben rufen? Warum für eine solche Aufgabe nicht die sich bereits in vielen Unternehmen befindlichen Pflege-Dual-Studenten einbinden und dies im Rahmen eines Projektes gestalten? Wir brauchen keinen neuen Standard für Selbstverständlichkeiten! Wenn nichts anderes hilft, dann muss am eigenen Leib erfahren werden, wie es ist, acht Stunden in einem Rollstuhl am Tisch vor der Wand zu sitzen, stundenlang nicht zur Toilette zu können, oder zu essen, während man vom anderen Ende des Raumes schreiend darauf hingewiesen wird, zu trinken. Wer dann noch sagt, das ist doch alles nicht so schlimm, ist schlichtweg ungeeignet für diesen Beruf!

Auch im Rahmen eines Beschwerdemanagementsystems kann ich mir den Einsatz von Studenten der Pflegewissenschaft, im Sinne eines mobilen Kriseninterven-tionsteams, vorstellen. Gibt es Mängelanzeigen, kann dieses Team häuserüber-greifend tätig werden. Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern zu analysieren, worin die Ursachen für eventuelle Missstände liegen. Ich muss die Ursache kennen um Veränderung zu bewirken und letztlich müssen eingeleitete Interventionen begleitet und überprüft werden. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit den Hochschulen hinweisen, die ein solches Projekt begleiten können.

Nicht jeder kann pflegen! Mal ganz abgesehen von der persönlichen Eignung, kann es derjenige auf keinen Fall, der über gar keine Qualifikation verfügt. Ein Kurs für Pflegeassistenten - über mindestens ein Jahr - muss das Minimum einer vorzuwei-senden Zugangsvoraussetzung zur Arbeit in der Pflege sein. Wo aber sollen nun die Arbeitskräfte herkommen, wenn die schlechten gefeuert und die ohne Qualifikation gar nicht erst eingestellt werden? Zunächst heißt keine Qualifikation ja nicht, dass man keine erwerben kann. Wird jemand ohne Ausbildung eingestellt, muss dieser sofort an ein Fortbildungsprogramm angeschlossen werden. Erst einmal einstellen und dann alles Weitere regeln? Nein! Denn es wird im Anschluss nichts geregelt, genauso wenig, wie nach der Einstellung über versprochene Gehaltsverhandlungen nach Beendigung der Probezeit geredet wird. Versprechen, die beim Vorstellungs-gespräch gemacht werden, müssen gehalten werden. Es kann nicht sein, dass das Ende der Probezeit stumm in die Weiterbeschäftigung übergeht und es kann nicht sein, dass bei Ablauf von befristeten Verträgen nicht gesprochen wird. Hier ist die mittlere Leitungsebene gefordert, ihren Mitarbeitern Wertschätzung zu signalisieren, denn die Mitarbeiter, die von ihrer Arbeit überzeugt sind, wünschen sich das. Alle sprechen von der hohen Fluktuation, dabei wäre es so einfach, die Guten zu halten und endlich damit anzufangen, sich von den Schlechten zu trennen. Wertschätzung müssen auch die Auszubildenden erfahren. Das fängt schlicht und einfach schon bei der Bezahlung an. Auszubildende sind zudem keine vollwertige Arbeitskraft, sie sind hilfreich, aber nicht dazu da ein Abdecken des Dienstplanes zu ermöglichen. Sicher-lich fügen sie sich den Gegebenheiten und kommen auch irgendwie zurecht, das heißt aber nicht, dass es gut ist. So beobachtete ich vor kurzem, wie zwei Schüler (erstes und zweites Lehrjahr) - aufgrund von einer Krankmeldung - auf einmal alleine die Bewohner im Frühdienst auf einem Wohnbereich versorgten. Auf Nachfragen bekam ich die Antwort: „Wir kommen klar.“ Dass im selben Moment eine Bewohnerin über den Gang taumelte, die auf den ersten Blick krank und kreislaufgeschwächt war, hatten sie den gesamten Morgen jedoch nicht bemerkt. Dies ist kein Vorwurf an die Auszubildenden, sondern an die Verantwortlichen. Gerade in der Ausbildung ist es wichtig zu erfahren, was Altenpflege bedeutet. Auch hier schlage ich kleine Pro-jekte vor, die man in die Hand der Auszubildenden geben kann. Das Organisieren kleiner Feste, die Betreuung von Bewohnern auf Ausflügen, eine Zuständigkeit für die Geburtstage der Bewohner, oder das Bilden eines „Pflegezirkels“, der sich mit Problemen der Grundpflege in der eigenen Einrichtung (z.B. Mundpflege oder Wahren des Schamgefühls) auseinandersetzt, eingreift und zeigt wie es gehen kann. Wer kann dafür besser geeignet sein, als unsere Auszubildenden? Das Totschlag-argument „Dann fehlen sie aber im Dienstplan!“ kann ich nicht gelten lassen. Auszu-bildende fehlen auch im Dienstplan, wenn sie in der Schule sind. Ich habe noch keine Einrichtung erlebt, die für diesen Zeitraum schließen musste. Um den Gedan-ken der Wertschätzung abzuschließen, möchte ich noch zwei Punkte anmerken. Erstens: Die Bezahlung nach Leistung. Ein schöner Gedanke, den ich voll und ganz unterstütze. Die Ausführung ist jedoch mangelhaft. Von den Gehältern der Mitarbeiter soll gar nicht groß die Rede sein. Ich denke es ist nur logisch, dass sich das Gehalt einer Fachkraft stark von dem einer Pflegehilfskraft mit einjähriger Ausbildung ab-heben muss. Eine weitere Differenz muss spürbar sein, wenn ein Mitarbeiter gar keine Ausbildung hat. Wo soll sonst der Anreiz zur Qualifikation herkommen? Einen Anreiz zur guten Arbeit möchte der ein oder andere Arbeitgeber durch Gratifikations-systeme schaffen. Das Zahlen von Prämien ist eine gute Idee, die Umsetzung jedoch krankt gewaltig. Es geht schon los, dass eine Prämie ausgeschlossen ist, wenn der Mitarbeiter eine bestimmte Zahl von Fehltagen überschreitet. Aber welcher Mitar-beiter fällt denn aus? Es sind in erster Linie diejenigen, welche die Arbeit der anderen machen ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Während der Großteil des Teams mal wieder Pause macht, bleibt meist ein Dummer übrig, der Toiletten-gänge durchführt, Material sichtet und aufräumt, die Pflegewägen putzt und so weiter. Weiter fehlt es an einem System, wonach beurteilt wird, welcher Mitarbeiter in welcher Höhe prämiert werden soll. Die Aufteilung entscheidet letztendlich die Ein-richtungsleitung, die den Mitarbeiter das ganze Jahr über nicht ein einziges Mal im Dienst begleitet hat. Da bleiben nur noch die vom Qualitätsmanagement entwickelten Bewertungsbögen, wäre da nicht die „interne“ Vorgabe, dass alle Mitarbeiter mit einem „Sehr gut!“ zu bewerten sind. So hat also weder eine Pflegehilfskraft, noch ein Auszubildender und schon gar keine Fachkraft irgendein anleitungswürdiges Defizit. Also worüber rege ich mich hier eigentlich auf? Das Leben der Bewohner in unseren Heimen muss demnach traumhaft sein! Geld kann eine Art Wertschätzung sein. Geld allein motiviert aber nicht, schon gar nicht, wenn ich mich dafür nicht anstrengen muss! Gänzlich beendet ist - zum Zweiten - ein wertschätzender Umgang, wenn eine Kündigung im Raum steht. Hierbei spielt es keine Rolle, ob der Mitarbeiter das Unter-nehmen verlassen möchte oder von Seiten der Einrichtung kein Interesse mehr an einer Zusammenarbeit besteht. Um ein Gespräch wird sich gekonnt gedrückt. Wenn man Glück hat, erhält man als Vorwarnung eine SMS vom direkten Vorgesetzten über die im Briefkasten zu erwartende Kündigung. Dies berichtete mir eine exami-nierte Altenpflegerin kürzlich. Als Begründung wurde ihr ein wiederholtes Krank werden innerhalb der Probezeit benannt. Darauf, dass die Kündigung bereits mehrere Tage vor einem weiteren Dienstausfall ausgestellt war, achtete man nicht mehr.

Es reicht nicht, Chef zu spielen! Man muss es auch sein! Das betrifft nicht nur das Verhalten im Kündigungsfall, sondern auch die Fälle, in denen die das Leben und die Gesundheit der Bewohner gefährdende Umstände bekannt werden. Hierzu zählen jegliche Grenzüberschreitungen im direkten Bewohnerkontakt, aber auch dienst-gefährdende Verhaltensweisen des Personals, wie das Verlassen eines geschlos-senen Wohnbereiches zum gemeinsamen Rauchertreffen in einem anderen Ge-bäude. Von einer Abmahnung wurde hier abgesehen, da die Betroffenen immer eine so gute Arbeit machen (laut Bewertungsbogen mit Sicherheit). Wie kann es dann sein, dass sich alle Mitarbeiter eines Hauses gerade am Weihnachtsabend zur Zeit des Festessens zum Rauchen und Tratschen versammeln, anstatt mit den Bewoh-nern eine besinnliche, warme und liebevolle Zeit zu verbringen? Und wie kann ich es mir dann als Pflegekraft noch anmaßen, darüber zu jammern, wie anstrengend die Arbeit in der Pflege ist und wie schlecht die Bedingungen für das Personal sind? Ich habe noch keinen Berufszweig erlebt, in dem man von acht Stunden - sagen wir mal hoch geschätzt - effektiv vier arbeitet, aber das Gehalt für eine Vollzeittätigkeit erhält. Hier möchte ich vorwegnehmen, dass das nicht bedeutet, dass es nichts zu tun gäbe, um die acht Stunden eines Arbeitstages auszufüllen. Da wäre die Mobilisation der Bewohner. Manche verbleiben tagelang im Bett, andere verrichten den Mittags-schlaf sitzend im Rollstuhl am Tisch im Speisesaal. Wieder andere dürfen ein Nicker-chen im Bett machen, werden dann aber bis zum nächsten Morgen nicht mehr herausmobilisiert. Die Mahlzeiten werden im Eiltempo abgehalten, eine warme Suppe wird gar nicht erst angeboten oder als Basis für die gesamte Mahlzeit ver-wendet. Warum sollte man einem Bewohner zweimal das Essen eingeben, wenn man das Brot, was er eigentlich noch kauen könnte, doch auch gleich in der Suppe aufweichen kann? Warum sollte man Unterstützung bei Toilettengängen geben, wenn man dem Bewohner doch am Morgen die Einlage mit der höchsten Saugstärke angelegt hat? Warum sollte man Zeit mit dem Föhnen von langen Haaren ver-bringen, wenn man den Friseur anweisen kann, eine heimtaugliche Kurzhaarfrisur zu schneiden? Warum sollte man versuchen einem Menschen mit Demenz Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, wenn man durch die Gabe eines Sedativums doch viel schneller wieder seine Ruhe hat? Warum sollte man überhaupt mit irgendeinem Bewohner kommunizieren? Vor allem, wenn in der Pflegeplanung aufgeführt ist, der Bewohner kommuniziert nicht mehr? Ist er tot? Sollte ich nicht wenigstens jetzt etwas unternehmen? Wie kann man sich erdreisten, bei einer solchen Arbeitsweise noch zu jammern? Das ist und bleibt mir unbegreiflich! Und wie kann ich als Pflegedienst-leitung und Einrichtungsleitung nur davor die Augen verschließen? Ein Vorgesetzter der Desinteresse vorlebt, wird Desinteresse ernten! Ein hausgemachtes Problem, kein politisches! Und herausgeworfenes Geld! Jemanden für acht Stunden bezahlen, der nur vier Stunden arbeitet? Welcher Unternehmer macht so etwas? Geld für neue Möbel einer Raucherecke ausgeben, anstatt es den Bewohnern zugutekommen zu lassen? Wofür? Für noch mehr Pausen? Für noch mehr untätiges Herumsitzen, während der ein oder andere schon ganz unruhig auf seinem Platz hin und her rutscht, weil die Blase nach drei Stunden nun doch ein wenig gefüllt ist? Ist es not-wendig, jedes Jahr neue Dekomaterialien zu kaufen? Dinge, die einfach nur irgend-wo herumstehen, können nicht kaputt gehen und weisen auch keine Abnutzungs-erscheinungen auf. Und wieso kommt neu Gekauftes nur im Eingangsbereich eines Hauses zum Einsatz? Wieso bekommen die Bewohner, die ihren Wohnbereich ohne fremde Hilfe nicht mehr verlassen können, den so wunderschönen Oster- oder Weih-nachtsschmuck nicht zu Gesicht? Wieso gibt man zu Festen Geld für Lebkuchen-herzen aus, die dann nicht für alle Bewohner reichen? Und wieso muss dann ent-schieden werden, welcher Bewohner kein Herz bekommt, weil er doch sowieso nichts mehr merkt? Wieso werden Feste nur für die Außenwirkung und nicht zum Wohle und Spaß der Bewohner organisiert? Wieso schmeißt man Geld, wovon man angeblich immer zu wenig hat, so aus dem Fenster? Und wieso bekommt man so oft zu hören, dass es eben anders nicht geht?

Ich sage es geht anders! Ich sage, es geht um ein so vieles besser für Bewohner, für Angehörige, für Mitarbeiter in Altenpflegeeinrichtungen und das, trotz verbesserungs-würdigem Pflegeschlüssel und dem in aller Munde herrschenden Fachkräftemangel, einer Argumentation auf der sich die Pflege nur zu gerne ausruht. Hier jedoch auf das Wunder der Eigeninitiative zu warten, wäre verheerend. Die Grundvoraus-setzungen müssen stimmen. Hierzu zähle ich das Gehalt, die Qualifikation, aber auch die Ausstattung, um eine vollumfängliche und gute Pflege zu gewährleisten. Als ein Beispiel hierfür möchte ich den Lifter als Mobilisationshilfe erwähnen. Meines Erachtens ist ein Lifter, sowie eine Aufstehhilfe ein Muss auf jedem Wohnbereich. Ein Gerät pro Haus ist zu wenig. Es ist nicht nur der zeitliche Aufwand, der benötigt wird, das Gerät von einem Stock in den anderen zu transportieren, es ist zudem die Tat-sache, dass man ihn dort, wo man ihn wegholt, auch braucht. Wie also wird eine Person mit Pflegestufe III mobilisiert? Man greift zu zweit unter die Achselhöhle und hebt den Pflegebedürftigen in den Roll- oder Pflegestuhl. Bewohner, die unter Kontrakturen leiden, werden - anstatt im Liftertuch - im „Waschstuhl“ geduscht, auf dem sie kaum zum sitzen gebracht werden können. Dass dies alles andere als angenehm ist, sollte sich jeder vorstellen können. Unangemessen lange Pausen-zeiten können reduziert werden, indem Arbeitsabläufe streng vorgegeben werden. Es hört sich an wie eine Maßnahme aus dem Kindergarten, ist, da aber ein Appel-lieren an den gesunden Menschenverstand zu keinem Ergebnis führt, die Ultima Ratio in diesem Fall. Hier sind besonders die Pflegedienstleitungen und Heim-leitungen als Kontrollinstanzen gefordert. Der Blick muss auf das Leben der Bewoh-ner und deren Angehörige gerichtet sein. Die Ressourcen von hilfsbereiten Ange-hörigen werden nicht genutzt, stattdessen wird es als unangenehm empfunden, wenn sich jemand besonders um seine Mutter oder seinen Vater bemüht. Auch hier gilt es, Wertschätzung zu signalisieren. Ein regelmäßiger Angehörigenabend, ein nettes Beisammensein, kann viele Blockaden lösen, da gerade in entspannter Atmosphäre versteckte Wünsche und Sorgen leichter zum Ausdruck gebracht werden. Angehörige können zudem in die Planung von Festen oder Ausflügen eingebunden werden. Wie oft höre ich, was alles nicht möglich ist, weil man nicht genug Mitarbeiter hat. Dabei bräuchte man die helfenden Hände nur mit offenen Armen empfangen. Die Mitarbeiter der Sozialen Betreuung und Beschäftigung benötigen ein größeres Wissen zu Krankheitsbildern und damit verbundenen Ver-haltensweisen, sowie frische Impulse, um im wahrsten Sinne des Wortes Leben in die Bude zu bringen. Warum kann das Frühstück am Sonntag mit Hilfe der Sozialen Betreuung und Beschäftigung nicht etwas Besonderes sein? Warum werden keine Ausflüge geplant, an denen auch stärker gehandicapte Bewohner teilnehmen können? Warum werden Trinkgelder für Trinkgelage der Pflege verwendet, anstatt einem sozial schwachen Bewohner die Teilnahme an einem Ausflug zu ermöglichen? Warum gleichen Feste einer Art Trauerveranstaltung, auf denen die Mitarbeiter nur signalisieren, dass ihnen das eigentlich alles viel zu viel Arbeit und Stress ist? Warum gibt es keinen Frühschoppen mit einem kühlen Bier für die Männer? Warum besteht ein „Italienischer Abend“ aus der Bestellung einer Pizza und ein wenig Gedudel aus dem Radio? Und warum gibt es keinen griechischen oder schlicht und ergreifend bayerischen Abend? Warum gibt es keine Tanzveranstaltung oder Geburtstagsfeiern? Warum müssen „Feste“ spätestens um 19:00 Uhr beendet sein? Warum wird der Bereich der Pflege nicht in derartige Veranstaltungen eingebunden? Warum werden Bewohner nicht in Vorbereitungen integriert? Warum gibt es keine Tiere? Warum kooperiert man nicht mit Kindergärten oder Schulen? Warum ist es nicht möglich, einmal selbst einkaufen zu gehen? Warum ist es nicht möglich, sich das Essen selbst zu wählen. Warum ist alles so lieblos, Hauptsache man hat es gemacht? Warum ist alles überhaupt nicht lebenswert? Warum gibt man beim Einzug in ein Heim sein Leben ab? Und warum wundert man sich dann, dass die Bewohner verstummen?

Ich bin fassungslos über so viel Unmenschlichkeit! Ich bin wütend auf ein System, das nicht ehrlich mit sich selbst ist! Ich bin wütend darauf, diesen Brief schreiben zu müssen!

Anika Sterr
März 2015

12.11.2014 13:22
Würdigung für Pioniere in Pflege- und Pharma-Bereich
Vor über 250 Gästen erhielt Claus Fussek, Diplom-Sozialarbeiter, Experte für Pflege und Integration sowie Buchautor, am 25.10.2014 den Deutschen Fairness Preis 2014 für sein Engagement zu Gunsten der Fairness-Qualität in der Pflege und im Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen.

Lesen Sie dazu den Bericht, sehen Sie dazu die Fotos von der Veranstaltung:
"Fotodokumentation zum Deutschen Fairness Preis 2014 an Claus Fussek"

Den Fairness-Initiativpreis 2014 erhielt die AG Beipackzettel. Dabei geht es um Transparenz, um Verständlichkeit, um Unterstützung zur Kommunikation auf Augenhöhe – ein konkreter, wenn auch leicht übersehener Beitrag zur Fairness-Qualität im Gesundheits- und Pharmabereich.

Hier erfahren Sie mehr durch den Bericht und die Fotos von der Veranstaltung:
"Fotodokumentation zum Fairness-Initiativpreis 2014 an die AG Beipackzettel"

24.10.2014 09:44
Pflege braucht Zuwendung und Fairness
„Alt werden ist nichts für Feiglinge“, titelte der legendäre Joachim Fuchsberger 2010 sein vorletztes Buch, mit dem er es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Das schaffte er auch mit seinem letztes Buch „Zielgerade“ (Gütersloher Verlagshaus. 19,99 €), ehe er 87jährig vor einem Monat starb. Und hinterließ in seinem Buch den Satz: „Es ist sinnlos, über das zu klagen, was nicht mehr geht. Viel bekömmlicher ist es, sich über das zu freuen, was noch geht“.

Zu ähnlicher Einsicht kommt Malte, dem Vater von David Sieveking, der die letzten Lebensjahre seiner an der Alzheimer-Krankheit erkrankte Mutter Gretel in seinem preisgekrönten Film „Vergiss mein nicht“ dokumentiert und dazu das gleichnamige, erfolgreiche Buch verfasst hat. Davids Vater hat bis zur Erschöpfung seine Frau viele Jahre betreut. Im letzten Monat ihres Lebens sagt der Vater: „Eigentlich bin ich der Demenz dankbar. Dafür, dass ich die Liebe neu entdeckt und erkannt habe, wie schön es ist, für jemanden da zu sein“. Solche Einsichten sind längst nicht allen vergönnt, die alte und pflegebedürftige Menschen begleiten beziehungsweise ein hohes Alter erreichen.

Damit das Altsein und Pflege humane Situationen sind oder werden, engagieren sich die Pflegeexperten Claus Fussek und Gottlob Schober vielfach publizistisch, so mit ihrem Buch „Es ist genug!“, in dem sie verlangen, zwanzig Grund- und Menschenrechte für alte und pflegebedürftige Menschen zu verwirklichen, die juristisch einklagbar sein und durch Sofortmaßnahmen umgesetzt werden müssen. Für Fussek ist „schlechte Pflege Folter“. Und wer sich mit den vielfachen problematischen Tatbeständen der Pflege, mit der unzureichenden personellen Ausstattung und den rigiden Rahmenbedingungen und Vorschriften befasst, die auf Kostensparen und Gewinn, aber nicht auf humanes Pflegen und Altsein ausgerichtet sind, wird dem nicht widersprechen.

„Wen kümmern die Alten?“ fragt daher Thomas Klie, Professor für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft, um einen „Weg in eine sorgende Gesellschaft“ zu bahnen. Er stellt fest: Menschenrechtsverletzungen kommen häufig eher aus einer mangelhaften Haltung und einer unzureichenden Professionalität. Zumal die „Ökonomisierung der Pflege“, die Ausbreitung der „Pflege-Industrie“ und die Etablierung eines „Überwachungsgeist, der alle Lebensbereiche ergreift“, das Gegenteil einer humanen Pflege sind. Was jeweils als Pflegereform von der Politik verkauft wird, ist nichts anderes als Flickschusterei. Klie präsentiert eine Fülle von Schritten einer Strukturreform für eine „neue Orientierung in der Sozial-, Gesundheits- und Familienpolitik“, die die „Verantwortlichkeiten neu zuordnet und ernst macht mit dem Leitbild“ einer gemeinwesenorientierten, integrierenden Pflege.

Nicht selten gelten alte Menschen als Kostenfaktor unter dem Motto: „zu alt, zu krank, zu teuer“, weswegen die Wissenschaftsjournalistin Ursula Bierbaum in ihrem Buch „Der Alte stirbt doch sowieso“ den „alltäglichen Skandal im Medizinbetrieb“ ihrer Analyse und Kritik unterzieht. Da ist die Missachtung der von Fussek und Schober genannten Grund-und Menschenrechte förmlich zugreifen. Was allerdings auch im umgekehrten Fall für die „Gewalt gegen Pflegekräfte“ gilt.

Dazu bietet die Fachhochschuldozentin Birgit Panke-Kochine Informationen und Hilfen, um „problematische Situationen erkennen und lösen“ zu können. Aggressivität seitens pflegebedürftiger und alter Menschen geht häufig auf die Missachtung ihrer Grund-und Menschenrechte zurück, kann aber auch in der Person selber vorhanden sein. Es ist auch nicht ganz einfach, sich mit seinem Altwerden, seiner zunehmenden Gebrechlichkeit und Abhängigkeit von anderen einverstanden zu erklären. Daher brauchen alte Menschen, kranke und pflegebedürftige Menschen Zuwendung und Fairness; allerdings auch diejenigen, die unter oftmals schwierigen Bedingungen pflegen und helfen.

Der Soziologe Peter Gross bietet eine versöhnende Betrachtung an, in der Schwäche des Alters, der fundamentalen Müdigkeit, der deutlich spürbaren und gewussten Grenze des Lebens den Sinn zu erkennen. Das Leben auf der Welt könnte durch und mit den Alten ruhiger, weniger ungeduldig und entspannter werden. Schön wär's.

Literatur:

Ursula Biermann
„Der Alte stirbt doch sowieso!“
Der alltägliche Skandal im Medizinbetrieb. Herder. 198 Seiten. 17,95 €

Claus Fussek/Gottlob Schober
Es ist genug!
Auch alte Menschen haben Rechte. Knaur 78644. 208 Seiten. 7 €

Peter Gross
Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?
Herder. 158 Seiten. 14,99 €

Thomas Klie
Wen kümmern die Alten?
Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft. Pattloch. 256 Seiten. 18 €

Birgit Panke-Kochinke
Gewalt gegen Pflegekräfte
Problematische Situationen erkennen und lösen. Mabuse. 103 Seiten. 14,90 €

David Sieveking
Vergiss mein nicht
Wie meine Mutter ihr Gedächtnis verlor und ich meine Eltern neu entdeckte. Herder 6528. 8,99 €


04.09.2014 12:59
Von Natur aus fair?
Kinder haben im Alter von sechs bis acht Jahren einen scharfen Sinn für Gerechtigkeit. Eine neue Studie zeigt erneut, dass Menschen bereits im Kindesalter einen Sinn Fairness entwickeln. Allerdings ist das Urteil über unfaires Verhalten stark davon abhängig, ob die andere Fremde oder Bekannte oder gar Freunde sind. Psychologen der Universitäten Harvard und Yale zeigten jüngst im Fachblatt PNAS (online), dass diese Parteilichkeit wohl altersabhängig ist. Während Sechsjährige Ungerechtigkeiten in der eigenen Gruppe noch milder bewerten als die von anderen, ist ihr Gerechtigkeitssinn mit acht Jahren mit mehr Objektivität versehen. Sie gehen auch dann gegen Unfairness vor, wenn sie aus den eigenen Reihen kommt.

Wie Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung (19.8.14) berichtete, hatten die Forscher um Jillian Jordan zunächst 32 Sechsjährige untersucht: „Die Kinder wurden nach ihrer Lieblingsfarbe in blaue und gelbe Gruppen eingeteilt, und trugen Hüte der entsprechenden Farbe. Dann schaute jeweils ein Kind zu, wie sechs Süßigkeiten zwischen einem Mitglied der eigenen und der anderen Gruppe geteilt wurden. Empfanden die "Schiedsrichter" die Aufteilung als fair, bekamen beide Empfänger die Naschereien. Wenn sie die Verteilung missbilligten, mussten die Schiedsrichter mit einer eigenen Süßigkeit die Ungerechtigkeit ausgleichen - Bonbons eines unfairen Aufteilers kamen weg.

Bei den Sechsjährigen zeigte sich, dass sie weniger streng gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe waren, Unfairness bei anderen jedoch streng ahndeten. In einer zweiten Versuchsreihe wurden 32 Achtjährige mit dem identischen Versuch konfrontiert. Jetzt zeigte sich, dass die älteren Kinder weniger bestechlich in ihrem Urteil waren und sich von der Gruppenzugehörigkeit kaum beeinflussen ließen. "Die Sechsjährigen waren noch nachsichtig gegenüber ihresgleichen", sagt Jordan. "Bei den Achtjährigen war hingegen deutlich zu spüren, dass sie auch dann um Gerechtigkeit bemüht waren, wenn es auf ihre eigenen Kosten ging. Sie hatten das Gefühl, dass Egoismus schlecht ist, egal ob er sich bei Mitgliedern der eigenen Gruppe zeigt oder bei Fremden." Bereits im Grundschulalter entwickeln Kinder offenbar so viel Empathie, dass sie andere als unfair behandelte Opfer ansehen können, egal wie fremd sie ihnen sind.

Die Forscher fragen sich, ob das gezeigte Verhalten kulturspezifisch für den Westen ist oder es sich um Normen der Fairness handelt, die es überall auf dem Globus gibt“. Bartens‘ Resümee: „Erneut bestätigt diese Untersuchung, dass sich Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn schon bei kleinen Kindern finden und der Mensch nicht "von Natur aus" egoistisch ist, wie manche Ökonomen und Politiker gerne mittels biologistischer Blaupausen behaupten, um ungezügelten Wettbewerb zu rechtfertigen und Egoismus als Tugend darzustellen. Das Gegenteil ist der Fall“.

Das haben auch schon zahlreiche Untersuchungen und Experimente zuvor gezeigt (siehe in „Fairness“, Gütersloher Verlagshaus 2010). Doch es dauert wohl noch Jahrzehnte, ehe sich in der Gesellschaft die Einsicht durchsetzt, dass kooperative Gesellschaften, die auf Fairness gründen, konkurrenten Gesellschaften überlegen sind. Zumal, wenn der Wettbewerb nicht in faire Bedingungen eingebunden ist.

"Fairness" - Das Buch.

Früh übt sich fair


08.08.2014 11:34
Wie gefährlich und was Sexting ist
Cyber-Mobbing wird zu Sexting. „High-Tech-Flirts“ werfen ihre Schatten – mit teils dramatischen Folgen. Junge Menschen sind besonders gefährdet. Der Begriff Cyber-Mobbing hat sich eingebürgert, wenn beim Mobbing das Internet eine zentrale Rolle spielt. Allerdings ist vieles, das mit Cyber-Mobbing gemeint wird, dem später erläuterten öffentlichen Bloßstellen (Shaming) oder einer Diffamierungskampagne (Defaming) zuzuordnen. Die Wortergänzung Cyber wird auch gesetzt, wenn etwa bei Stalking oder Bullying das Internet die benutzte Waffe ist. So kommt es zum Begriff Cyber-Bullying. Die sexuelle Belästigung von Kindern und Jugendlichen im Internet wird auch als Cyber-Grooming bezeichnet. In der Folge davon kann es zu Straftaten an Minderjährigen wie etwa zu kinderpornographischen Aufnahmen oder zu sexuellem Missbrauch kommen. Das Internet hat die Reichweite und Perfidie von Mobbing verändert, vor allem wegen der Anonymität. Die Wirkung ist dadurch oftmals noch gravierender.

Als Variante des Cyber-Mobbing wird das Sexting verstanden. Unter Sexting ist die private Verbreitung erotischen Bildmaterials vom eigenen Körper über Mobiltelefone, insbesondere Smartphones, zu verstehen. Das aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammende Verbundwort setzt sich aus Sex und texting (engl. etwa: „Kurzmitteilungen verschicken“) zusammen. Sexting erfolgt bei Teenagern und jungen Erwachsenen durch Fototausch. Häufig wird zur Verbreitung Snapchat benutzt, eine Instant-Messaging-Anwendung für Smartphones und Tablets. Die mit ihr verschickten Fotos sollen nur eine bestimmte Anzahl an Sekunden sichtbar sein und sich dann selbst zerstören. Es ist jedoch mit relativ einfachen Mitteln möglich, versendete Dateien innerhalb der Ordnerstruktur des genutzten Gerätes zu finden und wiederherzustellen.

In Deutschland kann Sexting bei Minderjährigen einen Verstoß gegen §184b oder §184c StGB begründen. Während laut ersterem sexuelle Darstellungen von Kindern unter 14 Jahren ausnahmslos verboten sind, lässt §184c im Fall sexueller Darstellungen Jugendlicher zwischen 14 und 17 eine Straffreiheit zu für den Fall, dass das fragliche jugendpornografische Material „im Alter von unter achtzehn Jahren mit Einwilligung der dargestellten Personen“ hergestellt wurde. Da jedoch insbesondere der §184c erst seit November 2008 Rechtsgültigkeit hat, bleibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt abzuwarten, wie die deutsche Rechtsprechung diese neue Norm auf die Problematik des „Sexting“ anwenden wird. Verharmlost wird Sexting bisweilen als „High-Tech-Flirt“ ansehen.
Bereits ein Drittel deutscher Teenager haben Nacktfotos auf ihrem Handy. Doch nicht nur die Mädchen auf den Fotos, sondern auch wer derartige Dateien besitzt, kann große Probleme bekommen.

Neuerdings ist auch von Straining die Rede. Straining ist eine Spielart von Mobbing. Allerdings kann Straining bereits dann vorliegen, wenn nur eine einzige feindselige Handlung begangen wurde, sofern die weiteren Voraussetzungen vorliegen. Straining liegt vor bei erzwungenem Stress am Arbeitsplatz, wenn das Opfer zumindest einer Maßnahme unterzogen wird, die eine negative Auswirkung auf seine Arbeitsbedingungen hat und über einen längeren Zeitraum andauert. Dabei ist das Opfer in ständiger Unterlegenheit gegenüber dem Täter (Strainer). Straining wird vorsätzlich gegen eine oder mehrere Personen ausgeübt.

Durch Straining wird das Opfer einem deutlich größeren Stress-Niveau ausgesetzt als durch diese Arbeit in der Regel verursacht wird. Der Stress-Pegel liegt dabei deutlich höher als der von Kollegen mit gleicher Qualifikation, gleicher Tätigkeit oder vergleichbarer Beschäftigung. Diese feindselige Handlung muß eine dauerhafte und konstante Folge der Arbeitsbedingungen nach sich ziehen. Das Opfer von Straining leidet deshalb unter mindestens einer feindlichen Handlung, die nicht abgeschlossen ist, sondern deren negative Auswirkungen langfristig und konstant das Arbeitsleben des Opfers beeinträchtigen. Was als Straining anzusehen ist, ist oft subjektiv und noch schwieriger als das üblicherweise Mobbing genannte Verhalten zu identifizieren.

Mehr zu Formen unfairer Attacken

Instrumente unfairer Attacken

Hilfen auch für junge Menschen und Lehrer

13.06.2014 11:26
Fairness und Fairplay nicht nur in Brasilien
Es geht wie im Fußball in Brasilien auch um Fairness und Fairplay in der Gesellschaft. Alt-Bundespräsident Horst Köhler, Gerichtsmediziner und Tatort-Akteur Joe Bausch, Schauspielerin Eva Habermann und Schauspieler Peter Lohmeyer, Kabarettist Frank Goosen und andere engagieren sich bei der Aktion „Steilpass“. Sie wurde von katholischen Verbänden gemeinsam ins Leben gerufen. Und verdient Unterstützung, etwa durch Ihre Teilnahme an einer Petition.

Ansatz und Anliegen der Aktion Steilpass:

„Im Fußball gelten klare Regeln: Fouls und Abseits werden geahndet, bei harten und wiederholten Fouls gibt es die Rote Karte, die Dauer des Spiels ist klar festgelegt und die Schiedsrichter achten auf die Einhaltung der Regeln.

In Brasilien fragen sich die Menschen im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft, warum das Land zwar in der Lage ist, Milliarden Euro in den Neubau von Fußball-Arenen zu investieren, es aber zum Beispiel nicht schafft, für alle Menschen im Land eine bezahlbare und funktionierende Gesundheitsversorgung, ein Nahverkehrssystem und angemessene Bildungsangebote einzurichten. Im Vorfeld der WM haben bereits Millionen Menschen in Brasilien auf den Straßen für mehr Gerechtigkeit demonstriert.
Das Aktionsbündnis „Steilpass“ fordert daher, gemeinsam mit der Brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB) und der Brasilianischen Ordenskonferenz (CRB) die Einhaltung von zehn Regeln für ein Fairplay für alle:

1) Menschenwürdige Arbeit für alle schaffen
Jeder Mensch hat ein Recht auf Arbeit, ungeachtet seiner Herkunft, Religion oder seines Geschlechts. Wir fordern einen diskriminierungsfreien Zugang zum Arbeitsmarkt und die Möglichkeit für alle, ihre Fähigkeiten zu entfalten und von ihrer Arbeit leben zu können.

2) Zugang zu ganzheitlicher Bildung erwirken
Bildung ist ein Grundrecht für alle Menschen. Eine ganzheitliche Bildung ist die Voraussetzung für die Beteiligung aller bei der Gestaltung der Gesellschaft. Wir fordern daher eine angemessene Bildung für alle Menschen, damit sie ihre demokratischen Rechte und ihre demokratische Verantwortung wahrnehmen können.

3) Demokratische Kontrolle der Justiz garantieren
In allen Gesellschaften hat jeder Mensch ein „Recht auf Recht“. Wir fordern, dass die Justiz unabhängig arbeiten kann und der Rechtsordnung verpflichtet ist.

4) Gerechte Land- und Agrarreform umsetzen
Nachhaltig Wirtschaften heißt: Die Nutzung von natürlichen Ressourcen auf ein verträgliches Maß begrenzen und den Menschen, die auf dem Land leben und arbeiten, ein neues menschenwürdiges Leben ermöglichen. Wir fordern den Schutz von bäuerlichen Kleinbetrieben durch eine gerechte Landreform und eine gerechte Verteilung der natürlichen Ressourcen.

5) Demokratische Kontrolle der Medien einführen
Medien haben ein Recht auf objektive Berichterstattung. Die Monopolisierung der Medien oder deren Manipulation durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Partikularinteressen schadet der Demokratie. Wir fordern Medienvielfalt und eine wirkungsvolle demokratische Kontrolle sowie Selbstkontrolle der Medien.

6) Jugend fördern und vor Gewalt schützen
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf eine gesunde und gute Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Wir fordern einen Kinder- und Jugendschutz, der sie stärkt und ihre Unversehrtheit sicherstellt sowie eine Präventionsstrategie, die Kinder und Jugendliche vor Gewalt bewahrt.

7) Kulturelle Vielfalt der Völker bewahren
In demokratischen Gesellschaften ist es wichtig, dass die kulturelle Vielfalt als Chance zur Teilhabe und Mitbestimmung aller genutzt wird. Wir fordern, die kulturelle Vielfalt besonders der Minderheiten zu achten und zu schützen.

8) Korruption bekämpfen und Transparenz schaffen
Für unsere Gesellschaften ist es unabdingbar, Machtmissbrauch und Korruption auf allen Ebenen gesellschaftlichen Handelns zu unterbinden. Wir fordern eine Bekämpfung von Korruption, die Offenlegung und unabhängige Kontrolle von Finanzen und Haushalten öffentlicher Einrichtungen.

9) Zivilgesellschaftliches Engagement unterstützen
Wir brauchen demokratisch legitimierte Formen der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern. Initiativen vor Ort und selbstorganisierte Zusammenschlüsse sollten vorrangig vor staatlichen Initiativen gefördert werden. Wir fordern, dass auf den unterschiedlichen Ebenen Bürger demokratische Formen der Mitbestimmung und Beteiligung erhalten.

10) Gesundheitsversorgung für alle gewährleisten
In unseren Gesellschaften ist es wichtig, dass Menschen befähigt werden ihre Gesundheit zu erhalten und zu fördern. Wir fordern eine gerechte Verteilung der Zugänge zu Lebensmitteln und Wohnraum, Vorschriften zum Schutz der Menschen bei der Arbeit und eine angemessene Gesundheitsversorgung und Versorgung mit Wohnraum für alle“.

Unterschreiben Sie die Bürgerpetition mit, um dem Anliegen für mehr Fairness und Gerechtigkeit Rückhalt zu geben:
"Hier geht's zur Petition!"

Zu Aktion Steilpass:
"Das Aktionsbündnis"

Zur Fairness von Unternehmen von Aldi bis Zalando:
"Der Fairness-Check"

04.06.2014 15:31
Unfaire Attacken im Staatsauftrag
Spannend und erschreckend wie ein Horrorfilm: das ist Glenn Greenwalds Buch „Die globale Überwachung“, in dem er nicht nur über den „Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen“ (Droemer. 366 Seiten. 19,99 €) schreibt. Sondern auch über die Mentalität der Geheimdienste, ihre elektronische Durchdringung von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sowie über die globale Zusammenarbeit der „fünf Augen“.

Die „Five Eyes“ meint im Geheimdienstjargon die kooperierenden Geheimdienste von Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland unter Führung des NSA, der Nationalen Sicherheitsbehörde der USA (National Security Agency). Sie arbeitet auch mit deutschen Geheimdiensten zusammen.

Edward Snowden ist jener ehemalige Geheimdienstmitarbeiter, der als Whisteblower der NSA 80.000 Dateien mit geheimsten Dokumenten entwendete, um die NSA-Aktivitäten belegen zu können. Und der durch die Weitergabe an Greenwald, der Jurist, Verfassungsrechtler und Journalist ist, zusammen mit dem Reporter Ewen MacAskill von der britischen Zeitung The Guardian und der Dokumentarfilmerin Laura Poitras für den größten Spionageskandal der Geschichte sorgte. Greenwald schildert die Geschichte vom Erstkontakt mit Snowden bis hin zu den Methoden und perfiden Gewohnheiten der Geheimdienste, von ihren Macht- und Beherrschungsstrategien.

Was auf der Strecke bleibt, ist die Privatsphäre der Menschen weltweit, die den Geheimdiensten nichts wert ist. Sie gehört aus Sicht der NSA abgeschafft. Massenüberwachung, Fehlinformationen, gefälschte Personenprofile, Rufmord und Presseknebelung sind an der Tagesordnung.

Was sind die Fakten? Wie werden weltweit Menschen ausspioniert? Judith Horchert und Ole Reißmann von Spiegel-Online haben das zusammengefasst:

"• Telefon: Wer telefoniert mit wem? Solche Metadaten sammelt die NSA, auch innerhalb der Vereinigten Staaten. Das Geheimgericht Foreign Intelligence Surveillance Court (Fisc) erlaubt die Überwachung der Verkehrs- oder Metadaten. Ein Programm namens "Mystic" sammelt in Mexiko, Kenia und den Philippinen die kompletten Metadaten. Auf den Bahamas und in einem weiteren Land werden außerdem sämtliche Handygespräche abgehört.
• SMS: Weltweit hat die NSA Textnachrichten gesammelt. Laut einem Dokument aus dem Jahr 2011 waren es 200 Millionen am Tag, offenbar auch von Amerikanern und Briten. Der Codename des Programms war demnach "Dishfire".
• Internet: Der britische Geheimdienst GCHQ zapft die Glasfaser an, über die der weltweite Datenverkehr läuft. Im Rahmen des "Tempora"-Programms hängen die Spione an 200 wichtigen Internet- und Telefonverbindungen, können 46 davon gleichzeitig komplett überwachen und den Datenstrom zwischenspeichern. 300 Analysten suchen in den Daten nach Spuren, bei der NSA nochmal 250 weitere.
• Internetdienste: Nicht nur Datenströme werden angezapft, auch soziale Netzwerke und die Angebote großer Webfirmen wie Google oder Yahoo. "Prism" ist der Name eines mächtigen Programms, das den Analysten Zugriff auf Chats, E-Mails, Fotos und Videos verschafft. Der britische Geheimdienst schaffte es, sich von 2008 bis mindestens 2012 in den Yahoo-Videochat einzuklinken und Millionen Webcam-Bilder zu speichern.

Neben der Massenüberwachung gibt es gezielte Spionage gegen mutmaßliche Terroristen sowie zu politischen und wirtschaftlichen Zwecken. Dabei werden einzelne Personen und deren Umfeld überwacht - wie zum Beispiel Kanzlerin Angela Merkel. Bei den gezielten Angriffen helfen auch die Daten aus dem großen Schleppnetz.

Außerdem werden Netzwerke, Computer und Handys verwanzt.
• Industriespionage: Die NSA spioniert Chinas Staatsführung und wichtige Konzerne aus. Auch Brasilien wird massiv überwacht.
• Staatsoberhäupter: China, Brasilien und auch Mexiko sind im Visier der NSA. In Mexiko wurde im Jahr 2010 das Netz des Präsidenten infiltriert, und Handys wurden abgehört.
• Merkels Handy: Das Handy von Angela Merkel steht anscheinend seit 2002 auf einer Liste mit Aufklärungszielen der NSA, die der SPIEGEL einsehen konnte. Die in der NSA-Affäre bis dahin wenig engagierte Kanzlerin beschwerte sich daraufhin direkt bei Präsident Barack Obama. Auch Gerhard Schröder wurde offenbar abgehört.
• EU-Vertretungen: In einem streng geheimen Papier aus dem Jahr 2010 ist von NSA-Wanzen in der diplomatischen Vertretung der Europäischen Union in Washington die Rede. Angriffe gab es offenbar auch auf das interne Netzwerk. Der britische Partnerdienst hackte den Telefonanbieter Belgacom, bei dem EU-Institutionen Großkunden sind.
• Zugriff über Firmen: Für seine Datensammelei bedient sich der Geheimdienst unter anderem an den riesigen Datenschätzen der großen Internetfirmen - ob sie nun dabei behilflich sind oder nicht.

Schon in einer der ersten Enthüllungen war die Rede davon, dass die NSA Zugriff auf Server von Microsoft, Google, Facebook und Apple hat. Für das Programm "Prism" wurden US-Konzerne offenbar vom amerikanischen Geheimgericht Fisc zur Zusammenarbeit und gleichzeitig zur Geheimhaltung verpflichtet. Yahoo hatte sich nach eigenen Angaben zunächst gegen die Herausgabe von Nutzerdaten gewehrt - ist aber vor dem Geheimgericht schließlich gescheitert. Andere Firmen geben der NSA offenbar freiwillig wertvolle Tipps, etwa über Schwachstellen in den eigenen Produkten.
• Zugriff über die Infrastruktur: Der britische Geheimdienst GCHQ etwa späht den weltweiten Internetverkehr in ganz großem Stil aus: Er zapft die Glasfaserkabel an, durch die der transatlantische Datenverkehr abgewickelt wird. Edward Snowden selbst nannte das britische Spähprogramm "Tempora" "das größte verdachtslose Überwachungsprogramm in der Geschichte der Menschheit".
• Durchsuchung per "XKeyscore": Wer so viel sammelt, braucht gute Suchprogramme, um in den Datenbergen überhaupt etwas zu finden. "XKeyscore" ist ein mächtiges Werkzeug, mit dem die Analysten die Kommunikationsinhalte bequem durchsuchen können. So können sie zum Beispiel die E-Mails von einer bestimmten Adresse lesen oder sich ansehen, was eine bestimmte Person in letzter Zeit gegoogelt und im Netz angesehen hat oder welche Nachrichten im privaten Facebook-Postfach liegen.
• Angriff auf Verschlüsselung: Wer seine Kommunikation vor dem Zugriff von Hackern und Spähern sichern will, der verschlüsselt. Doch selbst hier verspricht längst nicht alles Schutz vor dem Geheimdienst: Dokumente aus dem Snowden-Fundus zeigen, dass die NSA bestimmte Verschlüsselungstechniken umgehen kann und gezielt Standards schwächt. Das gilt allerdings nach bisherigem Wissensstand keineswegs für jede Form der Verschlüsselung. Experten raten weiterhin dazu, beispielsweise E-Mails per PGP zu verschlüsseln.
• Zugriff per Angriff: Die Enthüllung des NSA-Programms "Quantumtheory" hat gezeigt, wie die NSA weltweit Rechner hackt und neben dem Internet ein eigenes Schattennetz betreibt".

Wie Sascha Lobo, ein ehemals glühender Anhänger des demokratiefördernden Internets kürzlich daher resigniert resümierte: "Das Internet ist kaputt!". Wer hat es zerstört? Vermeintlich demokratische Staaten mit angeblich starker Rechtsstaatlichkeit. Was für eine Rechtfertigungsvorlage für totalitäre Staaten von China und Nordkorea bis Syrien, Saudi Arabien und Russland, Weißrussland und Kasachstan. Die Selbstzerstörung des Westens beginnt mit der Untreue zu den Werten Fairness, Offenheit, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit, die den Menschen Freiheit und Privatsphäre gewährleisten.

""Greenwalds Buch ist ein Hammer"

"Was Geheimdienste tatsächlich mit Daten von und über Menschen tun"

23.04.2014 16:15
Warum Kapitalismus nicht fair sein kann
Ist Kapitalismus noch fair, wenn die Reichen immer reicher werden? Dazu tobt in den USA, Europa und Deutschland eine Debatte über die wachsende Ungleichheit.

Einem eher unscheinbaren Ökonomen gelang das globale Kunststück, die Debatte anzufeuern, nachdem er sich „jahrelang über scheinbar langweilige Einkommensstatistiken aus den vergangenen drei Jahrhunderten gebeugt hat“, schreibt Spiegel Online am 23.4.14. Und weiter: „Thomas Piketty, 42, Professor an der Paris School of Economics, hat aber aus dem trockenen Zahlenwerk eine eingängige Botschaft gezimmert, die derzeit in der ganzen Welt Resonanz findet. Sie lautet: Etwas ist faul im kapitalistischen System - und die Symptome werden immer schlimmer, weil Krisenzeiten einseitig die Habenden begünstigen.

Wachse die Wirtschaft nämlich langsam, so Piketty, steige die Ungleichheit in einer Gesellschaft, da Vermögen anders als Löhne unentwegt weiter wüchsen. Die Reichen hängen also die Mittelklasse gerade in Krisenzeiten, die derzeit fast alle Industrieländer durchmachen, schlichtweg ab.

Der 696-Seiten-Schmöker, in dem Piketty seine Erkenntnisse vorstellt, heißt "Das Kapital im 21. Jahrhundert" - eine unverhohlene Anspielung auf das Standardwerk von Karl Marx zur kapitalistischen Verteilungsfrage. Das Buch sorgt aber nicht allein aufgrund des provokanten Titels für Aufregung. Zum ersten Mal präsentiert ein Ökonom umfassende Belege für die Aussage "Wer hat, dem wird gegeben".

Durchschnittlich lag das Wirtschaftswachstum Pikettys Daten zufolge nämlich in den vergangenen 300 Jahren inflationsbereinigt bei einem bis eineinhalb Prozent jährlich. Vermögen stiegen dagegen um vier bis fünf Prozent vor Steuern. Wer schon wohlhabend ist, kann sein Vermögen offenbar breit anlegen und so überdurchschnittlich steigern. Weil Vermögen zudem meist an die eigenen Kinder vererbt werden, pflanzt sich die Ungleichheit über Generationen fort.

Diese wissenschaftliche Untermauerung des weltweiten Unwohlseins mit dem Turbokapitalismus bringt Piketty viel Beifall ein: US-Linke preisen ihn als modernen "Marxisten fürs neue Jahrtausend" ("Nation"), Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman lobte sein Buch als wegweisend. Präsident Obama nutzte seine Audienz bei Papst Franziskus im März zu einer ausführlichen Debatte über die wachsende soziale Ungleichheit, die Piketty beschreibt.

Selbst bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF), einst eine Bastion des globalen Kapitalismus, standen dessen Gedanken auf der Tagesordnung. "Einkommensungleichheit ist in den letzten Jahrzehnten sowohl in der entwickelten Welt wie in den Entwicklungsländern angestiegen", hieß es in einem IWF-Thesenpapier. Das Ergebnis: Sind die Vermögen in einer Gesellschaft relativ gleichmäßig verteilt, ist auch das Wachstum schneller und nachhaltiger. Für den IWF erstaunlich ist auch die Erkenntnis, dass Umverteilung durch Steuern dem Wachstum gar nicht schadet.

Tatsächlich lassen sich die von Piketty beschriebenen Symptome genau beziffern: 1978 verdiente der typische amerikanische Arbeitnehmer 48.078 Dollar brutto im Jahr, das oberste Prozent der Gesellschaft erhielt im Schnitt 390.000 Dollar. Heute bekommt der Arbeiter nur noch 33.000 Dollar, die Top-Verdiener dagegen 1,1 Millionen. Die 400 reichsten Amerikaner besitzen so viel wie die 150 Millionen Bürger ganz unten zusammen. Die US-Mittelschicht hat soeben ihren Spitzenrang als Bestverdiener weltweit verloren.

Auch die Europäische Union zerfällt derzeit in nördliche Boomstaaten mit geringer Arbeitslosigkeit und Krisenländer im Süden des Kontinents, wo teils bis zu 50 Prozent aller jungen Leute keinen Arbeitsplatz haben. In Deutschland ist die Einkommensungleichheit im internationalen Vergleich moderat. Anders sieht es jedoch bei Vermögen aus: "In keinem Euro-Land ist der Reichtum so ungerecht verteilt wie hierzulande", sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Hier müsste der Staat eigentlich eingreifen."

Aber welche Maßnahmen helfen? Laut Piketty ändern beliebte Rezepte wie höhere Bildungsinvestitionen oder der Verzicht auf Wirtschaftswachstum wenig. Effektiv seien nur radikale Maßnahmen: erstens eine Vermögensteuer, die bei einem Vermögen von 200.000 Euro mit einem Prozent jährlich beginnt, bei mehr als eine Million Euro auf zwei Prozent steigt und bei Milliardenvermögen auch bis zu zehn Prozent betragen kann. Zweitens eine Einkommensteuer von bis zu 80 Prozent für Spitzenverdiener. Das klingt schockierend, doch in den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg lag dort der höchste Steuersatz nie unter 70 Prozent“.

Fair kann Kapitalismus gar nicht sein, weil zu seinem Grundprinzip das Vermehren von Kapital und damit auch die Anhäufung von Kapital besteht. Und je mehr Kapital jemand – einzelne Investoren, Investmentbanker und –fonds, in die Hand nehmen und einsetzen kann, desto größer ist der Gewinn solcher Wetten (Spekulationen), die an der Börse und außerhalb der Börse im sogenannten Grauen Markt abgeschlossen werden. Selbst Verluste lassen sich durch geschickte Manöver in Gewinne verwandeln, wenn man auf die passenden Zertifikate gesetzt hat. Fair kann allenfalls der gebändigte, in soziale Markwirtschaft eingebundene Kapitalismus sein, der andere Werte einbezieht und kontrollierte Rahmenbedingungen setzt. Werte und Rahmenbedingungen, die für Fairness besonders gegenüber den Benachteiligten und den Übervorteilten sorgen. Auf derart konsequent gesetzte Bedingungen warten 85 Prozent der Weltbevölkerung, während sie 15 Prozent der Weltbevölkerung übervorteilen und benachteiligen.

29.11.2013 10:51
Fairness ist mehr als seine Schokolade zu teilen
Gerechtigkeit und Fairness spielen bereits in der kindlichen Entwicklung eine große Rolle. In einer Studie haben Forscher herausgefunden, dass Kinder bereits früh ein Verständnis für Fairness und Gerechtigkeit entwickeln. "Voll unfair" - ein Satz, den Eltern sicher häufiger hören, bestätigt das.

Auf die Frage nach dem Verständnis von Gerechtigkeit, erklärten viele Kinder, dass es nur dann gerecht zuginge, wenn alle gleich behandelt würden und die gleichen Möglichkeiten hätten. Ein Gefühl, dass sich Kinder selbst benachteiligt fühlen, stelle sich besonders dann ein, wenn Armut im Leben der Kinder eine Rolle spiele. Das Mitbestimmen bei Entscheidungen trage maßgeblich dazu bei, dass ein Kind sich gerecht behandelt fühle, so die Ergebnisse der Studie.

Die Kindheitsforscherin Sabine Andresen und der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann hatten 2500 Kinder im Alter zwischen sechs und elf Jahren nach ihrer Lebenssituation befragt, dabei galt dem Thema Gerechtigkeit besondere Aufmerksamkeit.

Nur jedes zweite Kind findet, dass es in Deutschland gerecht zugeht. Vor allem den Umgang mit armen Menschen beunruhigt die Kinder: Den Umgang mit ihnen empfindet die überwiegende Mehrzahl der Kinder als ungerecht.

Bemerkenswert ist, dass Kinder sich dann besonders unfair behandelt fühlen, wenn ihre Meinung eine sehr untergeordnete oder gar keine Rolle spielt: Sei es beim Gestalten der Freizeit oder bei der Auswahl der Freunde – je weniger Zeit die Eltern der Kinder haben, desto stärker empfinden Kinder die Reglementierung ihrer Freizeit.

Durch die Ergebnisse der Studie mit Kindern wird klar, dass Fairness für viele bereits früh eine große Rolle spielt und mit mehr Aufmerksamkeit und Schulung dieses Themas möglich wird, dass mehr Menschen diese Einstellung mit in ihr weiteres Leben einfließen lassen. Oft geht das natürlich verankerte Gespür dafür früh verloren, weil es nicht genug Aufmerksamkeit und Zeit bekommt. Sei es in der Schule, in der Ausbildung oder im Job: Wer wenig Fairness erfährt, ist vielleicht gezwungen, auch selbst auf Fairness-Praxis zu verzichten.

"Jedes fünfte Kind fühlt sich ausgegrenzt"

"Mehr als Schokolade abgeben"

"Kinder finden die Welt unfair"

26.09.2013 08:50
Joblinge erhalten Fairness-Initiativpreis 2013
Den Fairness-Initiativpreis erhält in diesem Jahr die Initiative JOBLINGE – Gemeinsam gegen Jugendarbeitslosigkeit, die sich für sozial benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene engagiert. Durch Einbindung zahlreicher Akteure bietet JOBLINGE jungen Menschen eine realistische Chance auf einen Ausbildungsplatz, indem sie ihre Fähigkeiten in der Praxis beweisen – unabhängig von Zeugnissen und Schulnoten.

Das Kuratorium und die Leitung der Fairness-Stiftung halten diese Arbeit und das erfolgreiche Konzept von JOBLINGE für einen Leuchtturm unter den Initiativen des 21. Jahrhunderts. Das ist ein wirksames Signal, junge Menschen mit geringen Einstiegschancen in die Berufstätigkeit nicht links liegen zu lassen, sondern sich ihnen zuzuwenden, damit sie ihr Potenzial entdecken und einen tragfähigen Weg ins Leben finden. Auf diese Weise praktiziert Joblinge Fairness gegenüber jungen Menschen, ermöglicht Chancenfairness, statt nur darüber zu reden und das Problem zu theoretisieren.

Uns ist wichtig, diese Arbeit hervorzuheben, um auf sie als gutes Beispiel für Fairness-Praxis gegenüber einer benachteiligten Gruppe von jungen Menschen in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Jungen Menschen Zukunft in der Gesellschaft und damit der Gesellschaft Zukunft durch die Tatkraft junger Menschen zu verschaffen, ist ein Akt der Fairness.

Der Fairness-Initiativpreis wird jährlich einmal von der Fairness-Stiftung an Organisationen des 21. Jahrhunderts verliehen, die sich in einem speziellen Bereich für Fairness in der Gesellschaft engagieren. Bisher ging er an LobbyControl, Abgeordnetenwatch, Foodwatch, Irrsinnig menschlich und Finance Watch.
http://joblinge.de/

20.08.2013 10:52
Mobbing aus dem Umfeld
So hatte sich die neue Leiterin des Lingener Finanzamtes, Regina Lesch ihre Beförderung nicht vorgestellt: Kaum trat die Juristin ihren Posten als Vorsteherin des Finanzamtes in Lingen an, begann das Mobbing. Anonyme Briefe mit haltlosen Vorwürfen sind nur der Anfang. Ihren Höhepunkt erreichen die Anfeindungen, als Regina in einem Zeitungsartikel niedergemacht wird. Die verzweifelte Frau weiß nicht mehr weiter, bricht zusammen und geht sogar in eine psychiatrische Klinik. Wissen Claudia Ludwig und Wolfgang Kindler Rat? Das zeigte eine TV-Sendung am 28.8. auf Sat1 um 22:15 Uhr.

Wolfgang Kindler ist Gymnasiallehrer, berät seit dem Amoklauf von Emsdetten 2006 Schulen in ganz Nordrhein-Westfalen zum Thema. Als Autor veröffentlichte Kindler bereits mehrere Bücher, meist speziell für den Schul- und Jugendbereich, wovon die meisten das Thema Mobbing behandeln.

Seine fünfzehn Thesen zum Thema Mobbing lauten:
„1. Mobbing ist keine neue Gewaltform. Bereits in Märchen finden wir Beispiele für Mobbing: „Es war ein Mann, der hatte drei Söhne, davon hieß der jüngste der Dummling und wurde verachtet und verspottet und bei jeder Gelegenheit zurückgesetzt.“ Brüder Grimm - Die goldene Gans
2. Neu bei Mobbing sind jedoch zunehmende Willkür, Normenlosigkeit, Hemmungslosigkeit.
3. Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, dass es in Ihrem Umfeld kein Mobbing gibt.
4. Eine Institution, sei es eine Firma, eine Behörde, eine Schule, die Probleme leugnet, kann sie nicht lösen.
5. Mobbingvorwürfe werden oft als Waffe gegen Dritte eingesetzt.
6. Mobbing ist eine dauerhafte Gewaltform, sodass die dabei entstehenden Rollen von Täter und Opfer verinnerlicht werden.
7. Mobbing wirkt sich auf das gesamte soziale Feld aus, in dem es stattfindet. Auch unbeteiligte sind Opfer des Mobbings. Und oft genug Mittäter.
8. Mobbing kann jeden treffen. – Das Opfer gibt es nicht.
9. Die Ursachen für Mobbing liegen in den Persönlichkeitsstrukturen der Täter, in der Struktur der jeweiligen Gruppe und im Umgang der Leitung mit Mobbing.
10. Mobbing ist ein Gruppenproblem. Denn Mobbing ist nur möglich, wenn es von der Gruppe zugelassen wird.
11. Mobbing ist ein Täterproblem. Die Täter entscheiden sich zu mobben. Kein Mensch muss mobben.
12. Mobbing nimmt die Lust und die Fähigkeit, erfolgreich zu arbeiten.
13. Mobbing macht krank. Physisch und psychisch.
14. Mobbing wird in der Regel verdeckt ausgeübt.
15. Die vermeintlichen oder wirklichen Schwächen und Fehler der Opfer sind Anlass, nicht Ursache“.

Die Thesen sitzen. In die entgegengesetzte Richtung geht es mit Fairness. Da fehlt es oft an fundiertem Wissen, an Hintergrund, an analytischen Ansätzen, um Unfairness zu bewältigen und Fairness zu stärken. Zu finden in:
"Das Fairness-Buch zum Thema"

Die Sendungen „Schluss mit Mobbing“auf Sat1 (Trailer, Vorschau, Folgen):
"TV-Serie"




09.07.2013 11:26
Geld stärker als Fairness und Liebe?
„Nennen Sie mir eine Schlechtigkeit in der Welt, die nicht für Geld getan wird. Mir fällt nichts mehr ein. Ich habe so ziemlich alles erlebt. Ich glaube nicht, dass die Liebe die Welt bewegt, sondern eher Geld“, sagt Hilmar Kopper, Ex-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, ehemals Mitglied in 60 Aufsichtsräten von Konzernen und Großunternehmen, davon als Aufsichtsratsvorsitzender bei DaimlerChrysler und der HSH Nordbank. Das sagt er aktuell auf die Frage der ZEIT, in welche Abgründe er wegen Geldes geblickt habe.

Wenn das das Fazit und die Lehre aus jahrzehntelanger Tätigkeit in Schlüsselpositionen der deutschen Wirtschaft ist, dann ist es um sie dramatisch bestellt, dann ist sie verkommen. Dann machen auch Selbstverpflichtungen zur Antikorruption so wenig Sinn wie Selbstregularien zum Kundenschutz und Fairness im Wettbewerb. Dann nützen nur gesetzliche Rahmenbedingungen und Auflagen was, die zudem von intensiven Kontrollen und einer starken, aktiven Steuerfahndung und kompetenten Staatsanwaltschaften gegen Wirtschaftskriminalität flankiert und ernstzunehmend gestaltet wird. Dazu braucht es auch eine Politikergeneration, die sich nicht ihr Denken und Handeln von Wirtschaftsverbänden und Konzernen diktieren lässt.

Vielleicht aber ist Koppers erschreckende Bilanz des Kapitalismus doch nicht so umfassend und unerschütterlich. Vielleicht erweisen sich Fairness und Liebe doch als wirkmächtigere Kräfte. Vielleicht werden doch mehr und mehr Menschen gewählt und Firmen geachtet, die sich um Fairness und Gemeinwohl bemühen, es zumindest es nicht missachten. Der Nachweis steht aus.

24.05.2013 13:54
Wie Kinder von Erwachsenen Unfairness lernen
Wo ist die Grenze zwischen Rivalität, kleinen Machtkämpfen und Mobbing? Nicht erst gegenwärtig werden zwischen Kindern und Jugendlichen die Grenzen immer häufiger zum Mobbing überschritten. In Italien sprang jüngst eine 14jährige Schülerin vom Balkon in den Tod, die von acht Mitschülerinnen und -schülern zwischen 15 und 17 Jahren heftig unfair attakiert worden war. Sie hatten über die Mitschülerin abwertende Videos und Fotos ins Netz gestellt. In New York erhängte sich eine Zwölfjährige. Auch hier spielte Mobbing durch Internet (Cyber-Mobbing) in der Schule die entscheidende Rolle. In Deutschland gibt jeder sechste Schüler beziehungsweise jede sechste Schülerin an, gemobbt zu werden (=17 %). 19 % der Schüler geben zu, selbst schon andere im Internet unfair attackiert zu haben.

Laut Bündnis gegen Cyberrmobbing e.V. attackieren die meisten aus Langeweile, nur zum Spaß oder weil es auch andere machen. An der Spitze rangieren dabei Beschimpfungen und Beleidigungen, die Verbreitung von Lügen und Gerüchten sowie sich über andere lustig machen oder sie erpressen und bedrohen.

Für einen großen Report hat sich Prof. Franz Petermann, Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie der Uni Bremen, eingehend damit beschäftigt. Er erforscht seit Jahren die Entwicklung der Sozialkompetenz bei Kindern und Jugendlichen.

In dem Exklusiv-Interview mit der Zeitschrift „Eltern family“ warnt der Experte, dass das Mobben immer früher einsetze: „Es gibt krasse Formen wie Cyber-Mobbing. Das sind knallharte Verletzungen, die Kinder erfahren. Es tritt auf, sobald die Kinder mit acht, neun oder zehn Jahren über Handys verfügen oder via Internet soziale Netzwerke betreten. Alle Mobbing-Phänomene, die wir haben, verlagern sich jedes Jahr ein bisschen nach vorne.“ Petermann glaubt, „dass Grenzen zu spät gesetzt werden. Das ist das Hauptproblem.“

Mobbing könne man nur verhindern, indem Kinder soziale Regeln lernen und ein Gefühl für Gerechtigkeit und Fairness entwickeln. Petermann: „Bei der Vermittlung von sozialer Kompetenz und moralischer Erziehung haben wir ganz große Defizite. Die Kinder haben kein Gerechtigkeitsgefühl mehr, viele sind einfach Egoisten. Sie werden zu Egoisten erzogen. Für mich ist Mobbing anerzogen!“
Die Frage, wie der Entwicklung entgegnet werden kann, beantwortet er mit Hinweise auf das, was fehlt:„Wir müssen Kindern die Grundprinzipien des sozialen Miteinanders nahebringen: Teilen, Rücksichtnahme, Helfen, Unterstützen, Fairness - all diese Werte, die ins Wackeln gekommen sind. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass sich Kinder auch zurücknehmen können, um anderen eine Chance zu geben.“

Allerdings vergisst Petermann, darauf hin zu weisen, dass schon kleine Kinder eine Fairness-Intuition und ein Gerechtigkeitsgefühl mitbringen. Das zeigen zahlreiche Forschungen. Doch ebenso frühzeitig werden die Fairness-Motive von Kindern irritiert: durch Angst, durch nachteilige Vergleiche, durch Abwertung – beispielsweise in der Schule, durch Ohnmachtserfahrungen und durch das negative Vorbild der Erwachsenen, die sich mit Ellenbogen und unfaire Attacken Vorteile erobern oder verteidigen. Kinder können nicht besser sein als die soziale Umwelt. Sie sind ihr Spiegel. In einer Gesellschaft unfairer Geister wird sich kein fairer Geist dauerhaft entfalten. Im Gegenteil.

Eltern Family, 06-2013 (Helden mobben nicht)
Studie über Cybermobbing
http://www.fairness-stiftung.de/Mobbing.htm

Spezielle Sites für junge Menschen & Lehrer
Bündnis gegen Cybermobbing e.V.
http://www.jungundjetzt.info
http://www.mips-ev.de/index.htm
http://mobbing.seitenstark.de

05.04.2013 14:20
Wie Fairness unfair eingesetzt wird
Auch Fairness lässt sich missbrauchen. Jedenfalls, wenn man in „Fairness“ einen doppelten Boden einzieht und etwas Fairness nennt, was gar nicht Fairness ist. Dazu haben viele inzwischen den Bogen raus und betreiben so Fairness-Washing; etwas, wogegen sich der Fairness-Check richtet. In einem Beitrag von „Focus Money“ (3.4.2013) schildert Jack Nasher, wie man Fairness geschickt gebraucht, um zum eigenen Vorteil einen „Deal“, einen Verhandlungserfolg für sich herbeizuführen.

Jack Nasher schreibt: „Fairness ist einer der wichtigsten Aspekte beim Verhandeln. Menschen aller Kulturen lehnen nützliche Deals ab, weil sie ihnen nicht fair erscheinen. Wer diese Tatsache kennt, der kann sie für sich nutzen. Eine der bekanntesten Simulationen in Verhandlungstrainings ist das ultimatum game. Die Regeln sind sehr einfach: Ihr zugewiesener Partner bekommt 100 Euro. Er muss Ihnen nun ein Angebot machen, wie er das Geld mit Ihnen teilen will. Handeln ist nicht erlaubt, es gibt nur ein einziges Angebot. Wenn Sie zustimmen, wird der Betrag genauso aufgeteilt. Wenn Sie aber ablehnen, bekommt niemand etwas. Was würden Sie tun, wenn Ihr Partner Ihnen einen Euro anbieten würde? Würden Sie ‚ja’ sagen?

Die meisten lehnen es ab: Auch wenn sie dann nichts bekommen, ist es ihnen immer noch lieber, als dass der andere 99 Euro bekommt. Rein ökonomisch betrachtet, ist das Verhalten irrational – lieber 1 Euro als 0 Euro. Die meisten lehnen Angebote unter 20, viele gar solche unter 30 und einige auch solche unter 40 Euro ab. Sie halten sie schlicht und einfach für unfair.

Und das ist der entscheidende Punkt: Fairness ist einer der wichtigsten Aspekte beim Verhandeln. Menschen aller Kulturen lehnen nützliche Deals ab, weil sie ihnen nicht fair erscheinen. Wir interessieren uns nicht nur für unseren persönlichen Nutzen, sondern sind immer auch Verteidiger der Gerechtigkeit. Was wir in einer Verhandlung als fair wahrnehmen und was nicht, hängt nicht nur vom Ergebnis ab, sondern mindestens ebenso stark vom Prozess“. Bis hierhin hat Nasher, Professor für Leadership & Organizational Behavior an der Munich Business School, völlig Recht. Doch dann schreibt er weiter, wie man seinen Verhandlungspartner ansprechen soll:

„Natürlich wollen Sie einen hohen Preis erzielen und ich einen niedrigen Preis zahlen. Wie wäre es, wir finden gemeinsam heraus, was ein fairer Preis ist?“ Dagegen wird niemand etwas sagen. Etwas präziser formuliert: „Ich habe mir im Internet einmal den Durchschnittspreis pro bebautem Quadratmeter für das Frankfurter Ostend angesehen, er liegt bei 3500 Euro. Insofern ist mein Angebot für die 100-Quadratmeter-Wohnung über 350 000 Euro fair.“ Definieren Sie die Verhandlung als eine Suche nach objektiven Kriterien. Statt als Sprachrohr Ihrer eigenen Interessen zu erscheinen, sind Sie nun die Stimme der Fairness. Standardverträge, Standardzinssätze, Schwackeliste: All dies sind objektive Richtlinien – auf den ersten Blick jedenfalls“.

Haben Sie’s gemerkt: Hier kam der erste Trick. Fairness wird angeblich verobjektiviert als gäbe es objektive Kriterien für Fairness. Die liegen aber nicht in der Sache begründet oder in vermeintlich bereits vorliegenden Kriterien – wie hier beispielsweise in durchschnittlichen Quadratmeterpreisen. Was ist, wenn diese Preise eine Verzerrung des Markes widerspiegeln, eine Immobilienblase ausmachen, also als angemessen suggerieren, was eigentlich überteuert ist, weil z.B. die Bausubstanz den Preis nicht trägt, eine Veränderung der Infrastruktur geplant ist, deren Folgen viele noch nicht abschätzen können, wenn seit zwei Jahren der neuerliche Fluglärm über den Villen im Frankfurter Süden, in Sachsenhausen?

Was unfair ist: Die eigenen Interessen kommen gerade nicht auf den Tisch, werden verschleiert. Wo aber beabsichtigte und unbeabsichtigte Intransparenz herrscht, geht es unfair zu. Denn Transparenz ist eine Schwester der Fairness.

Dass die Methodenwahl und die Vorgehensweise, Dinge zu bewerten, für die Fairness-Qualität einer Verhandlung maßgeblich sind, räumt auch Nasher ein: „Denn bei der Bewertung von Unternehmen, die zum Verkauf stehen, etwa gibt es unzählige Methoden, die zu völlig unterschiedlichen Zahlen kommen. Wenn Sie statt einer Multiplikatormethode eine Discounted-Cash-Flow-Analyse ansetzen, haben Sie zwei sehr unterschiedliche Ergebnisse auf dem Tisch.

Wenn der New Yorker Immobilienmogul Donald Trump eines seiner Objekte verkaufen will, dann lässt er seine Analysten verschiedene Szenarien durchrechnen, die auf unterschiedliche Renditen kommen. Er nimmt nur dasjenige mit in die Verhandlung, das die höchste Rendite verspricht, und schreibt mit der Hand noch etwas darauf wie „Ihre Rendite: 20 Prozent im Jahr“. Seine Devise ist, stets das beste objektive Kriterium zu präsentieren und dann völlig vereinfacht darzustellen – die Schriftform macht es deutlich glaubwürdiger.

Wenn sie ein Büro mieten, prüfen Sie, was andere Büros in der Lage pro Quadratmeter kosten. Wenn die Preise zwischen 8 und 20 Euro variieren, dann drucken Sie die günstigsten aus und zeigen Sie sie dem Vermieter. Sie wollen eine neue Matratze kaufen? Von 50 Angeboten, die Sie im Internet finden, sind vielleicht nur drei besser als das des Ladens, in den Sie gehen. Nehmen Sie immer die für Sie besten Vergleichsangebote ausgedruckt mit, ob Sie ein Haus, ein Auto oder einen neuen Toaster kaufen. Damit stehen sie nicht da, wie ein Feilscher in eigener Sache, sondern wie ein Verfechter der Gerechtigkeit“.

Ist das ein faires Vorgehen? Raffiniert sicher, aber fair auch nicht. Fair wäre es, die gefundene und ausgelotete Spannbreite von Preisen und Gewinnen auf den Tisch zu legen und gemeinsam zu bewerten. Und nicht die für mich ungünstigen unter den Tisch fallen zu lassen. Denn dann muss der Andere natürlich die ungünstigere Hälfte auf den Tisch legen und entlarvt damit schon mal, dass ich keine faire, sondern nur eine für sich vorteilhafte Betrachtung im Auge hatte. Das macht skeptisch, auf beiden Seiten. Die weitere Verhandlung ist dann von Misstrauen geprägt. Ein Vertrauensaufbau durch faires Handeln ist vertan. Es wird teurer, nicht preiswerter; es wird stressiger, nicht entspannter; es wird ein Poker-Spiel, keine faire Veranstaltung.

"Der Fairness-Check"

"Fairness als Trick von Jack Nasher in Focus Money"

07.12.2012 10:13
Fairness-Tradition stärker als Kontrolle und Zwang
Finanzielle und ökonomische Ehrlichkeit zahlt sich doch aus. Mit langen demokratischen Traditionen geht auch die Beachtung von Solidarität und Fairness einher. Eine tief verankerte Kultur der Fairness und der Demokratie ist wirksamer als Kontrollen und autoritäre Zwangsmaßnahmen.

Der neue Corruption Perceptions Index 2012 von Transparency International hat bestätigt: Alle europäischen Staaten mit hoher Korruption befinden sich in ökonomischen Schwierigkeiten. Staaten mit geringer Korruption prosperieren. "Je höher das Niveau an finanzieller Ehrlichkeit, desto stärker wächst das Bruttosozialprodukt", diagnostiziert der Wirtschaftspsychologe Professor Dr. Detlef Fetchenhauer (Universität Köln).

Bezüglich finanzieller Ehrlichkeit sieht Transparency International auf den ersten Plätzen in dieser Reihenfolge: Dänemark, Finnland, Neuseeland, Schweden, Singapur, Schweiz, Australien, Norwegen, Kanada, Niederlande, Island.

Alle positiv bewerteten Länder erfreuen sich eines wirtschaftlichen Wohlstands, und die Mehrheit von ihnen ist überwiegend protestantisch geprägt, meist verbunden mit einer demokratischen Tradition.

Alle negativ bewerteten Länder zählen zu den Krisenstaaten in Europa: Spanien liegt erst auf Platz 30 der Ehrlichkeitsskala, Slowenien auf Platz 37, Kroatien und Slowakei gemeinsam auf Platz 62, Bosnien-Herzegowina gemeinsam mit Italien auf Rang 72; mit Rang 94 hält Griechenland einen Rekord in Korruption.

Fast alle ungünstig bewerteten Länder sind katholisch geprägt bzw. ohne längere demokratische Geschichte.

Fetchenhauer belegt, dass die entscheidenden "Unterschiede in der autoritaristischen Tradition eines Landes liegen. Folglich ist die Art, wie Menschen dazu erzogen werden, die Regeln von Fairness und Solidarität zu befolgen, tief in der kulturellen Historie des Landes verwurzelt."

Daher bleiben Regulierungen und Kontrollen fragwürdige Therapiemöglichkeiten. "Eine korrupte Raubgesellschaft kann eine hermetische, perfekt rechtsstaatliche Fassade entwickeln, also ein seinerseits selbst von Korruption gesteuertes Justizwesen, das die Aufdeckung und Verfolgung einzelner Fälle aussichtslos macht und zugleich zu einer Art selbstverständlicher Öffentlichkeit der Korruption führt," kommentiert der Politologe und Psychologe Prof. Dr. Thomas Kliche (Stendal).
http://transparency.de/Corruption-Perceptions-Index-2.2193.0.html

Detlef Fetchenhauer, Thomas Goebbels: Lügen haben kleine Brieftaschen - Ökonomische Konsequenzen und Determinanten finanzieller Ehrlichkeit. In: E.H. Witte, T. Gollan (Hrsg.) Sozialpsychologie und Ökonomie.
Pabst, ISBN 978-3-89967-613-6

Thomas Kliche, Stephanie Thiel (Hrsg.): Korruption - Forschungsstand, Prävention, Probleme.
Pabst, ISBN 978-3-89967-691-4

16.11.2012 17:52
Gauck: Regeln für fairen Wettbewerb entwickeln
"Entscheidend ist, dass wir die Regeln finden, die falsche Praktiken verhindern und fairen Wettbewerb ermöglichen", sagte Bundespräsident Joachim Gauck am 15. November beim „Führungstreffen Wirtschaft 2012“ der Süddeutschen Zeitung in Berlin. Hier der 'Sitz im Leben' dieser Aussage in seiner Rede:

„Verantwortliches Handeln heißt jetzt: aus Freiheit ein Freund mancher Grenzen zu sein! Wenn sich einige wenige die Freiheit nehmen, für nichts Verantwortung zu tragen, zerstören sie die Voraussetzungen dafür, dass wir in Freiheit leben können. Jene Voraussetzungen der Freiheit, die übrigens gerade die Wirtschaft braucht. Grenzenlosigkeit verschafft diesen wenigen vielleicht einmal auch unerhörte Höhenflüge. Aber für die vielen, für die anderen schafft Grenzenlosigkeit keinen bewohnbaren Lebensraum, sondern eine Wüste.

Soll Leben gelingen, so gehören Freiheit und Verantwortung also zusammen. Diese Kopplung entsteht nicht von selber, durchaus nicht automatisch. Auch der ehrbare Kaufmann allein kann sie nicht herstellen. Sie muss gesamtgesellschaftlich organisiert, muss idealerweise auch global gestaltet werden.

Dazu gehört nun der Staat, dessen primäre Aufgabe es ist, Regeln zu setzen, Regeln durchzusetzen. Dazu gehört eine Gesellschaft, die Regulierung und effektive Aufsicht neu schätzen lernt. Und dazu gehört eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, was wir wollen und was nicht.

Beispiel Finanzsektor. Das Credo der Banken sollte buchstäblich die Glaubwürdigkeit ihres Handelns sein. Einige Banken rücken den Begriff der Glaubwürdigkeit zu Recht wieder neu in den Mittelpunkt, denken laut über eine geringere Rendite nach, über weniger Gehaltszulagen und Boni. Manche bekunden gar ihr Bedauern und reagieren auf die Vorwürfe, die inzwischen vor Gerichten gehandelt werden. Für mich unglaublich: diese Manipulation des Libor-Zinssatzes von zum Teil doch hochseriösen Instituten. Für mich wäre das unvorstellbar gewesen vor einer Reihe von Jahren, was wir jetzt vor Gerichten zum Teil verhandeln. So kündigen einige Geldhäuser dann ganz bewusst einen Kulturwandel an.

Vieles ist dabei erst angestoßen. Der Wildwuchs im Finanzsektor ist bis heute nicht beseitigt, aber wir sind auf einem Weg der Korrektur. Grundsätzliche Veränderungen tun weiterhin not. Immerhin teilen Politik und Wirtschaft ein Grundverständnis: Der Finanzsektor muss dringend aufgeräumt werden! Ziel muss es sein, dass einzelne Banken nicht mehr ganze Staaten an den Rand des Abgrunds führen können. Über das „Wie?“ dieser Aufräumarbeiten wird sicher intensiv zu diskutieren sein, das „Wann“ wird nach Empfinden vieler Beobachter zu langsam angegangen.

Die Politik versucht zwar zu regulieren, aber leider gibt es über Maß und Prinzipien der Regulierung international wenig Einigkeit. Außerdem ist offenbar die Politik den Banken recht oft unterlegen. Insider illustrieren das immer wieder mit dem „Hase-und-Igel-Phänomen“ auf dem weiten Feld der Regulierung.

Ich freue mich auf den Tag, an dem die Banken selber ein Konzept formulieren, das nicht nur in Fachkreisen debattiert wird, sondern in einen breiten gesellschaftlichen Diskurs mündet. Das Bankwesen der neuen Weltwirtschaft – wenn Sie so wollen –, jedenfalls ein Bankwesen, das Zukunft hat, darf nicht in guten Zeiten diese Boni kassieren und bei Schwierigkeiten wegen seiner Systemrelevanz die Steuerzahler fordern. Bankenrettung kann durchaus im Einzelfall geboten sein, um Schaden nicht nur von der Bank, sondern auch von der Allgemeinheit abzuwenden. Da verschließe ich nicht meine Augen. Aber vor allem müssen Banken wieder genuinen geschäftlichen Verantwortungen gerecht werden und für die Konsequenzen ihres Handelns haften. Die derzeitige Gewissheit, im Notfall gerettet zu werden, verschiebt ja die Risikohaltung der Banken in einer Weise, die weder dem Markt entspricht noch den Wünschen der Steuerzahler.

Mit der Anstrengung, neue und überzeugende Regeln zu finden, ist natürlich das Thema Akzeptanz verbunden: für mich der Schlüsselbegriff der zweiten Verantwortungsform von Unternehmen, Verantwortung nach außen. Akzeptanzförderung bedeutet in meinen Augen mehr als gute PR oder Arbeit am Firmenimage. Akzeptanzförderung ist die nachhaltige Auseinandersetzung mit den eigenen Werten. Mit Haltung ist also nicht einfach nur Edelmut gemeint. Haltung zeigt sich, wenn Führungskräfte in Unternehmen verstanden haben, dass Glaubwürdigkeit ein unverzichtbarer Teil ihres Unternehmenskapitals ist, so wie Glaubwürdigkeit untrennbar zum Bankengeschäft oder zum Mandat von Politikern gehört. Glaubwürdigkeit klingt nicht nur moralisch wertvoll, sondern ist auch ökonomisch klug, ein echter, für Unternehmen durchaus auch monetärer Gewinn! Wir kennen die Beispiele, bei denen mangelnde Glaubwürdigkeit, mangelnde Verankerung von Grundwerten ganze Handelsketten in den Ruin getrieben hat. Kunden quittieren moralische Verstöße manchmal schärfer als greifbare Produktmängel. Umgekehrt sind Solidität und Reputation oft sogar Kaufanreize. Die Marke „made in Germany“ lebt zum großen Teil davon. Akzeptanz ergibt sich wie ein Mosaik aus vielen Teilen, etwa den Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter, der Erfüllung von Umweltschutzauflagen, der Auswahl von Zulieferern und Vertragspartnern – einfach aus allen Standards, die eine Führungspersönlichkeit begründen kann mit dem Satz: „Weil diese Werte es uns wert sind.“

Gesunde Unternehmen brauchen im eigenen Interesse ein gesundes Umfeld. Das gilt sozial, es gilt ökologisch und das weltweit. Wenn wir die Debatten über CO2-Quoten oder Umweltzerstörung beobachten, bekommen wir eine Ahnung davon, wie vielschichtig Akzeptanzfragen in den nächsten Jahrzehnten bearbeitet werden müssen.

Dass nicht nur Geld und Ressourcen, sondern auch unsere sozialen Werte auf dem globalen Marktplatz zur Disposition stehen, haben noch nicht alle verstanden. Dabei geht es aber um Menschenwürde, um Menschenrechte, um Respekt und das Miteinander der Verschiedenen. Es geht um Demokratie, um ihre Bürger und alle denkbaren Formen von Verantwortung. Es geht um die Fundamente unserer Freiheit! Diese Werte dürfen wir nirgendwo abgeben – an keinem Fabriktor der Welt.

Mit diesem „Wir“ meine ich nicht nur Führungspersönlichkeiten aller Couleur, sondern ein echtes „Wir alle“. Bangladesch, Budapest und Berlin gehören zu einer Weltwirtschaft. Den Spielraum verantwortlich handelnder Unternehmer prägt auch das Verantwortungsbewusstsein der Kunden. Mit dem Kassenbon kann man ja auch schlimme Zustände zementieren. Oder anders ausgedrückt: Konsumenten haben eine enorme Marktmacht. Wo Handys zum Lifestyle werden, sind Produktionsbedingungen immer öfter nicht egal. Man kann morgens um 5:00 Uhr für das neueste Gerät auf dem Markt anstehen. Man kann aber auch einen ganzen Tag vor dem Laden protestieren gegen unmenschliche Arbeitsplatzverträge, dort, wo diese Produkte hergestellt worden sind. Wie lange greifen Europäer noch zu Jeans für zehn Euro, obwohl sie wissen, dass die Allerärmsten in Asien oder Lateinamerika einen hohen Preis für die Herstellung solcher Produkte zahlen, also mit ihrer Gesundheit und ihrer Menschenwürde dafür zahlen, dass wir so schön billig einkaufen können. Wir sollten die Bilder von brennenden Fabriken und geschundenen Körpern hinter verschlossenen Gittern nicht vergessen, sie gehen uns, die Kunden, an. Wir kennen die Fälle von heute und die Prognosen für morgen, falls sich nicht öfter jemand findet, der sagt: Ich habe einen Fehler gemacht und ich mache es jetzt anders. Ich bin so frei! Wenn wir das nicht erkennen, werden diese Fehler, die wir heute sehen, auch die von morgen sein.

Haltung darf sich nicht in Appellen erschöpfen. Haltung erfordert Handeln. Und zwar aller: Nicht nur der Führungskräfte in Wirtschaft und Politik, sondern auch der Kunden und Bürger. Wenn Sie so wollen: Wirtschaft und Gesellschaft, das sind nicht immer nur die anderen. Wo dies verinnerlicht wird, erfahren wir: Verantwortlicher Kapitalismus ist möglich.

Lassen Sie uns nicht in überholten Antagonismen verharren. Anstand im Wirtschaftsleben ist wichtig, zugleich ist Gewinnstreben nicht unanständig. Gefährlich wird ja erst die blanke Gier, das Mehrenwollen um jeden Preis. Zivilisierung der Gier aber schafft diesen aufgeklärten Kapitalismus, der unseren Gesellschaften Zukunft gibt. Zu oft werden jene, die Verantwortung anmahnen, wenn sie nötig ist, kurzerhand in die Ecke der Träumer gestellt – so als gäbe es nur die Wahl zwischen egoistischem Unternehmertum und weltfremdem Altruismus. Hier das Soziale, dort die Wirtschaft. Hier das warmherzige Gute, dort der kalte Wettbewerb. Dieses Denken in falschen Alternativen müssen wir überwinden. Wir können auf Wettbewerb und Wachstum nicht verzichten. Diese Anreize machen unsere Gesellschaft besonders lernfähig und besonders innovativ. Entscheidend ist, dass wir die Regeln finden, die falsche Praktiken verhindern und fairen Wettbewerb ermöglichen. Dafür braucht es auch Bereitschaft zur Kooperation, das ist für mich die dritte Dimension der Verantwortung. Sie öffnet den Raum für Ausgleich, für Kompromisse.

Lange bevor sich die Debatte über das neue Europa und die neue Weltwirtschaft am Horizont abzeichnete, haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes unseren Wertekanon beschrieben und darin neben Demokratie und Rechtsstaat ausdrücklich den Sozialstaat verankert. Ich erinnere in diesem Sinn an Artikel 14 des Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Zum Verantwortungsbewusstsein von Verbrauchern und Firmen trägt bei: http://www.fairness-check.de/default.aspx

08.11.2012 10:32
Produktion, Verkauf, Verbrauch: geht das fair?
Wer Fleisch essen will, muss Tiere töten. Da kann man nicht drum herum reden. Und wer Tiere mästen will, der muss auf jeden Fall viele pflanzliche Kalorien in ein Tier investieren, um Fleisch zu bekommen. Das kann bio, das kann öko sein - aber geht das auch wirklich fair?

An Stelle einer heilen Welt-Kampagne geht es darum:
rücksichtsvoll in Bezug auf Menschen, Tiere, natürliche Ressourcen und unter weitgehender Vermeidung von Schäden zu produzieren. Da muss man natürlich fragen: Was, wozu und muss das überhaupt sein?
- rücksichtsvoll in Bezug auf Kunden, Gäste, Mitarbeiter und Öffentlichkeit zu verkaufen, so dass transparent, für den Menschen gedeihlich und für die Gesellschaft insgesamt bekömmlich mit Produkten gehandelt wird
- rücksichtsvoll in Bezug auf die Herstellung und die Herstellungsmitarbeiter, rücksichtsvoll in Bezug auf Transportwege und ihre Schadstoffbilanz, - rücksichtsvoll in Bezug auf sich selbst und seine Gesundheit zu konsumieren.
Dazu brauchen wir Verbraucher mehr Informationen, mehr Transparenz, damit wir in die Lage versetzt sind, beim Einkauf nach solchen Gesichtspunkten, nach Fairness-Aspekten zu entscheiden und zu kaufen. Dass Fairness zu einem starken Image- und Marketingfaktor geworden ist, ist sehr erfreulich. Aber das es hier und da zu einer reinen PR-Masche missbraucht wird, weniger.

Ein Pionier des fairen Handels und sozialverträglicher Lieferketten, Dr. Martin Kunz, und der Vorstand der bio-sozial-ökologischen agroorientierten Schweisfurth-Stiftung, Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, sowie die TV-Köchin, Unternehmerin und Trägerin des Deutschen Fairness Preises 2012 Sarah Wiener, diskutierten auf dem Internationalen Fairness-Forum über die Bedeutung, die Widrigkeiten und Widersprüche und die Perspektiven fairer Produktion, fairen Verkaufens und fairen Verbrauchs.

Zum Internationalen Fairness-Forum 2012 begrüßte Dr. Norbert Copray, geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung, über 300 Gäste, die am 27.10.2012 nach Frankfurt am Main gekommen waren. In seiner Begrüßung und Einführung führte Dr. Copray zu Inhalt und Ziel des diesjährigen Fairness-Forums unter anderem aus: "Produzieren - verkaufen - konsumieren: geht das wirklich fair? Diese Frage stellen wir uns in der Fairness-Stiftung schon seit längerer Zeit. Nicht zuletzt deshalb, weil wir häufig erfahren, wie zwar etliche Unternehmen behaupten, fair zu agieren, aber ihrem selbstgesteckten Ziel nicht folgen. Entsprechend dem heute an Sarah Wiener verliehenen Deutschen Fairness Preis sind wir der Auffassung, dass Fairness umfassend verstanden werden muss, dass davon nichts ausgeklammert sein kann. Dabei geht es nicht darum, einem Ideal der heilen Welt nachzujagen.

mehr dazu: http://www.fairness-stiftung.de/FF2012.htm

29.08.2012 12:38
„Unterm Strich zähl ich“ - Fairness platt gemacht
Allen Wünschen und Beschwörungen zum Trotz: Es geht rücksichtslos zu in dieser Republik. Das reicht vom Benehmen im Zug über das Verhalten im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz bis hin zur ungenierten Selbstbedienung der Top-Manager per Gehalt, Boni und Vergünstigungen. Das reicht von zahllosen Nachbarschaftskonflikten, die bis zum Gericht führen, über unfaire Attacken in Schule und Internet bis hin zu Schnäppchenjägern in Polit-Ämtern und Steuerhinterziehern unter den Vermögenden. Nach dem werbewirksamen Motto der Postbank: „Unterm Strich zähl ich“.

Der Spiegel-Journalist Jörg Schindler, 2009 mit dem Wächterpreis für investigativen Journalismus ausgezeichnet, fasst diese und andere Phänomene unter dem Begriff „Rüpel-Republik“ zusammen. Dazu erfasst er in Teil eins seines Buches viele typische Situationen des gegenwärtigen Deutschland, in denen die Rüpelei in unterschiedlichsten Varianten sichtbar wird. Doch gerät ihm das Buch nicht zur Klagemauer. Auch nicht zur Benimmfibel oder zu einem Knigge-Kurs. Denn ihm geht es um Grundsätzlicheres: „dass wir offenbar mehr gegen- als miteinander leben; dass wir der Maxime eines Baumarktes folgen – ‚Mach dein Ding!‘ – und uns nicht darum scheren, wem wir dabei auf die Füße treten“. Was Schindler zu der Frage führt: „Was hat uns so unsozial werden lassen? Und wie wollen wir künftig miteinander auskommen?“.

Dafür schaut er ins Triebwerk der Rüpel-Republik. Er entdeckt, wie und welcher Weise die Deutschen sozial auseinander driften, wie der „Individualismus zur Staatsreligion“ wurde, wie aus einer Aktiv- eine Zuschauergesellschaft wurde. Und wie der sogenannte Fortschritt von der physischen zur elektronischen Kommunikation Beziehungen verhindert, stört, zerstört. Faire, freundliche, direkte, rücksichtsvolle Kommunikation? Wie geht das denn? Mit den neuen, ‚sozialen‘ Medien sind wir uns nur scheinbar nah, „tatsächlich aber haben sie uns, ohne dass wir es merken, immer weiter voneinander entfernt. Wir verlernen, Menschen unter Menschen zu sein“.

Die Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Seit Jahrzehnten betreiben Wirtschafts- und Politikeliten die Individualisierung der Gesellschaft, die Gewinnmaximierung der Unternehmen, die Privatisierung der Gemeineigentümer, den Sozialentpflichtung der Vermögen, Absenkung der Löhne und die Steigerung der Leistungen. Und selbst die von negativen Folgen dieses Vorgehens Betroffenen stimmen auch noch mit ein. Auch sie halten mehrheitlich eine Gesellschaft, die jeden mitnimmt, nicht auf Dauer für überlebensfähig. Die Rüpelei, die Unfairness, die Rücksichtlosigkeit gehört offensichtlich zum Betriebssystem der deutschen Gesellschaft: Unterm Strich zähl nur ich.

Schindler ist perplex, denn neuere Forschungen zeigen, wie hilfsbereit, kooperativ und fair wir grundsätzlich sind. Aber in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die das Gegenteil belohnen und Rücksichtsvolle zu Dummen erklären, hat diese menschliche Konstitution geringe Chance.

Doch schließlich macht er sich auf zu denen, die zwar nicht als dumm, aber doch als naiv gelten. Zu denen, die neue Kooperation ausprobieren, die sich der Gesamtdynamik entgegen stemmen und in Nischen eine wirksame Alternative zur Rüpel-Republik ausprobieren und realisieren. Nicht von „Geiz ist geil“ über „Unterm Strich zähl ich“ noch tiefer in die Rüpel-Republik. Sondern zu einer Miteinander-Republik mit Respekt und Rücksichtnahme.

Jörg Schindler: Die Rüpel-Republik. Warum wir so unsozial sind? Scherz. 253 Seiten
http://www.youtube.com/watch?v=TGrNdbT2qls

25.06.2012 22:01
Menschenhandel: Himmelschreiende Ungerechtigkeit der Sklaverei
Bis zu 27 Millionen Menschen weltweit leben in Verhältnissen, die der Sklaverei ähneln. Das besagt ein Bericht des US-Außenministeriums zum weltweiten Menschenhandel. "Das Verbot der Sklaverei in den USA und anderen Staaten der Welt war leider nicht das Ende der Sklaverei", sagte US-Außenministerin Hillary Clinton in Washington bei der Vorstellung des Berichts letzte Woche. Die Opfer würden unter anderem zu schwerer körperlicher Arbeit, zum Betteln, zur Zwangsheirat oder zur Prostitution gezwungen.

Deutschland erfüllt dem Bericht zufolge die Minimalbedingungen des Gesetzes zum Schutz der Opfer von Menschenhandel. Allerdings sei die Bundesrepublik Transit- und Zielland für Menschen, die zur Arbeit oder in die Prostitution gezwungen würden. Die deutsche Regierung habe ihre Anstrengungen im Kampf gegen den Menschenhandel verstärkt, heißt es in dem Bericht. Gleichzeitig wird empfohlen, Menschenhändler härter zu bestrafen.

Die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen ist das Zentrum des internationalen Menschenhandels, der in 175 Ländern der Erde dokumentiert ist. Auch in Deutschland. Nach Devisen- und Ölhandel ist der Menschenhandel mittlerweile der dritterfolgreichste Wirtschaftszweig der Welt. Auch eine Art Globalisierung. Im Jahre 2009 wurden schätzungsweise eine Billion US-Dollar gewaschen, die im Menschenhandel verdient wurden.

Das Buch der kritischen Journalistin und Menschenrechtlerin Lydia Cacho ist erschütternd, aufklärend und tiefgründig zugleich. Jahrelang hat sie für dieses Buch recherchiert, hat sich unter Lebensgefahr in viele Länder gewagt, die vor allem im Frauenhandel eine führende Rolle spielen, hat mit Opfern, Tätern, Mitläufern und Fachleuten gesprochen, hat Untersuchungen geprüft und Hintergründe analysiert – bis hin zu den Frauen herabwürdigenden Kulturmustern in vielen Gesellschaften und bis zu den Männlichkeit überhöhenden Rollenmustern des Kriegers, des Soldaten und des Herrschers. Cacho macht ein Amalgam sichtbar aus Macht, Geldgier und Sex, das die Welt mit einem stabilen Netz von Sklaven-, Drogen- und Waffenhändlern überzieht und sich in Teilen mit Mafia-Gesellschaften überschneidet oder von Mafia-Gesellschaften mit Gewalt geschützt wird. Das organisierte Verbrechen handelt mit Menschen als Ware, die von Station zu Station mit Mehrwert gehandelt wird, bis sie ausgebeutet ist und entweder noch an Fabrikbesitzer für Textilherstellung verkauft oder in der illegalen Herstellung chemischer Drogen eingesetzt wird. Oder die Polizei bekommt von den Händlern einen Tipp, kann ein Bordell mit ausrangierten Prostituierten ausheben und sie Hilfsorganisationen zuführen, was dann als Erfolg der Opferorganisationen bekannt wird.
79 Prozent des Menschenhandels werden zum Zweck der Zwangsprostitution, der sexuellen Ausbeutung, betrieben. Kinder, vor allem Mädchen, von 3 Jahren an kommen als Ware in den Menschenhandel. 18 Prozent des Menschenhandels macht die Zwangsarbeit aus, 3 Prozent verteilen sich auf Haussklaverei, Zwangsheiraten von Kindern, Organhandel, Bettelkinder und Kindersoldaten. Die Zahlen sind abstrakt.

Cachos Buch zeigt das millionenfachen Leid, die global vernetzte Menschenentwürdigungsmaschinerie, die durch ihre Überschneidung mit Gutbürgerlichkeit, mit etablierten Menschen der bürgerlichen Gesellschaft und durch die massenhafte Nachfrage nach oft jungfräulichen Mädchen und hypersexualisierten Frauen und nach Pornographie existiert. Die Versklavung durch Betrug und die Hypersexualisierung durch vielfache Vergewaltigungen sind derart massiv, dass viele Frauen die Sklaverei verinnerlichen und ihre Funktion als Ware leben. Cacho macht das Elend, den Prozess der seelischen und physischen Traumatisierung, vor allem der Mädchen und Frauen fühlbar und sichtbar, berichtet von unvorstellbaren Schicksalen, die Zigtausende betreffen. Zentral ihre Reportagen aus der Türkei, aus Israel und Palästina, aus Japan, Kambodscha und Birma, das Cacho als „ein Konzentrationslager für Frauen“ bezeichnet, in Mexiko und Argentinien. 2005 hatte Cacho einen Pädophilen-Ring in Mexiko aufgedeckt, wurde verhaftet, gefoltert und jahrelang verfolgt. Sie ist aktive Journalistin und Menschenrechtlerin geblieben. Sie lebt bis heute in ständiger Gefahr. Damit alle wissen, was los ist. Und handeln können. Vor Cacho kann man sich nur verneigen.

Lydia Cacho
Sklaverei
Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel. Fischer-Taschenbuch 18855. 351 Seiten. 10,99 € http://www.fischerverlage.de/buch/sklaverei/9783596188550
http://de.wikipedia.org/wiki/Lydia_Cacho
http://www.pnn.de/kultur/406216/
http://www.youtube.com/watch?v=S3UZbt17F0w&feature=fvst
http://www.youtube.com/watch?v=IoaiXciLpSc

16.01.2012 14:38
Fairness für Patienten durch ein Patientenrechtegesetz?
Kommt ein faires Patientenrechtgesetz? Es ist höchste Zeit. Das Patientenrecht ist in Deutschland eine rechtlich zersplitterte und unfaire Angelegenheit. Die Beweislast bei eventuellen Fehlern und Versäumnissen liegt einseitig bei den Patienten. Diese sind daher häufig in einer Bittsteller-Position, die unangemessen ist, denn mit ihren Beiträgen und Zahlungen finanzieren sie das Gesundheitssystem, auch Kliniken und Ärzte. Oft sind die Pflichten und Rechte der Patienten wie der Ärzte und Kliniken unklar und Anlass für juristischen Streit mit hohem Fairness-Risiko.

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung legt dieser Tage seinen Entwurf eines Patientenrechtegesetz vor, das vom Kabinett verabschiedet werden soll und danach zur Gesetzgebung in den Bundestag kommt.

Ziele des Entwurfs sind, dass "Patienten Zugang zu Informationen über die Qualität und Preise der Leistungen erhalten. Denn nur wer sich über die Qualifikation eines Leistungserbringers oder verschiedene Untersuchungs- und Behandlungsmethoden informieren kann, kann auch selbstbestimmt und eigenverantwortlich handeln. Wichtige weitere Themenfelder sind die Stärkung der Rechte der Opfer von Behandlungsfehlern und der Ausbau der Rechte der Patientinnen und Patienten gegenüber Leistungsträgern, z. B. Krankenkassen und Rentenversicherungsträgern. In diesem Zusammenhang werden auch Regelungen, die das Verfahren betreffen, zu diskutieren sein: Patientinnen und Patienten benötigen zügige Entscheidungen über beantragte Leistungen. Selbstverständlich muss auch dem Interesse der Patientinnen und Patienten an einem ausreichenden Schutz ihrer Daten Rechnung getragen werden“ (der Patientenbeauftragte).

Es gibt ein Eckpunktepapier, aus dem bereits die wichtigsten Bestimmungen zu ersehen sind.

Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Karl Lauterbach, sprach in der "Süddeutschen Zeitung" vom Montag von einer "Mogelpackung". Vor allem bemängelte er, dass künftig nur bei groben Behandlungsfehlern die Beweislast beim Arzt liegen solle. Dies betreffe "nur ganz wenige Fälle", bei denen schon jetzt vor Gericht der Arzt beweisen müsse, dass er keine Fehler gemacht habe. Hinzu kommt, dass voraussichtlich nur gesetzlich Krankenversicherte etwas vom Patientenrechtegesetz haben werden.

„Die Patientensicherheitsbewegung ist die moderne Variante der Patientenrechtebewegung“, betont Prof. Dieter Hart, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Medizinrecht an der Universität Bremen. Ein Patientenrechtsgesetz sollte sich seiner Meinung nach auf grundlegende rechtliche Regelungen konzentrieren. Er plädiert für ein Kombinationsmodell aus Gesetz und begleitender „Patientencharta“. So sei es leichter, aktuelle Fragen unterhalb der gesetzlichen Grundsatzebene zu beantworten

Das Pro und Contra zur Gesetzesvorlage bestimmte auch die Sitzung des Gesundheitsausschusses des Bundestages: http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2011/32843484_kw04_pa_gesundheit/index.html. Am 18.1.2012 ist die nächste Sitzung des Gesundheitsausschusses dazu, danach soll die Vorlage ins Kabinett und dann in den Bundestag gehen.

Entscheidend wird sein: Setzt das Patientenrechtegesetz einen fairen Rahmen für Fairness im Gesundheitswesen, wenn es um Rechte, Pflichte und Umgang mit Fehlern zwischen Ärzten und Patienten, Kliniken und Krankenversicherern geht?

Außerdem hat die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) den Beratungsbetrieb wieder aufgenommen hat. Ab sofort steht Ihnen das aus dem Festnetz kostenfreie bundesweite Beratungstelefon unter 0800 - 0117722 zur Verfügung. Demnächst öffnen auch die Beratungsstellen vor Ort. Aktuelle Info unter http://www.unabhaengige-patientenberatung.de/.
http://www.patientenbeauftragter.de/upload/bilder/der_beauftragte/Eckpunkte_Patientenrechtegesetz_endg___2_.pdf

11.01.2012 13:42
Unfaire Attacken gegen Leuchtturm der Fairness
Ein israelisch-arabischer Kindergarten im kleinen arabischen Ort Hilf in der Nähe von Kiryat Tivon. Praktizierte, manifest gewordene Fairness, Völkerverständigung und Konfliktbewältigung: Ein Bustan (dt.: Quelle im Garten). Es ist der erste jüdisch-arabische Waldorfkindergarten in Israel. Seine Pfeiler sind die Waldorfpädagogik und die Anerkennung der arabischen sowie jüdischen Kultur. 15 Kinder kommen aus Kiryat Tivon (einer jüdischen Stadt) und den umgebenden arabischen Orten Hilf und Bosmat Tab’un.

Die Vision der Gründungsmitglieder: eine Gesellschaft, in der Juden und Araber friedvoll und gleichberechtigt im Verständnis füreinander leben. Um dieser Vision willen braucht es eine Erziehung, die Brücken baut, die Freundschaft und Vertrauen unterstützt, die anregt, Sprache und Kultur miteinander zu teilen.

Hinter dem verheißungsvollen Projekt stehen teilweise Eltern, die selbst in gemischten arabisch-jüdischen Partnerschaften leben. Wie etwa Anat Tulnai, eine jüdische Frau, die ursprünglich aus Haifa stammt. Sie ist verheiratet mit Ihsan Ka`abiya, einem beduinisch-moslemischen Araber. Und beide sind froh, dass ihr Kind in eine Einrichtung geht, in der am konkreten Frieden für eine respektvolle Nachbarschaft von Israel und Palästina gearbeitet wird. Anstelle des ständigen Schüren von Hass und Gewalt auf beiden Seiten.

Hasserfüllte Gruppen gibt es auf beiden Seiten, die den Kindergarten und die Unterstützer ins Visier genommen haben. „Deutsche unterstützen in Israel einen jüdisch-arabischen Waldorfkindergarten, als Gegenentwurf zu den hasserfüllten Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Dafür werden sie heftig angefeindet“ schreibt nun die Frankfurter Rundschau (FR). Eine Musiklehrerin und Lyrikerin aus dem rheinland-pfälzischen Remagen gibt privat Benefizkonzerte, deren Ertrag sie an den Kindergarten spendet. Versöhnen, statt spalten, darin sieht sie das Zukunftsmodell. Nicht jeder teilt diese Ansicht. Das wäre noch kein Grund zur Aufregung, wenn die Kritik in sachlichem Ton daherkäme. Das ist nicht der Fall. Im Gegenteil, sie ist unflätig, voll persönlicher Beleidigungen und der Chor der Hetzer im Internet schwillt an.

Die FR weiter: „Seit Wochen werden sie und ihre Unterstützer, zu denen auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz zählt, im Internet beschimpft und des Betrugs bezichtigt. Zweimal erhielt die Musiklehrerin anonyme Anrufe, in denen ihr geraten wurde, sich aufzuhängen, ehe die Jewish Defence League (JDL) bei ihr auftauche. Die JDL ist eine extremistische jüdische Vereinigung, die in den USA wegen Terrorverdachts vom FBI beobachtet wird“.

Deutsche tun sich hervor, die die Reputation der Musiklehrerin und ihrer Mitstreiter angreifen und zerstören wollen. Ein Arzt aus Frankfurt ist dabei, zwei Frauen aus München. „Der Anwalt der Musiklehrerin zeigt sich geschockt über die weiter anschwellende Flut von persönlichen Angriffen auf seine Mandantin. Ruprecht Polenz kennt das. Eine der Münchnerinnen hatte auf Facebook öffentlich überlegt, ihm eine „antisemitische Affäre“ anzudichten. Die schnelle und ungeprüfte Ausbreitung von Behauptungen und Angriffen im Netz, nennt Polenz ein „Spiel mit den Feuer“. Dagegen helfe nur Transparenz und Öffentlichkeit“.

Es gibt eine ganze Reihe jüdisch-arabische Projekte – teilweise schon mit längerer Laufzeit, die zudem von Deutschen bzw. Christen unterstützt werden. So gibt es beim Kinderheim Neve Hanna in Kiriat GatDa seit einigen Jahren einen jüdisch-arabischen Kinderhortes, der zur Hälfte von Kindern aus Beduinenfamilien in Rahat und zur Hälfte von jüdischen Kindern aus Kiriat Gat besucht wird. Es ist es wichtig, unfairen Akteuren von Ein Bustan und anderen „Oasen der Hoffnung“ deutlich entgegen zu treten. Um konkret gewordener Fairness zwischen den Völkern eine echte Chance zu geben.
http://www.fr-online.de/politik/nahost-konflikt-beschimpfungen-im-internet,1472596,11417832.html
http://www.ein-bustan.org/?lat=en-uk
http://imdialog.org/projekte/projekte08/projekte2008k.pdf

03.01.2012 16:08
Klopft an Türen und pocht auf Rechte!
Das ist das diesjährige Motto der Sternsingeraktion. Und so wird das Eintreten für Fairness und Gerechtigkeit ganz praktisch. 500.000 Mädchen und Jungen, die in den Gewändern der Heiligen Drei Könige um den 6.1.2012 von Haus zu Haus ziehen, um Geld zu sammeln und Fairness-Bewusstsein für die Situation der Kinder in der Welt zu fördern.

Sie machen dabei deutlich, dass die Rechte von Kindern überall auf der Welt geachtet und unterstützt werden müssen. Die Mädchen und Jungen setzen sich dafür ein, dass Erwachsene und Politiker ihre Rechte und die der Gleichaltrigen in aller Welt schützen. Denn Armut und Gewalt sind massive Verletzungen der Kinderrechte, Gesundheitsversorgung und Bildung müssen selbstverständlich sein. Doch gerade in Nicaragua, dem Beispielland der Aktion Dreikönigssingen, werden die Kinderrechte von vielen mit Füßen getreten. Missbrauch, Misshandlung und häusliche Gewalt gegen Kinder sind dort an der Tagesordnung. Die Sternsinger unterstützen in Nicaragua unter anderem Projekte, in denen Kinder sich für ihre Rechte einsetzen. Sie werden „stark“ und selbstbewusst gemacht, um sich vor Übergriffen schützen zu können.

„Millionen Kinder leiden an Hunger, können nicht lesen und schreiben, sind durch Krieg und Gewalt verstümmelt. Ihre Rechte werden jeden Tag millionenfach verletzt. Mit ihrem Einsatz und der Hilfe der vielen Spenderinnen und Spender verhelfen die Sternsinger Kindern weltweit zu ihrem Recht und zu ein bisschen mehr Gerechtigkeit auf der Welt“, so Pfarrer Simon Rapp, Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Dr. Klaus Krämer, Präsident des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ macht deutlich, worauf die Sternsinger bei ihrer Aktion insbesondere aufmerksam machen wollen: „Kein Kind ist wie das andere, aber alle haben dasselbe Recht auf körperliche Unversehrtheit. Kinderrechte sind Menschenrechte. Sie zu verletzen, ist kein Kavaliersdelikt.“

Bei der zurückliegenden 53. Aktion Dreikönigssingen sammelten die Sternsinger zum Jahresbeginn 2011 rund 41,8 Millionen Euro. Gruppen in 11.622 Pfarrgemeinden, Schulen und Kindergärten hatten sich beteiligt. Mehr als 2.100 Projekte in Afrika, Lateinamerika, Asien, Ozeanien und Osteuropa können die Sternsinger jährlich unterstützen. Und diese Projekte tragen nachhaltig zum Abbau ungerechter Strukturen in den Ländern der Einen Welt bei. Bildungsprojekte haben dabei einen besonderen Stellenwert. Primarschulen, Alphabetisierungsprogramme oder die Anschaffung von Schulmaterial sind wichtige Fördermaßnahmen. Eine abgeschlossene Schulbildung und eine qualifizierte Berufsausbildung sind für die Mädchen und Jungen oft die einzige Chance, den Teufelskreis von Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität zu durchbrechen. Bildung wird damit zum Schlüssel der Entwicklung in den Ländern der so genannten Dritten Welt.

Am 20. November 1989 haben die Vereinten Nationen die Kinderrechte beschrieben, in insgesamt 54 Artikeln. Sie gelten für zwei Milliarden Jungen und Mädchen auf der ganzen Welt. Sie umfassen alle Personen unter 18 Jahren als Kinder definiert und es wird bekräftigt, dass allen Kindern alle Menschenrechte zustehen. Insgesamt beinhaltet die Konvention 54 Kinderrechtsartikel sowie zwei Zusatzprotokolle zur Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten und gegen den Verkauf und die sexuelle Ausbeutung von Kindern. In vielen Punkten ähneln diese Artikel den Grundrechtskatalogen westlicher Prägung. So werden darin etwa Meinungs-, Religions- und Informationsfreiheit thematisiert.

Den Kinderrechten liegen vier zentrale Grundprinzipien zugrunde, die der „UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes“ in Genf als „Allgemeine Prinzipien“ (general principles) definiert hat. Diese allgemeinen Prinzipien finden sich in den Artikeln 2, 3, 6 und 12. Nichtdiskriminierung (Artikel 2): Alle Rechte gelten ausnahmslos für alle Kinder. Der Staat ist verpflichtet Kinder und Jugendliche vor jeder Form der Diskriminierung zu schützen. Die Aufhebung von Antidiskriminierung steht besonders im Vordergrund, da bereits in der Präambel explizit die Gleichbehandlung aller Menschen von Geburt an hervorgehoben wird.
Vorrang des Kindeswohls (Artikel 3): Das Generalprinzip der Orientierung am Kindeswohl verlangt, dass bei allen Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstigen Maßnahmen öffentlicher oder privater Einrichtungen das Wohlergehen des Kindes vordringlich zu berücksichtigen ist. Entwicklung (Artikel 6): Das Grundprinzip sichert das Recht jedes Kindes auf Leben, Überleben und Entwicklung.
Berücksichtigung der Meinung des Kindes (Artikel 12): Kinder haben das Recht, in allen Angelegenheiten, die sie betreffen, unmittelbar oder durch einen Vertreter gehört zu werden. Die Meinung des Kindes muss angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife berücksichtigt werden.

Darüber hinaus finden sich in dem „Gebäude der Kinderrechte“ zahlreiche weitere Rechte von Kindern, die sich in Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechte unterscheiden lassen.
Schutzrechte (Protection): Rechte auf Schutz der Identität, der Privatsphäre, Schutz vor Trennung von den Eltern gegen den Willen des Kindes (insofern dies nicht dem Schutz des kindlichen Wohlbefindens entgegensteht), Schutz vor Schädigung durch Medien, vor Gewaltanwendung, Misshandlung oder Vernachlässigung, vor wirtschaftlicher Ausbeutung, vor Suchtstoffen, vor sexuellem Missbrauch, vor Entführung, Schutz von Kinderflüchtigen und Minderheiten, Schutz bei bewaffneten Konflikten, Schutz in Strafverfahren und Verbot von Todesstrafe und lebenslanger Freiheitsstrafe.
Förderrechte (Provision): Recht auf Leben und Entwicklung, auf Familienzusammenführung, auf Versammlungsfreiheit, Recht auf beide Eltern, auf Förderung bei Behinderung, auf Gesundheitsvorsorge, auf angemessenen Lebensstandard, auf Bildung, auf kulturelle Entfaltung, auf Ruhe, Freizeit, Spiel und Entfaltung, auf Integration geschädigter Kinder, Zugang zu Medien
Beteiligungsrechte (Participation): Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Informationsbeschaffung und –weitergabe sowie Recht auf Nutzung kindgerechter Medien.

Kinder gehören zu den schwächsten Mitgliedern der Menschheitsfamilie. Auf sie Rücksicht zu nehmen, ist die Nagelprobe, wie fair es in einer Gesellschaft zugeht. Oder wie unfair.

Fakten zum Verstoß gegen Kinderrechte http://www.sternsinger.org/themen/kinderrechte/fakten-zu-den-kinderrechten.html

Video zur den Kinderrechten: http://www.sternsinger.org/sternsingen/aktion-2012/dks2012-materialien/dks2012-film.html

20.12.2011 22:28
Wir trauern um Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter
Einer der bedeutendsten politisch engagierten Psychoanalytiker, Friedenskämpfer und Ethiker ist tot. Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter war der Fairness-Stiftung freundschaftlich verbunden. Er identifizierte sich mit den Inhalten und Aktivitäten der Fairness-Stiftung. Zum 10jährigen Jubiläum 2010 war er trotz seines hohen Alters eigens nach Frankfurt gereist, um an der Verleihungsfeier Deutscher Fairness Preis und Fairness-Initiativpreis 2010 sowie am Internationalen Fairness-Forum teilzunehmen.
Prof. Richter war selbst Träger des Deutschen Fairness-Preises, den er 2001 erhielt. Die Laudatio hielt die weithin bekannte Dorothee Sölle, Friedenskämpferin wie er, Poetin und evangelische Theologin. Sie hatte gern die Laudatio für Horst-Eberhard Richter übernommen, der an diesem Tag den Deutschen Fairness Preis der Fairness-Stiftung bekam. Und sprachmächtig, sensibel, forsch und tiefsinnig wie immer fragte sie: „Brauchen wir nicht eine andere Sprache als die der Wissenschaft? Brauchen wir nicht andere Wünsche als die uns diktierten? Leben in seiner Fülle für alle - brauchen wir nicht, um das wünschen zu können, eine andere Kraft als die der rationalen Vernunft? Brauchen wir nicht das Glauben und das Hoffen, um irgendwann das Lieben zu lernen?“ Sie starb 2003.

Beide Friedenskämpfer sind bedeutende Gestalten der Zeitgeschichte, Vorbilder humanistischen Engagements und durch die Fairness-Stiftung verbunden.

Wir ehren Prof. Horst-Eberhard Richter durch ein bleibendes Gedenken, indem wir in seinem Sinne aktiv für Fairness eintreten, Unfairness entgegen treten sowie Bewusstsein und Kompetenz für Fairness erschließen. Horst-Eberhard Richter hat nicht nur durch seine zahlreichen Bücher, durch seinen Einsatz für die Psychiatriereform, durch den sozio-psychoanalytischen Blick auf die Familie, Gesellschaft und Wirtschaft neue soziale Bewegungen unterstützt und geistig unterfüttert, sondern auch durch ganz persönlichen Einsatz bei Demonstrationen und aktive Hilfe für benachteiligte Menschen ein Vorbild angegeben für alle, die humanistische Demokraten sein wollen und sein sollten. So war er „unbequem und engagiert“, durchdrungen von einer Leidenschaft dafür, dem Gewissen eine Chance zu geben und damit dem „Lernziel Solidarität“ voran zu helfen. Sein bedeutendstes kulturphilosophisches Werk dürfte „Der Gotteskomplex“ (1979) sein, dass unserer Gesellschaft die Analyse vor Augen hält und Perspektiven für die nächsten einhundert Jahre bietet, um der Menschheit den Weg aus der humanen Krise zu weisen, die hinter allen Krisen steckt.

Für seine Lösungsperspektiven griff der mehrfach international ausgezeichnete Wissenschaftler und Vordenker der Globalisierungskritiker auf zwei Quellen zurück: auf eine ganzheitliche sozial-psychoanalytische Tradition und auf eine christlich-ethische Tradition. Dabei setzt er sich besonders für ein sozial engagiertes gegen ein durch Macht korrumpiertes Christentum ein. Die Spiritualität von Franziskus und Clara ist für Richter eine wichtige Quelle zur Inspiration für ein neues menschliches Selbstverständnis, um Allmachtswahn durch Mitgefühl und Mitverantwortung zu überwinden. Vielfältige Gruppierungen und Projekte zeigen, dass damit begonnen worden ist, viele Menschen eine Disposition dafür haben und mehr praktischen Mut brauchen. Richters spornte an und rief dazu auf, sich öffentlicher einzumischen, sich deutlicher querzulegen und sich stärker noch miteinander zu verbünden, um den noch bevorstehenden Reifetest der Menschlichkeit zu bestehen.

Horst-Eberhard Richter starb am Montag, den 19.12.2011, mit 88 Jahren.

Wir sind dankbar, dass er unter uns und mit uns verbunden war. Er war ein Großer. Er ist es.

Norbert Copray
http://www.fairness-stiftung.de/Preisverleihung2001.htm
http://www.fairness-stiftung.de/pdf/BegruendungFuerPreisverleihung2001.pdf
http://www.fairness-stiftung.de/pdf/DankesredeHorstEberhardRichter2001.pdf

02.11.2011 08:06
Deutscher Fairness Preis 2011 und Fairness-Initiativpreis feierlich übergeben
300 Gäste nahmen an der Verleihung des Deutschen Fairness Preises 2011 und an der Verleihung des Fairness-Initiativpreis 2011 in Frankfurt am Main teil. Der Deutsche Fairness Preis ging am Samstag an den Vorstandssprecher der GLS-Bank, Thomas Jorberg. Der Initiativpreis wurde Lobbycontrol, vertreten durch deren Vorstand Dr. Dieter Plehwe, überreicht.

Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck würdigte im Namen des Kuratoriums der Fairness-Stiftung die Verdienste Thomas Jorbergs für eine faire Unternehmens- und Personalführung bei der GLS-Bank. Vor allem der ganzheitliche Ansatz der Fairnesspraxis überzeugte: Fair gegenüber Mitarbeiter, Kunden, Mitgliedern, dem Gemeinwesen und den natürlichen Ressourcen. Hier ist Fairness nicht eindimensional, sondern mehrdimensional praktiziert. Das stete Bemühen Thomas Jorbergs um die ganzheitliche Fairness findet durch die Verleihung des Deutschen Fairness Preises seine öffentliche Anerkennung mit der Verpflichtung, darin nicht nachzulassen und damit ein Beispiel zu geben in einer Branche, die nur selten umfassende Fairness und Erfolg zusammen bringt. Insofern ist Jorberg ein atypischer Banker, der sich auf das Bankgeschäft wie auf die für die Finanzbranche atypische Fairnesspraxis versteht. Das ist heute ein wichtiges Zeichen.

Irene Thiele-Mühlhan, stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Fairness-Stiftung, überreichte den Fairness-Initiativpreis 2011 an LobbyControl und sprach im Namen des Kuratoriums die Anerkennung für Anliegen, Praxis und Perspektiven des Vereins für Transparenz und Demokratie aus. Durch die Aktivitäten von LobbyControl werde transparenter, welche Interessenvertreter mit welchen Intentionen was und wo in der Politik unternehmen, wie Einfluss genommen und die kritische Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Ein Lobbyregister in Berlin und Brüssel, kein Wechsel von aktiven Politikern in von ihnen begünstigte Unternehmen, keine Mitarbeit von Unternehmensvertretern in Ministerien etwa an Gesetzes- und Ministerialvorlagen – das sind Projekte von LobbyControl, denen das Kuratorium Erfolg wünscht. Denn durch mehr Transparenz der Lobbyisten und der Politik werden die Politik gegenüber den Bürgern fairer, weil die Demokratie weniger Schaden nimmt und mehr demokratische Kontrolle und Mitsprache für die Zivilgesellschaft gesichert wird.

Mit musikalischer Unterstützung durch das Saxophonquartett Blu4u wurde die Preisverleihung 2011 wieder einmal ein rundes Ereignis.

www.gls-bank.de
www.lobbycontrol.de

11.10.2011 10:59
Wie mit Fehler und Versagen fair umgehen?
Der faire und unfaire Umgang mit Fehler, Irrtum und Versagen ist das Thema des diesjährigen Internationalen Fairness-Forums der Fairness-Stiftung am 29.10. in Frankfurt. Dazu sprechen der Psychologieprofessor Dr. Dietrich Dörner, der Medizinprofessor und Präsident der Schweizer Stiftung für Patientensicherheit Dr. Dieter Conen und der Vorstandssprecher der GLS-Bank Thomas Jorberg.

Zuvor erhält Thomas Jorberg den Deutschen Fairness Preis 2011 für seine Verdienste um eine faire Unternehmens- und Personalführung aus der Hand der Kuratoriumsvorsitzenden der Fairness-Stiftung, Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck. Die Laudatio hält die Chefredakteurin von Brand Eins Gabriele Fischer.
Überdies wird LobbyControl der Fairness-Initiativpreis 2011 überreicht, der durch ein Publikumsvoting entschieden wurde. Dabei lag LobbyControl mit 58 % deutlich vor den beiden anderen Mitbewerbung um den Preis 2011.

Über 300 geladene Gäste werden den Veranstaltungen einen festlichen Rahmen geben. Die Veranstaltungen sind ausgebucht.
http://www.fairness-stiftung.de/FS_PM1109.htm http://www.fairness-stiftung.de/FS_PM1103.htm


28.09.2011 15:21
Die Zeche für krass unfaire "Märkte"
Viel mehr unsichere, niedrig bezahlte und schwindende Arbeitsplätze sind die Folge der seit 2007 anhaltenden Finanzkrise. Das haben Analysen der OECD vom 26.09.2011 ergeben. Insofern zahlen nicht nur die Steuerzahler die Zeche für den unregulierten Finanzmarkt und seine riskanten Geschäfte, sondern auch die Beschäftigten und die Arbeitssuchenden. Sie werden auf diese Weise vierfach zur Kasse gebeten, denn sie stemmen auch die Kosten erhöhter Arbeitslosigkeit und geringer Einzahlungen in die Sozialsysteme. Sie stehen auch mit ihrem Steuergeld ein für Euro-Rettungsschirme, die eigentlich Bankenrettungsschirme sind.

„Hatte sich die Situation im Jahr 2010 in vielen Regionen etwas entspannt, so macht das jüngst wieder gedrosselte Wirtschaftswachstum die kurzzeitigen Gewinne zunichte. Der aktuelle Beschäftigungsausblick der OECD verzeichnet in den 34 Ländern der Organisation ein Minus von 13 Millionen Jobs gegenüber der Vorkrisenzeit. OECD-weit waren damit im Juni dieses Jahres mehr als 44 Millionen Menschen arbeitslos, viele von ihnen bereits seit mehr als zwölf Monaten“, heißt es im aktuellen Bericht der internationalen Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit. Weiter heißt es: „Die Langzeitarbeitslosigkeit hat sich seit 2007 in einigen Ländern verdoppelt, in den USA sogar verdreifacht. Deutschland ist zwar auch hier eines der wenigen Länder mit einem positiven Trend, dafür liegt der Anteil der Menschen, die ein Jahr oder länger keine Arbeit gefunden haben, mit 47 aller Arbeitslosen sehr hoch. Eine besonders erfreuliche Ausnahme bildet Deutschland bei der Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit. Diese sank zwischen 2007 und 2010 um zwei Prozentpunkte auf 9,7 Prozent. Ganz anders im OECD-Mittel: Hier gehören junge Leute zwischen 15 und 24 Jahren zur Gruppe derer, die am stärksten unter dem Einbruch auf dem Jobmarkt leiden. Ihre Beschäftigungszahl ging zwischen Ende 2007 und 2010 um zehn Prozent zurück. Ähnlich schwerwiegend waren die Auswirkungen für Geringqualifizierte, sie verloren im gleichen Zeitraum mehr als neun Prozent. Bei den Geschlechtern sah es für Männer OECD-weit schlechter aus als für Frauen: Ihre Beschäftigung sank um 2,7 Prozent, während die Frauen mit einem Rückgang von 0,6 Prozent relativ glimpflich davon kamen“.

Doch „selbst wenn junge Leute eine Arbeit finden, ist das nicht immer ein Grund zu ungeteilter Freude: Mehr und mehr Menschen erhalten nur noch befristete Verträge, die, anders als früher üblich, in eine Sackgasse führen statt als Sprungbrett für eine dauerhafte Beschäftigung zu dienen. Betroffen sind neben Berufseinsteigern auch Frauen. Zu dieser Unsicherheit kommen in vielen Ländern stagnierende (Deutschland, Frankreich, USA) oder sinkende Reallöhne (Spanien, GB). Gepaart mit einer wachsenden Ungleichheit der Einkommen für Individuen und Haushalte, können diese Effekte den sozialen Zusammenhalt gefährden und den ohnehin schwachen Wirtschaftsaufschwung abbremsen. Die OECD fordert deshalb die G20-Minister auf, nicht nur darüber nachzudenken, wie mehr Jobs geschaffen werden können, sondern auch Maßnahmen zu ergreifen, die zu fairen und hochwertigen Beschäftigungsverhältnissen führen“.

Unübersehbar ist: Der viel zitierte Markt bzw. die vielgenannten „Märkte“ sind nicht in der Lage, aus sich selbst heraus für faire Bedingungen des Wirtschaftens und der Verteilung zu sorgen. Daran haben die starken Akteure des Marktes auch gar kein Interesse, denn sie profitieren von unfairen Konditionen zum eigenen Vorteil. Umso wichtiger ist es, die „Märkte“ in die Schranken zu weisen. Wer mit unglaublicher Finanzmacht Einfluss auf die gesamte Menschheit zum Vorteil weniger nimmt, muss nicht nur kontrolliert, sondern auch gemäßigt und zwangsläufig auf faire Standards verpflichtet werden. Damit nicht die Demokratie marktkonform, sondern der „Markt“ demokratiekonform wird.
http://www.oecd.org/document/50/0,3746,de_34968570_35008930_48750322_1_1_1_1,00.html

21.07.2011 17:48
Krasse Unfairness gegenüber S21-Gegnern
Die Schlichtung im Streitfall S21 ist gescheitert. Zu Recht kritisieren die S21-Gegner den intransparenten Stresstest der Bahn für den geplanten Stuttgarter Bahnhof. Er fußt auch auf inkorrekten Zahlen, was die Kosten angeht. Denn die veröffentlichen Zahlen der Bahn stimmen nicht mit den internen Zahlen überein, die von wesentlich höheren Kosten ausgehen. Und von denen die Politik bereits wusste. Selbst der Bundesrechnungshof hatte schon 2008 allein für den Bahnhof S21 Kosten in Höhe von 5,3 Milliarden festgestellt. Und die Erkenntnisse der Politik zugeleitet. Heute dürften sie deutlich darüber liegen. Doch 4,5 Milliarden ist offiziell das Limit, bis zu dem der Bau seitens Bahn und Politik realisiert werden soll und kann. Solche Differenzen sind kein Pappenstiel, sondern schmutziges Geschäft.

Einschub am 29.7.: >>Heiner Geißler versuchte in seiner Schlichter-Rolle zu retten was zu retten ist. Vor allem seine Reputation. Denn seine Vorschläge nach der Präsentation des Stresstests am 29. Juli 2011, den Stresstest hinsichtlich der Kapazität zu wiederholen - was nun geschehen wird - und den Bahnhof ober- und unterirdisch zu betreiben, sind hilflose Versuche.
Weil die Voraussetzungen des Stresstests nicht stimmten, indem ehrliche Zahlen auf dem Tisch lagen und die S21-Gegner an der Durchführung mit äußerster Transparenz beteiligt wurden, ist die Schlichtung gar keine Schlichtung.<<

Schlichtungen und Mediationen als Strategie zur Beschwichtigung kritischer Gruppen werden weltweit von Unternehmen und Regierungen genutzt. Auch um die Opposition gegen Vorhaben zu spalten und damit zu entschärfen. Das sind dann jeweils Schlichtungen und Mediationen, die die Bezeichnung nicht verdienen, denn Fairness gehört zum unantastbaren Kern solcher Prozesse. So kommen diese Verfahren in Verruf und verlieren ihr wertvolles Potenzial für Fairness-Prozesse in Konfliktfällen. CDU- und Attak-Mitglied Heiner Geißler wird sich fragen müssen, ob sich künftig mit seinem Namen als Schlichter eine so mindere Qualität der Schlichtung verbinden soll.

Schon vor mehr als zehn Jahren hat krasse Unfairness gegenüber kritischen Gruppen funktioniert. Eine ganze Region war in Aufruhr, als der Flughafenbetreiber Fraport den Frankfurter Flughafen um eine Start- und Landebahn erweitern wollte. Es war da noch gar nicht mal 25 Jahre her, dass mit aller polizeilichen Gewalt, mit juristischer und politischer Raffinesse die neue Startbahn West gegen den Widerstand weiter Teile der Bevölkerung durchgesetzt worden war.

Um sich diese Konfliktlage zu sparen, haben Politik, Fraport und Gegner einer Mediation zugestimmt. Sie endete mit der Zustimmung der Gegner zum Ausbau, weil das Mediationsergebnis, dem Politik, Wirtschaft und Kritiker zustimmten, ein absolutes Nachtflugverbot enthielt. Kaum war die schwarz-gelbe Regierung im Sattel, wurde das Nachtflugverbot gekippt und die Gegner sahen sich um den Erfolg ihres Widerstands und ihrer aktiven Mitarbeit in der Mediation betrogen.

Dabei ging die Landesregierung von Anfang an davon aus, dass das Nachtflugverbot juristisch oder wirtschaftlich gekippt werden würde. So ist es auch gekommen. Niemals haben Fraport und hessische Regierung, die miteinander durch Aufsichtsratsposten von Regierungspolitikern bei der Fraport verbunden sind, angenommen, dass das Mediationsergebnis vollständig umgesetzt wird. Aber sie haben die Gegner so lange im Glauben gelassen, bis Fakten geschaffen und der Bau begonnen war.

So werden die Instrumente Schlichtung und Mediation mit Füßen getreten. Mit vermeintlich guten Verfahren werden Kritiker und Gegner ausgehebelt, vor der Öffentlichkeit ins Unrecht gesetzt und ihrer Würde beraubt. Fairness gehört zum unabdingbaren Kern von Mediation und Schlichtung. Betrug ist sicherlich das Gegenteil davon. Unfairness im formellen Gewand der Fairness. Das muss jetzt Thema werden.

http://www.fr-online.de/wirtschaft/spezials/stuttgart-21/stuttgart-21-kostet-ueber-fuenf-milliarden-euro/-/4767758/8671942/-/index.html
http://www.sueddeutsche.de/politik/vor-der-praesentation-der-stresstest-ergebnisse-stuttgart-das-duemmste-grossprojekt-1.1125722
http://www.manager-magazin.de/politik/deutschland/0,2828,729662,00.html
http://www.fr-online.de/politik/-mit-deutlich-hoeheren-kosten-ist-zu-rechnen-/-/1472596/8677124/-/view/asFirstTeaser/-/index.html
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,716350,00.html
http://www.fr-online.de/rhein-main/spezials/der-preis-fuer-den-ausbau/-/1472874/2777322/-/index.html
http://www.fr-online.de/rhein-main/spezials/die-koch-sche-taeuschung/-/1472874/2775342/-/index.html
http://www.fr-online.de/rhein-main/spezials/laerm-gegner-schmeissen-hin/-/1472874/2749920/-/index.html
http://www.fr-online.de/rhein-main/spezials/fdp---unser-wort-gilt-/-/1472874/2813532/-/index.html
http://www.fr-online.de/rhein-main/spezials/-das-war-keine-echte-mediation-/-/1472874/2754394/-/index.html


09.06.2011 17:49
Unfairer Umgang mit Erwerbslosen
Ist es Unfairness oder Inkompetenz? Beides. Wo inkompetent gehandelt wird, wo es auf Kompetenz ankommt, wird Unfairness praktiziert, wenn Menschen davon unmittelbar betroffen sind. Das zeigt sich sehr deutlich im Umgang mit Erwerbslosen.

Wie Studien an den Universitäten Dresden und Leipzig herausfanden, sind die Anforderungen an Erwerbslose häufig unrealistisch und gesundheitsgefährdend. Im Bericht heißt es: "Von Arbeitslosen werden Veränderungen verlangt, die viele Menschen in stabilen Verhältnissen kaum zu leisten in der Lage sind: finanzielle Einbußen, Veränderungen der Lebensführung, Veränderung zentraler Rollen, Umzüge, Trennung von der Familie bei wohnortfernen Arbeitsangeboten und unsicherer Perspektive“

Professorin Dr. Gisela Mohr und Kollegen fordern daher: "Viele Bewerbungen, hohe Arbeitsorientierung, starke Konzessionsbereitschaft und viel Optimismus sind falsche Forderungen an Arbeitslose." Hintergrund: Verschiedentlich erhalten ALG-II-Bezieher im Jobcenter die Aufforderung, eine möglichst hohe Zahl an Bewerbungsschreiben nachzuweisen, auch wenn die Erfolgschancen minimal sind. Das laufend negative Ergebnis entmutigt die Arbeitssuchenden, beschädigt ihr Gefühl der Selbstwirksamkeit und kann damit die emotionalen bzw. gesundheitlichen Voraussetzungen von Erwerbsfähigkeit ruinieren.

Die Wissenschaftler referieren "Untersuchungen, die zeigen, dass eine mittlere Arbeitsorientierung mit einer besseren psychischen Gesundheit einhergeht als eine hohe. Zu erklären ist dies damit, dass erfolglose Bewerbungen dann besser bewältigt werden können. Auch hier muss es also als Kunstfehler betrachtet werden, wenn sogenannte Motivationstrainings eine hohe Arbeitsorientierung in den Vordergrund stellen, statt die protektive Funktion eines mittleren Niveaus zu sehen. Offenbar stellt die Reduzierung der Arbeitsorientierung eine Anpassung an die gegenwärtige Lebenssituation dar und muss bei Langzeitarbeitslosen als Teil einer positiven Bewältigungsstrategie bewertet werden."

Ist der Arbeitslose bei einer Arbeitsplatzwahl zu hohen Konzessionen bereit, sehen die Wissenschaftler "potentiell die Gefahr einer beschleunigten Abwärtsspirale, da ein erheblicher Teil dieser Wiedervermittelten innerhalb eines Jahres wieder arbeitslos ist... Eine hohe Konzessionsbereitschaft und Arbeitsorientierung von ALG-II-Beziehern muß geradezu als Risikofaktor für eine gelingende Bewältigung von Arbeitslosigkeit betrachtet werden".

Angesichts des Studienergebnisses kommt an zudem auf den Gedanken, dass die praktizierte Inkompetenz gegenüber den Erwerbslosen und die Ignoranz gegenüber ihrer konkreten Situation Methode hat und mindestens latente Unfairness zum Ausdruck bringt. Offenbar sollen die Aktionen der Jobcenter Erwerbslose abschrecken, noch weiter Erwartungen zu haben oder gar ihre Rechte einzufordern. Wenn die Arbeitsagentur und Jobcenter von Kunden sprechen, muss man sich nur wundern. Hier ist der Kunde nicht König, sondern Bettelmensch. Damit er nicht wiederkommt und die rechtlich ihm zustehende Leistung gespart werden kann.

Der vollständige Bericht findet sich in:
Susann Mühlpfordt, Gisela Mohr, Peter Richter (Hrsg.): Erwerbslosigkeit: Handlungsansätze zur Gesundheitsförderung. Pabst, Lengerich/Berlin 2011, 180 Seiten.

02.05.2011 15:51
Miserable Noten für die Fairness der Regierung und der Arbeitgeber
Bevölkerung hält mehr Anstrengungen für dringend nötig.

Im Fairness-Barometer 2011 schneidet die Regierung sehr schlecht ab. Arbeitgeber und Unternehmen bekommen nur sehr unzureichende Noten für die Fairness gegenüber Arbeitnehmern und Verbrauchern. Und das quer durch alle Bevölkerungsschichten und unabhängig vom Wohnort. Das ist ein zentrales Ergebnis des Fairness-Barometers (www.fairness-barometer.de), das die Fairness-Stiftung auf der Basis einer repräsentativen Umfrage zum dritten Mal erstellt hat.

73% der Bürger halten die Regierung in Bezug auf ihre Entscheidungen und ihr Verhalten gegenüber der Bevölkerung für unfair. Nur noch 41% halten das Verhalten von Unternehmen gegenüber Kunden und Verbrauchern für fair. 56% der Befragten geben an, gegen Unfairness und für Fairness am Arbeitsplatz aktiv geworden zu sein.

Dabei haben die Bürger konkrete Vorstellungen von der Fairness-Qualität. 69% der Befragten geben an, dass sie häufig ihre Kaufentscheidung für ein Produkt oder eine Dienstleistung von der vermuteten oder nachweislichen Fairness-Qualität des Unternehmens abhängig machen. Die Mehrheit von ihnen (78%) beurteilt die Qualität von Fairness eines Unternehmens anhand des Rufs, welches es bei seinen Mitarbeitern und Kunden genießt. Zudem orientieren sich 39% an objektiven und unabhängigen Belegen, wie beispielsweise Siegeln, Zertifikaten und Kundenfeedbacks.

Gefragt wurde weiterhin nach einer Einschätzung, wie fair in unserer Gesellschaft mit Minderheiten umgegangen wird. Nur 40% finden den Umgang fair. Die Mehrheit der Befragten, 54%, schätzen diese als unfair ein. Diese Frage wurde auch im Fairness-Barometer 2008 erhoben. Damals werteten 79% der Befragten die Situation der betroffenen Gesellschaftsgruppen als fair. Damit hat sich in den Augen der Bürger die Fairness gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen in drei Jahren deutlich verringert.

Entsprechend dem Urteil zur Fairness der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft steigt der Erwartungsdruck der Bürger, die Fairness-Qualität vor allem in Unternehmen und in politischen Prozessen deutlich zu steigern.

www.fairness-barometer.de http://www.fairness-barometer.de/

03.01.2011 15:30
Fair zu sich selbst in 2011
Weniger Stress! Knapp 60 Prozent der Bürger wünschen sich das in 2011. Bei Familien mit Kindern wünschen sich das sogar knapp 70 Prozent. Darin drückt sich aus, wie dauerhaft anstrengend es ist, die Anforderungen im privaten wie im beruflichen Bereich unter einen Hut zu bringen und dabei nicht auszubrennen. Stressreduktion ist Fairness gegenüber sich selbst – und Fairness anderen gegenüber, denn man wird dadurch umgänglicher und ist weniger geneigt, anderen gegenüber unfair zu sein. Und zugleich gilt: sei fair zu dir, wie du zu anderen fair bist.

Von anhaltendem Stress über auszehrenden Stress zum Burn Out ist es ein schleichender Prozess, der meist zu spät bemerkt wird. Daher ist es gut, wenn man sein Augenmerk darauf richtet, wie viel Anstrengung es kostet, sein Leben zu meistern. Und zugleich etwas unternimmt, die eigene Stresskompetenz zu erhöhen, um den Stress meistern zu können, wozu auch gehört, ihn mindern zu können. Dabei spielt die Lebens- und Ernährungsweise ebenso ein Rolle wie die Freizeitgestaltung und die sozialen Kontakte. Man kann des Guten aus zu viel tun: zu viele Kontakte, zu viele Events, zu viele Aufgaben, zu viele Vorhaben.

So können die Vorsätze, die sich die Menschen für 2011 vorgenommen haben, unter Umständen selbst Stress auslösen, wenn sie nicht aktiv zur Stressreduktion beitragen. Die Top Ten der guten Vorsätze der Bürger sind:
• Stress vermeiden oder abbauen (59%)
• Mehr Zeit für Familie / Freunde (56%)
• Mehr bewegen/Sport (52%)
• Mehr Zeit für mich selbst (49%)
• Gesünder ernähren (44%)
• Abnehmen (34%)
• Sparsamer sein (32%)
• Weniger fernsehen (18%)
• Weniger Alkohol trinken (14%)
• Rauchen aufgeben (12%)

Die Erkenntnisse entstammen einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage durch das Forsa-Institut. Zusätzlich führte das Forsa-Institut für die DAK eine bundesweite und repräsentative Befragung von 1.000 Eltern von Kindern unter 18 Jahren durch.

Die Fairness-Stiftung wünscht allen Besuchern unserer Website ein 2011 mit weniger Stress, mehr Fairness und Zeit für das, was anderen und sich selbst gut tut.
http://www.fairness-stiftung.de/Buchtipps.htm#Burn http://www.fairness-stiftung.de/Stress.htm

23.12.2010 10:28
Wir wünschen frohe Festtage und
einen guten Start ins Neue Jahr 2011 mit vielen Anlässen, mit Fairness in Führung zu gehen!

13.12.2010 08:33
Wikileaks und die Transparenz demokratischer Regierung
Wie viel Transparenz lassen demokratische Staaten zu?

Diese Frage kommt auf, wenn man sich die Ereignisse nach den jüngsten Veröffentlichungen der Plattform Wikileaks vor Augen führt.

Diese hatte erneut umfangreiche geheime Dokumente der US-Regierung erhalten und kürzlich begonnen, über 250.000 US-Diplomatendepeschen zu veröffentlichen. Hier erfuhr die Öffentlichkeit beispielsweise wie europäische Politiker durch US-Botschaftsmitarbeiter eingeschätzt wurden. Die FDP erfuhr u.a., dass einer ihrer Mitarbeiter jahrelang Interna an den US-Botschafter in Berlin weitergegeben hatte. Aber auch Entscheidungen der deutschen Bundesregierung, beispielsweise deren Verzicht auf eine vollständige Aufklärung der Entführung eines deutschen Staatsbürgers, erscheinen in einem neuen Licht. ( http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2731785_0_9223_-cia-entfuehrungsopfer-wikileaks-veroeffentlicht-protokoll.html)

Die Empörung und Kritik auf Seiten der US-Regierung gegenüber Wikileaks ist nach diesen Veröffentlichungen groß. Um manch unangenehme Überraschung abzufedern, wurden weltweit Regierungen auf den Inhalt der Veröffentlichungen vorbereitet. Weiterhin überprüft die US-Regierung derzeit, inwiefern Sie Wikileaks oder deren Mitgründer Julian Assange für die Veröffentlichungen rechtlich belangen kann.

In Folge dessen haben Dienstleister wie everydns.net und Amazon, aber auch Finanzdienstleister wie beispielsweise PayPal, Mastercard, die schweizer PostFinance und Visa die Abwicklung von Spenden zugunsten von Wikileaks eingestellt und deren Konten eingefroren. Diese Vorgehensweisen verschiedener Unternehmen erstaunen, bedenkt man, dass sie jeglicher rechtlichen Grundlage entbehren. Es kommt vielmehr der Eindruck auf, dass versucht wird, Wikileaks die Existenzgrundlage zu entziehen und den Zugang zu Ihrer Plattform zu unterbinden und somit Zensur zu betreiben. Bedenkt man, dass dies nicht in einer Diktatur geschieht, wo Zensur zum System gehört, sondern in demokratischen Staaten, macht sich ein Unwohlsein breit.

Sollte nicht jeder Bürger möglichst alle relevanten Informationen erhalten, auf denen die Entscheidungen seiner gewählten Volksvertreter beruhen? Sollten diese Informationen nicht nur vollständig, sondern auch wahr sein?

Die Vision der Wikileaks-Plattform, welche seit 2006 besteht, und sich nur über Spenden finanziert, ist brisante Materialien, welche eine ethische, politische und historische Bedeutung haben, öffentlich zu machen. Durch die Veröffentlichungen soll das Weltgeschehen verständlicher und eine transparentere Demokratie erzeugt werden.

Mit der Veröffentlichung der US-Depeschen haben die Betreiber der Wikileaks-Seite erneut in vielen Bereichen für mehr Transparenz gesorgt. Den Bürgern wurde wieder einmal vor Augen geführt, wie ihre Regierungen miteinander, aber vor allem mit ihnen selbst umgehen.

Jolanda Butera


22.09.2010 11:55
Fairness-Initiativpreis 2010 für beispielhaftes Engagement
Abgeordnetenwatch, foodwatch und Irrsinnig menschlich
erhalten besondere Auszeichnung: den Fairness-Initiativpreis 2010. Die Initiativen werden wegen ihres Einsatzes für mehr Fairness in konkreten Bereichen der Demokratie und Bürgergesellschaft ausgezeichnet. Nach Überzeugung der Fairness-Stiftung ist für eine zukunftsfähige Entwicklung unserer Gesellschaft die Zunahme von Fairness-Qualität mitentscheidend.

Das Portal abgeordnetenwatch von Parlamentwatch schafft einen konstruktiven Bürgerdialog zwischen Abgeordneten und Bürgern und sorgt so für mehr Transparenz der politischen Entscheidungsprozesse und für mehr Diskurs in der Gesellschaft. Zumal der Bürgerdialog im Portal für alle einsehbar ist und sehr gut gemanagt wird, zeigt er, was Fairness-Qualität im politischen Umgang miteinander ist und sein kann.
Foodwatch bekämpft die Unfairness und Verschleierungstaktik der Lebensmittelindustrie und ihrer Lobbys, um für mehr Transparenz und Qualität im Lebensmittelsektor und für eine stärkere Rolle aufgeklärter Verbraucher zu sorgen. Zahlreiche Aktionen und Medienkampagnen habe bereits erste Erfolge gezeigt und politische Instanzen unter Druck gesetzt. Damit ist foodwatch zunächst ein Beitrag gegen die Unfairness der Politik und der Lebensmittelindustrie gegenüber den Verbrauchern gelungen, um mehr Fairness-Qualität zwischen Verbrauchern, Herstellern und Politik zu erreichen.
Der Verein Irrsinnig Menschlich klärt über psychische Erkrankungen auf und baut Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen ab. Besonders durch das Engagement von Irrsinnig Menschlich im Schulprojekt „Verrückt? Na und!“ leistet der Verein Pionierarbeit. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen steigenden psychischen Belastungen ausgesetzt sind, ist eine solche Initiative vorbildlich, damit Fairness und Rücksicht gegenüber Menschen gelernt und praktiziert werden, die darauf angewiesen sind.

Die drei Initiativen bekommen ihren Fairness-Initiativpreis am 30.10. im Rahmen einer Feierstunde in Frankfurt durch das Kuratorium der Fairness-Stiftung überreicht. Die Fairness-Stiftung engagiert sich für Fairness in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sowie für die Steigerung von Fairness-Kompetenz von Führungskräften und Organisationen. Nur durch Fairness kann es gelingen, für ein besseres, ein zukunftsfähiges und vertrauensvolles Zusammenleben von Menschen und Gruppen und für mehr Fairness-Qualität in Politik und Gesellschaft zu sorgen.

www.fairness-stiftung.de
www.abgeordnetenwatch.de
www.foodwatch.de
www.irrsinnig-menschlich.de
www.verrückt-na-und.de

06.09.2010 16:11
Deutscher Fairness Preis 2010 an Fairness-Forscher
Ernst Fehr, Professor für Mikroökonomie und Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich und Leiter von deren Institut für Empirische Wirtschaftsforschung, erhält den Deutschen Fairness Preis 2010. Das hat das Kuratorium der Fairness-Stiftung in Frankfurt am Main entschieden und bekannt gegeben. Mit dem Preis ehrt das Kuratorium den gebürtigen Österreicher Dr. Fehr für seine international herausragenden Verdienste um die Forschung in Bezug auf menschliche Kooperation und Fairness, die er in den letzten Jahren systematisch vorangetrieben und durch zahlreiche Veröffentlichungen weltweit im Bewusstsein von Wirtschaftswissenschaftlern und angrenzenden Bereichen verankert hat.

Angesichts der jahrhundertelangen Abwehr eines von Kooperation und Fairness geprägten Menschenbildes in der Wirtschaft können die Verdienste Fehrs nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er hat in Kooperation mit zahlreichen anderen Wissenschaftlern und unter Rückgriff auf wegweisende Arbeiten von Kollegen und Vorläufern einen entscheidenden Anteil am Nachweis, dass Fairness eine eigenständige Motivation und Orientierung des Menschen ist. Wird das bei der Betrachtung von Entscheidungssituationen, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung unterschlagen, kommt es zu Fehleinschätzungen und Fehlentwicklungen. Fehr konnte nachweisen, dass der Mensch bei wirtschaftlichen Entscheidungen nicht nur eigennützigen Interessen folgt, sondern einem ausgeprägtes Gefühl für Fairness und Zusammenarbeit folgt. Seine Forschungsergebnisse zeigen aber auch, dass sich Fairness-Motive nicht immer durchsetzen – es bedarf auch der richtigen institutionellen Voraussetzungen, damit Fairness-Motive im wirtschaftlichen Verhalten eine Rolle spielen können.

Der renommierte Forscher ist Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences, Mitglied der American Academy of Political and Social Sciences und ständiger Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Fairness-Stiftung verleiht jährlich den Deutschen Fairness Preis an herausragende Persönlichkeiten, die sich um die Erforschung und Förderung der Fairness oder um die Entwicklung einer fairen Unternehmens- und Organisationskultur verdient machen. Unter den Preisträgern sind unter anderem Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter, Prof. Götz W. Werner, Prof. Dr. Gertrud Höhler, Prof. Rupert Lay und Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell. Der Preis in Gestalt einer vom Künstler Johannes Hans A. Nikel geschaffenen großen Bronzemedaille wird Ernst Fehr am 30.10. in Frankfurt am Main im Rahmen einer öffentlichen Feierstunde durch den Kuratoriumsvorsitzenden Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck in Frankfurt überreicht. Die Laudatio hält Prof. Dr. Tania Singer, Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Die Preisvergabe wird gesponsert vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG.

Ohne Fairness ist ein Zusammenleben von Menschen, Gruppen und Kulturen in einer Gesellschaft nicht möglich. Fairness ist die Basis, damit Kooperation, Entwicklung und Vertrauen möglich werden.

24.08.2010 13:41
Das neue und einzigartige Buch über Fairness
Brandneu und aktuell: Das Buch „Fairness“ (Gütersloher Verlagshaus 2010, 240 Seiten), in das die Erkenntnisse der Fairness-Forschung, die Ansätze der Fairness-Stiftung zum Aufbau von Fairness-Kompetenz und meine Erfahrungen der letzten 35 Jahre in der Beratung von Verantwortungsträgern, Chefs und Management eingeflossen sind. Es ist das einzige Buch im deutschsprachigen Raum, das sich ausschließlich und grundlegend mit Fairness befasst. Dazu liefert es einen Ansatz,
1. die Fairness-Intuition des Menschen und ihre Störungen zu verstehen,
2. das parasitäre „System der Unfairness“ zu durchschauen,
3. die Fairness-Fallen frühzeitig zu identifizieren oder zu verlassen,
4. eigene Fairness-Kompetenz aufzubauen,
5. den Umgang mit Fairness professioneller zu machen und
6. Fairness als Lebenskompass zu begreifen und zu nutzen.
Zugleich werden die verschiedenen Felder in den Blick genommen, in denen Fairness eine besondere Rolle spielt bzw. in denen Unfairness ihr böses Spiel treibt: Gesellschaft und Wirtschaft, Privat- und Berufsleben, Unternehmen und Organisationen, Nachbarschaft und Elternschaft.

Zum verbreiteten Missverständnis über Fairness heißt es in der Einleitung: „Die Vorstellung, Fairness sei lediglich etwas weich gespülte Zwischenmenschlichkeit, um die Härte nicht zu spüren, mit der man manipuliert, ausgenutzt und ausgebeutet wird, hat den Fairness-Faktor noch nicht wirklich verstanden. Fairness ist das genaue Gegenteil und hat – wie in Fairness-Prozessen zu erfahren ist – für viele überraschend gar nichts mit Seichtheit und dem Schein der Nettigkeit zu tun.

Fair sein heißt nicht nett sein, sondern sehr deutlich, konsequent und mitunter mit harten Ergebnissen für Fairness zu sorgen. Denken wir nur an sehr gute Schiedsrichter, die durch gelbe und rote Karten dafür sorgen, dass ein Spiel wieder an Fairness-Qualität gewinnt, das schon in die gegenteilige Richtung zu kippen drohte. Wer Fairness banalisiert oder mit einem naiven, nicht qualifizierten Fairness-Begriff operiert, arbeitet unfairen Akteuren in die Hände. Sie haben großes Interesse daran, Fairness lächerlich zu machen, zu tabuisieren und auf eine nette, höfliche Maske zu schrumpfen. Lassen wir uns dazu nicht verführen“ (S. 11f).

Erhältlich überall im Buch- oder im Versandbuchhandel. Handsigniert bei http://www.publik-forum.de/shop/Default.asp?id=9982&titel=Fairness+%28handsigniert%29&k1=31&k1n=Mittelfeld&k2=3&k2n=Handsigniert

30.07.2010 16:09
Mobbing gegen Afrika?
Der Kommissionspräsident der Afrikanischen Union, Jean Ping, warf dem Internationalen Staatsgerichtshof in Den Haag vor, den afrikanischen Kontinent zu „mobben“. Hintergrund ist das Vorgehen des Staatsgerichtshofs gegen afrikanische Präsidenten, insbesondere gegen den sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir. Gegen den Präsidenten gibt es einen Haftbefehl, der sich unter anderem auch auf die Anklage wegen Völkermord bezieht. Und obwohl 30 der 52 Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union (AU) das Statut des Internationalen Staatsgerichtshofs unterzeichnet und sich rechtlich zur Zusammenarbeit mit dem Gericht verpflichtet haben, haben die beim AU-Treffen versammelten Staaten alle AU-Mitgliedsländer aufgefordert, die Verhaftung Al-Baschirs zu boykottieren.

Die afrikanischen Staatschefs behaupten, westliche Regierungen missbrauchten die Justizbehörde zu neokolonialen Einmischungsversuchen in die Belange afrikanischer Staaten. Hingegen macht die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai darauf aufmerksam, dass die Unterstützungsverweigerer eben jene „sogenannten Führer“ seien, „die die Menschenrechtsvergehen zu verantworten haben.“ Daher schützen die afrikanischen Staatschefs nur einen der ihren aus Sorge, selbst die nächsten Angeklagten zu sein, weil sie an schweren Vergehen beteiligt oder gar allein dafür verantwortlich sind.

Mit dem Vorwurf, einen ganzen Kontinent zu mobben, hat die Verwendung des Mobbingbegriffs nie da gewesene internationale Präsenz erhalten. Ursprünglich ein deutsches Kunstwort, das es bislang so im Englischen gar nicht gibt, wird es jetzt sogar international gebräuchlich und auf einen ganzen Kontinent bezogen.

Der Vorgang zeigt zweierlei:
1. Verstecken sich solche, die selber Unrecht tun und Unfairness verbreiten, selbst gern hinter dem Vorwurf Mobbing gegenüber der Gegenseite. Ein Macht- und Zuweisungsspiel, das selbst hierzulande Eingang in die Gerichtssäle findet. So können unfaire Akteure den Vorwurf umdrehen und sich zu Opfern stilisieren.
2. Es geht hier beim Vorwurf des kontinentalen Mobbings nicht um Mobbing im eigentliche Sinne, sondern die afrikanischen Präsidenten meinen unfaire Attacken im Sinne von Dissen in verschärfter Form. Dazu passt auch, dass die Präsidenten dem Chefankläger des Staatsgerichtshofes, Luis Moreno-Ocampo, „unerhört rüde und herablassende“ Umgangsformen vorwarfen.

Wären die afrikanischen Präsidenten in ihren eigenen Ländern als Vorkämpfer von Fairness und Menschenrechte bekannt, wäre das glaubwürdig, So aber ist es nur der Missbrauch der Begrifflichkeit Mobbing zum eigenen Selbstschutz, hinter dem auch noch unfaire Handlungen und Menschenrechtsverletzungen versteckt werden.
http://www.fairness-stiftung.de/Dissen.htm http://www.fairness-stiftung.de/Mobbing.htm


25.03.2010 14:37
Fairness für Verbraucher
Fairness bei Dienstleistungen ist dringend erforderlich, denn häufig werden Verbraucher über den Tisch gezogen oder mit einer schlechten Qualität abgespeist. Das Verbraucherbarometer 2009 hatte aufgedeckt, dass bestimmte Dienstleistungsmärkte – darunter Energie und Bankwesen – für die Verbraucher nicht zufriedenstellend sind (siehe IP/09/202).

Mittlerweile hat die Kommission detaillierte Marktstudien über diese beiden Sektoren eingeleitet. Und am 18. und 19. März einen Europäischen Verbrauchergipfel mit dem Thema „Dienstleistungen: Zugang, Auswahl und Fairness“ durchgeführt. Der Gipfel konzentrierte sich auf die Dienstleistungssektoren, die für die Verbraucher besonders wichtig und aus deren Sicht noch verbesserungsbedürftig sind, wie aus den Marktanalysen im Rahmen des Verbraucherbarometers hervorgeht. Die Ergebnisse des Gipfels fließen direkt in die Überlegungen zur künftigen Politik für Verbraucherdienstleistungen ein.

Am Vorabend des Gipfels kommentierte der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherpolitik John Dalli: „Die Verbraucher fühlen sich zu oft nicht gut behandelt von wichtigen Anbietern wie Banken oder Energiebetrieben. Wir müssen diese Problematik auf EU-Ebene angehen.“

„Ist das fair?“ - die „Europäische Initiative zur Unterstützung von Verbrauchern“ – unterstützt mit einem umfassenden Portal Konsumenten, um unlautere, sprich unfaire Geschäftspraktiken zu erkennen und ihnen entgegen zu treten: http://www.isitfair.eu/index_de.html.

Leider sind die entsprechenden Websites des EU-Verbraucherschutzes überwiegend in englischer Sprache, was einer breiten Rezeption der Informationen und ihrer Anwendung durch Verbraucher entgegen steht. Hier ist die EU nicht besser als die von ihnen kritisierten Anbieter: unfair in Bezug auf einen beträchtlichen Teil von Verbrauchern deutscher Sprache und anderer Sprachen.

05.01.2009 12:58
Fairness, Vertrauen und die Weltwirtschaftskrise
Dass das Vertrauen in der Wirtschaft fehle, heißt es in den Analysen der Weltwirtschaftskrise. Nicht einmal die Banken würden einander vertrauen und sich deshalb kein Geld ausleihen, also Kredite einräumen. Nun bedeutet Kredit ja gerade das: Vertrauensvorschuss geben. Nicht blind, sondern meistens kontrolliert, z.B. durch Angabe von Sicherheiten. Mit dem Fazit, es fehle an Vertrauen, ist also in der Analyse nicht viel gewonnen.

Von Vertrauen zu sprechen, wo bislang Leichtsinn im Spiel war – etwas bei der Vergabe von Hauskrediten in den USA oder bei Kreditlinien zur fremdfinanzierten Übernahme von Unternehmen – ist ein analytischer Missgriff. Diese Art des Kredithandels hatte wenig mit Vertrauen, jedoch viel mit Maßlosigkeit, unprofessionellem Risikomanagement und Leichtgläubigkeit zu tun. So wie etwa Menschen leichtsinnig bei Haustürgeschäften agieren, ohne sich über die Seriosität der Verkäufer, die Qualität des Angebots und ein Angebotsvergleich zu orientieren.

Nein, es ist nicht das Vertrauen, das fehlt oder das missbraucht wurde. Vielmehr ist es die Fairness, die permanent verletzt wurde, was aber niemand oder nur wenige interessierte. Denn bei vielen der nun in der Kritik stehenden Geschäftsprozesse haben häufig zwei Partner (Banken, Unternehmen, Fonds) einen Deal auf Kosten eines Dritten (Unternehmens, Mitarbeiterschaft, Staat) gemacht. Diese gravierende Fairnessverletzung rächt sich nun weltweit: Alle zahlen einen Preis für gravierende Fairnessverletzungen bei weltweiten Deals und Geschäften. Die wohlhabenden und reichen Menschen und Gesellschaften zahlen prozentual einen höheren Preis; die mittleren und ärmeren Schichten und Gesellschaften einen höheren Preis nach den absoluten Zahlen.

Für die Zukunft heißt das:
Nur wenn es gelingt, Fairness für alle Beteiligten und Betroffenen zu realisieren, durchzuhalten und transparent zu gestalten, kann es zu einem neuen Vertrauensklima kommen. Versuchen jetzt selbst in der Krise die einen auf Kosten anderer (z.B. auch der Steuerzahler) Vorteile zu gewinnen, ist der Grundstein für die nächste Krise schon wieder gelegt. Vertrauen beginnt mit Fairness. Was jetzt umzusetzen ist.

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