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Blog nach Monat: März 2012

30.03.2012 11:02
Apple will Fairness verbessern
Missstände in der Apple-Produktion bei der Herstellerfirma Foxconn haben sich bestätigt, wie eine Untersuchung ergeben hat und wie die Presseagentur AFP heute meldet. Tatbestände sind: zu lange Arbeitszeiten, zu wenig Geld und viele Zwischenfälle. Das ist das Ergebnis einer unabhängigen Inspektion durch die von Apple beauftragte Fair Labor Association (FLA). Foxconn habe zugesagt, die Mängel zu beheben, hieß es. Diese Zusage hat das Unternehmen jedoch schon öfter gemacht, ohne dass entscheidend etwas verändert wurde. Das Unternehmen produziert in seinen riesigen chinesischen Werken unter anderem iPhones und iPad-Tablets.

Schon 2010 hat Apple die Absicht bekannt gegeben, der FLA beizutreten; im Januar diesen Jahres wurde Apple in die FLA aufgenommen. Jetzt sind ernsthafte Prüfungen erfolgt und über 35.000 Arbeiter in drei Foxconn-Fabriken befragt worden. In allen drei sei die FLA-Obergrenze von 60 Arbeitsstunden pro Woche überschritten worden, ebenso wie die in China maximal erlaubte 40-stündige Arbeitswoche plus bis zu 36 Überstunden im Monat. Mehr noch: In heißen Produktionsphasen habe sogar die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit pro Kopf über 60 Stunden gelegen, wie AFP auf der Basis des FLA-Berichts feststellt. Foxconn habe zugesagt, die Arbeitszeiten bis Juli 2013 auf die gesetzlichen Vorgaben zu bringen. "Apple und Foxconn haben sich mit unseren Empfehlungen einverstanden erklärt. Wir werden die Fortschritte prüfen und öffentlich berichten", sagte FLA-Chef Auret van Heerden. Die zugesagten Veränderungen würden das Leben der 1,2 Millionen Foxconn-Beschäftigten erheblich verbessern und einen neuen Standard für chinesische Fabriken setzen, betonte er.

Die FLA berichtet, ein Problem sei allerdings, dass viele Foxconn-Beschäftigte selber länger arbeiten wollen, um mehr Geld zu verdienen. Denn die Gehälter sind sehr niedrig. Fast zwei Drittel der Foxconn-Arbeiter (64 Prozent) sagten in der FLA-Umfrage, sie könnten mit dem Gehalt nicht ihre Grundbedürfnisse finanzieren. Dabei gelten die Einkommen bei Foxconn bereits als überdurchschnittlich in China, was die Jobs sehr begehrt macht. Die FLA werde die Lebenshaltungskosten in den Städten Shenzhen und Chengdu untersuchen, um zu prüfen, ob die Gehälter ausreichend seien. Foxconn versprach deswegen laut FLA, die entgangenen Arbeitsstunden auszugleichen. Zudem sollen erheblich mehr Mitarbeiter eingestellt werden, es würden zusätzliche Wohn- und Kantinenkapazitäten aufgebaut.

Der US-Konzern hatte seit mehreren Jahren bereits eigene Kontrollen bei Zulieferern gemacht, die ebenfalls viele Mängel aufdeckten. Die Arbeitsbedingungen bei Foxconn waren immer wieder scharf kritisiert worden. Doch die Änderungen ließen auf sich warten. Auch an den unfairen Überstunden-Regelung hat sich bislang nichts geändert. Denn nur abgeschlossene 30-Minuten-Blöcke würden vergütet, erklärte FLA. Wer nach diesen Bestimmungen 28 Minuten arbeite bekomme gar keine Überstunden bezahlt, bei 58 Minuten gebe es nur zusätzliches Geld für eine halbe Stunde.

Von mehr als 43 Prozent der Befragten haben Zwischenfälle selbst erlebt oder beobachtet: von Handverletzungen bis hin zu Unfällen mit Fabrikfahrzeugen. Bei Foxconn seien bisher nur Zwischenfälle registriert worden, die zu einer Unterbrechung der Produktion führten. Das werde sich ab sofort ändern: Jetzt soll jede Verletzung notiert werden. Zugleich bescheinigte die FLA Foxconn Fortschritte bei der Prävention von Aluminiumstaub-Explosionen. Im vergangenen Jahr waren bei zwei solcher Detonationen in der iPad-Produktion 4 Menschen getötet und 77 verletzt worden.

Vor allem in den USA wurde zuletzt angesichts des Apple-Geldbergs von rund 100 Milliarden Dollar heftig über die "menschlichen Kosten" von iPhone und iPad diskutiert. Apple-Chef Tim Cook hatte diese Woche auf seiner China-Reise auch ein iPhone-Werk von Foxconn besucht. Cook kennt die Fabriken gut: Er war lange für das Tagesgeschäft zuständig und hatte auch die Zuliefererkette neu aufgebaut. Neben Apple gehören auch bekannte Anbieter wie Amazon, Dell, Nintendo, Hewlett-Packard, Samsung, IBM, Lenovo, Motorola, Sony und Toshiba zu den Foxconn-Kunden.

Im Fairness-Blog wurde bereits Anfang Februar 2012 über die Missstände bei Apple bzw. Foxconn berichtet: http://www.fairness-stiftung.de/FSBlogEintrag.aspx?EID=145. Die Fairness-Stiftung bleibt dran am Thema.
Der Druck zur Änderung kommt vor allem aus dem drohenden Imageverlust bei Kunden und eigenen Mitarbeitern, der das Apple-Image macht mindestens die Hälfte der Motivation für Kauf und Mitarbeit aus.

Ein User, der bereits in China war, kommentiert im Netz: „Ich habe eher den Eindruck, dieser Bericht stellt das Ganze sehr positiv dar. Ich kenne natürlich nicht alle Hintergründe, aber das, was da beschrieben wird, ist eher die Ausnahme. Wenn alle Betriebe so arbeiten würden, könnte man China schon fast mit Europa gleich setzen. So ist es aber nicht. Bei den meisten Zulieferern von Foxconn dürfte es noch weitaus schlimmer aussehen. Als ich das erste Mal in unserer Fabrik und bei unseren lokalen Zulieferern war, hatte ich auch eine Gänsehaut“.
http://www.fairlabor.org/
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/fla-untersuchung-unter-welchen-bedingungen-chinesen-bei-foxconn-arbeiten/6456126.html
http://www.apfeltalk.de/forum/content/3171-apple-fair-labor.html
http://www.apfeltalk.de/forum/content/3350-fla-bericht-foxconn.html


01.03.2012 16:16
Innovative Unfairness für Billiglohn
Das Schlupfloch zu Billigstlöhnen: Werkverträge und Subunternehmen. Auf diesen unfairen Trick verfallen immer mehr Firmen, vor allem Einzelhändler. Die Billigstlöhne werden durch immer mehr Mindestlöhne erschwert und verhindert, die die Tarifparteien untereinander aushandeln und die vom Staat sanktioniert wird. Das Schlupfloch für die Unternehmen sind Werkverträge und Subunternehmen.

Insbesondere Einzelhändler haben in den vergangenen Jahren systematisch Werkverträge als Mittel für Niedrigstlöhne und zur Umgehung von Mindestlöhnen missbraucht. Früher räumten Leiharbeiter billig die Regale ein. Nachdem für sie ein Mindestlohn eingeführt wurde, war die ‚Methode Leiharbeiter‘ weitgehend hinfällig.

Nun fanden die Arbeitgeber mit den Werkverträgen ein neues Schlupfloch. Im Ergebnis erhalten die Berufstätigen dann einen Lohn von 3 bis 7 € pro Stunde. Davon kann niemand leben. Und da viele Tätigkeiten in die Rand- und Nachtstunden fallen sowie zu Überstunden führen und die Beschäftigung wegen der Befristung meistens prekär ist, kommt der gesundheitliche Ruin noch hinzu.

So etwa die Firma SIG Instore Logistics. Der Dienstleister bezahlt seine Beschäftigten nach dem Tarifvertrag des 2010 gegründeten Verbandes Instore und Logistik Services (ILS). Dessen 16 Unternehmen mit 50.000 Beschäftigten decken nach eigenen Angaben rund die Hälfte des Marktes ab, auf dem insgesamt an die 120 Dienstleister tätig sind. Da der Subunternehmer die Verantwortung für einen ganzen Betriebsbereich übernimmt und seinen Mitarbeitern gegenüber allein weisungsbefugt ist, gelten diese nicht als Leiharbeiter. So kann der Leiharbeit-Mindestlohn umgangen werden.

In ihrer Werbung heißt das bei der Firma „Warenverräumung ohne SIG RETAIL Prozess-Analyse. Erfahrene und umsetzungsstarke Teams verräumen auf Stundenbasis Neu- und Bestandsware“. Und weiter: „Um den Vermarktungserfolg von Produkten und Dienstleistungen nachhaltig zu steigern, bieten wir unseren Kunden als eines der führenden Dienstleistungsunternehmen in Europa maßgeschneiderte und branchenunabhängige Outsourcinglösungen an. Dabei reicht unser Produktportfolio von innovativen Vertriebsdienstleistungen für Markenunternehmen bis hin zu optimierten Instore-Logistik-Prozessen für den Handel“.

Kein Anzeigenblättchen, keine Jobbörse ohne Stellenausschreibungen der Firma. Gesucht vor allem: Praktikanten, Studenten, Mini-Jobber, Teilzeitkräfte auf Abruf.

Jedoch sind Werkverträge verboten, wo Beschäftige nach Weisung arbeiten und in die Arbeitsprozesse einer Firma eingebunden sind. Damit dieser Nachweis nicht möglich ist, begründen viele Firmen Schein-Werkverträge.
Damit es so nicht kommt, gibt es Nachhilfe für die Unternehmen. Da lernen Unternehmer wie sie Gehälter drücken können trotz Mindestlohn und Tarifvertrag. Da werden sogar Gebäudereiniger zu Künstlern - aus dem geputzten Fenster wird ein Werk, das per Werkvertrag bezahlt wird.

Zu diesem Zweck hatte sich die Spitze der deutschen Wirtschaft am 9. September 2011 im Holiday Inn (Düsseldorf) versammelte: Die Deutsche Bahn, Bosch und BMW, Metro, Porsche, Siemens und BASF, die Zeitarbeitsunternehmen Manpower und Randstad sowie die Unternehmensberatung KPMG. Auf dem Programm standen neue Tricks wie: „Freie Industriedienstleistungen als Alternative zur regulierten Zeitarbeit.“ 130 Topmanager folgten der Anleitung zum Lohndumping mit neuen Mitteln. Inzwischen werden mit (Schein-)Werkverträgen komplette Arbeitsschichten bei Subunternehmern eingekauft.

Rechtliche Bestimmungen scheinen kein Hindernis zu sein. Die vorgeschriebenen sogenannten getrennten Arbeitsbereiche werden durch gestrichelte Linien in der Werkhalle markiert. Maschinen stundenweise an den Subunternehmer vermietet. Damit wird angeblich den gesetzlichen Auflagen entsprochen, die für Werkverträge mit Subunternehmern gelten. Selbst Edelkaufhäuser wie das Berliner KaDeWe beschäftigten an ihren Kassen nicht mehr Stamm- oder Leiharbeiter, sondern sogenannte Werkvertragler.

Im BMW-Werk Regensburg wurden in den vergangenen vier Jahren Leiharbeiter mit knapp zwölf Euro pro Stunde entlohnt. Am Fließband aber standen ebenso Werkvertragler mit einem Stundenlohn von 7,81 Euro. Unter den 12 000 Mitarbeitern des Bosch-Werks in Stuttgart befinden sich laut Gewerkschaft nur 60 Leiharbeiter, dafür aber 2 000 Kollegen von Subunternehmen, die über Werkverträge dort tätig sind.

Auch Real, Rewe, Edeka und Rossmann nutzen das Modell Werkvertrag.
Bei Rossmann heißt es in der Internetwerbung: „Wir sind und bleiben flexibel und das verbindet. Teamgeist, Wertschätzung und Mitarbeiterorientierung stehen in unserem Fokus und sind für uns selbstverständlich. Das beste Beispiel für unsere Unternehmenskultur ist das Vorbild des Unternehmers Dirk Roßmann. Jeden Tag aufs Neue profitieren wir von der aktiven Unternehmensführung des Dirk Roßmann. Sein soziales Engagement ist aufrichtig und macht ihn zu einem vorbildlichen, anerkannten und hoch geschätzten Unternehmer“. Leider kommen etliche Mitarbeiter bei Subunternehmen und Werkvertraglicher nicht in den Genuss der so schön beschriebenen Firmenkultur.

Bei Real können sich die schlecht entlohnten Werkvertragler und Subunternehmensmitarbeiter gleich bei den Tafeln fast kostenlos mit Lebensmitteln eindecken, die sie nächtens bei Real ein- und ausgeräumt haben: „Die Förderung der lokal engagierten „Tafeln“ gehört für real,- zu den wichtigsten sozialen Kooperationen des Unternehmens“. Leider sind auch bei Real viele Rowdies von der positiv beschriebenen Unternehmenskultur ausgeschlossen: „Unternehmensverantwortung ist nicht nur nach außen gerichtet, sondern schließt auch die Mitarbeiter und kulturelle Veränderungen mit ein. Im Bereich der Aus- und Weiterbildung kann real,- bereits viel vorweisen. Mitarbeiter werden durch E-Learning und Fachseminare weiter qualifiziert und bis in Führungspositionen gefördert. Und die Personalpolitik soll familien- und frauenfreundlicher werden“. Schönes Image. Es mangelt an Glaubwürdigkeit.

Wer Billigpersonal einsetzt, riskiert seinen Ruf. Billigpersonal und Umgehungstricks zur Vermeidung von Mindestlöhnen gelten zu Recht als unfaire Aktionen. Wie sagte Stefan Genth (FR 25.2.2012), Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE, so schön: „Ein großer Discounter macht die Anlieferung inzwischen wieder in Eigenregie, weil er mit der Qualität nicht zufrieden war. Hinzu kommt: Vor dem Hintergrund der Berichterstattung über Werkverträge werden auch die anderen Unternehmen überlegen, ob sie dieses Instrument zurückführen“.

Dabei können die Verbraucher mithelfen. Und um die Unternehmen einen Bogen machen, deren unfaires und moralwidriges Handeln ruchbar ist und wird.

Aktualisierung: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1709180/Ausbeutung-mit-Werkvertraegen#/beitrag/video/1709180/Ausbeutung-mit-Werkvertraegen vom 14.8.2012
http://www.fr-online.de/arbeit---soziales/billige-arbeitskraefte-regale-einraeumen-fuer-5-70-euro,1473632,11621792.html
http://www.fr-online.de/arbeit---soziales/unternehmer-nutzen-werkvertraege-manager-lernen-lohndumping,1473632,11621040.html
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-08/lohndumping-leiharbeit
http://www.derwesten.de/nachrichten/nrw-startet-bundesratsinitiative-gegen-schein-werkvertraege-id6350863.html
http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.einzelhandel-razzia-bei-handelskonzernen-wegen-scheinwerkvertraegen.8cca0abd-25b2-42c1-b041-d90ae614d9e6.html
http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/10/0,3672,8467882,00.html
http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/074/1707482.pdf

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