Blog-Artikel

30.11.2015 14:03
Wegwerfartikel Mode: unfair zu Mensch und Natur  

Vierzig Prozent ihrer Kleidung tragen die Deutschen selten oder nie; jeder Achte trägt seine Schuhe weniger als ein Jahr. „Mode ist zum Wegwerfartikel verkommen und genauso kurzlebig wie Plastiktüten oder Einweg-Geschirr. Das geht zu Lasten der Umwelt und Gesundheit, denn die Kleidung wird mit Hunderten giftiger Chemikalien produziert“, sagt Kirsten Brodde, Textil-Expertin von Greenpeace. Dieses Bild vom kurzlebigen Umgang der Deutschen mit Mode zeichnet eine repräsentative Umfrage, die Greenpeace beim Institut Nuggets unter 1011 Personen zwischen 18 und 69 Jahren im September 2015 in Auftrag gegeben hat.
Kleidung muss demnach nicht mehr lange halten, sondern vor allem den schnell wechselnden Trends folgen. Knapp zwei Drittel sortiert Kleidung aus, wenn sie nicht mehr gefällt; ein Drittel will einfach Platz schaffen im Schrank. In das Bild passt, dass das Reparieren aus der Mode gekommen ist: Etwa die Hälfte der Deutschen hat noch nie Kleidung zum Schneider gebracht. Über die Hälfte der 18-29-Jährigen war noch nie beim Schuster. Die meiste Kleidung landet im Müll oder der Kleidersammelbox.

Alternativen wie tauschen, leihen oder verkaufen sind für die große Mehrheit noch immer sehr exotisch: 83 Prozent der Deutschen haben noch nie Kleidung getauscht, zwei Drittel noch nie welche verliehen, über die Hälfte noch nie Kleidung weiter verkauft. Am ehesten geben die Deutschen Kleidung im Bekanntenkreis weiter. „Um den Kleiderkonsum zu drosseln, müssen die einfachen Alternativen Tauschen und Teilen zur täglichen Routine werden wie Zähneputzen“, sagt Brodde. „Angebote dafür gibt es genug – sei es die Tauschbörse im Internet, der Flohmarkt oder die Kleidertauschparty um die Ecke.“

Gebraucht statt neu kaufen, reparieren statt wegwerfen, zertifizierte Mode statt billiger Massenware. Nur so kann die Vergiftung der Wasserressourcen vor allem in den asiatischen Produktionsländern gestoppt werden. Das müsste die Kaufdevise sein. Doch es geht sogar noch ärger in die falsche, entgegengesetzte Richtung.

Lesara, der erste Discounter für Billigkleidung und Haushaltswaren, der ausschließlich im Netz verkauft, will den umkämpften Markt kräftig aufmischen, schreibt dazu der Spiegel. „Lesara ist das logische Ergebnis einer langen Entwicklung. Seit Jahren kauft die Kundschaft weniger in Innenstädten und mehr im Internet, Deichmann konkurriert mit Zalando, Amazon legt sich mit Saturn und Thalia an. Mit Lesara gibt es nun auch eine Antwort des Internets auf Tchibo und neue Konkurrenz für C&A und Pimkie. Entsprechend selbstbewusst streut Lesara die Botschaft, den E-Commerce-Markt nachhaltig verändern zu wollen.

Das Geschäftsmodell ist ausgerichtet auf hohe Effizienz, niedrige Preise - und gleicht einer Mixtur der umstrittenen Erfolgsrezepte von Primark, Kik und Amazon: Das 150-köpfige Lesara-Team kauft Billigware bei 1500 Lieferanten vor allem in China und schickt sie dann per Luftpost nach Berlin und Staufenberg bei Kassel. Dort werden die Hosen, Messerblöcke und Armbänder sofort in schlichte Tüten gepackt und zu den Kunden gesendet. (…)
Dabei spart das Unternehmen, wo es nur geht. Statt mit eigenen Designern etwa arbeitet Lesara mit Suchmaschinen und recherchiert bei Facebook oder Instagram: Im Netz oder bei der Konkurrenz angesagte Schnitte, Farben, Muster werden an die Lieferanten weitergeleitet, prompt geht die gewünschte Ware in Produktion. In eigene Entwürfe fließt also kein Geld, und nachbestellt wird nur, was sich gut verkauft. Keine Zwischenhändler und Großlager, kein Marketing, keine Saisonkataloge. Verkauft wird, was die Masse will - zu Preisen, die sie zu zahlen bereit ist. Turbokapitalismus wie aus dem BWL-Lehrbuch. (…)

Zur Kritik daran, dass fast das gesamte Sortiment aus Asien kommt, sagt der Unternehmensgründer Roman Kirsch: „Es gibt kein Produktionsland, das unumstritten ist“. „Das stimmt so allerdings nicht - zumal seit Langem bekannt ist, dass die Produktionsbedingungen in asiatischen Textilfabriken oft unmenschlich oder gar lebensgefährlich sind. Kirsch verweist auf einen verpflichtenden Verhaltenskodex für Kooperationspartner und sagt, chinesische Sozialstandards seien "fast eins zu eins eine Kopie" deutscher Regelungen. Außerdem würden seine Mitarbeiter in China darauf achten, nur mit fairen Arbeitgebern zusammenzuarbeiten.

Lesara lässt seine Produkte trotz der vielen Berichte über die schwierigen Bedingungen für Arbeiter in mehr als tausend chinesischen Fabriken herstellen. Denn das Land, immerhin weltgrößter Textilexporteur, garantiert niedrige Produktionskosten sowie überschaubare Umweltschutzauflagen. Dabei sind die Folgen dramatisch: Zwei Drittel der chinesischen Gewässer sind vergiftet, vor allem mit Chemikalien aus der Textilindustrie. Zugleich lechzt Europa nach billiger Massenware. 4,3 Millionen Tonnen Kleidung landen hier auf dem Müll - pro Jahr. Dass jedes Kilo Baumwolle bei der Herstellung 10.000 Liter Wasser verschlingt - egal.

Natürlich ist Lesara nicht allein verantwortlich für solche Missstände, und der Hunger der Massen nach Billigkleidung ist kein neues Phänomen. Doch das Start-up treibt diese Entwicklung auf die Spitze - angetrieben von einer weitverbreiteten Gleichgültigkeit beim Shoppen. Der Großteil der meist weiblichen Lesara-Kunden ist laut dem Start-up zwischen 25 und 65 Jahre alt, und eine kritischere Generation wächst nicht nach: 96 Prozent der Jugendlichen wissen laut einer repräsentativen Greenpeace-Studie von den unwürdigen Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie - aber nicht einmal jeder Achte hat demnach sein Kaufverhalten verändert“, schreibt der Spiegel.

Praktizierte Unfairness gegenüber Natur und Fachkräften. Jämmerliche Praxis. Es geht besser. Das zeigt die Trägerin des Deutschen Fairness Preises 2015 Sina Trinkwalder mit ihrer Firma manomama.

Hintergrund und Bonus-Material:

"Textilgeschäfte im Fairness-Check"

"Händler Lesara gruselt mit Billigstkleidung"

"Greenpeace über Wegwerfkleidung"

"Trinkwalders manomama und die faire Kleidung"

Kaufen & Haben
Blog-Artikel
   Gibt's das: Fairplay in der Fußball-Bundesliga?
   Was ist ein faires Gehalt? New Pay im Trend
   Rupert Lay im Hörbuch und als Podcast
   Fairness - damit die Seele wieder Tritt fasst
   Ernst gemeint oder Fake: Absage an Shareholder Value durch Konzernbosse
Blog-Kategorien
   Bildung
   Führung
   Gesellschaft
   Kaufen & Haben
   Korruption
   Medien
   Organisationen
   Politik
   Recht
   Sport
   Unternehmen
   Wissenschaft
Blog-Archiv
   November 2019
   Oktober 2019
   September 2019
   August 2019
   Juli 2019
   Juni 2019
   Mai 2019
   April 2019
   März 2019
   Februar 2019
   Januar 2019
   Dezember 2018
   November 2018
   Oktober 2018
   September 2018
   August 2018
   Juli 2018
   Juni 2018
   Mai 2018
   April 2018
   März 2018
   Februar 2018
   Januar 2018
   Dezember 2017
   November 2017
   Oktober 2017
   September 2017
   August 2017
   Juli 2017
   Juni 2017
   Mai 2017
   April 2017
   März 2017
   Februar 2017
   Januar 2017
   Dezember 2016
   November 2016
   Oktober 2016
   September 2016
   August 2016
   Juli 2016
   Juni 2016
   Mai 2016
   April 2016
   März 2016
   Februar 2016
   Januar 2016
   Dezember 2015
   November 2015
   Oktober 2015
   September 2015
   August 2015
   Juli 2015
   Juni 2015
   Mai 2015
   April 2015
   März 2015
   Februar 2015
   Januar 2015
   Dezember 2014
   November 2014
   Oktober 2014
   September 2014
   August 2014
   Juli 2014
   Juni 2014
   Mai 2014
   April 2014
   März 2014
   Januar 2014
   November 2013
   Oktober 2013
   September 2013
   August 2013
   Juli 2013
   Juni 2013
   Mai 2013
   April 2013
   März 2013
   Februar 2013
   Januar 2013
   Dezember 2012
   November 2012
   Oktober 2012
   September 2012
   August 2012
   Juli 2012
   Juni 2012
   Mai 2012
   April 2012
   März 2012
   Februar 2012
   Januar 2012
   Dezember 2011
   November 2011
   Oktober 2011
   September 2011
   August 2011
   Juli 2011
   Juni 2011
   Mai 2011
   April 2011
   Februar 2011
   Januar 2011
   Dezember 2010
   November 2010
   Oktober 2010
   September 2010
   August 2010
   Juli 2010
   Juni 2010
   Mai 2010
   April 2010
   März 2010
   Februar 2010
   Januar 2010
   Dezember 2009
   November 2009
   Oktober 2009
   August 2009
   Juli 2009
   Juni 2009
   Mai 2009
   März 2009
   Februar 2009
   Januar 2009
   Dezember 2008
   November 2008
   September 2008
   August 2008
   Juli 2008
   Juni 2008
   April 2008
   März 2008
   Januar 2008
   Dezember 2007
   November 2007
   Oktober 2007
   September 2007
   August 2007
   Juli 2007
   Juni 2007
   Mai 2007
   April 2007
   März 2007
   Februar 2007
   Januar 2007
  RSS-Feed abonnieren